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Leselupe.de > Kurzprosa
Der Mitteilungsbedürftige
Eingestellt am 28. 06. 2006 12:21


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Penelopeia
Autorenanwärter
Registriert: Nov 2002

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Ich sehe den Mann deutlich vor Augen: Unruhig geht er über einen belebten Platz. Schaut hierhin, dahin. Sucht nach Menschen, denen er seine Wahrheiten sagen kann. Vor allem nach bedeutenden, einflußreichen Menschen sucht er. Die sind, denkt er, die Wichtigen. Die könnten ihn am ehesten verstehen. Und allen anderen weitersagen, was er zu sagen hat...
Vor einer Menschengruppe, die sich um einen solch offensichtlich Einflußreichen gebildet hat, bleibt er stehen. Er hebt die Hand. Öffnet den Mund. Die Menschen schauen ihn fragend an. Will er etwas sagen? Der Mann beginnt zu sprechen. Die Worte quellen aus seinem Mund. Immer schneller, immer lauter. Er erklärt, warnt, weist auf etwas sehr Wichtiges hin. Die Menschen sehen auf den Bedeutenden. Der zuckt mit den Schultern, lächelt. Die Menschen zucken ebenfalls mit den Schultern, lächeln. Der Mann verfällt ins Schreien. Einer nach dem anderen wendet den Blick ab von ihm, vertieft sich wieder in die Worte des Bedeutenden; oder schwatzt zwischendurch mit seinem Nebenmann, oder läßt die Blicke schweifen, schaut dem bunten Treiben auf dem Markt zu, den Verkäufern, die ihre Waren anpreisen, den Straßenmusikanten, die ihre Teller immer aufdringlicher in die Wege Vorbeieilender schieben...


Ich bin mir nicht schlüssig, wo sich der belebte Platz befindet. In welcher Stadt, welchem Land. Ich kann nicht einmal genau sagen, welcher Zeit ich diesen Mann und sein Auftreten zuordnen soll. Ich weiß jedoch: der Mann hat ein großes Mitteilungsbedürfnis, ihn treibt es, seinen Mitmenschen Dinge zu sagen, die er für wichtig hält. Leider gelingt es ihm so gut wie nie, diese zum Zuhören zu bringen. Aus unerfindlichen Gründen läßt deren Interesse nach kurzer Zeit nach. Sie wenden sich ab von ihm, lassen ihn einfach unbeachtet stehen. Er versteht die Welt nicht. Will sie oder kann sie seine bedeutungsvollen Wahrheiten nicht hören?

Ich sehe: der Mann wird immer nervöser, hektischer. Schließlich läuft er nicht nur mehrmals am Tag über den belebten Platz, sondern sucht auch an den Kreuzungen wichtiger Straßen nach seinem Publikum. Aber er hat keinen Erfolg. Irgendwann kennen ihn die Menschen der Stadt. Sie weichen vor ihm aus, er gilt als – Narr. Als Idiot. Selbst der Versuch, einen einzelnen Menschen mit sanftem, offen-naivem Gesicht ins Gespräch zu ziehen, scheitert schließlich: Passanten, die Zeuge werden, stellen sich zwischen ihn und den Sanftmütigen, schauen drohend: schweig, verschwinde...
Der Mann beginnt zu verzweifeln.. Gram furcht sein Gesicht. Grau ascht sein Haar. Die Zunge drückt trocken wie ein Stück Hartholz gegen sein übervolles Hirn . Die Lippen brennen. Er möchte weinen, aber auch dieser Fluß ist erstarrt, zu Eis geworden. Trinken hilft nicht, ganz gleich, welcher Beschaffenheit die Getränke sind. Sein Durst ist der nach offenen Ohren. Der Mann wird krank...


Heißt die Stadt Berlin? Oder Leipzig, München, Finsterwalde, Klein-Bengersdorf? Oder Handelt es sich um Athen, Rom, Jerusalem? Ich weiß das nicht. Ich ahne aber: in der Stadt stehen Änderungen an. Vielleicht wird ein neues Bauwerk eingeweiht werden, das über die Stadt einen vollig neuen, ätzenden Odem haucht. Vielleicht gibts bald ein Erdbeben, einen Meteoriteneinschlag, einen allgemeinen Lebensverdruß...
Trägt der Mann Jeans, eine Tunika oder ein zerschlissenes, altes Priestergewand? Wie alt mag er sein? Dreißig, fünfzig, siebzig Jahre? An was erkrankt er? Bedeckt sich sein Körper mit schwärenden Wunden voller Eiter, fallen ihm die Haare und die Zähne aus, erblindet er? Oder zersetzt ihm der Zucker seiner Wut die Nieren, der Bluthochdruck seiner Einsamkeit die Herzkranzgefäße? Oder wird er einfach nur schwer depressiv und ein Säufer? Ich kann das nicht erkennen. Trotzdem sehe ich den Verzweifelnden deutlich vor Augen. Er ringt mit sich. Kämpft gegen die Idee, seine innere Stimme endgültig zum Schweigen zu bringen. Schließlich läßt er alles stehen und liegen und flüchtet.

Ich sehe, wie der Mann zu laufen beginnt. Immer schneller. Schließlich rennt er. Ganz plötzlich überkam es ihn: Weg! Fort von den Menschen. Er will nichts mehr mit ihnen zu tun haben. Er muß sich retten...
Er ist auf der Flucht ohne irgendwelche Vorräte an Wasser, Lebensmitteln. Ohne sich bei irgendwem abgemeldet zu haben. Ohne Ziel. Falls ihn doch jemand vermissen sollte: es ist ihm egal. Er will mit den Menschen nichts mehr zu tun haben. Nicht einmal mit seinen eigenen Verwandten, die ihn bis zuletzt, wenn auch kopfschüttelnd oder schmunzelnd, toleriert haben.


Immer wieder versuche ich, den Weg des Mannes deutlicher zu erkennen. Es will mir nicht gelingen. Die Bilder flirren. Flüchtet der Mann in ein Abbruchhaus irgendwo im Süden von Leipzig, ohne Strom, Wasser, Telefon? Läßt er sich in ein Heim für psychisch Behinderte einweisen? Nimmt er einen Job als Pfleger in einer Anstalt für hoffnungslose Fälle an? Tritt er der Fremdenlegion bei, unterschreibt er für fünf Jahre Bohrinsel, wandert er wochenlang durch die Negev-Wüste, oder setzt er sich einfach an die nächste Straßenecke, streckt die Hand aus und schweigt?

Ich sehe, wie der Mann langsamer wird, stehen bleibt. Er schaut sich um. Schaut über sich. Denkt nach. Öffnet den Mund, ein Wort entfährt ihm ums Haar, eine Wahrheit. Aber sein Mund schließt sich, er macht eine verächtliche Handbewegung. Schweigt. Schaut und schaut. Langsam beginnen seine Augen zu leuchten. Die Unruhe weicht von ihm wie ein böser Schatten. Er setzt sich. Lächelt. Er beginnt zu gesunden...

Ich weiß nicht, was dem Mann geschehen ist, was er geschaut hat. Hatte er eine Vision in seiner Bruchbude? Hat er wirksame Psychopharmaka bekommen? Veränderte ihn ein sternklarer Himmel über einsamer Wüste am vierzigsten Tag seines Fastens weitab von allen Menschen? Hat ihm jemand zugelächelt, gewinkt, ihm Hoffnungen auf etwas gemacht? Ich kann es nicht erkennen, die Umgebung des Mannes, dessen ganze Erscheinung die Wiederkehr von Ruhe und Frieden und Gesundheit zu künden scheinen, verschwimmt...

Ich sehe, wie der Mann sich erhebt. Ruhigen Schrittes nimmt er den Weg zurück in seine Stadt, in sein Dorf. Wenn er jetzt über den belebten Platz geht, lächelt er. Die meisten Menschen verhalten sich wie früher. Stehen in Gruppen um die Bedeutenden, Wichtigen, Einflußreichen. Aber manche – schauen ihm hinterher. Sie bemerken die Veränderung, die mit dem Mann geschehen ist. Fangen an zu grübeln. Einige wenige grüßen ihn. Ihnen kommt ein Gedanke.

Was für ein Gedanke das ist, weiß ich nicht.

Klar ist nur: Der Mann muß nichts mehr laut sagen, er muß nicht mehr schreien. Er muß keinen bedeutenden Mitbürger mehr um Gehör für seine Wahrheiten ersuchen, er muß niemanden mehr am Ärmel zupfen, er muß vor keinem Einflußreichen mehr auf die Knie fallen, katzbuckeln, kriechen.
Was er weiß, sehen ihm einige wenige an. Das reicht dem Mann. Er ist zufrieden. Er ist mit der Welt eins. Wenn das neue Bauwerk eingeweiht sein wird und die Stadt an seinem giftigen Odem zu sterben beginnt, oder wenn das Erdbeben kommt, oder der Meteorit einschlägt, oder wenn auf alle bleierne Traurigkeit fällt, wird er nicht mehr leben. Aber man wird sich an ihn zu erinnern beginnen.

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