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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Der Mond der Norne Urd
Eingestellt am 01. 09. 2008 16:36


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Hedwig Storch
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2005

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Auf Margaret Elphinstone passt der Satz: Immer wieder kommen uns beachtliche Erzähler unter die Leselupe. Diese Behauptung, leichthin notiert, muß nun mit der Kurzbesprechung des Romans „Der Weg nach Vinland“ untermauert werden. Sie bemerken, in diesem Monat geht es wieder um die ewige Frage: Wie ist bedeutendere Prosa zu machen?
Island, 11. Jahrhundert. Die Wikinger – Nordmänner werden sie in diesem Buch genannt – sind von Skandinavien aus unerschrocken über die offene See westwärts gesegelt und haben die Insel besiedelt. Dem nicht genug. Weiter geht die Fahrt an die Westküste Grönlands, an das Grüne Land, wie die Besiedler die Ufer der Fjorde am Rande der bedrohlichen Gletscherzungen des Inlandeises nennen. Weder Brot noch Wein gibt es auf Grönland, sondern nur Milchprodukte und allerhand traniges Fleisch. Deswegen: weiter, weiter, auf nach Vinland! Das ist nach unserer heutigen Übereinkunft Neufundland.
Und während der nächsten Abenteuerfahrt passiert es. Sturm wirft die Seefahrer an die spätherbstliche grönländische Küste zurück. Gudrid muß mit ihrem Ehemann und der Schiffsbesatzung auf einem Bauernhof überwintern. Gudrids Mann erkrankt und stirbt in jener Nacht, in der auch die gastfreundliche Hauswirtin das Zeitliche segnet.
Die Autorin gibt sich alle Mühe, die Geschehnisse als Tatsachen zu präsentieren: Gudrid erzählt ihre Geschichte im Alter einem isländischen Mönch. Also, eine Ich-Erzählerin spricht einen schweigsam schreibenden Mönch mit Du an. Doch – in der Quelle kursiv hervorgehoben – sind, sparsam, aber immer wieder einmal Passagen eingelegt, in der Gudrid das Wort entzogen worden ist. Kursiv wird z.B über Gudrid erzählt: Die o.g. beiden Toten stehen auf in der Passage, die ich meine. Bei Vollmond geschieht das. Gruselig. Dem empfindsamen Leser läuft die Gänsehaut in den Nacken.
Das Buch kann auch gelesen werden als Auseinandersetzung zwischen Heiden und Christen. Die Christin Gudrid, als Kind von einem Missionar getauft, sieht sich im tiefsten Winter eingeschneit in jener Vollmondnacht einer der Nornen gegenüber. Mal simplifiziert, eine Norne ist bei den Germanen so etwas wie eine Parze bei den Römern: Sie spinnt am Schicksalsfaden des Menschen. Eine dieser Schicksalsfrauen ist Urd – das Gewordene. Gut. Wir müssen aber eigentlich gar nichts von der Überwelt der Germanen wissen. Uns gruselt auch so (Seite 185, 5. Zeile v.o.).
Der darauf folgende Rückfall in den stocknüchternen Report geht in Ordnung. Aber Margaret Elphinstone hält die bis dato so bewunderte strenge Form über den ganzen Text hinweg nicht durch! Da wird bald – wie ein Echo – der Kampf Gudrids gegen die mächtige Norne Urd repetiert. Aber in der falschen Passage – nicht in der rekursiv gesetzten. Ich breche jetzt meine Meckerei einfach ab.

Wenn ich diese kleine Rezension ĂĽberdenke, so ist mir der angestrebte Beweis meiner Behauptung eingangs missglĂĽckt. Warum? Vielleicht, weil ich ĂĽberm Lesen immer lausche, immer etwas erwarte und dann trifft es nicht ein.
An den Strauß aus Vorschußlorbeeren möchte ich mich trotzdem klammern. Hören Sie einfach nicht auf mich und lesen Sie bitte dieses bemerkenswerte Buch.

Die schottische Schriftstellerin Margaret Elphinstone wurde 1948 in der Grafschaft Kent geboren, ist Mutter von zwei Kindern und lehrt in Glasgow Englische Literatur.

Quelle:
Margaret Elphinstone: Der Weg nach Vinland. Roman.
List Verlag, November 2003. 335 Seiten , ISBN 3-548-60389-0
Original:
“The Sea Road“, erschienen anno 2000 bei Canongate Books Edinburgh. Die Ăśbersetzung ins Deutsche besorgte Marion Balkenhol.

Hedwig Storch 9/2008

__________________
Hedwig

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