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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Morgen am See
Eingestellt am 12. 03. 2014 22:23


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SiggiH
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Mar 2013

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Der Morgen am See

Ich liebe diese ersten unschuldigen Minuten eines neuen Tages.
Die Sonnenstrahlen werden von schweren Tautropfen, die an Blättern und Gräsern langsam der Schwerkraft erliegen, tausendfach reflektiert. Und auch der kleine See glitzert und funkelt, als ob er mit Edelsteinen angefüllt wäre. Um mich herum erwacht der Tag zum Leben. Vögel begrüßen diesen freundlichen Herbstmorgen mit selbst komponierten fröhlichen Liedern. Zwei Rehe treten zaghaft aus dem Unterholz hervor. Ich denke sie spüren, dass sie beobachtet werden, aber trotzdem wagen sie sich an den See, wo sie dann ihren Durst stillen.
Ich fühle mich wie ein ungeladener Gast – ein Eindringling in diese Idylle. Dabei bin ich in meinem Versteck völlig unsichtbar – ein Hügel direkt am See, begrünt mit dichten Hecken und Sträuchern.
Lautlos beobachte ich die graziösen Tiere dabei, wie sie abwechselnd trinken und wachen. Wenn ihr Kopf nach oben geht bewegen sich ihre Ohren wie kleine Radarempfänger. Die zwei sind ein eingespieltes Team.

Das erinnert mich an meine Frau. Wir sind auch ein tolles Team. Die Hochzeit war das Ereignis mit Allem was dazu gehört. Die Trauung fand natürlich am Strand statt. Wie eine griechische Göttin sah sie aus in ihrem schlichten weißen Kleid. Überall weiße Blüten, und nach dem Ja-Wort hundert weiße Tauben. Ich platzte beinahe, als sich dieses triumphale Gefühl in mir breit machte: Sie war mein! Nichts und niemand würde sie mir jemals nehmen können! Gemeinsam schnitten wir die dreistöckige Torte an – mit meiner Führung kein Problem. Und dann der Hochzeitswalzer. Spätestens da war wohl auch dem letzten Skeptiker klar, dass Maria und mich nur noch der Tod trennen könnte. Ja, sie ist wirklich mein größter Schatz.

Die Hütte am See erwacht zu Leben: Fenster werden geöffnet, um den frischen Tag herein zu lassen. Flink ergreifen die Rehe die Flucht.
Mir bleiben jetzt noch acht Minuten. Gleich werde ich das Geräusch der Kaffeemaschine hören – ja, da ist es: Bohnen werden auf Knopfdruck frisch gemahlen und mit heißem Wasser zu dem belebendem Getränk zubereitet. Es gibt Menschen, die behaupten, ohne Kaffee nicht leben zu können. Zu ihnen gehört auch meine Frau. Selbst während ihrer Schwangerschaft wollte sie nicht damit aufhören.
„Bella-mia, du schadest unserem Sohn!“ hab ich versucht ihr klar zu machen. Die einzige Erwiderung von ihr war, dass es auch ein Mädchen werden könne. Normalerweise hätte ich diese respektlose Antwort nicht toleriert, aber ich bin kein Mann, der eine schwangere Frau schlägt. Ich fand andere Mittel und Wege, sie zur Vernunft zu bringen.
Es war das Schönste was ich je erleben durfte, meinen Sohn in ihrem Bauch heran wachsen zu sehen. Natürlich war es ein Junge! Bei der Geburt schnitt ich die Nabelschnur durch, was das symbolische Zeichen dafür war, dass seine Mutter von nun an nicht mehr das Wichtigste in seinem Leben war. Endlich war er auch für mich reell und greifbar. Vaterstolz erfüllte mein ganzes Wesen. Übrigens war auch „Papa“ sein erstes Wort, und die ersten wackligen Schritte führten ihn in meine Arme.

Aber ich vergesse die Zeit. Meine Verabredung wartet auf mich. Nun das mit der Verabredung ist eher sarkastisch gemeint. Eigentlich ist es eher ein Überraschungsbesuch. Ich gehe den Hügel hinunter, trete aus dem Dickicht und spaziere gelassen bis zur Mitte des Stegs - schon öffnet sich die Tür.
„Was willst du hier?“
Braune Augen blicken mich irritiert, erschrocken aber auch wütend an.
„Du weißt, was ich will, Bella-mia.“
„Ich bin nicht mehr deine Bella-mia! Hast du den Brief meines Anwalts nicht gelesen? Du Hast mich neun Monate im eigenen Haus wie eine Gefangene eingesperrt! Ich lasse mich scheiden!“
Vögel fliegen erschrocken in alle Himmelsrichtungen davon, als ein Schuss die Stille zerreißt.
„Bis dass der Tod uns scheidet – und nur der, Bella-Mia.“ Platschend landet der nun seelenlose Körper meiner Frau im kühlen Nass. Lächelnd laufe ich auf meinen Sohn zu, der nun endlich wieder wohl behütet bei seinem Vater leben kann.
Schlechte Erinnerungen müssen getilgt werden, damit nur die guten erhalten bleiben.

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