Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5510
Themen:   94063
Momentan online:
239 Gäste und 6 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > ErzÀhlungen
Der Nachbar
Eingestellt am 02. 07. 2016 09:02


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
LUPESIWA
Festzeitungsschreiber
Registriert: Aug 2015

Werke: 65
Kommentare: 105
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um LUPESIWA eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Der Nachbar

Maria genießt das FrĂŒhstĂŒckchen in ihrer gemĂŒtlichen KĂŒche. Erste Sonnenstrahlen tanzen auf ihrem Teller herum und wieder mal drehen sich die Gedanken um ihren Nachbarn Peter.
Mit einem LĂ€cheln erinnert sie sich daran, dass er der erste Dorfbewohner war, mit dem sie ein persönliches Wort gewechselt hatte, als sie sich vor ĂŒber 20 Jahren in dem kleinen hessischen Ort niederließ.

Der Einzug in das SiedlungshĂ€uschen, sie hatte es von ihrer Oma geerbt, war fast geschafft und sie holte die bestellten Brote fĂŒr ihre Helfer in der DorfbĂ€ckerei ab.
Mit einer Hand balancierte sie das Blech, versuchte mit der anderen Hand die Kofferklappe zu öffnen und in Zeitlupe drohte die Ladung zu kippen. Zwei Arme griffen an ihre vorbei und brachten alles wieder in Waage.
Erstaunt drehte sie sich in der unfreiwilligen Umarmung und bedankte sich. „Es sei ja noch mal gut gegangen“, meinte der Retter lachend und der Schalk in seinen blauen Augen machte ihn sehr sympathisch. Er stellte sich als direkter Nachbar vor und wĂŒnschte ihr alles Gute im neuen Zuhause.


Die GerÀusche quietschender Reifen, lauten Schepperns und Kratzens von Metall auf Pflastersteinen dringen schmerzhaft in ihre Ohren und sie schnellt vom Stuhl hoch.
FĂŒr Sekunden ist es totenstill. Dann zerreißt ein gellender Schrei die Idylle. Entsetzt starrt sie aus dem Fenster, sieht ein demoliertes Fahrrad auf der Fahrbahn liegen und wenige Meter weiter liegt ein MĂ€dchen aus der Nachbarschaft; bewegungslos.
Maria rennt aus dem Haus und gerĂ€t in den Pulk aufgeregter Menschen, die von allen Seiten heraneilen. Am Kopf des verunglĂŒckten MĂ€dchens kniet laut weinend die Mutter.
Aus der Ferne klingt das Martinshorn. Das Kind bewegt sich langsam wieder und die Nachbarn diskutieren darĂŒber, wie es wohl zu dem Unfall kommen konnte. Die Fahrerin des Unfallwagens, eine Frau aus dem nĂ€chsten Dorf, steht völlig unter Schock und sackt an ihrem Auto, das an der leichten Rechtskurve zum Stehen kam, zusammen.
Plötzlich verstummen alle GesprĂ€che und die Dorfbewohner schauen wie hypnotisiert auf Peter, der sich durch die Reihen gedrĂ€ngt hatte und laut aufschreiend ĂŒber dem MĂ€dchen zusammenbricht. Er drĂŒckt seinen Kopf auf ihre Beine, umklammert mit beiden Armen ihren kleinen Körper und heult; aus tiefstem Inneren heraus.
Die eintreffende NotĂ€rztin und die SanitĂ€ter haben MĂŒhe, ihn von der Gestalt zu lösen.
Das MĂ€dchen ist ansprechbar. Im Krankenwagen wird es grĂŒndlich untersucht und ins nĂ€chste Krankenhaus abtransportiert. Peter und die Fahrerin des Autos werden auch medizinisch versorgt.
Langsam kehrt wieder Ruhe ein und die meisten anwesenden Dorfbewohner können sich Peters Verhalten gut erklÀren:
Fast auf den Tag, zwei jahre zurĂŒckliegend, war Peters Frau Marlene genau in der Kurve von einem viel zu schnell fahrenden PKW erfasst worden und verstarb noch am Unfallort an ihren Verletzungen.
Bleierne MĂŒdigkeit, die man eigentlich nur an dunklen, kurzen Tagen kennt, hĂ€ngt ĂŒber den DĂ€chern. Hier und da stehen GrĂŒppchen Leute, unterhalten sich gedĂ€mpft ĂŒber das eben Geschehene und wahrscheinlich auch darĂŒber, was vor zwei Jahren passiert war.
Maria verschwindet sehr betroffen in ihrem Haus. Ihr ist nicht nach Reden zumute, obwohl sie den engsten Kontakt zu Peter und Marlene hatte. Tatenlos sitzt sie am nicht abgerĂ€umten FrĂŒhstĂŒckstisch und Erinnerungen der letzten Jahre geistern durch ihren Kopf.

Am tiefsten hatte sich Marlenes Beerdigung eingegraben. Das ganze Dorf war dabei gewesen, um Beileid zu bekunden.
Nach der Tragödie war Marlenes Mann wie ein Roboter durch die Gegend gelaufen und hatte alle notwendigen Angelegenheiten rein mechanisch mit versteinerter Miene erledigt. Und genauso hat er am Grab gestanden. Unendlich traurig hatte Maria ihn angeschaut, als der Sarg hinab gelassen worden war. Plötzlich hatte sich eine TrĂ€ne aus seinem Auge gequetscht, war ĂŒber die Wange gerollt und wie ein EiskĂŒgelchen am NasenflĂŒgel liegen geblieben.
Ein Sonnenstrahl hatte sich darin verfangen und es in eine glitzernde Perle verwandelt.
Sie hatte sich nicht abwenden können, außer ihr hatte es wohl niemand bemerkt. Er hatte den Blick gespĂŒrt und sich kurz geschĂŒttelt. Manchmal trĂ€umte sie heute noch davon und fragte sich am nĂ€chsten Morgen, ob es vielleicht Einbildung gewesen war.


Die DĂ€mmerung bricht schon herein und durch ein leises Klopfen an der TĂŒr schreckt Maria hoch. Sehr blass steht Peter mitten im Raum. TagsĂŒber schließt niemand die HaustĂŒr ab.
Schweigend schauen sie sich eine Weile an, dann legt er seinen SchlĂŒssel auf den Tisch.
„WĂŒrdest du ab und zu mal nach dem Rechten schauen, ich muss ein paar Tage weg hier“,sagt er mit leiser Stimme, dreht sich um und geht zur TĂŒr.
Maria versuchte in seinem Blick zu lesen; vergebens.
„Alles in Ordnung mit dir?“, ruft sie zaghaft hinter ihm her. „Geht so, ich war bei der Kleinen, sie hat GlĂŒck gehabt; und Danke“.
Ziemlich verwirrt bleibt Maria zurĂŒck und denkt ĂŒber den seltsamen Besuch nach. Irgendetwas hatte sich verĂ€ndert bei Peter und sie hofft, zum Positiven.
Sie bereitet sich ein kleines Abendbrot und ihre Gedanken schweifen in unendlichen Kreisen wieder zurĂŒck in die Vergangenheit.

Damals, ein halbes Jahr nach ihrem Umzug, war Wolfgang nachgekommen. Sie waren fĂŒnf Jahre vorher zusammen gewesen. Er wollte niemals mit aufs Land ziehen. Heute denkt sie manchmal darĂŒber nach, wie ihr Leben verlaufen wĂ€re, wenn er den Schritt nicht getan hĂ€tte.
Die MĂ€nner verstanden sich gut und spontan hockte man oft zusammen, Grillabende, AusflĂŒge und so weiter.
Bei Marlene und Peter war Nachwuchs in Sicht. Maria freute sich sehr mit ihnen und ihr eigener Wunsch nach Kindern kam mit aller Macht wieder hoch. Wolfgang vertröstete sie von Jahr zu Jahr und vor fĂŒnf Jahren eröffnete er ihr, dass er sich scheiden lassen wolle und eine andere Frau liebt. Sie war um etliches jĂŒnger und erwartete sein Kind.
Ihre heile Welt brach zusammen, obwohl sie es hĂ€tte ahnen mĂŒssen. Die Ehe blubberte schon lange wie ein mĂŒder Bach dahin. Dabei wollte sie doch nur zufrieden leben, etwas glĂŒcklich sein. Sie sah es jeden Tag, dass es auch ohne Kinder möglich war.
Marlene hatte eine Fehlgeburt gehabt und konnte nicht mehr schwanger werden. Ihr GlĂŒck zerbrach nicht daran, im Gegenteil, die Beiden rĂŒckten noch enger zusammen und schafften es, diesen unglaublichen Schlag zu bewĂ€ltigen.
Jede freie Minute verbrachten sie gemeinsam und jeden Samstag, bis in den goldenen Herbst hinein, sah man sie mit einem Picknickkorb an den See wandern, der sehr romantisch und versteckt hinter der Ortsgrenze auf einer Waldlichtung lag.
Maria kannte keinen Neid, aber immer wenn sie daran dachte, kam eine traurige Sehnsucht in ihr hoch.


Das Dorfleben hatte sich wieder normalisiert. Das NachbarmĂ€dchen war mit Prellungen und SchĂŒrfwunden davon gekommen. Sie hatte wohl die Hauptschuld, ist, ohne zu schauen, ĂŒber die Strasse gefahren und mit dem Auto kollidiert.
Schuld hin, Schuld her, den Schaden hat man trotzdem, von den seelischen Folgen ganz zu schweigen. Die Fahrerin hat sich immer noch nicht erholt, denkt Maria und schaut erschrocken auf die Uhr.
Eilig verlĂ€sst sie das Gemeindeamt. Sie arbeitet da als Bibliothekarin, eigentlich als MĂ€dchen fĂŒr alles, und gerade freitags bekommt sie nie pĂŒnktlich Feierabend. Das Einkaufen muss sie wieder einmal auf den Samstag verlegen, aber bei ihren Nachbarn Peter wird sie jetzt noch reinschauen.

Etwas verloren und mit einem eigenartigen GefĂŒhl, wie die Tage vorher auch, steht sie in der fremden und doch so vertrauten KĂŒche. Die Pflanzen sind schnell versorgt.
Wo könnte er wohl gerade sein, und wie wird es ihm wohl gehen, grĂŒbelt sie. Dabei schweift ihr Blick durch den gemĂŒtlichen Raum und bleibt an Marlenes Bild hĂ€ngen.
Marias Augen werden feucht und erst heute bemerkt sie, dass der Trauerflor entfernt wurde.
Seltsame Gedanken berĂŒhren sie und lassen sie die Zeit vergessen. Nicht einmal den vorfahrenden Wagen hört sie.
Erst beim Klacken der TĂŒr schreckt sie hoch und die Röte schießt ihr ins Gesicht, als plötzlich Peter vor ihr steht. Sie fĂŒhlt sich wie ein ertapptes SchulmĂ€dchen und bringt kein Wort heraus. Peter registriert es mit einem Schmunzeln.
„Vielleicht unternehmen wir mal was, irgendetwas, außer Picknick“, sagt er mit ernster Stimme, schiebt den Henkelkorb in die Ecke und schaut Maria lange in die Augen.


__________________
Die TrÀume sind frei

Version vom 02. 07. 2016 09:02

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


4 ausgeblendete Kommentare sind nur fĂŒr Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
ZurĂŒck zu:  ErzĂ€hlungen Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.



Werbung