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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Nachhauseweg
Eingestellt am 10. 01. 2004 22:05


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Branton
Festzeitungsschreiber
Registriert: Nov 2003

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Markus betritt die S-Bahn.
Es ist 17.15 Uhr. Feierabend.
Die erste Station muss er noch stehen, er wartet ab.
Die alte Dame steigt aus, er wartet ab, wĂ€hrend sie sich vorsichtig tastend zur TĂŒr bewegt.
Die TĂŒr schließt und Markus setzt sich hin.
Er schließt kurz die Augen und sucht Entspannung, fĂŒr einen kurzen Augenblick nimmt er das Gemurmel um ihn herum nur noch schwach wahr, wie aus weiter Entfernung.
„Endlich Feierabend und gleich zuhause.“ Macht er sich mit Vorfreude bewusst.
Die S-Bahn hĂ€lt wieder, die TĂŒren öffnen sich.
Zuerst sieht er die Hundeschnauze, dann den Rest des massigen stÀmmigen Körpers.
Begleitet wird das traurig aufschauende Tier von einem Paar.
Der Hund berĂŒhrt Markus auf eine seltsame sentimentale Weise.
Hunde haben sowieso eine ganz eigene Wirkung auf Markus mit ihren großen dunklen treuen Augen.
Der Hund trottet weiter und steuert den gegenĂŒberliegenden Sitz an.
Nun fÀllt sein Blick auf das dazugehörende Paar.
Er, um die zwanzig, trÀgt ein kurzÀrmeliges Shirt, was seinen durchtrainierten Körper betont.
Das Shirt steckt in einer hellen Jeans, sein Haar ist kurzgeschnitten und er schaut etwas dĂŒmmlich, wirkt aber dabei symphatisch.
„Auf eine sympathische Art und Weise dumm.“ denkt Markus und grinst vor sich hin.
Sie hat eine sehr aggressive Ausstrahlung, ihre GesichtszĂŒge sind wie versteinert, die Lippen sind aufeinander gepresst.
Das Haar ist grell rot gefĂ€rbt und filzig. Ihr Gesicht könnte wohl hĂŒbsch sein, ohne diese harten GesichtszĂŒge, auf dem Kopf trĂ€gt sie eine Kappe, farblich passend zu ihrer rot-schwarzen Trainingshose.
„Schick, schick.“ kommt es Markus in den Sinn.
Die Drei haben mittlerweile seine ungeteilte Aufmerksamkeit.
Nach kurzer Zeit beginnen sie dann auch zu reden.
Die RotgefĂ€rbte brĂŒllt: „Scheiß Hundevieh, dreckiger Sauköter, gleich zieh ich Dir ein paar drĂŒber!“
Der Hund hatte sich erdreistet zu nah an sie zu rĂŒcken.
Verlegen versucht der liebenswert aussehende zu beschwichtigen: „Ach lass ihn doch. Setz dich doch einfach auf die andere Seite neben mich.“
„Du hĂ€ltst die Fresse, Arschloch. Kriegst eh nichts auf die Reihe. Haste ĂŒberhaupt schon eingekauft?“
„Nein, wann denn?“ Versucht der Nette zu erklĂ€ren.
„Das war ja klar, das war mir ja wieder so klar. Mann Alter, soll ich hungern, ja? Will`ste das, ja? Soll ich wieder Tortellini fressen, zum fĂŒnften mal die Woche?“
Die Rote hat mittlerweile ein richtig glĂŒhendes Gesicht, fast macht es sie hĂŒbsch, wenn sie den Mund halten wĂŒrde.
Markus ist genervt, er wirft einen Blick zu dem Hund rĂŒber, der guckt stur geradeaus.
„Einfach nicht beachten!“ bemĂŒht er sich den Hund mit seinen Gedanken aufzuheitern.
Die Rothaarige wettert weiter, Markus hatte es geschafft ihr einen Moment nicht zuhören zu mĂŒssen: „Meine Schwester, die alte Schlampe wirft bald schon wieder, dann kann ich mich erst mal wieder um ihre missratenen Gören kĂŒmmern, das kann ja heiter werden. Mistgören!“
„Ja, das glaub ich auch,“ denkt Markus, „arme Kinder!“
„Aber Du, du hast ja nur diesen Drecksköter im Kopf, den mĂŒsste man mal richtig verprĂŒgeln.
Haste Dir eigentlich ĂŒberlegt, wovon wir diesen Monat noch leben wollen?“
Markus ist selbst mittlerweile aggressiv, er könnte in das Polster des Sitzes beißen, aber er denkt nur: „Was es alles gibt ... .“
Am meisten stört ihn das die Zerzauste nicht merkt, das es niemanden interessiert, was sie zu sagen hat und ihm nach einem langen Tag ihr GeschwÀtz aufzwingt, ob er zuhören will oder nicht.
Aber wegsetzen möchte er sich auch nicht, dafĂŒr ist er schon zu interessiert genug.
Der Ruhige sagt jetzt: „Der KĂŒhlschrank ist doch noch voll. Es ist sogar noch Toastbrot da.“
„Na klasse, dann ist doch jetzt wieder alles in Ordnung.“ findet Markus in seiner Rolle als Betrachter.
Die Aggressive blökt: „Ja, das alte knochenharte Toastbrot soll ich fressen, Du scheiß Versager. Weißte was, ich esse gar nichts, das hast Du nun davon, ich esse jetzt ĂŒberhaupt nichts mehr und irgendwann bin ich tot und Du bist schuld, Depp!“
Und nun rastet der Passive aus.
„Endlich.“ Geht es Markus durch den Kopf wĂ€hrend er gespannt lauscht.
„Jetzt hör endlich auf zu schreien. Ich habe es satt von dir, wie ein stĂŒck Scheiße behandelt zu werden, ich hasse es. Was ist Dein Problem?“
Markus ist begeistert. Dann lÀsst die Begeisterung nach und EnttÀuschung macht sich in Markus breit, denn der Nette gibt nach.
„Warum sagst du jetzt nichts? Rede doch mit mir. Bist du sauer auf mich. Warum bist du denn so bösartig? Was ist denn los?“
Und dann sagt sie mit großer Erschöpfung und endloser Traurigkeit, mit einem faszinierendem Unterton in der Stimme, fast lieblich: „Ich habe Hunger.“
Dabei wirkt sie so hilflos und schutzbedĂŒrftig, wie ein kleines MĂ€dchen.
Markus schmilzt dahin. Er weiß nun nicht, ob er sie jetzt immer noch richtig abstoßend finden kann und VerstĂ€ndnis beginnt in ihm aufzukeimen, sie zieht ihn sogar an.
Bei den beiden ist es nun sehr still geworden, noch ein angenehmer Nebeneffekt.
Doch dann bewegt sich die Spitze ihres abgelatschten Turnschuhs auf die Seite des Hundes zu und tritt ihn.
„Aufstehen, du scheiß Köter, wir mĂŒssen gleich raus!“
Markus ĂŒberlegt sich das dann noch mal mit seiner Sympathie.
„O.K, O.K., ich nehm` dann den Dreckshund erst mal mit nach Hause und du kommst dann nach. Ausnahmsweise.“
Der Hund schaut Markus an, der kann dem Blick dieser traurigen tiefen Augen nicht ausweichen.
So sitzen sie sich gegenĂŒber und schauen einander an, er fĂŒhlt sich dabei wie ein VerbĂŒndeter des Hundes.
Er fĂŒhlt sich, als könne er den Hund verstehen, in diesem Moment glaubt er kein anderer könne jemals so intensiv seine GefĂŒhle wahrnehmen und ihm nahe sein.
Seltsamerweise lÀchelt er den Hund an, als wÀre er ein Mensch.
Ein seltsamer Ausdruck lĂ€sst sich plötzlich in den Augen des Hundes erkennen, dann öffnen sich die TĂŒren, die drei verlassen die S-Bahn, der Hund dreht sich noch einmal kurz um und folgt dann der Frau.
Markus weiß nun mit absoluter Sicherheit , was der Hund mit ihr anstellen wird wenn er erst mit ihr alleine ist.
Und Markus glaubt die Vorfreude des Hundes auf das bevorstehende Ereignis zu spĂŒren, obwohl sich die S-Bahn lĂ€ngst wieder in Gang gesetzt hat und der Hund und seine GefĂ€hrtin außer Sichtweite sind.
Jetzt lehnt er sich zurĂŒck, es ist eine wundervolle Ruhe eingekehrt.
Ein LĂ€cheln liegt auf seinen Lippen und er freut sich auf sein Zuhause.


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Enza ost
Guest
Registriert: Not Yet

Eine Geschichte, die gut geschrieben, mich doch verstört. Ich liebe Hunde und dieser tut mir unsagbar leid...
Ich bin froh, nicht U-Bahn fahren zu mĂŒssen und solchen Betrachtungen ausgesetzt zu sein...Aber es ist Dir gelungen, mich mitzunehmen in den Untergrund...

Lieber Gruß von Enza ost

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