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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Nachtdienst
Eingestellt am 08. 09. 2007 20:45


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animus
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Der Nachtdienst
Kurzgeschichte zum Thema Angst



F├╝nf Kunden haben mich aus dem Aufenthaltsraum geklingelt. Wie oft stellte ich mir die Frage, warum sich die Menschen mit dem Notwendigen nicht am Tag versorgen, anstatt in der Nacht loszugehen, um gew├Âhnliche Pillen zu holen. Es kommt schon vor, dass ich nachts mit einem oder anderem ins Gespr├Ąch komme. Diese n├Ąchtlichen Unterhaltungen haben mich zu der ├ťberzeugung gebracht, dass es nicht die Dringlichkeit des Medikaments, sondern der ersehnte Wunsch jemanden zu sehen ist, was manche Menschen in die Nachtstra├čen treibt. Ein paar Worte austauschen in der Einsamkeit der Dunkelheit und vor allem einer langen Nacht, wenn man nicht schlafen kann.

Gegen vier Uhr klingelte es zum letzten Mal. Wie gew├Âhnlich stellte ich mich vor das kleine Fenste und sah eine junge Frau, die weit weg von der T├╝r stand. Sie trug trotz der schw├╝len Luft, die sich jetzt noch in , den fr├╝hen Morgenstunden in den Stra├čen staute, einen langen Mantel, die nackten F├╝├če steckten in wei├čen ausgetretenen Sportschuhen, ihre Schn├╝rsenkel waren ungebunden und lagen wie schwarze Blutsauger auf den Steinen. Ich fragte mich, ob sie ├╝berhaupt unter dem Mantel was tr├Ągt, denn auch am Halsansatz konnte ich kein Kleidungsst├╝ck entdecken. Ihr schulterlanges Haar war grau, glatt und fettig.

Sie sah sehr ungepflegt aus, und trotzdem konnte ich sie nicht als eine Rumtreiberin bezeichnen. Diese junge Frau steckte anscheinend in gro├čen Schwierigkeiten und es w├Ąre falsch, sie einfach aufgrund ihres Aussehens stehen zu lassen.

Wir standen uns gegen├╝ber, in von ihr gew├Ąhltem Abstand und beobachteten uns gegenseitig. Ihr Mund bewegte sich, aber ich verstand kein Wort und so steckte ich meinen Kopf in das kleine Fenster. Im Gegenzug machte sie einen Schritt zur├╝ck, um die alte Distanz zwischen uns zu erhalten. Ihre schmale Lippen bewegten sich immer noch und sie blickte sich mehrmals um, als wenn sie Angst h├Ątte, beobachtet oder verfolgt zu werden. Es war ihr anzusehen, dass sie nicht gewillt war n├Ąher zu kommen oder lauter zu sprechen. Ich war mir nicht sicher, ob sie nicht einfach ein Selbstgespr├Ąch f├╝hrte, oder ob sie doch etwas Konkretes von mir wollte.
„Guten Morgen, was w├╝nschen Sie, bitte?“, sprach ich sie an und bat, sie m├Âge mir das Rezept reichen. Ihr Selbstgespr├Ąch verstummte, ohne dass ich ein Wort davon verstanden h├Ątte. Ihre Augen sahen mich verst├Ąndnislos und ├Ąngstlich an und trotzdem hatte sie es nicht vers├Ąumt, mit einem Rundumblick zu ├╝berpr├╝fen, ob alles in ihrer N├Ąhe in Ordnung sei. Es sah so aus, als wenn sie sich selbst die Frage stellt,
„soll ich, soll ich nicht?“, murmelte sie bevor sie in ihre Tasche griff und ein zerkn├╝lltes St├╝ck Papier rausholte. Sie stand da und starrte auf das, was sie in ihren Fingern hielt. Es war ihr anzusehen, dass sie einen inneren Kampf mit sich f├╝hrte. Die Aufgabe, es mir zu ├╝berreichen, ohne mir n├Ąher zu kommen, schien ihr unm├Âglich zu sein, aber unvermeidlich.

Die Situation beunruhigte mich und ich war geneigt, das Fenster wieder zuzumachen und sie doch alleine da stehen zu lassen. Ob das, was sie in der Hand hielt, auch wirklich ein Rezept sei, konnte ich nicht erkennen. „W├╝rden Sie mir bitte das Rezept reichen“, bat ich sie erneut, mit dem Gedanken, wenn sie es nicht tut, das Fenster wieder zu schlie├čen und mich nicht mehr um sie zu k├╝mmern. Offensichtlich qu├Ąlte sie sich innerlich, streckte dann doch ihren Arm aus und merkte, dass es nicht reichte, um mir das Papier zu geben. Der Kampf mit sich selbst fing von neuem an. Sie musste noch zwei Schritte tun, um es zu beenden. In ihrem Blick war alles, was ich in meinem Leben nichterleben m├Âchte. Angst, Verzweiflung und Trauer sah ich in ihren Augen, den Augen, die von einem Punkt zum anderen sprangen, als wenn sie nach einem Rat, nach einer helfenden Hand suchen w├╝rden, um die hohe H├╝rde – die zwei Schritte -, ├╝berwinden zu k├Ânnen.

Paar Stra├čenz├╝ge weiter heulte das Martinshorn auf. Einmal, zweimal hat sich das durchdringende Heulsignal durch die Nacht gebohrt, bis es auf einmal verstummte. Dieser eindringliche Ton muss sie aus ihrem inneren Kampf gerissen haben. Bevor das Geheul unterging, bewegte sich die junge Frau. Sie schritt nach vorn und legte das Papier auf die kleine Ablage der Fensterluke. So schnell, wie sie nach vorn trat, so schnell machte sie wieder die zwei Schritte zur├╝ck und blieb da stehen, wie vorhin. Ich faltete das St├╝ck Papier auseinander. Es war ein Rezept. Gestern ausgestellt. Starke Antidepressiva wurden ihr verschrieben.

Ohne den Kopf gehoben zu haben, schaute ich sie wieder an und merkte, dass ihr Blick starr an mir vorbei in den hinteren Bereich der Apotheke ging. Aus Vorsicht drehte ich mich um, aber da war nichts Au├čergew├Âhnliches zu sehen.
„Warten Sie bitte einen Moment“, sagte ich zu ihr und verschwand in dem hinteren Bereich des Raumes. Ich nahm das Medikament aus einer der vielen Schubladen, erledigte die Formalit├Ąten und kehrte zu ihr zur├╝ck.
„Ich schreibe Ihnen die Dosierung auf die Schachtel. Die Nebenwirkungen stehen auf dem Beipackzettel, die sollten Sie unbedingt lesen“, spulte ich automatisch den gewohnten Text ab, ohne zu merken, dass sie mir ├╝berhaupt nicht zuh├Ârte.

Die junge Frau bewegte sich nicht. Sie stand in unver├Ąnderter Pose und Entfernung da, als wenn sie in Stein gemei├čelt w├Ąre. Nur ihre Lippen bewegten sich wieder. So deutlich, dass ich von ihnen lesen konnte, was sie sprach.
Neun, zehn, elf, zw├Âlf, ging ├╝ber ihre Lippen, als wenn sie die vielen Schubladen in meiner Apotheke z├Ąhlte. Ich schaute ihr ein paar Sekunden zu und reichte ihr das Medikament durch.
„Bitte, junge Frau“, sagte ich zu ihr, hielt ihr das P├Ąckchen hin, aber noch ganz fest in den Fingern.
Da ich durch das Fenster nicht n├Ąher kommen konnte, war sie wieder gezwungen, sich mir zu n├Ąhern, was ihr in diesem Augenblick nicht mehr so schwer fiel, wie vorhin.
Mit einem Hauch einer Erleichterung im Gesicht ├╝ber die ├╝berstandene Situation machte sie zwei Schritte nach vorn und griff nach dem kleinen P├Ąckchen. Es kam aber anders, als sie es erwartet hatte. Ich lie├č nicht los, sondern hielt das P├Ąckchen fest in meinen Fingern. Fest zog sie dran, aber vergeblich. In dem Augenblick, als ich ihr in die Augen schaute, tat es mir bereits leid, dass ich es ihr mit diesem kleinen Trick ├╝berreichte. Ihre Augen flehten mich an, als wenn sie um ihr Leben flehen w├╝rde.

Trotz dieser Dramatik fiel mir nichts anderes ein als zu fragen: „Wie hei├čen Sie“, und hielt das P├Ąckchen immer noch fest. Sie verzweifelte in ihren Augen und ich sp├╝rte, wie sie versuchte, mir das Medikament zu entrei├čen.
„Alice“, kam aus ihren zusammengepressten Lippen. In diesem Augenblick lie├č ich das P├Ąckchen los. Sie riss es an sich, dr├╝ckte es gegen ihre Brust, schaute mich immer noch flehend an und ging ein paar Schritte r├╝ckw├Ąrts, ohne den Blick von mir abzuwenden, bis sie sich umdrehte und fortging in einer Art und Weise, die ein ganz anderes Bild ergab. Alice ging aufrecht mit einem sicheren Schritt, wie eine junge selbstbewusste Frau, die ihren Kampf mit sich selbst und der Nacht gewann.

Ich schaute Alice hinterher und dachte dr├╝ber nach, dass die Medikamente, die sie von mir bekam, erst in ein paar Tagen nach ihrer Einnahme, ihre volle Wirkung entfalten.
Ich hoffte, dass sie noch genug davon in sich hat, damit sie die n├Ąchsten Tage unversehrt ├╝bersteht.
Mit jedem Schritt, der sie von mir entfernte, wurde aus Alice eine alln├Ąchtliche Silhouette, die von der dunklen Nacht verschluckt wurde und bei mir das Gef├╝hl hinterlie├č, nicht alles f├╝r Alice getan zu haben, was ich vermochte.

Die restlichen Stunden der Nacht verliefen ruhig. F├╝r zwei Stunden bin ich eingeschlafen und wurde erst von dem Gepolter der M├╝llm├Ąnner geweckt. Die Sonne schien bereits und soweit ich die Stra├če ├╝berblicken konnte, fing der neue Tag der Gesch├Ąftsleute an. Es wurde aufger├Ąumt, die Schaufenster geputzt, die St├╝hle in den Cafeterias rausgestellt und Sonnenschirme aufgespannt. Ein paar Menschen schlenderten schon an den L├Ąden vorbei, obwohl die Gesch├Ąfte erst in einer Stunde aufmachen w├╝rden.

Ich lies die halbe T├╝r auf und bereitete mich ebenfalls auf den bevorstehenden Tag vor. Hin und wieder schaute ich zum Schaufenster, um vielleicht etwas Aufregendes zu erleben, aber es geschah nichts, au├čer ein paar Fr├╝haufsteher, die sich die Nasen an den Schaufensterscheiben platt dr├╝ckten. Um neun Uhr drei├čig stellte ich meine Werbetafeln raus und machte den zweiten Fl├╝gel der Eingangst├╝r auf.

Es dauerte keine f├╝nf Minuten, als eine alte Dame in der T├╝r erschien. Das Gesicht kam mir bekannt vor. Zweimal habe ich sie heute schon vor dem Schaufenster gesehen. Diesmal kam sie rein, schaute sich um und ging langsam, aber entschlossen auf mich zu.
„Guten morgen gn├Ądige Frau, wie kann ich Ihnen behilflich sein?“, fragte ich sie h├Âflich und versuchte dabei ihr Alter zu erraten. Ihr Gesicht wies viele Falten auf, was ihr ein interessantes Aussehen verlieh. Ihre Augen hatten einen lebendigen, freundlichen Ausdruck, und ein leichtes Schmunzeln zierte ihre Mundwinkeln. Sie war klassisch angezogen. Schwarzes Kost├╝m, wei├če Bluse und schwarze Schuhe. Keinen Schmuck, nicht mal eine Armbanduhr, daf├╝r eine elegante kleine Handtasche in ihrer Hand. Ihre Figur war schlank und in einer Art st├Ąndiger Bewegung, die nicht den Eindruck machte, dass es krankhaft bedingt sei, sondern, dass sie trotz ihres hohen Alters, voller Leben war. Es waren ihre H├Ąnde, die mich letztendlich davon ├╝berzeugten, dass sie bestimmt weit ├╝ber siebzig Jahre alt war, und trotzdem strahlte diese alte Dame etwas Besonderes aus.
Neugierde und Lebendigkeit. In ihren Bewegungen wirkte sie wie ein junges M├Ądchen auf mich.
„Ja, ich brauche Hilfe junger Mann“, sagte sie und griff in ihre Handtasche. Als sie die Hand wieder rauszog, hielt sie ein rotseidenes Tuch in der Hand, legte es auf die Theke und trat ein Schritt zur├╝ck. Etwas lag auf meiner Theke und ich wusste nicht, was das war.
„Wissen Sie junger Mann, ich habe lange ├╝berlegt, wen ich um einen Rat frage und so bin ich auf Sie gekommen. Nicht auf Sie pers├Ânlich, sondern auf Sie, als Apotheker. Ihre Apotheke habe ich zuf├Ąllig ausgew├Ąhlt, und ich habe das Gef├╝hl, dass ich die richtige Wahl getroffen habe.“
Sie redete so, wie ich sie eingesch├Ątzt habe, lebendig, gestikulierte dabei leidenschaftlich mit den H├Ąnden und passte ihr Gesichtsausdruck jeweils der Dramaturgie ihrer Geschichte an.
„Junger Mann, in meinem Alter ist es nicht so einfach. Ich habe niemanden, den ich fragen k├Ânnte. Freunde habe ich, ja, aber wenn ich sie in dieser Angelegenheit befragen w├╝rde, k├Ânnte es passieren, dass sie nie wieder mit mir reden, oder mich f├╝r verr├╝ckt erkl├Ąren, und das kann ich mir in meinem Alter nicht leisten.“

Ihre Erz├Ąhlweise war wie auf einer Theaterb├╝hne, sodass ich das Gef├╝hl hatte, ihre Pers├Ânlichkeit w├╝rde den ganzen Raum f├╝llen. Sie lief umher, spielte die Rolle einer Frau, welche versuchte, einen jungen Mann davon zu ├╝berzeugen, dass sie ein Mensch sei, der trotz hohen Alters, leben und erleben m├Âchte. Ich schaute hin und wieder zur T├╝r, in Bef├╝rchtung, ein Kunde k├Ânnte reinkommen. Auf einer Seite hatte ich Bedenken, jemanden diese nicht allt├Ągliche Vorstellung miterleben zu lassen, auf der anderen Seite hatte ich Angst, dass jemand sie unterbrechen k├Ânnte.
„Kurz gesagt, junger Mann, schauen Sie sich das an und helfen sie mir“, sagte sie entschlossen und hopste wie ein kleines M├Ądchen zur Theke. Sie nahm das seidene Tuch in beide H├Ąnde und faltete es vorsichtig auseinander. Ich bin nicht pr├╝de, aber trotzdem verschlug es mir die Sprache. Ich staunte nur. Vor mir, auf meiner blank geputzten Apothekentheke stand ein lilafarbener Vibrator in Naturnachbildung. Ich schaute die alte Dame an. Sie machte ein unschuldiges Gesicht und ihre Augen schauten mich schelmisch an, ohne was zu sagen. Mein Blick wanderte wieder zum Vibrator hin und ich konnte mir das Schmunzeln nicht mehr verkneifen. Nach ihrem Auftritt war ich mir sicher, ihr wird es nichts ausmachen.
„Junger Mann“, sie lehnte sich mit ihrem Oberk├Ârper ├╝ber die Theke und schaute mir direkt in die Augen, „ich bin zwar alt, aber nicht tot. Aber das ist nicht das Problem. Ich war nie technisch geschickt, auch in jungen Jahren nicht. Die Technik hat fr├╝her mein Vater gemacht, sp├Ąter mein Mann. Gott hat sie selig.“
Sie schlug ein schnelles Kreuz ├╝ber ihrer Brust.
„Ich wei├č nicht, wie ich das Ding zum Laufen bringe. Es muss irgendwie aufgemacht werden und es braucht zwei Batterien. Zeigen Sie mir, wie ich das machen muss, bitte.“
Ich atmete tief durch, denn ich machte mir bereit Sorgen, wer wei├č, was diese alte Dame hier noch alles anstellt. Nun wusste ich es. Ein recht ungew├Âhnliches Problem, das ich jetzt l├Âsen musste, aber nicht uninteressant Ich nahm den Vibrator vorsichtig in die Hand.
„Keine Angst, es ist ganz neu, ich habe es noch nicht benutzt, es ist sauber“, sagte sie grinsend, als sie mein zaghaftes Vorgehen beobachtete. Mein Schmunzeln wurde immer breiter. Den Schraubverschluss fand ich schnell, machte ihn auf, nahm die zwei kleine Batterien, die sie inzwischen laut auf die Theke knallte, und lies sie in das Geh├Ąuse fallen. Nachdem ich den Deckel wieder zumachte, dr├╝ckte ich den kleinen Schalter ein und stellte den Vibrator vor sie hin. Er fing an zu tanzen. Er drehte sich um die eigene Achse und bewegte sich vibrierend mit einem leisen brummenden Ger├Ąusch ├╝ber die glatte Oberfl├Ąche der Theke auf mich zu. Still und angespannt sahen wir beide dem elektrisch angetriebenen Wunder zu. Als wir beide in die Knie gingen, um das Spiel n├Ąher betrachten zu k├Ânnen, trafen sich unsere Blicke und wir fingen an, laut zu lachen. Nicht nur sie, sondern auch ich verga├č, dass wir uns in meiner Apotheke befanden, wo eigentlich Sachlichkeit und Ernsthaftigkeit zum Tagesgeschehen geh├Âren. Ein vorbeikommender Kunde h├Ątte uns beide, lachend an der Theke, vor einem tanzenden, lilafarbenen Vibrator, f├╝r verr├╝ckt gehalten.

Sie unterbrach diese Minute des gemeinsamen, herzlichen Lachens, indem sie erneut in ihre Handtasche griff und einen Zeitschriftenausschnitt vor mich auf die Theke hinlegte. „Haben Sie diesen Artikel?“, fragte sie und schaute mich mit ihren lebendigen Augen fragend an. Mein Blick senkte sich kurz und nach ein paar gelesenen W├Ârtern wusste ich, was sie wollte.
„Ja, in zwei Verpackungsgr├Â├čen. Hundert und zweihundert Milliliter“, sagte ich zu ihr.
Sie runzelte die Stirn, verdrehte ihre Augen, um zu demonstrieren, wie schwer ihr die Entscheidung f├Ąllt. “Lieber die zweihundertf├╝nfziger Packung, junger Mann, dann muss ich nicht so oft kommen.“
Ich holte die gro├če Packung aus der Schublade, verpackte sie in eine Geschenkschachtel und gab sie ihr. „Das schenke ich Ihnen.“ sagte ich zu ihr.
Die alte Dame strahlte mich an, nickte ein paar Mal mit dem Kopf, was ich als Zeichen der Anerkennung und des Abschiedsgru├čes verstand. Langsam drehte sie sich um und machte sich dran das Gesch├Ąft zu verlassen. Ich ├╝berlegte einen Augenblick und rief ihr hinterher: „Wie ist ihr Name, gn├Ądige Frau?“ Sie blieb stehen und sagte, ohne sich umzudrehen: „Marla.“

Ich ging ihr hinterher, bis zum Schaufenster und verfolgte sie, die Marla, mit den Augen bis sie in den Sonnenstrahlen, die sich in die Stra├če hineindr├Ąngten, verschwand.
Zwei Namen, zwei Frauen, zwei Generationen.
Unterschiedliche Schicksale, unterschiedlich lange Lebenserfahrungen erf├╝llten ihre kleine Welt. Ich schaute zum Ende der Stra├če und sah in Gedanken Alice und Marla nebeneinander gehen, aufrecht, selbstbewusst, die Stra├če entlang, der Sonne entgegen. Der ausgelatschte Sportschuh kann kaum Schritt halten mit dem schwarzen, eleganten Lederschuh, aber irgendwie kriegen sie es hin und es dauert nur ein paar Schritte und sie sind im Gleichschritt. Ihre Gesichter kann ich nicht sehen, aber ich kenne ihre Namen und ihren Willen, wenn es drum geht f├╝r sich zu k├Ąmpfen. Sie haben sich bestimmt einiges zu erz├Ąhlen.

In diesen Gedanken versunken, sp├╝rte ich, wie mir jemand auf die Schulter klopft. Ich drehte mich um und vor mir stand eine alte Dame und l├Ąchelte mich an.
„Junger Mann, ich brauche Ihre Hilfe“, sagte sie mit einer festen Stimme. Ich schmunzelte zur├╝ck und dachte mir: „nicht schon wieder.“



[┬ęanimus]

__________________
Die alten Tr├Ąume waren gute Tr├Ąume.
Sie gingen nicht in Erf├╝llung, aber
ich bin froh sie gehabt zu haben.

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Rumpelsstilzchen
Foren-Redakteur
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Registriert: Sep 2003

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Feines St├╝ck, Animus!
Das hat ein wenig mehr grammatikalische und orthografische Sorgfalt verdient, findest Du nicht?
Wir Leser ├╝brigens auch. Finde ich.

Ganz angetan, schaut er's sich noch genauer an
__________________
Ich glaube
an das Gesetz
der kritischen Masse

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