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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Der Nestbeschmutzer
Eingestellt am 22. 12. 2014 13:21


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Maribu
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Der Nestbeschmutzer

Ich besch├Ąftigte mich bereits ein paar Tage damit; selbstverst├Ąndlich neben der t├Ąglichen Arbeit, hatte einige Stichw├Ârter notiert, gedanklich verarbeitet und zu S├Ątzen formuliert.
Auf einmal hatte ich Bedenken. - Was trieb mich ├╝berhaupt dazu, mich w├Ąhrend der letzten Besprechung auf Abteilungsleiter-Ebene so festzulegen? War es eine spontane Reaktion oder war es mehr?

Mein Verh├Ąltnis zum neuen Gesch├Ąftsf├╝hrer war zwar gespannt und oft genug sp├╝rte er, dass mir seine selbstherrlichen Entscheidungen nicht gefielen. Als eine Frage nach irgendwelchen Problemen an mich gerichtet wurde, erwiderte ich, dass ich nicht jetzt im kleinen Kreis dar├╝ber reden wollte.
Wenn er nichts dagegen h├Ątte, w├╝rde ich anl├Ąsslich unseres traditionellen Umtrunks zum Jahreswechsel vor der gesamten Belegschaft etwas vorbringen.
Je l├Ąnger ich dar├╝ber nachdachte, umso verr├╝ckter erschien mir der Gedanke. Fr├╝her wechselte ich die Firmen alle vier bis f├╝nf Jahre. Den letzten "Absprung" hatte ich mit
neununddrei├čig Jahren gewagt und den desolaten Zustand im Personalwesen dieser Firma wieder in Ordnung gebracht.
Etwa ein Drittel unserer sechzigk├Âpfigen Belegschaft waren Japaner. Sie arbeiteten ├╝berwiegend als Techniker, aber einige waren auch in Schl├╝sselpositionen im kaufm├Ąnnischen Bereich t├Ątig.
Sie blieben unter sich und hatten ein anderes Verh├Ąltnis zur Firma als die Deutschen. Sie waren es gewohnt, die angeordneten Arbeiten widerspruchslos auszuf├╝hren. Der ihnen zustehende Urlaub wurde meistens nicht voll in Anspruch genommen. Aber auch innerhalb des deutschen Personals bildeten sich Gruppen. Das Betriebsklima war nicht besonders gut. Die Beschwerden der Mitarbeiter ├╝ber mangelnde Information h├Ąuften sich bei mir, da die Gr├╝ndung eines Betriebsrates von der japanischen Gesch├Ąftsleitung verhindert wurde.
Die einzigen H├Âhepunkte waren f├╝r mich Personaleinstellungen.
Aber die Lage auf dem Arbeitsmarkt war nicht so rosig, so dass die Fluktuationsrate bei uns gering war. Wer die dreimonatige Probezeit ├╝berstand, der blieb f├╝r l├Ąnger.
Ich war also unzufrieden! Konnte ich mir das ├╝berhaupt erlauben? Ich war sechsundvierzig Jahre alt, hatte eine leitende Position, eine Frau und zwei Kinder. Wenn ich die Stellenanzeigen durchbl├Ątterte, wurden zwar Mitarbeiter mit langj├Ąhriger Erfahrung gesucht, aber sie mussten jung und vor allen Dingen dynamisch sein. Was war das ├╝berhaupt: Dynamik?
Hatte ich nicht in den letzten Jahren "auf dem Weg nach oben"
schon so viel an Substanz verloren, dass ich jetzt Angst vor meiner eigenen Courage hatte?
Ich beschloss, den letzten Arbeitstag des Jahres an mich herankommen zu lassen, ohne, dass ich mich weiter damit besch├Ąftigte. Wenn es sich ergeben w├╝rde, h├Ątte ich schon den Mut, das Wort zu ergreifen. Einige Punkte hatte ich mir ja bereits eingepr├Ągt, den Rest k├Ânnte ich improvisieren.
Ergab sich diese Gelegenheit nicht, w├╝rde ich mich nur bei einigen blamieren, den Mund zu voll genommen zu haben. Die anderen erwarteten ja nichts von mir!

Wie in den vergangenen Jahren trafen wir uns im Gro├čraumb├╝ro der Verkaufsabteilung. Die Chefsekret├Ąrin k├╝mmerte sich wie immer um den Sekt, den sie auf die Gl├Ąser verteilte, die auf dem Mitteltresen standen.
Bevor unser Gesch├Ąftsf├╝hrer den Lagebericht gab, wurde das obligate Gruppenfoto f├╝r die weltweite Zeitschrift unserer japanischen Muttergesellschaft aufgenommen. Selbstverst├Ąndlich
- wie immer- nur strahlende Gesichter!
Dann Yuji Kawasaka in akzentfreiem Deutsch:
"Liebe Mitarbeiter! Ich will mich heute kurz fassen. Jeder denkt schon an Silvester und ans Feiern." Er zeigte ein gezwungenes L├Ącheln. "Im gro├čen Ganzen bin ich mit dem abgelaufenen Jahr zufrieden. Wir konnten unseren Umsatz nochmals um acht Prozent steigern und den Marktanteil unserer Cameras in Europa verteidigen." Er machte eine kurze Pause.
"Trotzdem ist die Gewinnsituation nicht besser geworden. Unsere Konkurrenten versuchen sich gegenseitig durch "Schn├Ąppchen-Angebote" zu unterbieten. Ich habe neben dem Dank f├╝r Ihre Mitarbeit eine Bitte: Wir m├╝ssen uns bem├╝hen, die Kosten zu senken! Sonst k├Ânnen wir auf Dauer nicht bestehen! Ich m├Âchte an Sie alle appellieren, im n├Ąchsten Jahr kostenbewusster zu arbeiten! - Wohlsein!" Er f├╝hrte sein Glas zum Mund, und wir machten es ihm nach, bevor applaudiert wurde.
Dann begann sofort ein wildes Durcheinander-Gemurmel, Zigaretten wurden angez├╝ndet, es wurde gelacht, Sekt wurde nachgeschenkt. Ich hatte mich vorsorglich an eine Wand gelehnt, neben mir ein Aktenbord, auf das ich mein Glas abgestellt hatte, mich aber bereits damit abgefunden, dass ich wohl nicht zum Zuge kommen w├╝rde. Da trat unser Gesch├Ąftsf├╝hrer erneut einen Schritt vor, klopfte mit einem Kugelschreiber gegen sein Glas und sagte grinsend: "Ich h├Ątte es bald vergessen: Herr Kerckhoff hat noch etwas auf dem Herzen!" Die Blicke richteten sich jetzt auf mich und es gab kein Zur├╝ck! Ich atmete tief durch und begann:

"Liebe Kolleginnen und Kollegen! Sie sind sicherlich ├╝berrascht, dass jemand aus dem Mitarbeiterkreis das Wort ergreift. Sie kennen mich eigentlich nur als Personalleiter, der die Lohnsteuerkarten erh├Ąlt und an den bei Arbeitsunf├Ąhigkeit die "gelbe Karte" geschickt wird."
Ich wollte witzig sein, sp├╝rte aber sofort, dass es nicht gelungen war und berichtigte: "Ich meine nat├╝rlich den Krankenschein! - Aber es sind auch schon Kollegen mit anderen Dingen zu mir gekommen. Es gibt Mitarbeiter, die ├╝ber Informationsmangel und Kommunikations-Schwierigkeiten klagen, und ich bin der Meinung, dass man am letzten Arbeitstag dieses Jahres dar├╝ber sprechen sollte."
Ich sp├╝rte, dass meine Worte bisher keinen richtigen Schwung hatten, denn einige begannen bereits desinteressiert mit einer Unterhaltung. Ich wurde deshalb lauter:
"Wir sollten nicht immer nur zufrieden f├╝r die Zeitschrift
'Optical-News' in die Linse l├Ącheln, als wenn alles in Ordnung
w├Ąre, wir sollten ruhig einmal die Z├Ąhne zeigen und sagen ,wo uns der Schuh dr├╝ckt! Es wird ├╝ber schlechte Organisation gemeckert und hinter der vorgehaltenen Hand ├╝ber die Firma geschimpft. Aber wer ist denn die Firma? Die Firma sind wir doch alle! Und wir k├Ânnen nur etwas ├Ąndern, wenn wir offen dar├╝ber reden! In den letzten Monaten ist es aber so, dass jeder nur vor sich hinwurstelt, mit Scheuklapppen vor den Augen, ohne ├╝ber den Schreibtisch hinaus zu denken und immer nach dem Motto: 'Organisation ist, wenn es trotzdem klappt'! Es l├Ąuft vieles falsch, weil einer den anderen nicht informiert. Das vergiftet aber das Betriebsklima, von dem viele sagen, dass es schlecht sei. Ich m├Âchte noch weitergehen: Wir haben ├╝berhaupt keins!"
Ich machte eine kurze Pause und musterte ihre ├╝berraschten, verwunderten oder leicht belustigten Gesichter. Interessiert waren sie jetzt alle! Selbst die kleine japanische Gruppe, die anfangs noch st├Ârend dazwischen geredet hatte, war still und blickte zu mir her├╝ber.Das motivierte mich, und ich sagte beschw├Ârend: "Und den Kollegen, die urspr├╝nglich als leitende Angestellte eingestellt wurden, m├Âchte ich zurufen: Ein bisschen mehr Mut! Lassen Sie sich nicht zu 'Ja-Sagern' degradieren! - Und der Gesch├Ąftsleitung m├Âchte ich empfehlen - bevor endg├╝ltige Entscheidungen getroffen werden - den Rat der Leitenden einzuholen oder diese Positionen im n├Ąchsten Jahr mit einfachen Sachbearbeitern zu besetzen! Das w├Ąre denn wenigstens ein erster Schritt, die Kosten zu senken!"
Ich nahm schnell mein Sektglas in die Hand und rief:
"Prost Neujahr!"
Einen Moment war es be├Ąngstigend still. Keine Hand r├╝hrte sich. Sie starrten mich an wie einen Kranken. Dann griff man z├Âgernd zu den Sektgl├Ąsern, begann sich in Gruppen zu formieren und Deutsch und Japanisch ging schnatternd ineinander ├╝ber. Unser Gesch├Ąftsf├╝hrer w├╝rdigte mich keines Blickes. Sein Gesicht zeigte wie immer asiatische Gelassenheit. F├╝r ihn war ich nichts weiter als ein Nestbeschmutzer!
Nur einer l├Âste sich aus der Menge, kam mir mit strahlendem Gesicht entgegen, prostete mir auf halbem Wege bereits begeistert zu. Es war Wiegand aus der Export-Abteilung und ich kannte auch den Grund: Es war sein letzter Arbeitstag, er hatte gek├╝ndigt. Obwohl mir vollkommen klar war, dass ich mich zwischen alle St├╝hle gesetzt hatte, mich selbst vom leitenden zum "leidenden" Angestellten degradiert hatte, empfand ich etwas wie ein Gl├╝cksgef├╝hl. Ich sp├╝rte, dass ich lebte! Gleich im neuen Jahr werde ich ein Stellengesuch aufgeben: 'Leitender Angestellter, sechsundvierzig Jahre jung,
dynamisch, sucht ...'

Version vom 22. 12. 2014 13:21

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