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Leselupe.de > Erzählungen
Der Pastor und das Mädchen
Eingestellt am 07. 12. 2015 21:06


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Rehcambrok
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Registriert: Jan 2015

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Schon als kleiner fünfjähriger Junge war es sein Traum gewesen. Heute, gut fünfzig Jahre später war er der allseits beliebte Pfarrer der Katholischen Gemeinde. Seit fast 20 Jahren leitete er diese Gemeinde, aber die nächsten Tage sollten seinen Glauben prüfen. Es war schon nach 22:00 als die Klingel zum Pfarrhaus Sturm geläutet wurde. Vor dem alten Eisentor zum Pfarrgarten, das er vor gut einer halben Stunde abgeschlossen hatte, stand ein junges Mädchen im strömendem Regen. Schnell griff er sich den großen Regenschirm und eilte zum alten Eisentor um es aufzuschließen.

„Hallo Annika, was treibt Dich denn bei dem Wetter hierher? - - Na komm erst mal rein. Erzähle, wenn Du so weit bist.“
Er nahm sie mit unter den Schirm nachdem er das Eisentor geöffnet hatte. Im Pfarrhaus angekommen stellte er fest das Annika, die er letztes Jahr in seiner Firmgruppe hatte, bis auf die Haut nass war. Sie hatte blaue Lippen, zitterte und war auch total durchgefroren.
„Du bist ja vollkommen durchnässt. Komm erst mal mit.“
Er ging voran und öffnete ihr die Badezimmertür. Aus dem Schrank holte er ein großes Badetuch und einen Bademantel. Anschließend drehte er die Wasserhähne auf und ließ ihr ein Bad ein.
„Hier das sollte erst mal reichen. Du musst schnell aus den Sachen raus, sonst holst Du Dir eine Lungenentzündung. Ich werde gleich mal in der Sammelkammer nach Sachen für Dich schauen.“ Er ließ das Mädchen im Bad zurück und schloss die Tür.

Nun eilte er durchs Haus um bei den gespendeten Kleidungsstücken für Kroatien etwas für Annika zu finden. Schnell hatte er etwas das ihr passen müsste. Kurz darauf war er auch wieder unten in der Diele wo er auf Annika traf.
„Sie müssen mir helfen Pastor Müller. Ich kann meine Hände nicht richtig bewegen und bekomme weder Stiefel noch sonst was auf.“
Ihre Hände sahen aus als wolle sie verkrampft einen Apfel festhalten, Katzenkrallen würde die Haltung noch treffender wiedergeben. Der Pastor öffnete ihre Stiefel und zog sie ihr aus. Den Pullover konnte er ihr auch über den Kopf ziehen. Danach zog er ihr noch Jeanshose und Strümpfe aus.
„So ab ins Bad. Den Rest schaffst Du, wenn Deine Hände im warmen Wasser aufgetaut sind .“
Sie tat wie ihr geheißen und ging ins Bad. Der Pastor schloss die Tür hinter ihr.

Dann fiel sein Blick auf den Kalender. Heute war der erste Mai. Er wusste das Datum auch vorher, aber es war im Tagesgeschehen untergegangen. Jetzt erinnerte er sich wieder an die Sprüche in der damaligen Firmgruppe. Annika die fleißige, wurde damals auch damit aufgezogen, weil sie am Tag der Arbeit Geburtstag hat. Was wollte sie denn an ihrem Geburtstag bei ihm. Er kochte jetzt erst mal eine Kanne Tee, Früchtetee, der wärmt so schön von Innen. Eine Dose mit Plätzchen holte er aus dem Pfarrbüro.

Als er alles am Küchentisch gerichtet hatte stand Annika im Türrahmen zum Bad. Sie hatte den Bademantel übergestreift, allerdings war dieser vorne geöffnet. So blickte er genau auf ihre von Haaren bedeckte Scham. Die Brust war je zur Hälfte sichtbar. Jetzt merkte er auch dass er vergessen hatte, ihr die Kleidung anzureichen. Er ging auf Annika zu, schloss den Bademantel und schob ihre Hand an ihren Bauch. So blieb der Bademantel geschlossen obwohl der Gürtel fehlte. Er gab ihr die Sachen auf den anderen Arm und schob sie wieder ins Bad. Dann schloss er erneut die Tür und wartete am Küchentisch.

'Oh Herr prüfe nicht meine Keuschheit. Führe mich nicht in Versuchung.' Er betete zu allen Heiligen um mit sich ins Reine zu kommen. Das was er gesehen hatte, hatte ihm durchaus gefallen, es durfte ihm aber nicht gefallen. Kurz darauf kam Annika aus dem Bad, jetzt ganz normal gekleidet und die Haare getrocknet.
„Entschuldigung Pastor Müller, ich wollte Sie nicht in Verlegenheit bringen. Es war mir nicht aufgefallen.“ Er nickte und bat sie an den Küchentisch.
„Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag Annika. Da bist Du ja ab heute erwachsen.“

Er konnte nur ungläubig zusehen wie bei dem Mädchen die Gesichtszüge entgleisten. Sie schluchzte und innerhalb weniger Sekunden brachen alle Dämme. Sie heulte hemmungslos, die Tränen liefen in Sturzbächen. Der Pastor war schnell aufgesprungen und nahm sie tröstend in den Arm. Erst als sie sich einiger Maßen beruhigt hatte, fragte er nach dem Warum.
„Heute ist praktisch alles schiefgelaufen. Dann sind sie auch noch der einzige, der an meinen Geburtstag denkt. Es ging soweit, das ich meine Sachen genommen habe, und gegangen bin.“

Er ließ sie Luft holen, zog ihre Teetasse herüber, das sie erst mal etwas trinken konnte. Sie saß bei ihm auf dem Schoss, so wie man es von einem Kleinkind erwarten könnte. Sie kuschelte sich an ihren Pastor, so wie sie es vor rund neun Jahren vor der Kommunion getan hatte. Damals hatte der Pastor sie überredet, trotz aller Widrigkeiten, an der Kommunion, teil zu nehmen. Schon damals stand ihre kleinere Schwester im Mittelpunkt. Das war bei jedem Ereignis so. Ihre Eltern erlaubten Katja von jeher alles und ihr nichts. Damals durfte Katja mit zur Kommunion gehen, obwohl sie ein Jahr jünger als alle anderen war. Egal welcher Anlass, Katja wurde zum Mittelpunkt gemacht.

Dann hatte die liebe Katja vor drei Monaten den selbstverschuldeten Unfall, als sie volltrunken in ein Auto lief. Der Fahrer hatte keine Chance den Unfall zu vermeiden. Seit dem musste sie jeden Sonn – und Feiertag mit ins Krankenhaus, wo Katja im Koma lag. Es hatte sich seit dem Unfall nichts verändert, aber sie musste mit. Selbst heute auf ihrem Geburtstag. Zur Krönung hatte ihr bis zur Heimkehr am Abend, niemand gratuliert. Sie wurde von ihren eigenen Eltern einfach vergessen.
Das hatte sie nicht mehr ausgehalten und war mit Reisetasche und Koffer gegangen. Das Gepäck hatte sie im Beichtstuhl versteckt. Dann war sie durch die Straßen geirrt und schließlich, weil die Kirche nun abgeschlossen war, bei ihm, dem Pastor gelandet. Immer wieder stockte sie in ihrer Erzählung.

Er wusste genau, was dieses Mädchen brauchte, Liebe und Zuneigung. Es ist wie der Ritt auf der Rasierklinge, gebe was Du kannst, ohne dem Heiland weh zu tun. Sie sackte förmlich in sich zusammen. Nun griff er unter Beine und Rücken und trug sie ins Bett des angrenzenden Schlafzimmers. Er deckte sie nur leicht zu, da sie ja angezogen war. Nur die nackten Füße kamen unter eine dickere Decke. Reflexartig hielt sie ihn im Halbschlaf fest und er setzte sich gezwungener Maßen auf die Bettkante. Mit der freien Hand strich er ihr über den Kopf, was zu einer deutlichen Entspannung führte. Sie ließ ihn los und er gab ihr noch einen Kuss auf die Stirn, so wie es ein liebevoller Vater getan hätte.

Anschließend suchte er ihre Sachen im Bad zusammen und steckte sie in den Trockner. Danach legte er sich auf die Couch im Wohnzimmer. Es war zwar zum Schlafen nicht besonders bequem, aber sein Bett war ja belegt. Der Pastor schlief sehr unruhig, da er mit seinen Gedanken bei Annika war. Ihre Schilderungen passten zu dem was er auch mitbekommen hatte, wenn man es richtig interpretierte. Um 05:30 stand er dann auf, nachdem er sich schon einige Zeit nur hin und her geräkelt hatte.

Nach Frisch machen und Anziehen ging er in die Kirche rüber und holte Annikas Sachen. Gut das er heute früher als gewöhnlich seinen ersten Gang machte, es war die Heizung für die Kirche ausgefallen. Er drückte den Reset Knopf, schon lief die Heizung an. Bis zur Frühmesse würde es nicht mehr ganz die Temperatur erreichen, aber man musste nicht frieren. Annikas Sachen stellte er in die Diele des Pfarrhauses und ging dann zum Bäcker um Brötchen zu holen. Unter der Woche verkniff er sich das sonst, aber für Gäste machte er gerne eine Ausnahme. Der Arzt konnte ja nicht verlangen das er seine Gäste hungern ließ.

„Guten Morgen Frau Hemmerling. Wir sehen uns später in der Frauenmesse?“
Der Pastor fragte eine ältere Dame die Richtung Kirche ging, während er selbst in den Garten zum Pfarrhaus abbog. Ohne eine Antwort abzuwarten schritt er voran und war dann im Pfarrhaus verschwunden. Der Koffer in der Diele war geöffnet und er vernahm aus dem Bad ein munteres Liedchen. Es war schön anzuhören, war Annika doch die beste Sängerin seines Jugendchors.
In der Küche kochte er nun Kaffee, setzte Eier auf und bereitete heißes Wasser im Wasserkocher, falls Sie lieber Tee mochte.

Auf dem Weg ins Gemeindebüro, wo er seinen Laptop hatte, lief er Annika über den Weg. Die stand gerade splitterfasernackt vor ihrem Koffer und suchte sich aus, was sie anziehen wollte. Als sie den Pastor bemerkte, hatte sie aber keinerlei Scheu, sondern bat nur um Entschuldigung.
„Ich dachte sie wären schon in der Kirche, da ja in einer Stunde die Frauenmesse beginnt.“
Er nickte und setzte seinen angedachten Gang fort.

Mit dem Laptop und einer kleinen Tasche kam er dann zurück und setzte sich in die Küche, wo Annika schon angezogen auf ihn wartete. Jetzt begrüßte sie ihn richtig:
„Guten Morgen Pastor Müller. Ich fühle mich bei Ihnen so wohl, da denke ich gar nicht nach. Danke für den Gute Nacht Kuss.“
Hatte sie es im Unterbewusstsein tatsächlich mitbekommen, er war peinlich berührt. Wenn sie es nun weiter erzählen würde? Man sah das sein Kopf brodelte und nach Möglichkeiten suchte, auch Annika sah es.
„Keine Angst das bleibt unser Geheimnis. Ich habe das gebraucht. Wenn Sie nicht gewesen wären, ich weiß nicht was ich getan hätte.“

Danach frühstückten sie gemeinsam, wortlos.
„Wir reden nach der Messe über alles, nur dann kann ich Dir wirklich helfen. Natürlich nur, wenn Du möchtest. Hilfst Du mir bei der Messe?“
Da sie ja immer noch Messdienerin war, war es gar keine Frage, natürlich. Punkt 07:30 stand sie im Ministranten Gewand neben dem Pastor.
Nach der Messe saßen sie im Gemeindebüro und unterhielten sich. Da die Pfarramtssekretärin nur zweimal in der Woche kam, würden sie heute wohl ungestört sein. Annika beantwortete ihm alle Fragen, seine Puzzle Teile fügten sich zu einem Bild zusammen.

„Seit wann bevorzugt Dein Vater denn Deine Schwester? Kannst Du es an einem Datum fest machen?“
Da musste Annika nicht lange überlegen:
„Seit Katjas fünftem Geburtstag .“
Ihr Vater war an deren Geburtstag, mit einer weinenden Katja aus deren Zimmer gekommen. Danach hatte er sich nur noch um Katja gekümmert. Da es Annika bei den letzten Fragen immer schwerer fiel, er eigentlich genug wusste um dem Bild Klarheit zu geben, brach er die Befragung ab. Es mündete in ein harmloses Gespräch über Schule und Beruf.

Dann gab er ihr noch Geld, damit sie einkaufen solle, was sie mag. Sie durfte also länger bleiben, bei diesem gütigen Mann. Zehn Minuten später machte sie sich auf den Weg zum Supermarkt.

Müller griff zum Telefon und rief den Gefängnispfarrer an.
„Ihr Vorgänger hat mir vor ungefähr zwanzig Jahren gesagt, ich solle mich melden, falls ich den Verdacht auf einen Pädophilen hätte. - - - Ja gut, wenn sie seine Nummer wüssten? - - - Danke, ich notiere.“
Er legte auf und wählte eine Nummer aus diesem Stadtbezirk.
„Guten morgen Pfarrer Hollstein. Wie fühlt man sich so als Rentner. Ich hätte eine Frage zu ihrem Anruf bei mir, den Sie vor fast zwanzig Jahren gemacht haben.“
Ohne zu zögern fragte Pfarrer Hollstein:
„Hat Clausing wieder zugeschlagen?“
Müller wusste, er hatte einen Volltreffer gelandet. Annika heißt mit Nachnahmen Clausing. Aber warum hat er sich nicht an der hübschen Annika vergangen?
„Sagen Sie Herr Kollege, wissen sie etwas über die Vorlieben von Herrn Clausing?“
Die Stimme am anderen Ende räusperte sich:
„Er hat es immer nur mit dunkelhaarigen Mädchen gemacht. Hilft Ihnen das?“
Und wie das half. Annika war eine Blondine wie ihre Mutter, Katja dunkelhaarig wie der Vater. Er bedankte sich noch kurz, da ging die Türklingel.

Annika war vom Einkauf zurück. In der Küche bereiteten sie gemeinsam ein Mittagessen aus Nudeln, Champignons und Mettwürstchen. Die Würste wurden in Scheiben geschnitten und mit den Champignons zusammen, gegart. Nudeln in Salzwasser gekocht. Sie hatte sehr preiswert eingekauft. Alles zusammen hatte keine drei Euro gekostet. Das Wechselgeld lag auf dem Küchentisch.

Sie unterhielten sich wieder, jetzt über ihr Verhältnis zu ihrer Schwester. Sie war eifersüchtig auf die Bevorzugung, liebte sie aber trotzdem, auch wenn sie es sich nicht eingestand. Vielleicht weil sie sie nachts öfters weinen hörte.
„Bist Du denn nicht zu Katja rüber gegangen um sie zu trösten?“
Annika sah den Pastor jetzt verwundert an:
„Das ging nicht, sie hatte sich immer eingeschlossen. Immer wenn ich an der Tür war, war sie anschließend ruhig.“

Es passte alles zusammen. Was sollte er jetzt als Pastor tun. Da sein Wissen kein Beichtgeheimnis verletzt, hatte er die freie Wahl. Nach dem Essen wollte er mit Annika darüber reden. Bis dahin hatte er Zeit, sich zu überlegen, wie weit er gehen würde. Sein Glaube verbot es ihm, einen Menschen zu denunzieren. Sein menschliches Gewissen sah es als Gebot an, genau das zu tun.

Das Essen war fertig, konnte angerichtet und serviert werden. Die Uhr der Entscheidung tickte unaufhaltsam. Nach dem Essen räumte Annika das Geschirr in die Spüle und ging daran, das vom morgen und das jetzige gemeinsam zu spülen. Müller ging noch einem Gedanken nach und er schaute in das Taufbuch der Gemeinde. Annika hatte er schnell gefunden, sie war am fünfzehnten Mai getauft worden, zwei Wochen nach ihrer Geburt. Die Suche nach Katja gestaltete sich schwieriger. Sie war als Katja Schwarze getauft worden, Taufpaten waren Petra und Herbert Clausing. Ganz unten war ein kleiner Vermerk: Adoptiert durch P + H Clausing, ein Jahr später. Pastor Müller hatte seine Nase jetzt so tief in der Angelegenheit, das er noch einen anderen Verdacht hegte.

Nach längerem Suchen, fand er zwei weitere Bausteine, die ihn schlimmstes befürchten ließen. Petra Clausing hieß mit Mädchenname Schwarze. Vier Monate nach Katjas Geburt wurde die sechzehnjährige Michaela Schwarze nach Suizid beerdigt. Er hatte selbst die Trauerfeier abgehalten. Vom Erzbistum war den Pfarrern freigestellt worden, selbst zu entscheiden, wie sie verfahren. Zuvor gab es ein striktes Verbot, bei Suizid eine Beerdigung kirchlich zu begleiten.

Es klopfte an der Tür, die Tür ging auf und Annika kam in das Büro.
„Pastor Müller, ich möchte nicht nach Hause zurück, da sind zu viele Sachen ungeklärt. Und nächste Woche ist der Gerichtstermin, zur Abschaltung von Katjas Lebenserhaltenden Maschinen. Ich würde gerne Theologie studieren. Mein Vater will mich aber bei dem Blödsinn nicht unterstützen. Soll ich erst mal ins Mädchenheim ziehen?“
Annika hatte klar formuliert was sie wollte. Wie konnte er ihr jetzt helfen, ohne dem Abschluss seiner Untersuchung vorzugreifen.
„Komm mal mit,“ er öffnete die zweite Tür des Büros mit einem Schlüssel. Sie standen nun auf einem anderen Flur. Es war die Einliegerseite die zur Kaplanwohnung führte. Da es hier seit Jahren keinen Kaplan mehr gab, war es hier kalt, da die Heizung abgedreht war. Müller drehte die Heizungsventile jetzt in den zwei Zimmern und dem Bad auf. Schon nach kurzer Zeit war Wärme am Heizkörper zu spüren.
„Hier kannst Du erst mal Wohnen, meinetwegen auch nackt herum rennen. Dann haben wir Zeit uns in Ruhe mit Deiner Zukunft zu befassen. Ich gebe Dir gleich im Büro die Schlüssel. Schließe aber bitte ab, wenn Frau Petermann Dienst hat, zumindest wenn Du der Freikörperkultur frönst.“

Ein schelmisches Grinsen auf dem Gesicht des Pastors verriet Annika, das er ihr deshalb wirklich nicht böse war. Im Büro zurück, suchte er schnell die Schlüssel zusammen.
„Mein Etat gib noch eine Mini Stelle für eine Haushaltshilfe her. Hier unterschreibe bitte, dann hast Du wenigstens die 450 Euro im Monat, bis wir eine endgültige Lösung gefunden haben. Was sagen denn Deine Großeltern dazu?“
Die rasch eingefügte Frage, brachte eine noch überraschendere Antwort, mit der er gar nicht gerechnet hatte.
„Die väterlicherseits leben in Argentinien, die habe ich noch nie gesehen, außer auf uralten Bildern. Von meiner Mutters Seite weiß ich gar nichts. Sie hat früher immer abgeblockt, irgendwann habe ich aufgehört zu fragen. Da ist also keine Hilfe zu erwarten.“

Jetzt hatte sich für ihn der Kreis fast geschlossen. Er nahm eine leere Blechkassette mit Kleingeldeinsatz aus dem Regal und legte 150 Euro hinein. Außerdem Zettel und Papier.
„Hier hast Du eine Haushaltskasse für Lebensmittel. Das sollte für eine Woche reichen. Sammle die Belege und führe Buch. Das wird Dir auch später helfen. Außer Bohnen in jeglicher Form, esse ich eigentlich alles.“
Damit entließ er sie in ihren Arbeitsbereich. Sie war sehr froh darüber, eine vernünftige Aufgabe zu haben. Die nähe von Pastor Müller wollte sie zudem nicht missen, da er Güte und Wärme aus allen Poren ausstrahlte. Er war genau so, wie sie sich ihren Vater gewünscht hätte.

Müller suchte im Internet die Adresse der Schwarze`s heraus und rief dort an, um sich zu vergewissern, das sie die richtigen seien. Nach der Bestätigung erfragte er einem Termin, der sofort möglich war. Er nahm sein Smartphone und ging zu Annika in die Küche, wo diese bereits einen Essensplan erstellte.
„Darf ich ein Photo von Dir machen. Bevor Du fragst, ich möchte noch nicht sagen wofür.“
Sie willigte natürlich ein. Es wurden auch mehrere Photos, nicht nur eins.
„Ich bin jetzt unterwegs. Wenn jemand etwas aus dem Pfarrbüro möchte, soll er mich auf Handy anrufen. Bis später Annika!“
Danach entschwand er durch die Haustüre.

Zwanzig Minuten später klingelte er bei Familie Rainer und Gisela Schwarze. Er wurde hineingebeten und ins Wohnzimmer geleitet, wo er auf der Couch Platz nahm.
„Ich weiß nicht ob sie sich an mich erinnern können. Vor knapp siebzehn Jahren habe ich Ihre Tochter Michaela beerdigt, als ich als junger Pfarrer gegen die Bedenken des Pfarrgemeinderates handelte.“
Herr Schwarze sah ihn freundlich an und nickte:
„Das habe ich Ihnen auch ganz hoch angerechnet. Ich bin aber davon überzeugt, das sie keine Selbstmörderin beerdigt haben. Auch wenn die Polizei die Akte damals schnell geschlossen hatte.“

Müller sah erst Herrn Schwarze, dann seiner Frau tief in die Augen. Tief holte er Luft, dann sagte er Leise aber durchdringend:
„Sie haben recht Herr Schwarze, es war wahrscheinlich Mord.“
Seine Aussage löste bei den älteren Leuten, er schätzte sie so auf Mitte sechzig, einen nicht vermuteten Gefühlsausbruch frei. Ungeniert nahmen sich die beiden vor Müller in den Arm und Küssten sich. Ein Wackerstein schien von ihnen abzufallen. Natürlich wollten sie jetzt wissen, wie er nach so langer Zeit darauf kam.
„Die Tochter ihrer Tochter Petra hat bei mir Asyl gesucht. Die Bausteine zusammengefügt, lassen für mich nur diesen Schluss zu. Seit wann haben sie keinen Kontakt mehr zu ihrer Tochter Petra?“ Er fragte knallhart, aber die Schwarzes gaben ihm sofort Auskunft. Es war seit der Tauffeier für Annika, die sie seitdem nicht mehr gesehen hatten. Die müsste jetzt gerade achtzehn geworden sein, rechnete Herr Schwarze dem Pastor vor.

„Wie sieht sie denn aus? Können wir sie sehen? Wie geht es unserer Tochter?“
Müller bemühte sich die Fragen zu beantworten.
„Ihre Tochter Petra habe ich zuletzt bei der Kommunion von Annika und Katja gesehen.“
Dann holte er sein Smartphone heraus und zeigte den beiden die Bilder von Annika.
„Die ist ja ein wunderhübsches Mädchen, noch schöner als es ihre Mutter war. Aber wer ist Katja, von ihr hatten sie nie gehört.“
Der Pastor erzählte den Schwarzes vom Kind ihrer toten Tochter, und dem jetzigen Zustand. Ohne das Müller gefragt hätte, vervollständigte Herr Schwarze nun die Geschichte mit dem letzten fehlenden Puzzle. Michaela war damals kurz nach Petras Heirat mit vierzehn abgehauen und erst mit ihrem Tod wieder aufgetaucht. Vom Kind ihrer jüngsten wussten sie nichts. Da Herr Clausing damals eine Resozialisierungsstelle im Innendienst des Jugendamtes hatte, hat er wohl alles passend manipuliert. Mit dieser Beweiskette wollten sie morgen gemeinsam zur Polizei gehen. Der Pastor versprach, Annika mitzubringen, wenn diese es nicht ablehnt. Auch von den Schwarzes machte er mit freudiger Erlaubnis ein Photo für Annika.

Als er um 17:55 die Küche im Pfarrhaus betrat, war alles auf Hochglanz poliert. Kaffee war in der Thermoskanne und ein Teller mit drei Plätzchen auf dem Tisch. Daneben lag ein Zettel: Ich bin drüben. Schnell trank er noch eine Tasse Kaffee und aß ein Plätzchen. Anschließend klopfte er bei Annika an, doch die laute Musik, die er vor ihrer Türe war nahm, ließen sie sein klopfen nicht hören.
Er drückte die Klinke runter und stand in ihrem Musiktanzzimmer. Annika hatte Stühle und Tisch in eine Ecke geschoben, ihr Ghettoblaster war obenauf und verursachte den Ohrenbetäubenden Lärm. Sie sprang völlig nackt durchs Zimmer und kreierte die merkwürdigsten Bewegungen. Ein paar Sekunden, eher eine Minute genoss er den Anblick des hübschen Mädchens, bevor er wieder an seinen Status dachte. Er schaltete die Musik aus, worauf sie unvermittelt stehen blieb. Sie verdeckte jetzt aber weder Brust noch Scham, sie legte ihre Hände an ihren Hüftrand und sagte dann:
„Sie hatten mir doch aber erlaubt so in meinem Reich herumzuspringen, oder?“

Er musste lachen, ging auf sie zu und nahm sie in den Arm.
„Ja habe ich. Nur sollte Deine Musik nicht lauter als Klingel oder Klopfen sein. Zieh Dich bitte schnell an, ich möchte mit Dir heute noch etwas Zukunft weisendes machen.“
Er ließ sie wieder los, gab ihr einen Klaps auf den Po und ging wieder rüber.
Zwei Minuten später war sie wieder vollkommen angezogen zu ihm ins Büro gekommen.
„So Annika, ich habe Dein gesamtes Familienfeld unter die Lupe genommen. Vieles wird Dir nicht gefallen. Wir fahren jetzt zusammen ins Klinikum und besuchen Deine Schwester. Auch wenn Du es nicht glauben magst, Sie braucht Dich und hat Deine ganze Liebe verdient. Sei froh das Du nicht an ihrer Stelle warst.“

Den Sinn dieser Worte hatte sie nicht verstanden, aber da sie dem Pastor vertraute, fügte sie sich seinem Wunsch. Im Klinikum wurde ihr, nachdem sie angekommen waren, Blut abgenommen. Der Pfarrer wollte per DNA Test die Beweiskette stabilisieren. Da der Chefarzt ein guter Freund war, tat er ihm den Gefallen. Einmal für den Schnelltest, der in zwei Stunden eine achtzigprozentige Sicherheit brachte. Zum zweiten der richtige DNA Abgleich, der mehrere Tage dauerte. Dann gingen sie auf die Station, auf der Katja lag.

Alle Funktionen des Körpers wurden von Maschinen getätigt.
„Deine Schwester merkt nichts, hast Du gesagt. Dreh sie zur Seite und gib ihr Haue auf den blanken Hintern, für das was sie Dir, nach Deiner Meinung, immer angetan hat.“
Müller hatte es mit seinem Freund abgesprochen, so das sie nicht gestört wurden. Der Krankenhauskittel gab nach der Drehbewegung den nackten Po ihrer kleinen Schwester preis. Trotz der jahrelang aufgestauten Wut, konnte Annika nach drei Schlägen nicht weiter machen.
Sie weinte, drehte ihre Schwester in die Ausgangsstellung zurück und umarmte sie mit aller Kraft. Nie hatten sie sich wirklich verstanden, doch sie liebte Katja. Wenn ihre Eltern dabei waren wollte sie es nicht zeigen, jetzt bei Pastor Müller war es etwas anderes. Sie knuddelte sie, küsste sie und strich ihr liebevoll über das dunkle Haar.

Leise ging Müller hinaus zu seinem Freund dem Chefarzt.
„Du Erich, hast Du noch etwas mehr Zeit für mein Anliegen, dann komm bitte mit. Die Patientin Katja Clausing soll doch möglicherweise bald per Gerichtsbeschluss abgeschaltet werden. Jetzt bekommst Du ein Gegenargument.“
Erich Hauptner lief hinter Müller her und traute seinen Augen nicht, als er auf die Monitore sah. Die Herzlungenmaschine war auf Notfallbetrieb zurückgefahren, die Patientin atmete selbstständig. „Annika, das ist Dr. Hauptner. Kannst Du Katja noch mal so lieb in den Arm nehmen wie eben?“ Sie nickte und setzte in einem Atemzug nach:
„Der Herr Dr. muss sich aber die Ohren zu halten. Das was ich zu sagen habe ist nicht für seine Ohren bestimmt.“ Ohne Widerstand gab der Doc sein O.K. und hielt sich die Ohren zu. Annika nahm ihre Schwester wieder in den Arm und sprach mit ihr. Ab und an küsste sie sie. Bei jedem Kuss schlugen einige Parameter der Messskala aus.

„Wenn sie mir helfen Fräulein Annika, werden wir ihre Schwester nicht nur nicht dem Tod preis geben, sondern sie ins Leben zurückholen. Alles was Sie in Zukunft sagen, wenn ich dabei bin, ist so sicher wie im Beichtstuhl bei Georg. Ich bin der Erich, das ist mir sonst zu förmlich.“
„ Annika.“
„Georg.“
Dann verschwand Erich Richtung Labor. Um 20:30 kam er mit dem Schnelltest wieder in Katjas Zimmer.
„Mit den möglichen achtzig Prozent an Sicherheit, hast Du mit deiner Vermutung recht, Georg. Soll ich, oder machst Du es selbst?“
Der Pastor gab dem Chefarzt ein Zeichen, so das der sich für heute verabschiedete.
„Dann verabschiede Dich mal von Katja. Für heute reicht es. Ich muss gleich noch viel mit Dir sprechen, wenn wir wieder zu Hause sind.“

Zu Hause bereitete Annika das Abendbrot und fragte dann:
„Was wollen Sie mir denn nun erzählen Pastor Müller?“
Sie schaute ihn erwartungsvoll an.
„Also Annika, wir bleiben beim Du. Wann es sich anders anbietet, weißt Du von allein. Wir sollten uns erst mal bequem hinsetzen, da es gleich unbequem wird.“
Er setzte sich mit Annika auf die Couch und legte ihr den Arm über die Schulter um ihr dann zunächst die Gegebenheiten über ihren Vater zu erzählen. Knast wegen Pädophilie. Heirat der Mutter, Vergewaltigung der Tante und Vergewaltigung von Katja. An diesem Punkt brach Annika förmlich zusammen und war froh, sich an den Pastor klammern zu können. Jetzt hatte sie verstanden was er vor dem Krankenhaus Besuch gemeint hatte. Sie schluchzte hemmungslos an seiner Schulter. Er strich ihr immer wieder über den Kopf und gab ihr ab und an einen Kuss auf den Kopf der maßgeblich zur Beruhigung beitrug.

Dann erzählte er ihr auch den Rest und zeigte ihr ihre Großeltern, die er per Smartphone photographiert hatte. Sie nahm das Smartphone und schaute sich die Großeltern lange und intensiv an. Dann küsste sie das Bild des Smartphones und anschließend kam der Pastor an die Reihe. Da er wusste wie es sie mit nahm, wehrte er sich nicht gegen ihre übertriebenen Küsse. Als sie in seinen Armen eingeschlafen war, trug er sie rüber in ihr Bett und kleidete sie bis auf Slip und BH aus. Er deckte sie zu, ging zu sich rüber und machte sich dann Bett fertig. Es war schon weit nach Mitternacht. Die frühe Frühmesse um 06:00 war angesagt. Schnell schlafen hieß jetzt die Devise.

Um 05:00 schellte sein Wecker der ihn hochschnellen ließ. Er hastete ins Bad und nahm eine Dusche. Da er das Wäschefach nicht aufgefüllt hatte, lagen jetzt keine Unterwäsche und Socken bereit. Also hastete er, nachdem er sich abgetrocknet hatte, zurück zum Schlafzimmer. Annika hatte schon den Kaffee gekocht und stand in der Küchentür, als sie den Pastor im Adamskostüm erblickte. Sie lachte laut los, was dieser vernahm. Mit den Händen versuchte er nun sein Geschlecht zu bedecken.
„Das sind mir die Richtigen, die was von Sittlichkeit erzählen. Bist aber gut gebaut, untenrum .“ Weiter lachend setzte sie sich an den Küchentisch.

Als der Pastor nach zehn Minuten fertig angekleidet war, kam er auch in die Küche. Sein Gesicht war noch immer errötet.
„Guten Morgen Georg. Jesus ist so auf die Welt gekommen, Du bist so auf die Welt gekommen, da gibt es nichts was Dir peinlich sein müsste.“
Er setzte sich zu ihr, obwohl er sich momentan wie ein Pennäler fühlte, der beim pfuschen erwischt wurde.
„Das darfst Du aber nie jemandem erzählen. Versprich es mir.“
Zum ersten mal spürte sie Unsicherheit in seiner Stimme.
„Ich verspreche es Dir hoch und heilig Aber wenn Du mir jetzt erzählen willst, das Du Dein Gerät noch nie zu was anderem als Wasser lassen benutzt hast, dann glaube ich Dir kein Wort mehr. Na los Georg trau Dich. Morgenstund hat Gold im Mund!“

So in die Ecke getrieben hatte ihn noch niemand. Auf jede Gott anzweifelnde Frage hatte er bisher eine Antwort gehabt. Was sollte er diesem mehr als aufgeweckten Mädchen, dieser jungen Frau zur Antwort geben.
„Also gut Annika, dann bist Du jetzt meine Beichtmutter. Bevor ich zum Priester geweiht wurde, habe ich auch an den süßen Früchten genascht. Mit zwei Frauen hatte ich Sex. Heutzutage muss ich mich auch manchmal selbst in die Pflicht nehmen, um stand zu halten.“
Sie sah ihn bewundernd ob seiner Ehrlichkeit an.
„Was wäre eigentlich so schlimm daran, wenn Priester Frauen hätten. Bei den evangelischen geht es doch auch.“
Ihr Verständnis für das Zölibat wurde dadurch noch geringer .

Nun mussten sie sich beeilen um noch pünktlich zur Frühmesse zu kommen. Nach der Frühmesse fuhren sie direkt in die Klinik um Katja zu besuchen. Als sie das Zimmer betraten schallte ein guten Morgen Katja durch den Raum. Chefarzt Erich Hauptner hatte während der Nacht immer wieder Reizversuche bei Katja gemacht, aber nichts hatte ihn weiter gebracht.

Die morgendlichen Wünsche von Annika zeigten direkt Wirkung. Ohne von Erich eingewiesen worden zu sein, machte sie instinktiv das Richtige. Sie sprach mit Katja und veranlasste sie, die Füße, Zehen, Finger und Hände zu bewegen. Bei einigen Zehen und dem Linken Arm, konnte man tatsächlich Bewegungen sehen.
„Katja, Du hast so viel auf Dich genommen, nur um die Familie zu schützen, jetzt bin ich dran. Ich werde das verfluchte Dreckschwein in den Knast bringen, für das was er getan hat.“
Das letzte Wort war noch nicht ausgesprochen, da schlug Katja die Augen auf. Sie konnte zwar nichts sagen, aber man sah, das sie Annika`s Nähe, genoss. Annika streichelte sie und gab ihr eine Kuss auf den Mund um ihr ihre Zuneigung zu zeigen .

Plötzlich liefen bei Katja die Tränen, die Augen glänzten als wenn sie sagen wollte, wie gut ihr das getan hatte.
„Georg, wir können Katja doch nachher noch mal besuchen oder?“
Er nickte und sie strich Katja noch mal über den Kopf und gab ihr noch einen Kuss.
„Bis später kleines. Arbeite schön mit dem Erich hier.“
Sie deutete auf Dr. Hauptner und verließ mit Georg das Krankenzimmer.

Um 09:45, eine Viertelstunde vor der Verabredeten Zeit, traf sie erstmals in ihrem Leben auf ihre Großeltern. Das es ihr Großvater war, ließ sich nicht leugnen. In Natura sah das rechte Ohr genauso merkwürdig aus wie ihr eigenes, das ihrer Mutter oder das von Katja. Da sie wusste das alte Leute ihre Enkel gerne küssen, fing sie bei den beiden damit an, damit sie sich trauen konnten. Es wurde zu einer emotionalen Knutschparty. Ihre Großeltern konnten sich gar nicht genug an ihr satt fühlen und übersäten sie mit Küssen.

Die Polizei nahm die Anzeige auf und hatte nun eine begründete Mordannahme. Damals hatte sie nur der leitende Ermittler gehabt, aber keinen Zusammenhang sehen können, da Herr Clausing gar nicht überprüft wurde. Der mittlerweile in Ruhestand lebende Beamte wurde angerufen. Nur zehn Minuten später wohnte er den Ermittlungen bei. Seine Aussage und die zusammengetragenen Fakten reichten um einen Haftbefehl zu erwirken. Danach fuhren zwei Beamte los um Herrn Clausing zu verhaften. Als die Rückmeldung der Beamten über die erfolgreiche Verhaftung kam, fragte Annika ihre Großeltern:
„Wollt ihr nicht mit zu Mama fahren, die braucht jetzt auch eure Hilfe. Georg, Du kannst ins Pfarrbüro fahren. Ich rufe Dich später an, wenn ich Hilfe brauche.“

Alle Taten wie ihnen geheißen. Georg fuhr ins Pfarrbüro und ging mit Frau Petermann das Tagesprogramm durch und bereitete die nächsten Messen vor. Morgen hatte er außerdem eine Beerdigung.
Opa und Oma Schwarze fuhren mit Annika zu Petra Clausing. Als es läutete war sie innerhalb von drei Sekunden an der Wohnungstür und riss die auf. Sie hatte erwartet, das wieder Polizisten vor der Türe stehen würden. Nun blickte sie in die Gesichter ihrer Eltern und ihrer Tochter. Wie ein kleines Kind lief sie in die Arme ihrer Eltern und die Tränen übermannten sie. Sie zog alle mit in die Wohnung und nachdem sie sich gefangen hatte, umarmte sie Annika und holte die nicht gegebenen Küsse der letzten Jahre auf einen Streich nach. Dann schluchzte sie:
„Ich hoffe das Du mir irgendwann verzeihen kannst. Du hast alles richtig gemacht. Ich bin so stolz auf Dich. Ich habe nur für das Schwein funktioniert. Dabei liebe ich Dich mein Schatz. Du bist doch mein liebes Kind. Leider kann ich Dir nur nachträglich Happy Birthday wünschen. Als ich die Karte für Dich gebastelt habe, hat er mich zusammengeschlagen.“

Petra Clausing zog ihren Pullover hoch und es kamen eine Unmenge an Verletzungen zum Vorschein. Die Wut in Opa Schwarzes Gesicht glich einer roten Flamme. Er nahm Petra in den Arm, die darauf erneut in Tränen ausbrach.
„Das wird er mit Lebenslänglich büßen. Deine Schwester hat er damals sogar umgebracht, weil sie ihn verraten wollte. Katja ist nicht nur Deine Nichte, sondern auch Annikas Halbschwester.“
Alles zusammen war zuviel für Petra. Sie sackte in sich zusammen und fiel auf den Boden. Hätte Annika sie nicht abgefangen, wären schlimme Verletzungen die Folge gewesen. Alle kümmerten sich jetzt um Petra, Annika hatte dabei den größten Anteil, ihrer Jugend geschuldet.

Um 13:30 blickte sie auf ihre Uhr und erschrak. Sie hätte vor dreißig Minuten eigentlich das Mittagessen servieren müssen. Sie rief Georg auf dem Handy an, der sich über ihre Fürsorglichkeit, fast amüsierte. Ich werde schon nicht verhungern, und um 14:30 wolle man sich im Krankenhaus treffen. Auf dem Weg ins Krankenhaus erzählte Annika ihrer Mutter von der außergewöhnlichen Rolle des Pastors in diesem Fall. Am Krankenbett von Katja, erlebten dann Großeltern und Mutter die nächste Überraschung. Als Annika Katja ansprach öffnete diese die Augen. Den linken Arm und das rechte Bein konnte sie jetzt auch schon bewegen. Dann betraten auch noch der Pastor und der Chefarzt das Zimmer. Es war ein allgemeines Händeschütteln. Annika merkte das Katja etwas sagen wollte und ging ganz nah mit ihrem Ohr an sie heran. Zwischendurch strich sie Katja über Haar und Wangen und küsste sie, während die anderen noch miteinander beschäftigt waren. Dann wurde das Krankenzimmer von einem lauten Geräusch durchzogen. Katja sprach nicht, sie schrie:
„Ich liebe Dich Annika.“

Dann war erst mal Ruhe. Alle verließen auf Weisung des Chefarztes das Krankenzimmer. Nur Katja und Annika blieben zurück. Wieder streichelte Annika ihre kleine Schwester, küsste sie, doch jetzt kam ihr beim Kuss auf den Mund eine Zunge entgegen. Das wollte sie aber nicht, Katja versuchte es auch nicht wieder. Annikas Hände wanderten unter Decke und Krankenhemd von Katja, sie gab ihr den Hautkontakt, der eine Gänsehaut auslöste. Katja begann sich richtig zu bewegen, nahm Annikas Hand und führte die zu ihrer Brust. Annika zuckte, nahm ihre Hand aber dort weg:
„Nicht Katja, ich liebe Dich auch, aber weil Du meine Schwester bist.“
Ganz leise hatte Annika es gesagt, da es im Raum so still war. Dann gab sie Katja noch einen Kuss: „Bis morgen, kleines. Übe weiter fleißig mit Dr. Hauptner.“
Dann verließ Annika das Krankenzimmer und bat Mutter und Großeltern, hinein zu gehen.

„Nimmst Du mich mit Georg? Ich habe da noch eine Menge Arbeit nachzuholen.“
Wortlos nahm Georg ihre Hand und sie gingen zum Auto. Von hinten sahen sie wie ein Händchen haltendes Pärchen aus. Im Pfarrbüro begrüßten sie Frau Petermann, die gerade das Pfarrbüro schließen wollte. Es waren die ersten Worte seit dem Krankenhaus. Annika bereitete schnell Tee und Abendbrot. Dann nahm sie seine Hände, streichelte darüber und sah ihm tief in die Augen.
„Du bist ein ganz toller Mensch, Georg Müller. Der Pastor Müller war und ist der Mensch dem ich zurecht vertraue. Georg Müller ist der Mann in den ich mich verliebt habe. Weil ich Dich so liebe, werde ich Dich und Deinen Glauben nicht in Bedrängnis bringen. Wenn Du das Zölibat mal vergessen möchtest, ich warte auf Dich. Von mir wird auch keiner etwas erfahren. Gute Nacht Georg.“
Sie gab ihm noch einen Kuss auf die Wange und entschwand in ihr Gemach.

Der Pastor saß noch lange Stunden am Küchentisch. Erst Mitternacht legte er sich schlafen. Er hatte der Verlockung widerstanden, wenn es auch sehr schwer war. Alles war auf einem guten Weg, daran war er maßgeblich beteiligt, mit Gottes Hilfe. In diesem Bewusstsein schlief er ein.
Auch Annika schlief unruhig. Als der Wecker schellte, war sie sofort hellwach. Sie bereitete das Frühstück vor und weckte dann Georg. In all den Jahren hatte er noch nie verschlafen. Heute wäre es das erste mal gewesen, weil er den Wecker überdreht hatte.
„Und wie hast Du geschlafen, Georg?“
Etwas provokant hatte sie die Frage gestellt, aber das war auch das Ziel.
„Sehr, sehr unruhig. Ich hatte die süße Frucht vor mir, und nicht genascht. Es fiel mir schwer meinem Glauben zu gehorchen. Deine weiblichen Reize waren eine echte Verlockung. Das haben die meisten Frauen, sodass es nichts besonderes ist. Bei Dir ist es die Schönheit mit dem Inneren Wert gemischt, was es so schwer macht. Hätte es die gleiche Situation vor zwanzig Jahren gegeben, ich glaube nicht das ich da standhaft hätte bleiben können.“
Der Pastor sprach unumwunden aus, wie er es meinte, da er wusste, das Annika eigentlich aus dem selben warmherzigen Holz wie er geschnitzt ist.

Annika arbeitete noch den Monat zu Ende, danach konnte sie mit dem Theologiestudium beginnen. Petra Clausing hat die Scheidung eingereicht. Der Pastor besucht die Familie Schwarz / Clausing einmal in der Woche. Katja hat die Reha fast abgeschlossen, es werden keine körperlichen Schäden bleiben. Georg Müller ist mit sich im reinen, und kann sich immer freuen, wenn Annika zur Frühmesse kommt und als Ministrantin auf ihn zugeht.


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Wer Frieden auf der Welt will muss bei den Kindern anfangen .

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Metino
Guest
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Die Story hab ich gern gelesen aber ich muss auch anmerken, dass sie eher in die Kaste "Krimi+....." gehört.
Gruß Me!

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