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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Penner
Eingestellt am 23. 05. 2001 19:49


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hades
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Nov 2000

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Der Penner

Ich schlenderte die Kortumstra├če in Bochum hinunter und sah einen Mann, der in einer M├╝lltonne w├╝hlte. Das Aussehen des Mannes signalisierte mir, dass er h├Âchstwahrscheinlich nach etwas Essbarem stocherte. Immer, wenn ich Menschen sehe, die in einer M├╝lltonne nach Essbarem suchen, geht es mir schlecht. Deshalb entschloss ich mich, dem Mann zu helfen.
Ich lief zu der nahegelegenen Discount-W├╝rstchenbude in der unteren Kortumstra├če und kaufte zwei Bratw├╝rstchen mit Senf und Br├Âtchen. In die eine biss ich herzhaft und lustvoll, die andere trug ich zu dem w├╝hlenden Penner. Da dieser sehr eifrig arbeitete, bemerkte er mich nicht sofort. Ich tippte ihm daher auf seine schmutzige Schulter. Verdutzt hielt er inne und wandte sich mir dann langsam zu. Ermunternd hielt ich ihm das Discountw├╝rstchen entgegen. Wie zur Best├Ątigung biss ich noch einmal kr├Ąftig in meines. Der Penner drehte sich nun vollends zu mir; er machte aber keine Anstalten, sich das Dargebotene zu nehmen. Das war mir sehr unangenehm und deshalb sagte ich etwas barsch:
"Hier, nimm.!"
Doch er dachte nicht daran. Stattdessen stemmte er seine F├Ąuste in die H├╝ften und blickte mich vorwurfsvoll an.
"Was denken Sie sich? Glauben Sie wirklich, ich nehme diese Wurst?" Ich muss zugeben, ich war etwas verwirrt. Da mir nichts Besseres einfiel, sagte ich: "Ich dachte, sie h├Ątten Hunger." "Nat├╝rlich habe ich HungerÔÇť, antwortete der Penner, ÔÇ×deshalb nehme ich doch nicht von jedem Dahergelaufenen Essen an." Das 'Dahergelaufen' kr├Ąnkte mich zutiefst. Ich bemerkte, wie ich seine Wurst w├╝rgte, so dass mir der Senf die Hand hinunterlief. Da mir nichts Besseres einfiel, hielt ich ihm die senfbeschmierte Hand noch einmal hin und brummte so jovial wie m├Âglich:
"Hier, nimm schon."
Um uns herum blieben die ersten Passanten stehen und blickten uns mit seltsamem Gesichtsausdruck an. Ich stellte mir vor, wie merkw├╝rdig es in diesem Moment aussehen musste, wenn ich mit meinem Konferenzanzug diesem verlausten Penner meine senfbeschmierte Hand hinhalte, w├Ąhrend dieser mit beiden H├Ąnden Ablehnung signalisierte. Ich mochte mir nicht die Blamage ausmalen, wenn just in diesem Moment einer meiner Gesch├Ąftsfreunde die Kortumstra├če herunterspaziert w├Ąre und mich in dieser dem├╝tigenden Pose beobachtet h├Ątte.
Der Penner aber spuckte vor mir aus und sagte:
"Pfui Deibel, wei├čt du eigentlich, was du da von mir verlangst?" Ich wurde w├╝tend und klatschte das Br├Âtchen mit der Wurst auf die Stra├če.
"Wenn es dir besser gef├Ąllt im M├╝ll zu w├╝hlen, dann m├Âchte ich dich nicht aufhalten." Die Augen des Penners nahmen mit einem Mal einen g├╝tigen Ausdruck an.
"Verstehen Sie mich recht", sagte er in sanftem Ton, "meine Situation habe ich mir brav erk├Ąmpft. Ich hatte auch schon einmal einen solchen eleganten Anzug getragen wie Sie, aus dem Vollen gesch├Âpft, geschlemmt und gesoffen. Ich musste nicht auf ┬┤s Geld schauen; es hatte eigentlich immer gereicht. Wenn ich besonders gut gelaunt war, habe ich einem Stadtstreicher einen Fuchs gegeben. Oder auch ÔÇÜ ┬┤ne Mark. Ich habe mich immer gut gef├╝hlt dabei. An besonderen Tagen, in der Regel vor Weihnachten, war ich besonders gro├čz├╝gig; dann habe ich einem Penner auch schon einmal ein F├╝nfmarkst├╝ck in die Hand gedr├╝ckt und ihm gesagt: ÔÇÜHier, du sollst auch nicht leben wie ein Hund.ÔÇÖ Ich habe einen Stadtstreicher erlebt, der mir nach einer solch gro├čm├╝tigen Spende die Hand gek├╝sst hat. Nat├╝rlich war mir das etwas unangenehm, wie jedem braven B├╝rger. Es gab aber auch Zeiten, da konnte man mein Mitgef├╝hl nicht r├╝hren. Da mag der Bettler noch so elend ausgesehen haben. Wenn er jung war, sagte ich ihm, dass er arbeiten k├Ânne, einem Alten bin ich lieber aus dem Weg gegangen. Ja, meine Gaben waren ein Ausdruck meiner Launen. Man kann sagen, ich war so eine Art Gott f├╝r die Bettler.
Doch dann kam der Tag, an dem ich mit einem Schlag alles verlor. Sagen wir zu meinen Gunsten: ich geriet unverschuldet in Not. Nach ein paar fruchtlosen Aufb├Ąumungsversuchen gegen mein Schicksal landete ich letztendlich dort, wo ich heute bin. Nichts konnte ich behalten, nur meinen Stolz, und dieser verbietet es mir, etwas von Leuten wie dir anzunehmen."

"Findest du es denn besser im M├╝ll zu w├╝hlen, um etwas Essbares zu finden?", fragte ich etwas hilflos. Doch der Penner setzt dagegen:

"Seit wann ist es erniedrigend, etwas zu tun um zu essen. Du w├╝rdest doch auch einem Schwein nicht sagen, es sei erniedrigend, im Schlamm nach Tr├╝ffeln zu suchen. Es geht dir doch gar nicht darum, mir zu helfen, damit ich mich besser f├╝hle. Nein, es ist nicht dein Problem, was ich f├╝hle. Vielmehr geht es f├╝r dich darum, was du f├╝hlst, wenn ich dein ungesundes Br├Âtchen angenommen h├Ątte. Mich w├╝rde es nicht weiterbringen; ich m├╝sste morgen doch wieder hier graben. Es ist aber auch nicht meine Aufgabe, etwas zu tun, damit du dich gut f├╝hlst. Ich habe genug damit zu schaffen, mir etwas Gutes zu tun. Deshalb konnte ich dein Wurstbr├Âtchen nicht annehmen. Ich h├Ątte dir dankbar sein m├╝ssen, obwohl du das doch nur f├╝r dich selbst tust. Doch nun entschuldige mich, ich muss arbeiten."

Er b├╝ckte sich und hob das Br├Âtchen sowie die einen halben Meter daneben liegende Wurst auf; dann legte er sie zur├╝ck in das Br├Âtchen und biss gierig hinein.
Er ging weiter, ohne sich noch einmal umzudrehen.

┬ę Erich Romberg, Oktober 2000

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flammarion
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boh eh!

was ne geschichte! echt umwerfend. und bestechend logisch - der dieb nennt sein tun ja auch arbeit! mach mal so weiter. ganz lieb gr├╝├čt
__________________
Old Icke

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leonie
Guest
Registriert: Not Yet

wow

Toll geschrieben. Auch menschen die nichts besitzen, haben ihre Stolz, auch wenn wir das nicht immer verstehen.
liebe gr├╝├če leonie

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