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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Phantast
Eingestellt am 26. 12. 2011 19:08


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maik-maier
Wird mal Schriftsteller
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halli hallo,
hier mal wieder ein beitrag von mir, ich freue mich ĂĽber jeden kommentar!

viele grĂĽĂźe
der maik

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Der Phantast



Franz war fast genau dreißig Jahre alt, wohnte in einer kleinen Wohnung nahe des Stadtzentrums und arbeitete für einen „Begleit- und Erlebnis-Service“. In dieser Tätigkeit holte er Touristen oder Geschäftsleute vom Flughafen ab, regelte alle Beschwerden in ihrem Hotel und führte sie bei Interesse zu den drei, vier Sehenswürdigkeiten, die man gemeinhin mit der Stadt verband. Er hatte sich um alle Kunden zu kümmern, die in den Hotels „Deutscher Palast“, „Gala Metropol“ oder „Royal Highness“ abstiegen. Obwohl ihm also seit Jahren nur die billigen und unansehnlichen Quartiere zugewiesen waren, war es der Ehrgeiz von Franz, seine Aufgaben mit Verlässlichkeit und Einsatz zu erfüllen. Kam ein Anruf von seinem Chef, hetzte er zum Flughafen, ließ sich auf dem Weg dorthin noch über das vorgesehene Programm informieren und begrüßte den Gast dann mit einem fein über seine Wangen gleitenden Lächeln.
Am diesem Abend passierte Franz gleich zu Anfang, was er am meisten hasste. Er kam zu spät, weil sein Taxi im Stau vor einer Baustelle festgesteckt hatte. Er hatte geflucht, dem Chef eine Nachricht geschrieben und immer wieder auf die Uhr geguckt. Endlich hielt dann das Taxi vor der Empfangshalle. Er sprang aus der Tür, überlegte kurz, sprang dann zurück in den Wagen, um sein Köfferchen zu greifen und wenig später glitt er durch die automatischen Türen der Halle. Den Flug, mit dem der Gast gekommen sein musste, konnte er auf der Anzeigetafel nicht gleich finden. Da tippte ihn jemand von hinten auf die Schulter. Franz drehte sich um und vor ihm stand nun ein ungepflegt langhaariger Mann mit Brille, der seine leeren Hände lachend gegen das Deckenlicht hob. Kein Gepäck, dachte Franz mit Widerwillen, das ist sicher ein Künstler. „Warten sie auf den Begleit- und Erlebnis-Service?“, fragte er dann prüfend, während sich über sein Gesicht schon ein Lächeln ausbreitete. Der Fremde nickte darauf so enthusiastisch, dass Franz dies etwas unheimlich vorkam. „Mein Name ist Franz Bauer“, sprach er dann routiniert weiter. „Ich werde sie bei ihrem Aufenthalt…“, weiter kam er nicht. Mit seinen erhobenen Armen stürzte der Fremde auf Franz zu und umschlang ihn, so dass ihm die Luft weg blieb.
„Franz Bauer“, wiederholte der Fremde jauchzend. Franz musste sein Köfferchen auf den Boden stellen, um die heftigen Freudenbekundungen des Fremden abzuwehren. Dessen Lachen wurde umso breiter, je verständnisloser Franz guckte. „Ich bin Harald Schneider“, rief er dann. Der Fremde grinste über das ganze Gesicht und wackelte dazu bedeutungsvoll mit seinen Ohren. Franz wich ungläubig einen Schritt zurück. Plötzlich war ihm klar, wer da tatsächlich vor ihm stand. Nachdem er noch einmal seinem Chef eine SMS geschrieben hatte, griff er seinen Gast unter den Arm und führte ihn zum Taxistand. Franz hätte nun normalerweise das Tourprogramm referiert. Stattdessen schwieg er und hörte zu, wie sein Gast unaufhörlich über sich selbst und Franz redete. Während das Taxi über die schon abendlich leere Stadtautobahn fuhr, schwärmte der Fremde von ihrer gemeinsamen Schulzeit.
Franz und Harald hatten zusammen ein Landgymnasium besucht. Wenn sie nicht mit dem Fahrrad umherfahren konnten, hatten sie sich in dem kleinen Ort oft zusammen gelangweilt, Geschichten gesponnen und Unfug in Häusern und Gärten der Umgebung getrieben. „Erinnerst du dich noch an den alten Wandraczek?“, fragte Harald. Franz fiel verschwommen das Bild des dicken Buchhändlers wieder ein, der seinen Laden direkt neben der Friedhofsmauer gehabt hatte und seinen Lebenserhalt mit Schulheften und Ansichtskarten kaum hatte bestreiten können.
Im dunklen Taxi stieß Harald den wiederentdeckten Freund mit dem Finger in die Seite: „Wandraczek, der Bücherfresser! Wenn er mit seinem Bauch hinter dem Tresen steht und verächtlich Schreibzeug verkauft, kann er es kaum abwarten, bis der Laden wieder leer ist. Er leckt sich beim Kassieren schon die Lippen und sobald die Türglocke ertönt, wendet er sich schmatzend zu seiner Büchernische um. Geht man auf der Straße vorbei, kann man nur seinen fetten Rücken sehen, aber hinter dem verstaubten Fensterglas greift er gierig nach den in der Nische hochgestapelten Büchern. Seine von Spucke glänzenden Zähne beißen in das bedruckte Papier. Er kaut und kaut mit vollen Backen, schmatzt und leckt sich die von Druckerschwärze dunkel gefärbten Lippen. Er verschlingt dicke Wälzer, Abenteuergeschichten und druckfrische Thriller. Zwischendurch knuspert er mit spitzen Zähnen einen schmalen Gedichtband, um danach den nächsten fettleibigen Roman herunter zu schlingen. Langsam stillt sich sein Hunger, aber der Appetit und die Lust an gedruckten Wörtern sind so groß, dass er weiter frisst. Er stopft jetzt nur noch die saftigsten Seiten in sich hinein, Absätze, Kapitel, Illustrationen zerkaut er, wälzt sie satt zwischen den Backen und schluckt sie dann als dicken Brei hinunter. Buchrücken und Deckel lässt er als ausgefressene Rinden in den großen Eimer fallen, auf dem „Remittende und Retour“ steht. Zum Schluss rülpst er, streicht mit der Hand über das fette Gesicht und dreht sich wieder zum Tresen um. Ein paar Kunden verkauft er dann ihre Briefmarken, aber in seinem Grinsen hängt schon die Vorfreude auf die nächste Schlemmerorgie!“ Wie beschwörend rief Harald diese Sätze in den Lärm des Motors hinein.
Das Taxi hielt vor einer Ampel und Franz blickte auf die in gelbes Licht getauchte Silhouette seines Gastes. Seit Jahren hatte er an den kleinen Buchladen nicht mehr gedacht. Als Jugendliche hatten sie sich dort ihre Schulhefte gekauft und einmal aus einem verlockend herumliegenden Paket einen Stapel erotischer Postkarten gestohlen. Der alte Buchhändler Wandraczek war im Ort viel für eine schmerzhafte Krankheit bemitleidet wurden, die hatte seinen Lippen stets einen schwärzlichen Schimmer gegeben. „Was für eine wirre Geschichte!“, rief er in das abflauende Motorengeräusch hinein und erschrak sofort, in welchem Ton er gerade zu einem seiner Kunden gesprochen hatte.
Harald sah ihn mit gelb glänzenden, vorwurfsvollen Augen an: „Aber du warst es doch, der uns damals vom bücherfressenden Wandraczek erzählt hat! Wandraczek, wie er sich sein fettes Maul voll Bücher stopft.“ Schnell hatte Haralds Stimme ihren schwärmerischen klang wiedererlangt. „Die Geschichte hatte meine Fantasie so gereizt, wie wenig danach. Ohne sie wäre ich vielleicht nie zu meiner Arbeit für das Fernsehen gekommen.“
Das Taxi hielt vor dem abgewetzten roten Teppich des „Gala Metropol“. Franz bezahlte die Fahrt mit einer Kreditkarte und faltete den Beleg dann sorgfältig für die Buchführung des Chefs zusammen. „Wir haben für Sie das allerbeste Zimmer ausgewählt. Von allen Räumen liegt es am weitesten vom Küchentrakt entfernt.“ Dann, nach einem zögernden Blick auf Harald, der angestrengt in seinen Manteltaschen kramte: „Dort oben können wir uns ja noch ein bisschen über die alte Zeit unterhalten.“
Harald sah auf, nickte Franz aufmunternd zu und drückte gleichzeitig dem auf den Teppich heraustretenden Nachtportier eine Euromünze in die Hand. „Arbeitest du eigentlich immer noch an deinem selbstgebauten Roboter, Franz? Der, der ein unzerstörbares Stahlskelett hat und als Hülle die warmen, weichen Formen einer Frau?“, seine Brille funkelte lachend unter der Neonreklame des Hotels.
Nur kurz errötete Franzns Gesicht. Er gab seinem Blick etwas Verständnisloses und Harald zog ihn am Arm weg vom Eingang und dem Portier, hinein in die Straßen voller Bars und durchgehend geöffneter Tankstellen. Die ganze Zeit redete Harald, die höflichen Einwände von Franz über das zeitig startende Programm des nächsten Tages nicht beachtend, über all die bizarren Sachen, die seine Gedanken beherrschten. Etliche, lebhaft beschriebene Erlebnisse fielen Franz tatsächlich wieder aus seiner Jugend ein. Während er das ständig redende Gesicht unter der glänzenden Brille betrachtete, war er sich aber sicher, dass er diese übergeschnappte Person noch nie in seinem Leben getroffen hatte.
Sie stiegen in einen U-Bahnhof hinab, auf dessen immer noch belebten Bahnsteig ein schmaler Kiosk Zeitschriften, Getränke und Tabakwaren verkaufte. Als Harald ihn um Kleingeld für Zigaretten bat, gab Franz ihm einen Schein und erlaubte es sich dann, allein am Gleis zu warten. Vor ihm hielten in schnellem Takt die Züge und spieen Leute aus. Für jede zweite Bahn war dies die Endstation, das wurde stets mit blecherner Stimme durch den Lautsprecher ausgerufen. Eine Signalhupe ertönte und schließlich fuhr der geleerte Zug ratternd in den schwarzen Tunnelmund hinein. Eigentlich müsste er heute Abend noch eine Spesenabrechnung machen, überlegte Franz. Wieder fuhr ein Zug ein, die Leute stiegen aus, viele Touristen blickten unsicher auf einen Netzplan in ihren Händen und verteilten sich dann über den Steig. Franz blickte auf die Alarmleuchten und sah zu, wie die Türen sich langsam schlossen. Im letzten Moment riss ein bärtiger Mann neben ihm seinen Kopf hoch. Er machte einen langen Satz und quetschte seinen Körper gerade noch zwischen den sich schon fast berührenden Türen hindurch. Einen zerdrückten Plan in der Faust stand der Bärtige zwischen den verlassenen Bänken des Zuges und blickte heraus. Der Zug fuhr an und verschwand im Tunnel.
„Wie unheimlich!“, rief Harald, der unbemerkt hinzu getreten war. Franz antwortete nicht. Ihn lähmte die Überraschung, dass der Andere exakt seinen Gedanken ausgesprochen hatte. In einer Seitenstraße in der Nähe führte er seinen Gast dann in ein Restaurant, dass er öfters für Geschäftsessen verwendete und in dem sie nun Bier und Schnaps bestellten. Harald sprach ungebremst weiter, von seiner Arbeit beim Fernsehen, von Serien die er entwickelt hatte und von Projekten, die für den Bildschirm zu gewagt wären. „Noch zu gewagt. Ich arbeite zum Beispiel an einer Komödie über das Kennedy Attentat. Ich zeige die Filme, die von all den Schaulustigen am Straßenrand aufgenommen wurden, von Zapruder und Muchmore und Bronson. Man sieht darauf immer wieder die Frau mit Kopftuch und beigem Mantel, wie sie aufrecht stehen bleibt und ihre Kamera laufen lässt, als alle anderen sich unter den Schüssen ducken. Ihre Aufnahmen allein hätten den Hergang eindeutig klären können, aber ein Film aus ihrer Perspektive ist nie aufgetaucht. Die Frau mit dem Kopftuch ist nach dem Attentat einfach verschwunden, das ist der Witz!“ Harald machte beim Sprechen eine Pause, die gerade lang genug war, um einen Schnaps zu schlucken. „Den Mehrteiler Feuersturm der Liebe hast du doch bestimmt im Fernsehen gesehen, oder?“
Franz nickte höfflich. In Gedanken hatte er die Zeit abgeschätzt, die sie zurück zu Haralds Hotel brauchen würden. Jetzt streifte ihn die Erinnerung an eine Serie, von der vor ein paar Monaten alle gesprochen hatten. Ein Film über ein hübsches, langhaariges Mädchen, das sich nicht entscheiden konnte, ob sie sich vom exotischen Playboy verführen lässt oder ihrem tollpatschigen Nachbarsjungen treu bleibt, das alles eingebettet in die Szenerie eines verfallenden Provinzkaffs.
Haralds Augen glänzten. „Es war eins meiner besseren Stücke. Ist dir die spezielle Atmosphäre gleich aufgefallen? Der abgelegene Ort, indem die Landstraße als Sackgasse vor einer Schieferklippe endet, die aufragende Burg darüber, der Feuerwehrverein als Machtzentrum des Ortes, dass die Hauptfiguren mehrmals auf Alice im Wunderland anspielen, es muss dich doch gleich mitgerissen haben, oder?“ Franz blickte verständnislos und Harald setzte sein Bierglas so kraftvoll ab, dass Schaumflocken über den Tisch flogen. „Hast du es wirklich nicht wieder erkannt? Ich habe die Geschichte verfilmt, wie du damals Silvia Becker von diesem Schnösel aus Neustadt zurückgewinnen wolltest. Die Szene wie du immer wieder betrunken mit deinem Roller um ihr Haus herumgefahren bist, habe ich nie vergessen!“
Franz verschluckte sich an seinem Bier. Er hustete und spuckte schaumige Tropfen, da legte sich auf einmal eine weiche Hand auf seine Schulter. Er drehte sich um und zwei Frauen standen hinter ihm, mit auffallend großen Brüsten, nicht mehr ganz jung, aber mit aufwendig frisierten, blonden Haaren. Mit einem Mal stand auch Harald neben ihnen und setzte sie, zwei Stühle zurechtschiebend, an ihren gemeinsamen Tisch. Zwei Gläser Sekt, die der Kellner fast gleichzeitig auf den Tisch stellte, mussten schon vorher bestellt worden sein.
„Hi“, sagten die Mädchen lächelnd. Franz blickte sie verständnislos an. „Ich bin Patrizia und ich bin Monika. Habt ihr zwei Jungs für heute Abend schon was vor?“
Harald lachte laut auf und ohne erkennbaren Grund lachten die Damen mit. „Gerade ist mir ein Gedanke gekommen“, sagte er, während er das Glas hob und auch Franz mechanisch seinen Arm ausstreckte, „ich stelle mir vor, dass sie, meine zwei Damen, sich durchaus als eine entflohene Prinzessin und ihre Zofe entpuppen könnten. Sie stammen vielleicht aus einem großen, dunklen Herrenhaus, das in den Wäldern um die Stadt verborgen liegt. Das kurzweiligste Amüsement für sie war es dort, beisammen zu sitzen und sich Geschichten über ferne Länder auszudenken. Aus Katalogen haben sie üppige Kleider auf das Anwesen bestellt, zusammen anprobiert, geschnürt und der Anderen in allen Pose präsentiert. Weil dabei jede von ihnen all die fürstlichen Kleider getragen hat und sie beide von so üppiger Schönheit sind, wissen sie nun selbst nicht mehr, wer Prinzessin und wer Zofe war und sind von ihrem öden Landsitz geflohen, um nach den Kleidern nun auch die bezaubernden Orte dieser Welt gemeinsam zu probieren. War es nicht so? Sind sie darum in diese Stadt gekommen?“
Die Mädchen kicherten, während sie mit ihren Stühlen näher an Franz und Harald heran rückten und in einer eleganten Bewegung das Glas zum Mund führten.
Franz sprang auf und sofort stockte die Atmosphäre am Tisch. Drei Augenpaare sahen ihn an. Er wusste, wenn er diese Sache jetzt nicht energisch unterband, würde der Abend einen nicht mehr zu haltenden Lauf nehmen. „Wir müssen in dein Hotel, Harald!“ Sprach er mit zu lauter Stimme. Nach kurzem Zögern verbesserte er dies, „wir müssen allein in dein Hotel!“ Dann wurde er rot und verbesserte noch einmal zu: „Du musst allein in dein Hotelzimmer!“ Niemand antwortete darauf. Eine der Frauen kicherte unsicher in die Stille hinein. Franz setzte sich umständlich wieder auf seinen Stuhl und wenige Augenblick später waren die Damen verschwunden. Erleichtert blickte Franz so auf die Uhr an seinem Handgelenk, dass Harald es nicht übersehen konnte.
Nun sprang Harald seinerseits vom Tisch auf: „Meine Brieftasche!“. Die ungepflegt langen Haare wogten um seinen Kopf und er tastete hektisch seine Taschen ab, „Mein Handy, mein goldenes Feuerzeug!“ Seine Brillengläser funkelten zu der Tür, durch die die zwei Mädchen verschwunden waren. „Sie müssen es geklaut haben!“ Franz sprang darauf ein zweites Mal von seinem Stuhl. Sie hetzten beide durch die Tür und ließen einen Tisch mit halb geleerten Gläsern und einem vollen Aschenbecher zurück. Der Wirt hinter der Theke blickte ihnen überrumpelt nach.
Draußen waren die Frauen nirgendwo zu sehen. Aber Franz hörte schnelle Schritte aus einer Seitenstraße. So rannten sie in die dunkle Gasse hinein. Sie sprangen über einen Stapel Müllsäcke, bogen um eine enge Kurve und standen dann plötzlich vor einem verschlossenen Eisentor. Gasse und Fenster um sie waren unbeleuchtet. Beide blickten überrascht auf die Umrisse des Tores vor ihnen und den dunklen Glanz der Fensterscheiben links und rechts. Sie waren von drei Seiten umschlossen.
Harald zündete sich mit einem blauen Plastefeuerzeug eine Zigarette an. Eine der Fensterscheiben rasselte. Durch die folgende Stille beeindruckt, sprach er leise: „Eigentlich hatten die Mädels mir gar nichts geklaut.“
„Waaaas?“ Das Echo von Franzens Stimme hallte überrascht durch die Gasse.
„Ein goldenes Feuerzeug hab ich nicht und Geld stecke ich immer direkt in die Hosentaschen. Aber du hättest die Zwei sonst doch ziehen lassen!“
Auf dem Gassenpflaster begann Franz auf und ab zu laufen, schüttelte den Kopf und war nicht fähig, seine Erregung gleich in Worte zu fassen: „Ich glaub es nicht! Ich glaub es nicht! Ich glaub es nicht! Kein Kunde hat mich je so… Wir haben uns Jahrzehnte lang nicht gesehen und dann tauchst du plötzlich auf und behauptest wir würden uns kennen. Dann lachst du irgendwelche Nutten an und behauptest die hätten dir Sachen geklaut und nun sagst du plötzlich, du hast all deine Sachen noch bei dir…“ Franz blieb stehen, den Mund hatte er noch weit offen, aber er sprach nicht mehr weiter. Ein siedend heißes Gefühl breitete sich von seiner Stirn in Richtung Magengegend aus. Er hatte sein Handköfferchen vergessen! Irgendwo zwischen dem Flughafen und dieser schäbigen Gasse hatte er ihn liegen lassen. Alle Arbeitsnachweise des letzten Monats waren darin gewesen, sein Firmenausweis, Sonderschlüssel für mehrere Hotels. Den verdammten Koffer selbst hatte ihm der Chef als Arbeitsmittel ausgehändigt! Franz machte einen Schritt nach vorn doch zu zugleich lähmte ihn das Gefühl, dass es aussichtslos wäre, jetzt noch nach dem Koffer zu suchen. Wieder klirrte eine Scheibe. Franz blickte auf Haralds Umrisse, der mit wehenden Haaren, wie aufgelöst, in der Dunkelheit stand.
In einer Haustür direkt neben ihnen flammte eine Glühbirne auf, ein Schloss knackte. Die Tür öffnete sich und warf einen Halbkreis gelben Lichtes auf das Pflaster. Hinter ihrem Rücken ragte das verriegelte Tor auf, vor ihnen lag nun der Schein der offenen Tür. Franz konnte erkennen, dass Haralds Lippen sich bewegten. Nach scheinbar langer Stille hörten sie aus der geöffneten Tür heraus ein Kichern und zwei blonde Gestalten traten in das Licht.
„Da sind sie!“, rief Franz und zerrte Harald an seinem Ärmel mit.

Am nächsten Morgen erwachte Franz dann von einem stechenden Gefühl in seinem Rücken. Er drehte sich auf einer billigen Matratze und stellte fest, dass er auf einem Schnapsfläschchen gelegen hatte. Der Raum um ihn war leer, nur an der gegenüberliegenden Wand griente ein blonder Kopf auf einem großen Farbfoto. In dem verlebten Gesicht zogen sich die Mundwinkel steif in die Höhe und die linke Seite des Bildes wirkte schartig, wie abgerissen. Harald war verschwunden.
Erst Stunden später, gegen Nachmittag hatte er sich umgekleidet, rasiert und fühlte sich wieder wie ein vertrauenswürdiger Geschäftsmann. Seine Finger strichen unruhig einige Male über die Tasten des Telefons, dann tippten sie die Nummer des Chefs: „Guten Tag, ich bin es. Ich weiß ich hätte mich schon lange melden sollen, aber… Ich war verhindert. Nachdem ich gestern zum Flughafen gefahren bin…“
Vom anderen Ende der Leitung kam gedehnt die Antwort: „ Zum Flughafen?“
Franz stockte. Mit einem Mal fügten sich die Bilder, des letzten Abends in seiner Erinnerung nicht mehr zu einem stimmigen Ganzen zusammen. „Ich denke“, fuhr er schließlich fort, „ich konnte jedenfalls einige viel versprechende Geschäftsbeziehungen knüpfen. Ich habe Bekanntschaften gemacht, die sich als vorteilhaft erweisen könnten, sehr vorteilhaft!“ Er redete schneller. Der Chef kam so gar nicht dazu, Fragen zu stellen und Franz fielen plötzlich Dinge wieder ein, die er vor wenigen Momenten noch als abwegig bezeichnet hätte. Er beschrieb sich und die potentiellen Kunden treffend und originell. Schnell begeisterte es ihn selbst, sich auszumahlen, was zwischen solchen Figuren sich alles entspinnen konnte. Der Vorteil seiner Arbeit für die Firma war präsent, anschaulich beschrieben, dabei aber mehrdeutig genug, dass für die Zukunft vielfältige Möglichkeiten offen blieben. Erschöpft und befriedigt stieß Franz den Atem aus, als er schließlich endete: „…So konnte ich durch das Opfern des Köfferchens die Aussichten unserer Firma vielleicht entscheidend verbessern!“
Der Chef am anderen Ende ließ hörbar seine Lippen auseinander schmatzen. „Ein Kunde wartet schon auf sie am Bahnhof! Ihren schriftlichen Bericht erwarte ich dann später.“ Als er glaubte, die Verbindung schon unterbrochen zu haben, sprach der Vorgesetzte noch zu sich: „Wieder eine phantastische Geschichte.“

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