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Leselupe.de > Humor und Satire
Der Postkartenmacher.
Eingestellt am 02. 07. 2003 10:31


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pleistoneun
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Der, wie er selbst von sich behauptete, geniale Postkartenmacher war heute wie gestern ideenlos. Die sonst so flink geschwungene Postkartenfeder lag heute unbenutzt neben der leeren Formatkarte, die er zu gestalten hatte. Wenn ihm heute nichts einfiele, w√ľrde er unweigerlich rausgeschmissen, denn es warteten genug Jungpostkartenmacher auf diesen Job.

Seite 1876 machte Anton t√§glich eine neue Postkarte, das verlangte der Verlag. Gut, dass er damals im Jahre 1903 sogar zwei an einem Tag gemacht hatte, denn diese Reservekarte konnte er gestern als Ersatz f√ľr seine Ideenlosigkeit einsetzen. F√ľr heute gab es keine Reservekarte. Ihm musste unbedingt wieder etwas einfallen. Anton nahm seine antiquierte Postkartenfeder, tauchte sie ins Tintenf√§sschen und setzte die Feder zum satten Striche an. Nichts. Er wusste nicht wo er ansetzen sollte, so ganz ohne Vorstellung und ohne Anhaltspunkt. Die Versagensangst trieb ihm den Schwei√ü auf die Stirn. Noch nie hatte sich der geniale Postkartenmacher in einer solch gro√üen Gedankenarmut befunden und in seiner Geistlosigkeit griff Anton nerv√∂s nach dem Fleckentuch, mit dem er sich den Angstschwei√ü aus dem Gesicht wischen wollte. Bei dieser unbedachten Bewegung stie√ü er das Tintenf√§sschen um und der Inhalt ergoss sich akkurat auf seine Karte. Um das Schlimmste zu verhindern, klappte Anton schnell die Karte zu, doch war es genau diese Handlung, die die Sache noch verschlimmerte. Denn jetzt hatte er eine geknickte Karte und auf beiden H√§lften einen grauenhaften Tintenklecks.

Alles aus. Das wars. Anton war am Ende. Der Verlag h√§tte kein Verst√§ndnis f√ľr Unf√§lle dieser Art und man w√ľrde ihm keine Ersatzkarte schicken. Anton erhob sich langsam vom Tisch. Und als er so dastand und auf seine Karte blickte, bemerkte er, dass der Klecks die Umrisse eines Vogels hatte und das in doppelter, spiegelverkehrter Ausf√ľhrung. Diesen hohen Grad an √úbereinstimmung und Pr√§zision h√§tte er nicht mal geschafft, wenn er es beabsichtigt h√§tte. Anton hing die Postkarte zum Endtrocknen auf, packte sie mutig ins Kuvert und schickte sie an den Verlag.

Die Karte war ein Kn√ľller, ein Verkaufshit, so etwas hatte es am Postkartenmarkt noch nicht gegeben. Man riss sie f√∂rmlich den Trafikanten an den Kiosken aus den H√§nden. Anton legte von nun an die Feder beiseite und wurde Tintenfassschwinger. So brauchte er keine gro√üartigen Ideen mehr, nur noch einen eleganten Schwung aus dem Handgelenk. Erfolg schien ihm f√ľr alle Zeit beschieden und jede Karte war irgendwie anders.

Aber gerade diese Andersartigkeit der Kleckse war Anlass f√ľr viele Uneinigkeiten und Missinterpretationen der Menschen. Jene, die beim Umriss eines Vogels ein Kindesgesicht sahen, erkannten im Schl√ľssel eine Kaffeetasse und jene, die den Baum als Pilz lasen, meinten bei der Blume eine Palme zu entdecken. Es gab Verwirrungen bei all jenen, die das Postkartenmotiv aus bestimmtem Anlass verschickten. So bekamen Trauernde eine Schere als Zeichen der Seelennot und kein Kreuz und frisch Verm√§hlte als Nachwuchswunsch eine Gie√ükanne. Viele Gl√ľckwunschkarten wurden aus √Ąrger √ľber die Wahl des unp√§sslichen Bildes zerrissen und man reagierte, indem man ebenfalls beim Kauf einer Postkarte ein m√∂glichst gr√§ssliches Motiv w√§hlte, was beim Empf√§nger aber nicht die gew√ľnschte Abneigung ausl√∂ste, sondern durchaus Freude und Begl√ľckung. Diese Missverst√§ndnisse trennten Paare, ewirkten Peinlichkeiten, verursachten Streitigkeiten und f√ľhrten sogar zum 1. Weltkrieg. Denn die Botschaft der Karte, womit man den kaiserlichen Thronfolger in Sarajewo begegnen sollte, wurde - wie so oft und auch in diesem Fall - falsch ausgelegt. Denn die Abbildung eines Zepters der Freundschaft war kein Messer.

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strumpfkuh
???
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Lieber Pleistoneun,
Spitze! Vor allem die √úbertragbarkeit auf andere K√ľnste!
Jaja, die Mißverständnisse...
H√§tte nur gehofft, du bietest am Ende noch eine L√∂sung, f√ľr die unl√∂sbare Situation (Der Wiederspruch hier ist beabsichtigt).
LG
Doro

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pleistoneun
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Der gute alte Rorschach.

Naja, eigentlich wollte ich ja auf den wohlbekannten Rorschach-Test anspielen, der dazu dient, unsere inneren Gedanken durch die Interpretationen festzumachen. Aber da dieser Test wohl sehr unbekannt ist, wäre die Pointe (POAANTE!) in die Latzhose gegangen. Deshalb eine Notlösung mit dem 1. Weltkrieg, ich glaub, so oder so ähnlich hat es sich zugetragen.

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