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Leselupe.de > Humor und Satire
Der Prothesenfriedhof.
Eingestellt am 30. 07. 2003 09:31


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pleistoneun
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Mit nur einem Arm und einem Bein f├╝hlte sich Alfons heute Morgen etwas einseitig und musste auf den Vorzug der Beidarmigkeit verzichten, den man hat, wenn man beispielsweise den Zucker im Kaffee verr├╝hrt, w├Ąhrend man auf der Veranda lehnt. Er machte das gerne mal, so rausgehen auf die Veranda mit einer Tasse Kaffee in der Hand und den Morgen begr├╝├čen. Bei einem Verkehrsunfall vor gut zwei Jahren verlor Alfons wie auch seine Frau als Sozius seinen linken Arm und sein linkes Bein. Aber nicht der Unfall selbst war daran schuld, sondern die Feuerwehrleute, die die Insassen aus dem Fahrzeug schnitten. Nat├╝rlich erhielten sie vom Krankenhaus modische Prothesen, damit sie ihren Alltag bew├Ąltigen konnten, doch waren diese neumodernen Ger├Ąte st├Ąndig reparaturbed├╝rftig und mussten oft f├╝r mehrere Wochen eingeschickt werden.

"Steh auf, alte Schachtel", rief er zu seiner Herzensliebe ins Haus und schl├╝rfte einh├Ąndig seinen ungezuckerten Kaffee auf der Veranda. Man h├Ârte eine brummende Frauenstimme, die meinte, sie h├Ątte dieses eben getan und w├╝rde sich bereits fertig machen f├╝r die Arbeit. Danach kam unverst├Ąndliches Gemurmel, worauf er annahm, sie w├╝rde ihn wieder beschimpfen. Das pensionierte Ehepaar Alfons und Edith Teigfu├č unterhielt eine heruntergekommene Landwirtschaft ihres Nachbarn, der seit seinem Traktorunfall nicht mehr imstande war aufs Feld zu gehen. Man sagt, dass auch bei ihm die Feuerwehr etwas mit seiner Extremit├Ątslosigkeit zu tun h├Ątte. Alfons zog seinen Gummistiefel an, heute sogar den richtigen, und humpelte mit Werkzeug und Kr├╝cke von der Veranda, seine Frau hinterher. Von Weitem schon sah man das Gespann ├╝bers Feld hinken, unverkennbar ihre Art der Fortbewegung und das Gezanke, das man aus gro├če Ferne h├Âren konnte. Die Arbeit verlief dann ganz ohne Worte. Man vernahm vom Feld nur die gew├Âhnlichen Ger├Ąusche, die eine Schaufel eben macht, wenn man sie mit Schwung in die Erde steckt. Doch pl├Âtzlich war da ein anderes Ger├Ąusch. Alfons hielt inne, schaute zu Edith, die es ebenfalls geh├Ârt hatte. Es klang nach etwas Unnat├╝rlichem, hartem Kunststoff vielleicht. Schnell wurde die Stelle freigelegt und eine wundersch├Âne, fleischfarbene Prothese kam zum Vorschein. Nicht nur eine, eine zweite, eine dritte, zehn und noch mehr, ein ganzer Prothesenfriedhof lag unter ihrem Bein. "Lass und anprobieren", leuchtete Edith im ganzen Gesicht. Ja, genug Auwahl, jeden Tag eine andere, eine Prothesenleben in Saus und Braus. Wie Tiere ihre vergrabene Beute lichten, so wild und unbeherrscht sch├╝rften sie nach dem Wunder aus dem Acker. Weihnachtlich entfernten sie Dreck und Staub von den alten, aber gut erhaltenen Plastikprothesen und legten einige an, wie man Schuhe vor dem Kauf probiert.

Ma├člos griffen Edith und ihr Mann soviel sie tragen konnten, lie├čen ihre Schaufeln liegen und machten sich daran, ihre neuen Greif- und Tretbehelfe so schnell wie m├Âglich nachhause zu bringen. Ihr Anblick am R├╝ckweg war noch viel grotesker als zuvor, voll bepackt mit H├Ąnden und Beinen ├╝ber den Feldweg durch die Unterf├╝hrung zur Hauptstra├če. Man nimmt an, die vielen Kunstglieder h├Ątten ihnen die Sicht versperrt auf den herannahenden Transitlaster. Dieser meinte, alles w├Ąre so schnell gegangen, er h├Ątte nur noch Arme und Beine gesehen, als er ├╝ber die Teigfu├čs hinwegbrauste. Er war es auch, der die Einsatzkr├Ąfte alarmierte. Als erste am Unfallort war die ortsans├Ąssige Feuerwehr mit ihrem Blechschneider, der das Ehepaar befreien sollte. Alfons und Edith, mittlerweile mit Vollersatzprothesen, gaben noch zu Protokoll, die h├Ątten sich vor den scharfen Blechscheren der Feuerwehr unter den Tr├╝mmern mit H├Ąnden und F├╝├čen bis zuletzt gewehrt.
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majissa
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Lieber Pleistoneun,

ich mal wieder...

Wo nimmst du nur deine verr├╝ckten Ideen her? Das interessiert mich jetzt wirklich! Ich habe mich k├Âstlich am├╝siert mit Alfons, Edith und den Prothesen. Mittlerweile sind deine Geschichten sch├Ân rund, enden nicht mehr so abrupt und ziehen mich immer wieder an. Gerade versuche ich, mir vorzustellen, wie man mit einem halben K├Ârper an einer Veranda lehnt. Herrlich! ├ähm...ich war auch der anonyme Bewerter.

Lieben Gru├č
Majissa

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