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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Puls der Stadt
Eingestellt am 23. 07. 2010 07:23


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Christine de Marsouin
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jul 2010

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Die Luft flirrte vor Hitze an jenem heißen FrĂŒhlingstag, welcher das Versprechen auf einen wundervollen Sommer in sich barg. Ein unsichtbares Vibrieren lag in der Luft und war fast körperlich zu spĂŒren, wĂ€hrend die Stadt die Starre des Winters von sich warf und zu neuem Leben erwachte.
Der Geruch der frisch erblĂŒhten FrĂŒhlingsblumen mischte sich mit dem der Autoabgase und der Wassergischt des Brunnens am Orleansplatz.
Der Geruch von Aufbruch lag in der Luft.
Von Aufbruch in ein neues Leben.

Es war 1990 und ich war gerade 22 Jahre alt geworden. Ich war jung, ich war schön, die Welt lag mir zu FĂŒĂŸen.
Noch ahnte ich nichts von Alter, Tod und SchicksalsschlÀgen.
Noch roch ich nur den wunderbaren FrĂŒhlingsduft und spĂŒrte die mitreißende Vibration der Stadt mit all meinen Sinnen.

Ich war eigentlich gebĂŒrtige MĂŒnchnerin, wurde dem freudvollen Stadtleben jedoch im zarten Alter von elf grausam entrissen, zugunsten eines tristen, langweiligen Daseins auf dem Lande ohne jegliche kulturelle Möglichkeiten. Es gab nichts, was einen motivierte und die Jugendlichen verbrachten ihre Tage mit rumhĂ€ngen und kiffen.
Seit ich dorthin verschleppt worden war, war mein grĂ¶ĂŸter Traum die RĂŒckkehr nach MĂŒnchen gewesen.

Und nun endlich war es soweit!
Ich wĂŒrde kein Landei mehr sein, sondern MĂŒnchnerin!
Nicht trist in der langweiligen, starren Öde dieses Ortes meine Jugend vergeuden, sondern mich mitten hineinstĂŒrzen ins Leben!
In das GewĂŒhl der Großstadt, den LĂ€rm, die Lichter, die Chancen, die Abenteuer, die Partys!


Ich erinnerte mich gut an den Eindruck und die Erlebnisse meiner Kindheit in MĂŒnchen.
MĂŒnchen war nicht nur der Heimatort der Reichen und Schönen, MĂŒnchen bot so viel mehr.
Mit meinen Eltern war ich oft im Englischen Garten gewesen, einem Schmelztiegel der Generationen und Kulturen. Hier trommelten Afrikaner neben Frisbee spielenden Studenten, hier trafen wild um sich her knipsende Touristen aus aller Welt auf alte Bayern in Tracht. Der Monopteros leuchtete mit seinen weißen SĂ€ulen in der Sonne, oben im Chinesischen Turm spielte die Blaskapelle und am Seehaus konnte man direkt am Kleinhesseloher See sitzen und dabei den Elektrobooten und den fast bis zu den BĂ€nken schwimmenden Enten zusehen.
Wildfremde teilten sich bei einer „Maß“ - einem Liter Bier, mehr als das Dreifache der in Köln ĂŒblichen Menge - einen großen Biertisch und kamen so ins GesprĂ€ch, natĂŒrlich per „Du“.
Und auch eine versteckte Undergroundszene hatte es gegeben, von heimatlosen Punks, welche die Erwachsenen am Weissenburger Platz anbettelten „Haste mal ne Mark“ ĂŒber langhaarige Hippies mit Schlaghosen und Stirnband bis hin zu den ersten vampirgleichen Gothics mit weißgeschminkten Gesichtern, in ihren schillernden, an vergangene Jahrhunderte erinnernde GewĂ€ndern.
Und natĂŒrlich hatte es auch das schicke MĂŒnchen gegeben. Die großen Villen in GrĂŒnwald, den Einzug der Schönen und Reichen im P1 oder Schuhmanns. Die Promifeiern im KĂ€ferzelt auf der „Wiesn“, wie die MĂŒnchner das Oktoberfest nennen, das sie damals weitgehend den mit Lederhose und Trachtenhut als Bayern verkleideten Touristen ĂŒberließen.

MĂŒnchen, die Stadt mit der großen Bandbreite, das Millionendorf, unter dessen sauber- schicker Fassade sich einiges mehr verbirgt, als der Ruf vermuten lĂ€sst.
UnwillkĂŒrlich breitete sich ein LĂ€cheln ĂŒber meinem Gesicht aus und eine unbĂ€ndige Freude durchfuhr meinen ganzen Körper.

MĂŒnchen! Was wirst du fĂŒr mich bereithalten?


ZunÀchst machte ich mich auf ins Studentenwerk und informierte mich an der Pinnwand. Zwei Zimmer waren dort ausgeschrieben.

Die WG in Pasing befand sich in einem wunderschönen großen, sauberen Haus mit Garten und lĂ€ndlicher Idylle. Das Zimmer war riesig und hatte Aussicht auf BĂ€ume und Wiesen.
Das Zimmer am Rosenheimer Platz befand sich im fĂŒnften Stock eines alten Jugendstilhauses ohne Aufzug und war gerade mal 8 Quadratmeter groß.
Im Eingangsflur des Hauses war es höchst feudal –mosaiksteinbesetzter Boden, hochherrschaftlich anmutende, hölzerne FlĂŒgeltĂŒren, der Geruch nach Altem, fast ein wenig wie Weihrauch.
Im Eingangsflur der Wohnung war es dafĂŒr umso schĂ€biger. Dort musste man sich erst mal auf einem völlig versifften Teppich an die Wand gepresst an einem fast die ganze Breite des Flurs ausfĂŒllenden, frisch behangenen WĂ€schestĂ€nder vorbeidrĂŒcken. Es stank nach ungewaschenem Geschirr und dröhnende Musik lĂ€rmte aus jedem Zimmer.
Die 8 Quadratmeter waren sonnendurchflutet und boten die Aussicht auf ziegelgeschindelte DĂ€cher und verwinkelte Hinterhöfe, welche fast italienisch anmuteten. Winzig kleine Fenster, dazwischen gespannte WĂ€scheleinen, uralte, von Sonne und Regen verzogene FensterlĂ€dchen. Es war laut, es war klein, es war dreckig, es war mitten im Herzen, am pulsierenden Nerv der der Großstadt.

Am nÀchsten Tag zog ich in der WG am Rosenheimer Platz ein.

Mein Freundeskreis wuchs rasant. Am ersten Tag lernte ich Mono bei der Eröffnung des Flex kennen, am nĂ€chsten Tag schon verabredeten wir uns und gingen zusammen auf den großen, nur einmal jĂ€hrlich stattfindenden FrĂŒhlingsflohmarkt des BRK , dem Highlight der Flohmarktsaison auf der Theresienwiese. Dort lernten wir Ulli und Eva beim Inspizieren ausgeflippter Hippieklamotten aus Indien kennen. Zu viert zogen wir weiter in den Englischen Garten, Frisbee spielen. Uwe und Roland gesellten sich dazu und schon waren wir zu sechst. Abends im Liberty trafen wir Nicole, Claudia und Robert, im Studium lernte ich Birgit kennen, welche mir ihre Freundin Carola vorstellte. Und so ging es immer weiter. In Null Komma Nix wuchs eine riesige Clique um mich.
Wir tanzten zu den Doors im Liberty, headbangten zu den Stones im Pulverturm, ravten auf den ersten Partys einer neuen, bis dato völlig unbekannten und alles bisher dagewesene in den Schatten stellenden Szene in der Kulturstation in dichtem Kunstnebel zu wummernden BĂ€ssen. Die Sperrstunde um eins störte uns nicht. Zusammen mit anderen, noch unbekannten Übriggebliebenen zogen wir im Sommer weiter an die Isar um zu feiern und im Winter in eine Privatwohnung. Irgendwann kam jemand auf die Idee, die Sperrstundenregelung zu umgehen, indem er seinen Club -oder seine Disco, wie es damals noch hieß-, einfach sehr frĂŒh morgens öffnet. Und so ging es nach einem Sit-In bei einer Flasche Wein weiter zur After Hour um sechs Uhr morgens.
Wir lauschten den Konzerten auf den Open Airs im Theatron, Tunix und Stustaculum, schlugen uns durch Labyrinthe in die 4.Dimension auf dem jĂ€hrlichen Feierwerk-Sommerfest und trafen uns auf einem kleinen, intimen KĂŒnstlerfest namens Tollwood, fast ein Geheimtipp, das geprĂ€gt war von der Hippie- und KĂŒnstlerszene MĂŒnchens und weit darĂŒber hinaus. All jene, die die Winter in fernen LĂ€ndern verbrachten, trafen sich des Sommers hier und verkauften ihre fremdlĂ€ndisch anmutenden Waren. Wie auf einem orientalischen Bazar konnte man sich hier fĂŒhlen, wenn die Sonne sengend brannte, man dem Stimmengewirr lauschte, den Duft von RĂ€ucherstĂ€bchen in der Nase hatte und barfuß ĂŒber die unbefestigten Wege schlenderte. Man traf sich bei der von sphĂ€rischen KlĂ€ngen ummalten Edelstein-Schrottkunst des Fluidum-Museumsmachers, bei den Trommlern, beim Minutendichter oder am Stand unseres Kumpels Nick.

Ab und an besuchten wir die Schickeria im P1, in welches wir trotz der angeblich strengsten TĂŒr Europas und trotz unserer hippiemĂ€ĂŸigen Fantasiekleidung stets eingelassen wurden und wo uns hinter vorgehaltener Hand der Termin fĂŒr die nĂ€chste geheime H&S-Party zugeraunt wurde.

Wir waren hip, wir waren cool, uns gehörte die Welt. Und wir wurden scheinbar niemals Ă€lter. Jahr um Jahr verging und nichts verĂ€nderte sich groß. Alles schien wunderbar, nichts konnte dieses Leben erschĂŒttern – so schien es.

So ging das viele, viele Jahre.


Doch irgendwann fingen auch wir an zu altern.
Das Studium wich dem Beruf, das Singledasein der FamiliengrĂŒndung, durchgemachte ClubnĂ€chte gelangweilten Abenden vor dem Fernseher.
Die wilde, fantastische Partyclique meiner Jugend existiert lÀngst nicht mehr.

Heute bin ich in 42, erste Falten zeigen sich auf der Stirn, die Haut ist nicht mehr so straff, der Blick nicht mehr so leidenschaftlich sprĂŒhend wie in meiner Jugend.
Freundschaften sind zerbrochen, TrÀume begraben, Hoffnungen zerstört.

Doch etwas ist gleichgeblieben:
Der Puls der Stadt.

Ich öffne das Fenster und herein strömt noch kĂŒhle MĂ€rzluft, die jedoch ein Versprechen auf baldiges Ende des Winters in sich trĂ€gt. Sie duftet nach einem Gemisch aus Autoabgasen und ersten BlĂŒten.
Einst habe ich schon einmal etwas Ähnliches gerochen.

Ich gebe mich diesem Geruch hin, schließe die Augen, horche tief in mich hinein und erinnere mich zurĂŒck, wie ich vor genau 20 Jahren nach MĂŒnchen kam.
An das Versprechen von Aufbruch in ein neues Leben, das damals so deutlich in der FrĂŒhlingsluft lag, an den Duft nach Freiheit und Abenteuer, an die unbĂ€ndige Kraft und Sehnsucht der Jugend, an die Energie, die mir die lebendige AtmosphĂ€re der Stadt gegeben hatte.

Tief in mir spĂŒre ich ein Kribbeln, das sich von meinem Bauch aus auf meinen ganzen Körper ĂŒbertrĂ€gt.
Ein leises Pochen.
Den Herzschlag der Stadt, der sich auf mich ĂŒbertrĂ€gt und in meinen Adern verheißungsvoll zu pulsieren beginnt, immer stĂ€rker und stĂ€rker.
Das anfangs zaghafte und immer grĂ¶ĂŸer werdende Aufkeimen einer lange vergessenen Hoffnung, die mich wie eine mĂ€chtige Welle ĂŒberrollt und mitreißt- den Beginn eines neuen Anfangs.

Der FrĂŒhling naht.

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