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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Rattenkönig von Dublin
Eingestellt am 29. 03. 2001 04:12


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hades
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Der Rattenkönig von Dublin
***
Sonett zum Rattenkönig
Die süße Macht, begehrt als ganze Frucht,
Erfüllt den Traum, der dir die Liebe nahm;
Wenn auch erstickest du an dieser Sucht,
Erliegst als Herrscher du dem wilden Wahn.

Es stielt die Gier, die Freund und Feind nicht kennt,
Den Atem dir in trügerischer Lust,
Erstickt das Sehnen, das in dir noch brennt,
Die Liebe stirbt in deiner kranken Brust.

Enttäuschung reißt dich in das Spiel der Macht,
Dem einzig du den Zoll der Liebe bringst,
Mit falschen Freunden ziehst du in die Schlacht,
Bevor du Narr im tiefsten Nichts versinkst.

Im Tode noch erliegest du dem Schein,
Der lange schon begrub verkümmert Sein.
***

Tief unten in der Kanalisation von Dublin lebte einst ein großer Herrscher; es war der Rattenkönig Brandon. Mit List und Kraft hatte er es geschafft, dass er das Gebiet bei den Ports, den Liffey hinauf bis zur Guinness-Brauerei beherrschte. Quer zum Liffey kontrollierte er die Kanalisation in der Länge der O ’Connell Street bis zum General Post Office (GPO). Eben hier hatten die feindlichen Verbände des Rattenfürsten Winston, bei dem Versuch Brandons, die Kanalisation unter seine Kontrolle zu bringen, erheblichen Widerstand geleistet. Brandons Truppen wurden zurückgeschlagen, und so beherrschte Winston das Gebiet jenseits des GPOs. Diese Niederlage wurmte Brandon und so begann er, einen listigen und gemeinen kriegerischen Plan gegen Winston auszuarbeiten.
Um einer neuen Schlacht zum Erfolg zu verhelfen, musste er Verbündete haben. Zwar mochte Brandon keine Verbündeten, aber die Not wog nun schwerer als jeder Vorbehalt. Als listigste aller Möglichkeiten erschien ihm die Verbindung mit einem gemeinsamen Feind. Damit meinte Brandon allerdings nicht einfach die Verbrüderung mit irgendeinem anderen Rattenfürsten; nein, die Verbindung musste mit einem kategorischen Feind der Ratten erfolgen. Erst der unglaubliche Verrat an der eigenen Art würde eine Aussicht auf die vollständige Vernichtung der Ratten hinter Winston gewährleisten. Doch wer kam als Verbündeter in Frage? Eigentlich fielen Brandon nur die Menschen und die Katzen ein. Mit Menschen konnte man sich nicht verständigen. Sie schlugen immer sofort los. Beim geringsten Annäherungsversuch gerieten sie in Panik und schlugen mit allem, was ihnen zur Verfügung steht, auf Ratten ein. Nein: Menschen waren einfach zu dumm; und so verwarf es Brandon, sich mit ihnen zu verbünden. Blieben also nur die Katzen. Er schauderte bei dem Gedanken, mit den Katzen gemeinsame Sache machen zu müssen. Wie oft hatten sie ihm fürchterlich zugesetzt, unter seinen Soldaten gewütet und einige seiner besten Offiziere gefressen. Die scheußlichste Erinnerung hatte er aber an einen Kampf auf Leben und Tod mit einem mächtigen Kater, dem Hauptmann Kevin von der Grafton Street. Er war der größte Katzenführer von Dublin und beherrschte das gesamte Gebiet vom Hafen zum Liffey aufwärts bis zu den Four Courts und vom Stevens Green bis zur Colonal Station. Mit beinahe allen Katzenfürsten von Dublin war er verbündet. Man kann sagen: er war der mächtigste Kater von Dublin. Und eben diesem war Brandon einmal Auge in Auge gegenüber gestanden. Der Kampf war fürchterlich gewesen und der Gedanke daran bewirkte einen hässlich stechenden Schmerz in seiner linken Flanke. Hier hatte Kevin ihm während des Kampfes eine große Wunde geschlagen und ein Stück Fleisch, so groß wie ein Hühnerei heraus gebissen. Aber Brandon hatte tapfer gekämpft und seinerseits dem Hauptmann eine große Narbe zugefügt, die seitdem vom Auge bis zur Nase Kevins Gesicht verunstaltete. Es wäre fast Brandons letzter Kampf geworden, wäre da nicht Sèan, sein treuer Adjutant gewesen. Dieser hatte sich mutig in den Kampf gestürzt und Kevin von ihm abgelenkt. Doch Sèan war dem mächtigen Kater nicht gewachsen und hatte seine Treue mit dem Leben bezahlen müssen. Die Erinnerung an diese schrecklichen Ereignisse ließen Brandon noch einmal über eine mögliche Kooperation mit den Menschen nachdenken. Doch wie sollte er sich mit diesen arrangieren? Die Katzen hatten einen Weg der Verständigung mit den Menschen gefunden, und sie wurden von ihnen in den meisten Fällen gut behandelt. Teilweise gingen die Menschen sogar zärtlich mit Katzen um. Brandon wurde ein wenig neidisch; hatte doch auch er schon versucht, mit den Menschen Kontakt aufzunehmen. Doch dieser einzige und letzte Versuch war eine Katastrophe gewesen. Es war in der alten Bibliothek am Liffey. Die Tür zur Straße stand offen, weil einige Menschen etwas ins Haus trugen. Diese Gelegenheit hatte Brandon genutzt, um in das betagte Haus zu schlüpfen. Husch, ein paar Stufen hinauf, befand er sich plötzlich in einem großen Raum. Überall standen und lagen Bücher herum, an den Wänden und auf den Tischen. Direkt gegenüber zum Eingang, etwa in der Mitte des Zimmers stand ein mächtiger Schreibtisch, hinter dem ein dürrer Mann mit weißen Haaren saß. Brandon blieb ehrfurchtsvoll vor diesem Schreibtisch stehen, gerade so, wie er es einmal bei einer kleinen Katze in einer ähnlichen Situation beobachtet hatte. Brandon saß damals unter einem Schrank und blickte auf einen Küchentisch, an dem eine weißhaarige Frau saß und Fleisch schnitt. Gerade in diesem Moment kam die Katze durch die Tür getrabt und hockte sich direkt vor den Küchentisch. Die Frau musste die herein laufende Katze bemerkt haben, denn sie blickte auf und sah sie an. Ihr zuvor gleichgültiger Gesichtsausdruck wurde zunehmend freundlich. Sie erhob sich von Ihrem Stuhl und sprach Worte, die Brandon nicht verstand, die sich aber sehr zärtlich anhörten. Die Katze miaute schmeichelnde Lieder, welche die freundliche Frau veranlassten das buhlende Tier vom Boden aufzunehmen und zu liebkosen. Sie bettete das Tier auf einen zweiten Stuhl, ihrem Liebling lieblichste Weisen singend. Ein Stück Fleisch, das sie gerade geschnitten hatte, hielt sie der Katze vor das tropfende Maul. Ein feuchtes Miau, dann schnappte sie sich das ersehnte Stück und verschlang es. Ihr nächstes Miau ließ nicht lange auf sich warten, Brandon konnte den bettelnden Unterton nicht überhören. Die beabsichtigte Wirkung blieb nicht aus. Freundlich wurde ihr ein weiteres Stück des Ersehnten gereicht. Dieses wiederholte sich unter den neidischen Augen Brandons noch einige Male, das Wasser lief der Ratte im Munde zusammen; doch er sah für sich keine Chance, etwas von diesem Fleisch abzubekommen. Die Katze hatte die Situation voll unter ihrer Kontrolle. Brandon saß nun vor diesem alten Schreibtisch in der Bibliothek und hoffte darauf, dass der Mann dahinter ähnlich reagieren würde, wie seinerzeit die nette Frau bei dieser Katze. Doch der Mann schien ihn nicht zu bemerken; deshalb versuchte Brandon ihn mit dem süßesten Ton, der ihm möglich war, auf sich aufmerksam zu machen. Kaum dass er seine Rattenschmeichelei ausgestoßen hatte, blickte ihn der Mann einen Moment mit großen Augen an, sprang dann mit einem heftigen Satz hoch und eilte zum nahen Kamin. Dabei stieß er Laute aus, die Brandon nicht als ähnlich zu denen identifizieren konnte, die damals die freundliche Frau gegenüber der Katze geäußert hatte. Brandon fühlte, dass sich hier eine andere Entwicklung anbahnte als zwischen Mensch und Katze; doch er wollte sein Freundschaftsangebot an die Menschen nicht vorzeitig zurückziehen. So wartete er die weitere Entwicklung ab und gab immer wieder einen zärtlichen Rattenlaut von sich. Der Mann ergriff am Kamin eine dicke, gefährlich aussehende schwarze Stange mit einem spitzen Haken am unteren Ende. Mit dieser stürzte er auf Brandon zu und während er sich ihm näherte, zog er das schwarze Ungeheuer von Haken über seinen Kopf und stieß laut und wild hässliche Töne aus. Brandon kam der Verdacht, dass dieser Mann ihm kein Fleisch reichen wollte, als der Haken auf ihn niedersauste. Im nächsten Moment hatte er die schmerzliche Gewißheit. Der Haken streifte seine Schulter und riss dort einen daumenbreiten Streifen aus seinem Fell. Brandon wusste nun, dass man als Ratte mit den Menschen nicht umgehen konnte.
Er verwarf den Gedanken, mit den Menschen zu kooperieren. Bei den Katzen konnte er die Feindschaft nachvollziehen; beruhte sie doch auf Gegenseitigkeit. Bei denen konnte er feindliche Absichten auch erkennen; man ging offen in den Kampf. Doch die Menschen: man bemerkt ihre Feindschaft gar nicht und unvermittelt schlagen sie auf einen ein. Nein, mit Menschen kann man sich nicht verbünden. Sollte er sich vielleicht die Kanalisation des GPOs aus dem Kopf schlagen? Das war ebenfalls undenkbar. Winston musste vertrieben werden, denn das GPO gehörte unter des Königs Kontrolle. Brandon beschloss, sich mit dem Katzenhauptmann Kevin zu treffen. Doch direkt an ihn heranzutreten traute er sich nicht, und so beschloss er einen diplomatischen Vorstoß.
An der O’Connell Statue trieben sich des Nachts gewöhnlich ein paar Katzen herum, die aber eher als harmlos einzuschätzen waren. Es waren junge Kater, die um zwei oder drei halbwüchsige Katzen balzten. Diese beschloss Brandon in den diplomatischen Dienst mit einzubeziehen. Er rief nach seinem neuen Adjutanten, Cathel. „Ich brauche ein Treffen mit Hauptmann Kevin von der Grafton Street. Ich möchte einen Deal mit ihm vereinbaren, der ihm großen Nutzen einbringen soll. Lass einen der jungen Kater am O’Connell zu ihm gehen; von denen hast du nichts zu befürchten. Ich erwarte die Antwort noch heute Nacht. Mag Kevin Zeit und Ort des Treffens bestimmen.“ Der Adjutant eilte sofort los. „Aleas acta est“, dachte Brandon. Es gab nun kein zurück mehr, und so blieb ihm nichts weiter übrig, als den globalen Schlachtplan gegen Winston zu vollenden.
Es war bereits in den frühen Morgenstunden, als Cathel an das Abflussrohr zu seinem Gemach kratzte. Gespannt forderte Brandon ihn auf, hinein zu kommen; Cathel krabbelte demütig heran, grinsend, sich der positiven Nachricht, die zu überbringen ihm erlaubt war, bewusst. Geschickt schwieg er und steigerte damit die Ungeduld des Königs.
„Na, und?“, schrie Brandon.
„Ahem“, hüstelte der Adjutant, „es ist alles geregelt.“
„Was?“, platzte der König heraus und biss dem Adjutanten in die Kehle.
„Termin“, röchelte der Adjutant.
„Wann?, Wo?“, schrie der Rattenkönig.
„Würden Sie vielleicht loslassen“, bat der Adjutant. Brandon löste seine Zähne von der Kehle seines Adjutanten. Ohne Umschweife begann Cathel:
„Kevin würde sich freuen, Exzellenz morgen gegen Mitternacht an der Molly Mallone empfangen zu dürfen. Der Hauptmann schlägt vor, dass jeweils maximal fünf Katzen und fünf Ratten als Begleitung zugelassen werden sollen. Wenn Exzellenz mit diesem Vorschlag einverstanden sind, brauchen wir weiter nichts zu veranlassen und können uns morgen bei der Molly Mallone einfinden. Wenn Exzellenz aber...“
„Shut up“, befahl der Rattenkönig, „rufe vier der kräftigsten Soldaten zu unserer Begleitung; du übernimmst das Kommando. Positioniere aber fünfhundert Soldaten am jenseitigen Ufer des Liffey und postiere je einen alle zwanzig Meter bis zur Grafton Street. Das Heer soll in weniger als drei Minuten an der Molly Mallone einsatzbereit sein, wenn es erforderlich werden sollte.“
„Sehr wohl, Exzellenz, ich werde alles veranlassen“, buckelte der Adjutant.
„So sollen die Truppen am Liffey gegen dreiundzwanzig Uhr ihre Position eingenommen haben. Wir werden uns ebenfalls um diese Zeit von hier auf den Weg machen.“
Der Adjutant legte sich zum Zeichen seiner Unterwürfigkeit vor dem König auf den Rücken, bis dieser ihn fort beorderte.
In der nächsten Nacht, zur vereinbarten Stunde, kratzte es am Abflussrohr des Rattenkönigs.
„Ich bin bereit“, sagte Brandon und huschte hinaus zu den fünf Wartenden. Schweigend krabbelten sie den Weg in Richtung Grafton Street und waren etwa vierzig Minuten vor dem vereinbarten Termin dort. Es war niemand hier, wenn man nicht die merkwürdig torkelnden Menschen, die von Zeit zu Zeit an Molly vorbei stolperten, in Betracht zog. Doch diese kümmerten sich nicht um die Ratten, so dass von Ihnen offensichtlich keine Gefahr ausging. Als die Ratten das nähere Umfeld ausgekundschaftet hatten, befahl der Rattenkönig:
„Es ist nichts verdächtig; ich denke, wir können den Katzen vertrauen. Lasst uns also abwarten.“
Die Katzen waren pünktlich; doch wahrnehmen konnte man nur den Hauptmann Kevin. Mit stolz erhobenem Kopf und majestätisch in die Luft ragendem Schwanz trabte er aus der Richtung des Stevens Green auf die Molly Mallone zu. Brandon lief ein Schauer über den Rücken, als er diesen stolzen Kater sah. Er wirkte noch mächtiger aus, als er ihn in Erinnerung hatte. Auch seine Narbe war zu erkennen, als der Hauptmann nahezu bei Molly angelangt war.
‘Wäre wirklich gut, wenn der unser Verbündeter wäre’, dachte Brandon.
Um kein Misstrauen zu erregen, trippelte Brandon unter der Molly hervor und bewegte sich ein paar Meter auf Kevin zu. Er fühlte den stechenden Schmerz in seinen Lenden, doch er versuchte, nicht daran zu denken. Der Kater trabte unbeeindruckt auf ihn zu. Als Kevin die Ratte erreichte, stoppte er seinen Trab und setzte sich unvermittelt vor sie hin. Er verlor keine Zeit.
„Du hast einen Vorschlag?“
„Ein Angebot“, sagte Brandon, „du kennst den Winston?“
„Den vom GPO?, natürlich, ein sehr zäher Bursche, und clever. Hat mir schon so manches Schnippchen geschlagen; der kleine Saukerl.“
Zufrieden antwortete Brandon:
„Dann wird es dir nicht ungelegen kommen, wenn ich ihn dir ans Messer liefere, gratis sozusagen.“
Kevin leckte sich genüsslich das Maul.
„Keineswegs, wird mir ein Vergnügen sein. Wie willst du das aber anstellen?“
„Mal langsam“, sagte Brandon, „eine kleine Bedingung muss ich dir schon stellen, nicht viel, aber es sollte schon gesagt werden.“
Der Kater begann gemächlich sein Fell zu lecken, hielt dann abrupt inne und sagte:
„Na, dann nenn Deine Bedingung.“ Brandon hielt es nun für angebracht, ebenfalls etwas Eindruck zu schinden. Deshalb sagte er zu seinem Adjutanten gewandt:
„Cathel, unterbreite dem Hauptmann unsere Vorstellungen.“
Der Adjutant schreckte aus einer Apathie auf, in die er seit der Begegnung gesunken war, nicht ahnend, dass ihm das Wort erteilt würde.
„Ahem“, begann er etwas verlegen und ein bisschen verwirrt,“ nun ja.“ Er räusperte sich und hob an: „Nun, was Majestät meinen, äh, ich meine, Majestät sagt, dass da eine Bedingung ist.“
Der Kater würdigte den Adjutanten keines Blicks. Zu Brandon gewandt fauchte er: „Das sagtest du bereits, Brandon“. Der König zischte seinen Adjutanten an: „Das sagte ich ihm bereits; erkläre dem Hauptmann die Bedingung.“
Der Adjutant hatte sich mittlerweile gefangen und begann ohne Umschweife.
„Majestät bieten Ihnen an, den Fürsten Winston nebst seiner Soldaten in eine Falle zu locken, in der es für Sie, Herr Hauptmann, kein Problem mehr sein wird, ihn zu vernichten. Majestät erbitten sich dafür die Hoheit über die Kanalisation beim GPO Damit könnte er das ganze Gebiet nördlich der O’Connell Street kontrollieren. Da Katzen und Ratten in den allermeisten Fällen unterschiedliche Bedürfnisse haben, ließe sich das Ganze so einrichten, dass wir uns nicht ins Gehege kommen. Die Punkte, die gemeinsame Interessen tangieren, müssten vertraglich geregelt werden; aber das sind nicht viele. Wir bieten Ihnen an, diese Regelung als Gegenleistung ganz den Katzen zu überlassen. Wir sehen damit keine Hindernisse für ein Abkommen.“
Der Adjutant hatte seine kleine Rede abgeschlossen und sank wieder in sich zusammen. Brandon war zufrieden, besser hätte er es auch nicht vortragen können. Er blickte Kevin erwartungsvoll an. Der Kater begann wiederum genüsslich sein Fell zu lecken. Er vollzog das Ritual jetzt wesentlich ausführlicher. Der Rattenkönig wurde ein wenig nervös; sein Fell sträubte sich und seine Schwanzspitze begann zu zittern.
„Nun, Hauptmann“, unterbrach er die Stille. Doch Kevin ließ sich von seinem Waschvorgang nicht ablenken. Er hatte sein Fell nun bis zu seinem Schwanz bearbeitet. Brandon lief aufgeregt hin und her, als der Hauptmann plötzlich sagte:
„Erzähle mir deinen Plan.“
Der Rattenkönig blieb gespannt stehen und fragte:
„Heißt das, sie sind einverstanden?“
„Wir werden sehen“, sagte der Kater und begann seine Pfoten zu lecken.
Brandon fand, dass nun nicht mehr die Zeit für repräsentatives Gehabe sei und übernahm nun höchstpersönlich und ohne Umschweife die Initiative, den Plan zu erläutern:
„Ich fordere Winston zu einem finalen Kampf heraus, einen Kampf, der dem Sieger die Herrschaft über die Kanalisation im gesamten Dubliner Zentralbereich einräumt. Ich werde für das Gefecht ein Gebiet aussuchen, in dem Winston sich überlegen weiß; er kann ein solches Angebot nicht ungenutzt lassen. Es liegt weit in dem von ihm kontrollierten Bereich, in der Wolfe Tone Street. Dort wird er sich sicher fühlen. Wir werden in der Nacht offen von der O’Connell Street in die Mary Street einziehen; Winston und seine Schergen werden uns ungestört kommen lassen, aber alle Mannen damit beschäftigt haben, uns zu beobachten. Es wird ihm ein Leichtes sein, vom GPO beginnend unseren Rückweg zu verschließen, so dass wir anschließend in der Falle sein werden. Diese Gelegenheit lässt Winston sicher nicht ungenutzt. Hier kommt nun die Gelegenheit für euch Katzen. Winston wird den Zugang vom Liffey über die Channel Street nicht beobachten lassen, weil er uns offen von der O’Connell Street einziehen sieht. Unser Bündnis wird er nicht im Traum für möglich halten, so dass er sich unschlagbar fühlen wird. Wenn Winstons Spione uns vom Liffey in die O’Connell Street ziehen sehen, wird der Fürst alle Beobachter in den übrigen Einzugsgebieten abziehen. Ihr könnt dann ungesehen zur Wolfe Tone Street kommen und bereits vor uns am Ort sein. Dort könnt ihr euch verstecken und abwarten, bis ich mit meinem Heer einziehe. Winston wird die andere Richtung aus der Wolfe Tone Street heraus abriegeln lassen, so dass für uns kein Ausweg mehr bleibt. du kannst diese Abriegeleinheit durch einige deiner Soldaten beseitigen lassen, so dass diese Straße nunmehr kein Entkommen mehr für Winstons Leute zulässt. Wir werden leichtes Spiel haben. Eine Stunde später wird es Winston und seine Ratten nicht mehr geben. Wir beide, du und ich, werden uneingeschränkte Herrscher über Dublins Zentrum sei, du in der oberen, ich in der unteren Welt.“
Der Rattenkönig hatte seinen Plan nun vollends unterbreitet und starrte Kevin erwartungsvoll an. Der hatte nicht aufgehört, seine Pfoten zu lecken und machte auch keine Anzeichen, dass er das in absehbarer Zeit tun wolle. Er blickte nicht einmal auf, nach dem Brandon geendet hatte. Nach einer ungeduldigen Weile sagte Brandon:
„Na und?“
Kevin beendete plötzlich sein Leck - Ritual und raunte:
„Wir werden sehen, ich gebe Bescheid.“
Unvermittelt erhob der Kater sich und trabte die Grafton Street hinauf. Brandon blickte seinen Adjutanten verwundert an:
„dieser arrogante Kater“, schrie er, „was soll die Show. Bei dieser Gelegenheit kann er doch nicht nein sagen wollen.“
„Hat er doch auch nicht“, gab der Adjutant zu bedenken.
„Das stimmt“, sagte der König, „aber warum zögert er?, da gibt es doch nichts mehr zu überlegen.“
„Diplomatische Taktik“, vermutete der Adjutant, „sie wissen doch, wie Katzen sind.“
Die Katzen spannten den Rattenkönig drei Tage lang auf die Folter. Gegen Abend des dritten Tages traf ein Bote des Hauptmanns Kevin bei Brandon ein und richtete ihm aus, dass der Katzenhauptmann einverstanden sei und den König bitte, das Kampftreffen mit dem Fürsten vom GPO zu veranlassen. Er benötige dann noch den genauen Zeitplan mindestens drei Tage vor dem Termin.
Man konnte sich jetzt als Verbündete betrachten.
Brandons Rattenherz machte einen freudigen Sprung, als er den Pakt mit den Katzen so unter Dach und Fach sah. Vielleicht nächste Woche schon würde er der unangefochtene Herrscher über die gesamte Kanalisation des Dubliner Zentrums sein. Gerade der Bereich der Mary Street hinter dem GPO war ein Schlaraffenland für Ratten, weil hier täglich Marktstände aufgebaut werden, von denen die größten Köstlichkeiten herunterfielen. Die mühsame Nahrungsbeschaffung unter Lebensgefahr durch Eindringen in die Wohnhäuser würde entfallen. Dort am Markt konnten Ratten nahezu unbehelligt fressen. Der Gedanke daran versetzte Brandon in einen traumwandlerischen Zustand. Nachdem er lange Zeit in diesen Erwartungsvorstellungen geschwelgt hatte, rief er Cathel, seinen Adjutanten zu sich, der unvermittelt kam. Er bemerkte sofort die gute Stimmung des Chefs und erlaubte sich daher, das übliche Ehrerbietungs-Ritual zu unterschlagen, zumal der König ohne Umschweife begann:
„Schau mich an, Adjutant. Vor dir steht der künftige Alleinherrscher über Dublin City.“
Cathel hielt es für angemessen, nun doch eine leichte Geste der Loyalität zu zeigen. Der König nahm sie gnädig entgegen und sagte:
„Du mein treuer Adjutant wirst mich verraten.“
„Aber Majestät“, sagte Cathel entrüstet.
„Lass mich ausreden, mein Freund. Du wirst mich natürlich mit meinem Einverständnis hintergehen. Ich habe dir bisher noch nicht den ganzen Plan mitgeteilt; ich musste mich zunächst deiner Loyalität versichern. Also höre zu:
„Du wirst noch heute Nacht mit meinem stellvertretenden Truppenkommandanten zu Winston überlaufen. Ihr werdet ihm sagen, ihr hättet euch in wichtiger Angelegenheit von mir beurlauben lassen, damit ich keinen Verdacht schöpfe. Begründet Euren Verrat mit meinem irrsinnigen Plan, einen aussichtslosen Angriff gegen den Herrscher des GPO zu führen. Wir planen, in der Nacht des dritten Tages ab heute in das feindliche Gebiet einzudringen, um es zu besetzen. Verrate ihm unseren Einzugsweg und die Zeit. Wir werden in den nächsten Tagen vereinzelt Kundschafter ausschicken, die ihnen die Ernsthaftigkeit unseres Planes verdeutlichen sollen; falls sie irgendeinen Zweifel wegen Eures Überlaufs hegen sollten. Ihr werdet darauf hinarbeiten, dass Winston all seine Truppen auf unseren Weg konzentriert, und später all seine Mannen in die Wolfe Tone Street ziehen. Gebt ihnen strategische Hinweise, die ihnen scheinbar zum Vorteil gereichen, tatsächlich aber uns nützen. Erwähnt auf keinen Fall die Katzen. Von unserer Trumpfkarte dürfen sie nichts erfahren. Niemand außer uns Beiden, dem Kommandanten und dem stellvertretenden Kommandanten kennt unseren Plan. Damit ist sichergestellt, dass nichts durchsickern kann.“ Cathel war von der Schläue seines Königs ehrlich beeindruckt.
„Grandios“, sagte er, „einfach genial. Damit werden wir sicher zu den alleinigen Herrschern im Reich.“
„Noch etwas: wenn du und der Stellvertretende Kommandant eure Sache gut macht, werde ich euch zu Statthaltern ernennen; du bekommst das Gebiet West-Liffey und der Stellvertretende Ost-Liffey. Du siehst also, es lohnt sich für Euch, listig zu sein. Du erhältst hiermit also offiziell den Auftrag für diese Mission. Der Stellvertretende ist bereits informiert. Bewahrt inzwischen auch Stillschweigen über die bevorstehende Beförderung, diese könnte den Kommandanten missmutig machen, da er eine derartige Beförderung eher für sich angemessen hält als für seinen Stellvertreter. Ich aber glaube, dass der Stellvertreter der bessere Statthalter sein wird; der Kommandant ist ein guter Soldat. Ich möchte keinen Konflikt vor der Schlacht. Nachher muss er meine Entscheidung einfach schlucken.“
„Kein Wort“, versicherte der geschmeichelte Adjutant,
„Majestät werden wie immer voll zufrieden mit mir sein.“
„Das will ich meinen“, sagte der König, „du bist jetzt zu deinem Auftrag entlassen.“
Mit doppelter Ehrerbietung verabschiedete sich Cathel.
„Noch etwas“, rief der König dem Adjutanten nach, „unterrichte den Katzenhauptmann von unserem Zeitplan, damit er pünktlich zur Stelle ist.“
„Kein Problem; wird unmittelbar erledigt“, sagte der zukünftige Statthalter und verschwand.
Die Tage verflogen wie im Fluge, und das war auch gut so. Brandon konnte den Tag der Schlacht kaum erwarten. Wie geplant hatte er Kundschafter in das feindliche Gebiet geschickt, und diese waren unbehelligt geblieben. Cathel und der Stellvertretende leisteten also ganze Arbeit. In dieser Zeit herrschte eine gespannte Stille, und wenn man auf eine feindliche Ratte traf, so war diese höflich zurückhaltend, beinahe freundlich. Auf der anderen Seite fieberte man also auch der Schlacht entgegen.
Brandons Plan ging voll auf. Endlich war der Tag gekommen. Der Rattenkönig hatte von Kevin noch die Nachricht erhalten, dass die Katzen pünktlich zur Stelle sein würden. Nichts war dem Zufall überlassen.
Gegen Abend, zu der Zeit, als der Abendstern aufging, versammelten sich die Truppen des Rattenkönigs am Nordufer des Liffeys vor der O’Connell Street. Es war ein gewaltiger Aufmarsch. Brandon war stolz, als er sein Heer sah; bewegt in der Vorstellung, am Ende dieser Nacht der uneingeschränkte Herrscher dieser Stadt zu sein. Nichts konnte sich seinem glorreichen Sieg mehr entgegenstellen, und in diesem Bewusstsein trippelte er mit erhobenem Haupt vor der Front seiner Soldaten. Die wenigen Menschen, die zu dieser Zeit noch vorbeizogen, ekelten sich, als sie den Aufmarsch der Ratten sahen. Es musste etwa eine Stunde nach Mitternacht gewesen sein, als der Kommandant des Königs den Befehl zum Start gegeben hatte. Der König hielt sich hinter ihm und seinen Offizieren; der Marsch durch die O’Connell Street setzte sich in Gang. In gemächlichem Tempo schoben sie sich bis zum GPO, bogen auf feindlichem Gebiet in die Mary Street und trabten fast wie eine Wandergruppe auf die Wolfe Tone Street zu. Sie blieben, wie erwartet, unbehelligt. Die Offiziersgruppe erreichte endlich die O’Connell Street. Es war ihnen etwas mulmig, und deshalb verharrten sie einen Moment, bevor sie den Befehl zum Einmarsch gaben. Es ging jetzt alles sehr schnell. Sobald Brandons Truppen vollends in die Wolfe Tone Street einmarschiert waren, kamen feindliche Ratten von Winstons Truppen aus nahezu allen Winkeln und Häusern. Innerhalb von wenigen Minuten waren die Ratten Brandons eingeschlossen. Es begann ein fürchterliches Gemetzel; tausende von Brandons Soldaten wurden von den gegnerischen Ratten tot gebissen. Brandon fragte sich, wo die Katzen bleiben; es war doch alles abgesprochen. Doch dann sah er seinen Adjutanten. Cathel feuerte die gegnerischen Truppen an; mit Mühe kämpfte sich Brandon zu ihm durch. „Was machst Du?“, fragte Brandon.
„Ich führe Ihren Befehl aus“, sagte Cathel, „ich hintergehe Sie, bis der Katzenhauptmann kommt.“
„Aber er kommt nicht“, schrie der König.
„Doch Befehl ist Befehl“, konterte der Adjutant.
„Aber ich befehle dir jetzt, auf unserer Seite zu kämpfen.“
„Dem kann ich keine Folge leisten“, antwortete der Adjutant, „der erste Befehl lautete, so lange Winston zu dienen, bis die Katzen zuschlagen. Die Katzen haben aber noch nicht zugeschlagen; deshalb muss ich noch warten.“
„Aber der Befehl war von mir“, brüllte der König, „ich kann ihn wieder aufheben.“
„Nicht in diesem Moment“, sagte der Adjutant gleichgültig, „ich habe einen Befehl von meinem König bekommen, den ich in dieser Situation durch nichts auf der Welt aufheben lassen würde.“
Brandon kam nicht mehr dazu, darüber nachzudenken. Sein Erzfeind Winston sprang in diesem Moment auf seinen Rücken und schlug seine Zähne in seinen Nacken. Er wehrte sich mit aller Kraft und schaffte es, den Rattenfürsten abzuschütteln. Blutend rannte er zurück in die Richtung zur Mary Street. Er sah, wie sein Heer aufgerieben wurde. Er musste verschwinden. Dieser Kampf war nicht zu gewinnen; denn die Gegner waren in der Überzahl. In diesem Moment sprangen plötzlich Hunderte von Katzen aus den umliegenden Häusern. Brandon hielt inne; eine neue Hoffnung brandete in ihm auf. Die Katzen hatten sich nur verspätet und das Blatt konnte sich noch einmal wenden. Mit ihnen gemeinsam würden sie trotz der geschlagenen Wunden noch siegen. Sich wieder als glorreicher Herrscher fühlend, trabte er zurück in das Gemetzel der kämpfenden Ratten. Er fand seinen Adjutanten und rief ihm zu:
„Die Katzen sind hier.“
Der Adjutant sagte:
„Majestät können sich auf mich verlassen“, als ihn der Prankenhieb einer Katze niederstreckte. Brandon sah entsetzt, wie sich die Katzen auf alle Ratten stürzten, unabhängig, welcher Gruppe sie angehörten. Er sah, wie sein stellvertretender Kommandant von einem übermächtigen Kater tot gebissen wurde. Im nächsten Moment stürmten Hunderte von Menschen aus den Häusern in der Wolfe Tone Street. Sie hielten alle Bretter in den Händen, an dessen Enden je ein langer spitzer Nagel herausragte; sie schlugen auf Ratten ein. Brandon erkannte das grausame Spiel dieser fürchterlichen Waffen.
„Wir Ratten müssen uns verbünden“, dachte Brandon, als ihn ein spitzer Schlag in die Lende traf; der eiserne Dorn drang tief in seinen Leib. Brandon nahm noch wahr, wie ein böse aussehender Mann, es war der Bibliothekar vom Liffey, das Brett mit einem gewaltigen Schwung anhob, und er am Nagel in die Luft gerissen wurde. Dann wurde es dunkel um ihn herum.
Als Brandon erwachte, graute bereits der Morgen. Das erste, was er wahrnahm, waren Menschen, Männer, die alle gleich auszusehen schienen. Sie trugen Besen und Schaufeln; neben ihnen fuhr ein großes Auto. Brandon sah, wie diese Männer sein totes Heer und die ehemals gegnerischen Soldaten des Fürsten Winston auf Schaufeln nahmen und in den großen Wagen warfen. Das alles konnte er durch den Spalt zweier Bretter einer Kiste sehen, in der er irgendwie gelandet war. Brandon musste verschwinden, bevor die Menschen ihn entdeckten. Mit Mühe, sein ganzer Leib schmerzte, kroch er über den glücklicherweise nicht zu hohen Rand der Kiste und lief an einer Hauswand entlang, bis er an eine Tür gelangte, die einen Spalt offen stand. Hier huschte er hinein; niemand schien hier zu sein. Sofort erkannte er den Schrank, der soweit von der Wand stand, dass er hinter und unter ihn krabbeln konnte.
Es war finster; nichts konnte er erkennen; doch er spürte und roch Ihn. Das Schicksal hatte es gefügt, dass auch Winston als Einziger, außer ihm, dieses Gemetzel überlebt und sich in das gleiche Versteck geflüchtet hatte. Wie zwei gehetzte Hähne gingen beide aufeinander los. Der Fürst schlug dem König seine scharfen Zähne in die Schulter, welcher sich unter Verlust eines Stückes Fell losreißen konnte. Blitzschnell schnappte Brandon mit weitaufgerissenem Maul die Kehle seines Feindes und biss mit aller Kraft zu. Er spürte das warme Blut seines verhassten Gegners in seinen Rachen fließen; er ließ erst los, als Winston keine Regung mehr zeigte.
Brandon sank zu Tode erschöpft auf die Seite. Sein ganzer Körper schmerzte, als würde er von zehn Katzen zerfleischt. Endlich hatte er es geschafft; er war der uneingeschränkte Herrscher in der Kanalisation des Zentrums. Trotz des Betrugs der Katzen war er nun der Rattenkönig von Dublin.

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