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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Reifenschänder
Eingestellt am 04. 05. 2002 10:20


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pleistoneun
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Apr 2002

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Kurz darauf stand er auf und ging im Garten spazieren, es war es kurz nach 6:00 Uhr. Er legte seine geschwollenen Hände an die Glasscheibe und schaute zu den anderen hinüber. Irgendetwas störte ihn, er spürte große Unzufriedenheit. Er schritt wieder nachdenklich in seinem Garten die Glaswände ab. Eine dicke Glaskuppel umgab ihn - reine Sicherheitsvorkehrung. Seine Hände, die er bei seinen Spaziergängen immer sorgfältig am Rücken verschränkte, zeugten von einer arbeitsreichen Vergangenheit. Dreiundvierzigjährig, Schmied und schon zu Ende gearbeitete Hände. Ein Hand-Arbeiter. Was er in die Hand nahm, wurde verarbeitet, glühender Stahl musste es sein. Zerfurcht, rissig, verbraucht, seine Schmiede-Hände als Werkzeuge, Takelwerke, Kundschafter aus bleischweren Arbeitsjahren.
Er blieb stehen, blickte auf, schloss für einen Moment seine geröteten Augen und dachte an draußen. Was befand sich hinter den grauen Gefängnismauern da draußen? Er wusste es nicht mehr. Zu lange war er schon hier? Und so tat er, was er am besten konnte: schmieden. Nämlich einen Plan zur Flucht vor diesem beengenden Ort. Beim Gang in den Frühstücksraum nutzte er die Unachtsamkeit des gähnenden Wachpersonals und steuerte auf die erstbeste Stelle einer Wand zu.
Der Mauerziegel spürte eine kräftige Hand, die ihn aus der betonierten Einbettung trennte. Mit einem Ruck donnerte er zu Boden zu den anderen Mauerziegeln. Getreten und gestoßen erlebte dieser Ziegel einen weniger abenteuerlichen als unwirschen Ausbruch eines Häftlings, der gerade Mal vier Stunden hier war. Mit den bloßen Händen entziegelte er die Gefängnismauern, die ihn von seiner Arbeit zuhause abhielten. Wie ein schwerfälliger Golem wühlte er sich in die Freiheit, zurück in seine Werkstatt, wo sein ausgekühlter Hammer darauf wartete, gegen dampfend-feuriges Metall geschlagen zu werden, welches erst zu einer spitzen Todeswaffe geformt die im heißen Stahl innewohnende Gefährlichkeit erkennen ließ und die den Schmied zu Taten anregte, die nicht dem gesunden Verstand des gesunden Menschen entstammen konnten und etwas Barbarisches, Bestialisches hatten. Die frisch geschmiedete Stichwaffe glühte noch, als er sich aufmachte, etwas Böses zu tun.

Diesmal schlitzte er vierunddreißig Autoreifen, zwölf Fahrradreifen und einige Schwimmreifen auf, bevor sie ihn wieder mit dem titanberäderten Hochsicherheitsfahrzeug in seine überdimensionale Käseglocke brachten. Kein neuer Rekord, aber immerhin.

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Gerhard Kemme
Guest
Registriert: Not Yet

Der Reifenschänder

Hallo!
Deine verfremdeten, überraschenden Redewendungen finde ich toll. Etwas esoterisch österlich
der Ausbruch. Warum macht er es, was soll er sonst machen? Habe stilistisch was gelernt. Die Lenzartige Schilderung
der leichten aber auch nachvollziehbaren geistigen Verwir-
rung empfinde ich als sehr gelungen. Natürlich eine fremde
Welt mit dem durch Glas abgesicherten Garten. Die machen
so selten Tage der offenen Tür.
Tschüss Gerd

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