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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Der Richter und sein Engel
Eingestellt am 01. 05. 2016 12:36


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Canisius Tremble
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Der Richter und sein Engel

Es ist ein Irrglaube, Geister erschienen ausschlie├člich nachts. Nein.- Hier in der Mittagssonne wiegte sich June an einer auf Rot gestellten Fu├čg├Ąngerampel zu den Kl├Ąngen der Gro├čstadt: Betonkolosse brummten vertraulich im Basso continuo m├Ąchtiger Fundamente, dar├╝ber improvisierte virtuos strahlend der Sopran glei├čender Glasriesen ad libitum. Kraftfahrzeuge nahmen das schlicht gehaltene Hauptthema auf und variierten dieses in einem Brausen, Trommeln, Hupen, Schellen und Trompeten. In der Ordnung dieses kunstvollen Gef├╝ges einer barocken Suite lie├č ein kr├Ąftiges Licht Junes Wangen warm aufbl├╝hen. Kirschbl├╝ten in einem Anflug von hellem Ros├ę, dar├╝ber hingehaucht ein Flageolett von Rot. Schneewei├č strichen beide H├Ąnde ein unbeschwertes Winken in den klangerf├╝llten Raum. Den Saiten der Mittagsthermik entlockten in einem fr├Âhlichen Pizzicato grazil gespreizte Finger ein behagliches Timbre. Der sanfte Schein vielfarbiger Punkte schneite licht und leicht in einem gem├Ąchlichen Largo auf dieses entr├╝ckte Idyll nieder, h├╝llte es vertraulich ein: schimmernder Schleier; fein gewirktes Netz. Jeden Widerstand mit sanfter Gewalt l├Âsend legte es sich auf die dem Zauber von Rhythmus, Klang und Farbe verfallene Menge, die zu beiden Seiten der leeren Stra├če stumm in einer ganzen Pause verharrte. Ohne die Andeutung einer Regung blieben die Uhren einfach stehen. In ehrfurchtsvoller Verehrung des Moments stand die Zeit still. Verharren der Ewigkeit: der Vielklang der Stadt; im Einklang un├╝berwindbare Wesenheit. Heitere Gelassenheit ewigen Friedens. Darin June ganz. Durfte man von Gespenstern nicht zumindest ein wenig Schauer erwarten?! Nicht zumindest ein wenig G├Ąnsehaut, etwa nicht mit einigem Recht zu Berge stehende Haare oder etwa nicht mit gutem Recht gar den blutleer blass in alle Fasern kriechenden Schrecken eines vor der Zeit eintretenden Nerventods nach dem stundenlang schrill kratzenden Kreischen eines von Geisterhand immer wieder quer ├╝ber die Tafel gezogenen Kreidest├╝ckes?!- Doch. Das durfte man erwarten. Hier jedoch, in vollendeter Harmonie, eins mit sich selbst und seiner Umgebung, stand ein Wesen durch dessen rosig warmes Fleisch die vollen Pauken eines jungen Herzens tief und sonor das Blut trieben. Zu ihrem eigenen Rhythmus tanzte hier anmutig lebendig eine Salom├ę.- So jedenfalls dachte Henry in einem Anflug von Poesie. Pl├Âtzlich zerriss der Vorhang des Tempels. Henrys Blick traf auf Junes. Blut stand in ihren Augen. Tr├Ąnen, siedende Blasen der Wut, quollen hoch; rot eingeschossen die Bindehaut aus ├╝berkochenden Augenh├Âhlen. Ihr vulkanisches Brodeln und Blubbern und Blasenschlagen spie ihm in sein eben noch poetisches Gesicht: Asche frisst sich in die schreck-starren Pupillen. Triefend gl├╝hen Lefzen; gieriges Knurren, harsches Anschlagen. Die aufstiebende Bestie versengt Wimpern und Lider, bohrt sich in die Linsen, sein Innerstes von Flammen fletschenden Rei├čz├Ąhnen zerfetzt. Schwei├čend versucht er zu fl├╝chten. Gejagt. Gez├╝chtigt. Gedem├╝tigt. Ein hektisches Hecheln; die Zunge klebt am Gaumen, schnalzt hilflos, kein Wort der Linderung oder gar Rettung f├╝r seine gemarterte Seele.
Heiser fl├╝stert ihr Blick und stiehlt sich nach Rache schreiend in deinen Sch├Ądel. V├Âllig wehrlos du. Willenlos du v├Âllig nun. Weh dir ohne Wille, ohne Wehr! W├╝stenhei├čes Flirren entfesselt, gl├╝ht alles verzehrend der Wind, willf├Ąhrig ihrer Vergeltung gehorchend: Nemesis, letzte Vollstreckerin! St├Âhnend klagt die G├Âttin dich an, zerrt ihr Schluchzen vor den Richterstuhl dich, B├Âses mit B├Âsem vergeltend. Spie├čruten lodern hasserf├╝llt in ihren Augen, die du in flammender Furcht angsterf├╝llt fliehst. Gehetzt, gefangen, erlegt. Aufgebrochen. Hinabgestiegen. Schwarzes Blut im Asphalt. Rauch in ru├čigen Schwaden. Dort eine B├Âe. Sticht Sand dir in die Augen. Bisse. Hier ein Brennen. Scharfz├╝ngig spuckt die Vergangenheit mit sengenden Odem nach dir. W├╝rgegriff. Tausend stumpfe Nadeln hacken das Mal deiner Schuld, t├Ątowiert auf Fetzen von Haut, dir in dein wundes Gehirn. Hilflos ringst du um Luft. Dein wei├č gest├Ąrktes Hemd, Schafsmagen prall gef├╝llt, platzt pl├Âtzlich laut schlagend im w├╝tenden Sturm, zieht zornig strafend Striemen auf deinen Bauch, deine Brust, deinen R├╝cken. Gei├čel der G├Âttin. Folterknecht. Henker. Dein Haupt voll Blut und Wunden: ein Bersten von Ohr zu Ohr. Ein Rei├čen entl├Ądt sich zum Krampf, zurrender Schmerz schn├╝rt deine Seele ein. In bitteren Kr├Ąutern gart dein Irresein schlie├člich. Einverleibt NemesisÔÇś giftiger Wurm. Kein wohlwollendes W├Ąhnen waltet mehr im rasenden Wahn. Dumpfe Dunkelheit endlich: Ur-Nacht. Stille. Stummer Schrei.
Nerv├Âs blinzelnd blickt Henry um sich. Tropenkrankheit. Fieber packt ihn: niemand hatte wissen k├Ânnen, dass June sich vor zehn Tagen in Paris das Leben genommen hatte. Niemand! Oder?!- Nein. Niemand. Und doch macht sich die wirre Menge nun gemein mit June, tr├Ągt der aufgebrachte Mobb im Wissen um die Tat June als Corpus Delicti in den Zeugenstand seines Gewissens. Im Namen des Volkes wird verhandelt: Henry. Hochmut! Fall. Hochmut vor dem Fall.- Wieso all der Hohn gegen June? Jede deiner Zeilen hatte sie getroffen wie ein Schrapnell, hatte ihr Herz zerfetzt wie ein Deformationsgescho├č. Du hast es gesehen und hast es genossen. Du hast sie verspottet, hast sie gedem├╝tigt. Ihre Seele lag bettelnd zu deinen F├╝├čen. Du hast nach ihr getreten. Mit dem letzten Wort aus dem Manuskript hier in der Ledertasche ist der letzte Atem aus ihr gewichen.- June! Darling! Lebe! Henry will sich ihr zu F├╝├čen werfen, zu ihr kriechen, sie um Verzeihung anflehen. Zu sp├Ąt!?- Nie!
Wie von alleine st├╝rzt er mit einem gro├čen Satz in die Stra├če. Auf sie zu. Ein Stolpern. Die Ampel noch Rot. Ein Taumeln. Sturz. Ein Poltern. Der LKW schl├Ągt ihm die Tasche aus den H├Ąnden, ihn zu Boden. Kreischen. Bremsen. Flattern. Seiten fliegen in Wirbeln auf. Kr├Ąhen mit ihnen. Sein Sch├Ądel zerschellt. Auf der Bordsteinkante der starre Blick: ohnm├Ąchtig h├Ąngt er an den offenen Fenstern des Verlagshauses, wo er sein j├╝ngstes Werk gerade dem Lektor hatte ├╝bergeben wollen.

Anais atmete tief durch. Henry hatte die Wahrheit geschrieben. Auch ├╝ber June. Sicher. Seine Wahrheit; ohne Empfindung; n├╝chtern und brutal. Wahr nur, was im rostl├Âchrigen Sieb seines Weltbildes h├Ąngenbliebe. Nun war Henrys K├Ârper zerschunden und tot. In welchem Sieb mochte das, was von ihm ├╝brig war, nun h├Ąngen bleiben? War ├╝berhaupt etwas von ihm ├╝briggeblieben? W├╝rde der liebe Gott ein Sieb der Gnade im Schrank haben, durch das das, was Henry f├╝r seine Seele gehalten hatte, nicht fiele?- Das Manuskript klebte an H├Ąuserw├Ąnden und Asphalt. Anais blickte zur anderen Stra├čenseite. Die Menge starrte gel├Ąhmt auf den leblosen K├Ârper Henrys. Zeitlupe schlich sich in die Mimik der Leute. Verzerrung. Best├╝rzung und Schrecken kroch anonym in das Antlitz der Masse. Arme bewegten sich, ruckartig von Zahnr├Ądern getrieben, in Richtung des Toten; Oberk├Ârper, von einer unbekannten Macht gehalten, neigten sich nach vorne, das Gewicht von allen auf ein einziges gemeinsames Sprungbein verlagert, schienen sich wie eine zu gro├č geratene Am├Âbe gestaltlos durch das glitschige Gel nicht abzustreifender Hilflosigkeit wabernd nach vorne w├Ąlzen zu wollen. Aus diesem z├Ąhfl├╝ssigen, fadenziehenden Brei, strahlte June sie befreit an und l├Ąchelte ihr nickend zu. Worte perlten aus Junes makellos wei├čen Z├Ąhnen. Wie der klare Born eines jungen Baches schien sie lustig und ewig jugendlich vor sich hinzuplappern. Nicht wirklich konnte Anais verstehen, was sie da so unbeschwert von sich gab. June winkte ihr zu: ÔÇ×EngelÔÇť. Sie hatte sich nie zwischen beiden entscheiden k├Ânnen, zwischen der Anziehungskraft von Henrys Geist, an den sich anlehnen zu k├Ânnen, sie bislang stets geglaubt hatte, und der Ausstrahlung einer durch und durch weiblichen Seele, in deren Anwesenheit sie sich getragen f├╝hlen konnte. Nun hatte sich Henrys Geist verfl├╝chtigt, war einfach im Abgas-├äther vorbeirasender Autos verpufft. Sie glaubte ins Leere zu st├╝rzen. Ihr wurde schwindelig. In diesem Augenblick stand June pl├Âtzlich vor ihr, Angesicht zu Angesicht. Anais sp├╝rte ihren warmen Atem. June breitete ihre Arme weit aus und schloss sie m├╝tterlich um ihren in sich zusammensinkenden K├Ârper. Anais schwanden die Sinne. Sie lie├č sich fallen. Ein warmer, breiter und ruhiger Fluss. Von unendlicher Zuneigung aufgefangen lie├č sie sich tragen: ohne jede Bedingung in Liebe aufgehen d├╝rfen. Jetzt verstand Anais, was June ihr die ganze Zeit zugerufen hatte: ÔÇ×Liebe geht ├╝ber Wahrheit, Liebe geht ├╝ber Wahrheit, manchmal zumindest, manchmal zumindest geht Liebe ├╝ber Wahrheit.ÔÇť Sie nickte June wissend zu und warf mit gro├čen Augen fragend einen letzten Blick in die pl├Âtzlich losgelassene Menge, die ungehemmt in einer gewaltigen Flut durch die eben ge├Âffneten Schleusen eines Staudammes hin zu Henry st├╝rzte: hatte irgendjemand hier bemerkt, dass sie Henry in die Stra├če gesto├čen hatte? Ein ÔÇÜNeinÔÇś l├Âste sich aus ihrer Kehle, als die Horde donnernd ├╝ber sie hinweg getrampelt war, sie sich aus dem Schwarz einer pl├Âtzlich hereinbrechenden Nacht befreit hatte und sp├╝rte, wie ihre Seele auf flauschigen, wei├čen Schwingen in das Licht des blauen Mittagshimmels dorthin gehoben wurde, wo ein freundlicherer Morgen sie mit offenen Armen willkommen hie├če: manchmal ist Liebe der Wahrheit vorzuziehen und manchmal ist die Liebe Wahrheit. Die einzige.

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Ralph Ronneberger
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Languedoc
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Hallo Canisius Tremble,

Bezieht sich Deine Geschichte auf Henry und June Miller, und Anaïs Nin? Wenn ja, so ist das das einzige, was ich verstanden habe. Ich müsste den Text noch einmal lesen, um seinen Sinn zu erfassen, aber offen gesagt, er ist nicht gerade leserfreundlich. Ich mag komplexe Texte, aber das zum Beispiel:



quote:
Nicht zumindest ein wenig G├Ąnsehaut, etwa nicht mit einigem Recht zu Berge stehende Haare oder etwa nicht mit gutem Recht gar den blutleer blass in alle Fasern kriechenden Schrecken eines vor der Zeit eintretenden Nerventods nach dem stundenlang schrill kratzenden Kreischen eines von Geisterhand immer wieder quer ├╝ber die Tafel gezogenen Kreidest├╝ckes?!- Doch.




ÔÇŽ ├╝bersteigt meine Rezeptionsf├Ąhigkeit. Ich k├Ânnte zahlreiche weitere Passagen aus dem Text anf├╝hren, die mir, dem Leser, einfach zu viel des Guten sind. Mir scheint, Du m├Âchtest mit der Gewalt von Worten eine Dramatik beschw├Âren, aber mit gewaltigen Worten allein kommt noch kein Drama zustande. Vermutlich hat Dir das Finden und Setzen all dieser Worte eine Freude gemacht, hast aber im Schaffensrausch den Leser vergessen.

Ich wei├č auch nicht, wie Du Dein Anliegen, Dein Sujet besser ÔÇ×r├╝berbringenÔÇť k├Ânntest. Mit dieser ├ťberf├╝lle an Partizip-Adjektiven wahrscheinlich nicht. Zu bem├╝ht, zu gezwungen, zu ├╝bertrieben nach meinem Geschmack, vor allem auch in der Metaphorik. Satz f├╝r Satz m├╝sste man Deinen Text durchgehen und vom ├ťberma├č befreien. Orthografische Fehler sind mir auch aufgefallen, aber das ist das Wenigste.

Soweit ein erster Eindruck

von

Languedoc

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