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Leselupe.de > Kurzprosa
Der Riss
Eingestellt am 27. 09. 2007 11:57


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Drake Falkon
AutorenanwÀrter
Registriert: Oct 2006

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Vor mir schwebte ein Riss.
Mitten in der Luft und ohne Anstalten zu machen zu einem festen Gegenstand zu gehören, außer der Welt an sich. Ich lag in meinem Bett und blinzelte. Dem Stand der Sonne nach zu urteilen, deren Strahlen durch unverhangene Fenster auf mein Gesicht fielen, musste es gegen 11 Uhr gewesen sein.
Sicher war ich mir dessen aber nicht und so griff ich nach meinem Handy. Es lag, wie immer, auf der Lehne des Sofas, das im rechten Winkel zum Bett stand. Es klappte auf und mit vor Schlaf schwimmendem Blick sah ich etwas mit 10. Zwei-, dreimal blinzelte ich erneut und rieb mir die Nacht aus den Augen. 10:32.
Wie lange hatte ich geschlafen? Wann war ich eingeschlafen? Beide Fragen fielen von mir ab und schufen genĂŒgend Platz fĂŒr eine sich ausbreitende Verwirrung und eine andere Frage, als ich den Riss sah.
Schlafe ich immer noch?
Bestimmt ist dies einer dieser TrÀume, dieser besonders hinterhÀltigen TrÀume, in denen man glaubt man sei aufgewacht und die SphÀren des Unterbewussten lÀgen wieder hinter einem, tief schlummernd, in einem.
Doch auf beunruhigend ĂŒberzeugende Weise schien eben dieser Riss realer zu sein als alles andere, aus dem die Welt bestand.
Er war vermutlich 8cm hoch, spÀteres Nachmessen brachte ihn auf 9,5 cm doch vielleicht hatte er die Zeit genutzt, um zu wachsen.

Vielleicht hatte er noch etwas vor.

Seine Breite konnte ich, immer noch der LĂ€nge nach im Bett liegend, auf ziemlich genau 1cm schĂ€tzen. Dies jedoch nur in der Mitte, da er sich nach oben und unten verjĂŒngte, bis er sich an beiden Enden in einem spitzen Winkel schloss.
Seine Tiefe lag, wenn man ihn, nicht wie ich von vorn, von der Seite betrachtet hĂ€tte, bei weniger als Haaresbreite und es ist fraglich, ob man ihn ĂŒberhaupt bemerkt hĂ€tte! Vermutlich hĂ€tte man ihn unbeobachtet gelassen, ungehindert dessen, was er war und was er werden wollte.
Und er wollte etwas werden.

Er schien es mir entgegen zu schreien, direkt in meinen Kopf, ohne den Umweg ĂŒber die Ohren. Was es sein sollte, konnte ich nicht erahnen, denn was sollte ein Riss schon werden als nur grĂ¶ĂŸer? Doch dieser Gedanke ĂŒberfiel und bedrĂ€ngte mich mit mehr Angst und Arglist als alles, was bisher geschehen war.
Er wollte wachsen.
Er wollte grĂ¶ĂŸer werden.
Er wollte leben.
Er wollte sein.
Und er war. Und vor allem war er viel tiefer, als man hĂ€tte erraten können, wenn man nicht, wie ich, direkt in ihn sah. Fast war mir, als starre er zurĂŒck. Als starre diese unauslotbare, unschĂ€tzbare Tiefe, welche mit absoluter, leerer SchwĂ€rze völlig falsch beschrieben wĂ€re, aber diesem noch am nĂ€chsten kam, zwischen den zerrissenen und ausgefransten RĂ€ndern durch meine Augen in mich hinein.
Etwas schien zu flĂŒster: "Sieh mich an!"
Es war keine Bitte, eher ein Wunsch.
Mein Wunsch.

Nichts auf der Erde oder ĂŒber ihr hinaus schien noch Bedeutung fĂŒr mich zu haben.
Nichts, außer der Wunsch nach der Aufmerksamkeit dieses Etwas, welches hinter diesem Tor lag.

Doch noch war es zu klein. Nichts konnte mich erreichen als der Blick, der Wunsch, das Verlangen.
Tastende Finger drangen an den Spitzen hindurch, krĂŒmmten sich um den Rand und rissen ihn weiter auf. Zerrten und pressten, drĂŒckten und drĂ€ngten Millimeter um Millimeter.
Der Riss wuchs.
Scharfe Kanten schnitten sich in mein Fleisch, Blut troff in die andere Welt und auf das Bett. GrĂ¶ĂŸer und immer grĂ¶ĂŸer wurde die Öffnung, bis mein Kopf hindurch zu passen schien.
Keine Sekunde lÀnger konnte ich warten.
Ich schob und drÀngte ihn hinein in die Dunkelheit, ohne auf die RÀnder zu achten, die mir das Gesicht zerrissen.
Was ich dann sah, war nicht im geringsten das, was ich erwartet hatte.
Nichts in der Welt hÀtte mich darauf vorbereiten können, was sich dort meinen Augen darbot.

Vor mir lag ich in meinem Bett, blinzelte und sah einen Riss.
__________________
Nichts ist enger als die RealitÀt, der man sich unterwirft.

Version vom 27. 09. 2007 11:57

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