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Leselupe.de > Science Fiction
Der Roboter und Ich
Eingestellt am 08. 09. 2003 09:08


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radebar
Autorenanwärter
Registriert: Sep 2003

Werke: 2
Kommentare: 3
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Hallo!
Als ersten Beitrag habe ich eine meiner ersten Kurzgeschichten herausgekramt, die ich aber noch immer recht gut finde. Während ich im Moment an längeren Sachen sitze, finde ich, dass die Kurzgeschichte immer gut ist, eine kurze Skizze einer etwas anderen Gesellschaft zu zeigen. Viel Spaß.


Der Roboter und ich

Es war ein langweiliger Tag. Ein äußerst langweiliger Tag, um genau zu sein. Nichts war bislang geschehen, auch gestern nicht, und so hatte ich vor meinem nächsten Termin plötzlich drei Minuten und zweiundzwanzig Sekunden Zeit, nachdem ich die Zeitung gelesen hatte. Das war schon seit Monaten nicht vorgekommen, und ich war etwas überrascht. Ich fühlte mich fast ein bisschen unwohl mit dieser unerhörten Lücke in meinem Terminkalender, und während ich noch überlegte, was ich erledigen könnte, glitt mein Blick über die Anzeigen in der Zeitung.
Keine erregte meine besondere Aufmerksamkeit; Subspace-Jets von Reuter waren im Sonderangebot zu haben, ebenso ein paar kleinere Planeten und einige Asteroiden, und auch ein paar Roboter ... Moment! Roboter?! Wieso denn Roboter? Roboter waren doch schon seit einigen Jahrhunderten nicht mehr in Mode. Das letzte Modell hatte ich in einer Ausstellung des Schlingfang-Museums gesehen, in East-London. Warum sollte sich also jemand die Mühe machen, antike Roboter zu verkaufen? Ich blätterte zu der Anzeige zurück und studierte sie im Detail. ROBOTECH LUXUS-ROBOTER verkaufte einen französischen Koch, einen deutschen Wachmann, ein englisches Kindermädchen und einige andere Modelle zu ‚äußerst günstigen Preisen’. Sie versprachen ‚einen Hauch der guten, alten Zeit’ für vierundzwanzig leicht abzahlbare Raten zu besonders günstigen Konditionen. Das klang interessant. Etwas seltsam zwar, aber interessant.
Ich sah auf meine Uhr. Ich hatte noch zweiunddreißig Sekunden. Ich machte mir eine private Notiz, ROBOTECH in den nächsten Tagen einmal zu besuchen und schaltete mein Terminal aus. Einige Sekunden saß ich noch etwas benommen da. War es Schicksal, oder einfach nur ein Zufall, fragte ich mich. Ein Roboter könnte tatsächlich alle meine Probleme lösen. Niemand würde erwarten, dass ich einen Roboter hatte, und dann ... Nein, niemand würde das für möglich halten. Plötzlich war ich sicher, die Lösung für meine Probleme gefunden zu haben.

Acht Wochen nachdem ich die Anzeige im New-Boston Herald gelesen hatte, betrat ich zum letzten Mal die Geschäftsräume von ROBOTECH an der Ecke 6550te und MacGruder. Doran D. Heppenheim, Gründer, Besitzer und einziger Angestellter von ROBOTECH, begrüßte mich wie so oft in den letzten Wochen mit Handschlag. Sein Grinsen war vielleicht noch ein bisschen enthusiastischer als sonst, denn er hatte gerade ein ganz besonderes Werk für mich fertiggestellt, dass er stolz ‚Sohn’ nannte, das ich aber lieber als ‚Rudger II.’ bezeichnete.
„Ist es wirklich fertig?“ fragte ich ihn, während er meine Hand fast zerdrückte.
„Oh ja, das ist er“, verkündete er eifrig. „Wenn sie nicht vor mir stünden, ich wüsste nicht, ob es Rudger I. oder Rudger II. ist.“
„Wirklich so gut?“
„Oh ja, wirklich.“ Er lächelte und hob seine Stimme. „Rudger“, rief er, „komm her!“ Und schon kam er zur Tür herein, Rudger van Derret II., mein komplettes Ebenbild und die Lösung all meiner Probleme. Er durchmaß das Zimmer mit langen, kräftigen Schritten, hielt den Kopf aufrecht wie ein Aristokrat und trug seinen 15.000-Kredite-Anzug mit natürlicher Eleganz. Er war mein perfektes Abbild. Ich war begeistert, denn alles an ihm wirkte so echt. Es war, als würde ich in einen 3-D Spiegel schauen – einen 3-D Spiegel, der sprechen konnte, allerdings.
Er sagte „Hi!“ als er vor uns anhielt. Nichts sonst, nur „Hi!“ Das war etwas peinlich, denn ich wusste auch nicht genau, was ich zu einem Roboter sagen sollte, der mich für die nächsten paar Monate vertreten sollte und dessen Programm alles wusste, was ich je gewusst habe. Diese Maschine war ich, und was hätte ich mir schon sagen sollen, was ich nicht schon wusste?
„Du siehst gut aus“, stellte ich schließlich fest. Das war natürlich eine etwas blöde Bemerkung, aber Rudger II. machte das nichts aus.
„Natürlich“, sagte er mit einem leichten Grinsen. „Ich bin dein Abbild, Herr. Ich bin konstruiert worden, Ihr zu sein. Ich bin Ihr und Ihr seid ich. Wir sind eins. Es war unsere Idee. Es war eine gute Idee.“
Ich nickte etwas irritiert. „Sicher, sicher“, murmelte ich und sah dann Happenheim an. „Wird der jetzt immer so sein?“
Heppenheim zuckte mit den Schultern. „Das weiß ich nicht. Er ist schließlich ihr Ebenbild.“ Das beruhigte mich nicht, und auch das nicht, was er als nächstes sagte. „Ach so, sie müssen sich über die Bezahlung übrigens keine Sorgen machen. Er hat bereits einen Scheck ausgestellt.“
„Er??!“
Heppenheim nickte. Ich sah Rudger II. an. „Hast du?“
Rudger II. lächelte mich an. „Natürlich habe ich das getan. Und warum auch nicht? Ich bin doch euer Ebenbild, Herr, oder nicht?“

Oh ja, er war wirklich mein Ebenbild. Manchmal war es richtig beängstigend. Er machte jede Bewegung so, wie ich sie machte, er trank sein Öl wie ich meinen Kaffee trank, er zog sich an wie ich, er sprach wie ich, er ging wie ich, und er schnarchte sogar wie ich, obwohl Roboter natürlich niemals wirklich schlafen.
Aber er hatte Recht – es war eine gute Idee. Ich genoss das Leben, ging in den Park oder ins Kino und tat all das, was ich seit Jahren nicht getan hatte, während er meine Arbeit erledigte. Ich ging in Museen und Bibliotheken, sogar nach Disneyland und Miami, und er ging ins Büro. Es war wirklich großartig. Er erledigte meine Arbeit sogar noch effizienter als ich. Er warb fünf neue Klienten in einer Woche und steigerte den monatlichen Profit um 5,2 %. Nach einem Monat wurde er stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrates und am Ende des Jahres wurde er von Fortune zum ‚Geschäftsmann des Jahres’ gewählt. Er war perfekt. Oder, zumindest fast perfekt.
Im Frühling des folgenden Jahres kam er eines Tages nach Hause ohne ein Wort zu sagen. Das war seltsam, denn er war programmiert, mich freundlich und enthusiastisch zu begrüßen, wenn er mich sah. Ich hielt ihn in der Halle auf.
„Was ist los?“ fragte ich. „Was ist passiert?“
Er sah mich mit einem seltsam abwesenden Blick an. „Du kennst doch Eileen, deine Sekretärin?“
Natürlich kannte ich sie. Eileen, eine hübsche Brünette aus Calor, Mitte Zwanzig, war seit fünf Jahren meine Sekretärin.
„Ja, ich kenne sie“, meinte ich ärgerlich. „Was ist mit ihr?“
„Ich denke, ich habe mich in sie verliebt.“
„Du denkst ... !?“ Ich konnte es nicht glauben. „Oh nein! Das denkst du nicht! Du bist ein Roboter. Du kannst nicht denken! Und du kannst dich ganz bestimmt nicht verlieben!“
„Aber das habe ich! Hast du denn nie ihre Augen gesehen? So blau wie das Eis und so tief wie ein Ozean. Sie ...“
„Hör auf damit!“ rief ich. Das war doch lächerlich! Ein verliebter Roboter? Nein, das war unmöglich.
„Nein, nicht unmöglich“, teilte mir Heppenheim am Videophon mit. „Sehr unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich.“
„Was soll das heißen? Er ist ein Roboter. Er kann nicht fühlen. Er ist kein Mensch!“ Ich zögerte. „Oder etwa doch ...?“
„Nicht wirklich. Aber ... seine Speichereinheiten und seine Analysemechanismen sind sehr fortgeschrittenes Material von Omega Alpha Ceti und in einer Weise verbunden, die ich nicht ganz verstehe. Die Einheiten sind dem menschlichen Gehirn stark nachempfunden, und in gewisser Art ist es fast ein menschliches Gehirn. Einige Teile der interdireptiven B-basierten Alpha-Controller sind mit dem ...“
„Okay, okay, ich verstehe schon. Sie wollen sagen, dass es wirklich möglich ist. Dass er Gefühle haben könnte und sich verlieben könnte und all das?“
„Nein, nein, keine echten Gefühle. Aber er kennt Liebe aus ihrer Erinnerung und er könnte glauben, dass er Gefühle hat und sich verliebt hat. Und wenn er sich selbst überzeugt hat, dass er verliebt ist, dann kann ihn keiner mehr stoppen. So funktioniert er halt. Er war überzeugt, dass er sie ist, und nun scheint er auch überzeugt zu sein, dass er verliebt ist.“
„Gibt es nichts, was wir gegen diese lächerliche Idee machen können?“
Er runzelte die Stirn und sah mich seltsam an. „Sagen sie, Mr. van Derret, waren sie je verliebt?“
„Ja, und ich ... Oh, nein! Sie meinen, es ist bei ihm, wie es damals bei mir war?“
„Ich hoffe doch. Er ist ihr Ebenbild.“
Sehr hilfreich war das nicht. „Das haben sie schon einmal gesagt“, knurrte ich, ehe ich ihn abstellte. Dann ging ich wieder in das Wohnzimmer, um zu sehen, was Rudger II. machte, aber es war schon zu spät, er war schon gegangen. ‚Ich gehe zum Blumenladen und dann zu Eileen’, besagte ein Zettel, den er mir hinterlassen hatte. ‚Warte nicht auf mich. Es kann spät werden.’ Ich sah den Zettel in meiner Hand ärgerlich an. Offenbar war Rudger II. völlig verrückt geworden. Ich wusste das so genau, weil er sich genauso wie ich benahm vor ein paar Jahren.
Ich dachte noch immer darüber nach, was ich tun konnte, als das Telefon klingelte. Es war Eileen.
„Eileen?“
„Ja“, murmelte sie. „Ich wollte nur noch einmal fragen, wo unser nächstes Treffen ist. Das ist ein bisschen peinlich, aber ...“
Ich unterbrach sie. „Was?! Sie wissen das nicht? Sie, die perfekte Sekretärin?“ Das konnte nicht sein. Nicht bei Eileen.
„Nun ja, ich ... Es ist nur so, dass ...“ Sie zögerte, denn plötzlich verstand sie. „Sie wissen es auch nicht!?“
Ich gab es zu. Einen Moment blieb es still in der Leitung, dann meldete sie sich wieder.
„Diese Anzeige von ROBOTECH vor ein paar Wochen, die sie so lange angesehen haben ... Sind sie je da gewesen?“
„Ja, bin ich. Aber woher wissen sie das?“
„Das konnte mir nicht entgehen. Die Anzeige war länger auf ihrem Schirm, als alles andere. Es war reine Routine, darüber eine Notiz zu machen. Ich wusste natürlich nicht, was sie vorhatten, und es hat auch bis zum nächsten Tag gedauert, bis mir klar wurde, dass ein antiker Roboter die Lösung für all meine Probleme sein könnte. Sie wissen schon, all die Stunden im Büro, all die arbeit die ich zu erledigen hatte. Da dachte ich ...“
Ich unterbrach sie wieder. „Ich weiß, was sie dachten. Ich hatte selbst die gleiche Idee.“
„Dann ist er also ein Roboter?“
„Oh ja, das ist er. Und auch die Eileen aus dem Büro ist einer, nicht wahr? Die, die er jetzt trifft?“
Natürlich war es so. Eileen erzählte mir ihre Geschichte am nächsten Tag, als wir uns in einer Bar in der Nähe ihrer Wohnung trafen. Wir waren sehr erleichtert und sehr froh, dass alles ganz normal war, denn es war völlig in Ordnung für Roboter, sich in einander zu verlieben. Wir wussten beide, wie effizient Rudger II. und Eileen II. waren, und wir wagten nicht, sie zu stoppen. Während dieses Gesprächs fiel mir zum ersten Mal auf, wie wunderschön Eileen wirklich war, und wie Recht Rudger II. hatte, sich in sie zu verlieben. Folglich tat ich das Gleiche, oder fast das Gleiche, sollte ich wohl sagen. Dieses Mal machten wir es richtig, mit richtigen Gefühlen und allem. Eines nachts sagte mir Eileen, dass sie froh sei, dass es wenigstens eine Sache gäbe, die Menschen besser machten, als Roboter. Sie hat mir nie gesagt, woher sie das wusste.



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Franktireur
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Registriert: Not Yet

Hübsche Geschichte

Eine gute Idee, flüssig erzählt.
Die Schlußpointe sitzt.
Was will man mehr als Leser,
darum eine gute Bewertung.

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radebar
Autorenanwärter
Registriert: Sep 2003

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Danke, danke! Das wärmt das Herz. Freut mich, wenn es gefallen hat, denn was will man mehr als Autor?

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jon
Foren-Redakteur
Fast-Bestseller-Autor

Lektor
Registriert: Nov 2000

Werke: 147
Kommentare: 6206
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Wie wär es mit einer Modifikation des Schlusssatzes ?
"Ich habe sie nie gefragt, woher sie das wusste." fände ich noch 'n Tick stärker.

PS: Die gehobene Form von „du“ heißt „Sie“ – auch in der neuen RS!
__________________
Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

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