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Leselupe.de > Kurzprosa
Der Saxophonspieler
Eingestellt am 20. 11. 2007 13:54


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animus
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Registriert: Mar 2006

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Der Saxophonspieler




Ich konnte es kaum abwarten. Das scharfe Zischen der Pneumatik machte mich nerv├Âs und ich trat ungeduldig von einem Bein aufs andere. Endlich gab die verbeulte T├╝r der U-Bahn nach und die Masse der Reisenden zog und schob mich auf den Bahnsteig hinaus. Mir war es egal, ob ich jemanden anrempelte oder nicht, ich dr├Ąngte mich durch. Mein anf├Ąngliches Tempo wandelte sich zu einem hastigen Laufschritt, oft blieb ich mit meinem Koffer in der dichten Menschenmenge h├Ąngen. Ohne R├╝cksicht zog ich ihn immer wieder hinter mir her. Die Beschimpfungen hinter mir h├Ârte ich nicht; um die, die ich umrannte, k├╝mmerte ich mich nicht. Als ob ich um mein Leben liefe, durch einen stickigen, unterirdischen Tunnel, der kein Ende nahm. Die Angst, zu sp├Ąt zu kommen, ihn nicht mehr anzutreffen, hetzte mich unerbittlich weiter. Die letzte Treppe nahm ich immer zwei Stufen auf einmal. Mehrmals rutschte ich aus, rappelte mich immer wieder auf, bis ich mit brennenden Lungen, den Koffer fest an meine Brust gedr├╝ckt, endlich auf dem Bahnsteig stand. Es regnete durch die zerschlagenen Scheiben der ├ťberdachung und der Wind lie├č den aus vielen L├Ąndern angereisten Staub wild durch die Luft wirbeln. Mein Herz blieb fast stehen, als ich den langsam abfahrenden Zug sah. Alle T├╝ren waren geschlossen, nur ein paar Reisende steckten ihre K├Âpfe durch die schmalen Fenster. Der Anblick nahm mir die letzte Kraft, um hinterher zu laufen und noch aufzuspringen. Versteinert stand ich da und beobachtete die R├╝ckwand des letzten Wagons, bis sie verschwand. Mir kam es vor, als ob ein Meer ├╝ber dem Dach des Bahnsteigs seine Wellen schlagen w├╝rde; der Regen sch├Ąumte und ich atmete schwer die nasse, staubige Luft des Bahnsteigs ein. Wie ein Gestrandeter auf einer kleinen Insel drehte ich mich hilfesuchend im Kreis. Dann sah ich ihn - auf der anderen Seite der Schienengrube. Trotz seiner St├Âckelschuhe, des wei├čen Kleides, der kleinen Handtasche, des Hutes und der Schminke erkannte ich ihn wieder an seinen Augen. Sie l├Ąchelten mich liebevoll an, wie immer.
„Vater!“, schrie ich und streckte ihm meine Arme entgegen.

Ohne den Versuch, sich mit mir zu verst├Ąndigen, legte er seinen schwarzen Koffer auf den Boden, machte ihn auf und nahm sein geliebtes Saxophon heraus. In gewohnter Manier zog er sich den Tragriemen ├╝ber den Kopf, richtete ihn quer ├╝ber die Schulter, h├Ąngte das gl├Ąnzende Instrument ein und setzte das Mundst├╝ck auf. Jede dieser Bewegungen kannte ich auswendig aus meinen heimlichen Besuchen seiner Auftritte. Das mehrfache Befeuchten des Mundst├╝ckes, das kurze Einblasen und das schnelle Abgreifen der Klappen mit seinen schlanken Fingern glich einem Ritual. Er nahm das Mundst├╝ck langsam zwischen seine Lippen, schloss die Augen und fing an zu spielen. Sein Lied, das ihn ber├╝hmt gemacht hatte.

Jede Note dieser Melodie, egal ob Viertel, Achtel oder Zweiunddrei├čigstel, ich kannte sie alle. Wie ein Besessener hatte ich dieses St├╝ck wochenlang ge├╝bt, mit der Klarinette oder ohne. Bei jeder Gelegenheit trommelte ich den Takt mit den Fingern auf alle m├Âglichen Gegenst├Ąnde. In der Stra├čenbahn, in der Bar, in der K├╝che und auf der Toilette. Ich musste es lernen, um es einmal, ein einziges mal mit ihm zusammen spielen zu k├Ânnen.
Wie er legte ich meinen Koffer auf den Boden, nahm die Klarinette heraus, setzte die f├╝nf Teile zusammen und bereitete mich auf das Spiel vor. Mit geschlossenen Augen stieg ich in seine Melodie ein und spielte mich von Note zu Note in einen Rausch, in dem ich nichts anderes h├Ârte als die Sprache seines Saxophons. Es regnete immer noch und der Wind trieb weiterhin sein Unwesen in dem verrosteten Stahlger├╝st des Bahnsteigs. Das Wasser lief ├╝ber mein Gesicht, und ich schmeckte Salz in meinen Mundwinkeln. Ich folgte seinen harmonischen T├Ânen, schmiegte mich immer wieder weich mit der Klarinette zwischen die Kl├Ąnge. Unser Atem floss gleichm├Ą├čig durch die Klappen der Instrumente und verwandelte das jahrelange Schweigen in einen Dialog, der schwebend ├╝ber den Schienen seine volle Tiefe entwickelte.

Nur am Rande nahm ich das Ger├Ąusch des einfahrenden Zuges wahr, das hektische Gebaren der Reisenden und zuletzt den Pfiff des Schaffners, bevor die st├Ąhlernen R├Ąder sich in Bewegung setzten und mein einziges Spiel mit ihm davontrugen.
Ich richtete die Klarinette in die Ferne, wo die Schienen miteinander verschmolzen und spielte mein Solo zu Ende. Die zwei leeren Koffer auf dem Bahnsteig schenkte ich dem Wind.




[┬ęanimus]

__________________
Die alten Tr├Ąume waren gute Tr├Ąume.
Sie gingen nicht in Erf├╝llung, aber
ich bin froh sie gehabt zu haben.

Version vom 20. 11. 2007 13:54

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Pola Lilith
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Eine ansprechende, "filmreife" Idee - der Inhalt deiner Story. ├ähnliches zwar schon oftmals verwendet in Filmbildern f├╝r M├Ąnnerfreundschaften, bei Road Movies u.dgl. - hier aber Vater und Sohn - beide wohl nicht integriert in sich aus dem Rahmen fallend. (Wobei mich hier interessieren w├╝rde: Was zieht den Sohn am Vater an? - dessen Ber├╝hmtheit? Seine Travestie? Oder beides?)

Formell nicht ganz gefallend, zu viel "als ob" und "wie", ├╝berfl├╝ssig manche Darstellung der U-Bahn-Szenen (das kennt man, h├Ątte nicht so sehr beschrieben werden m├╝ssen). Unklar auch am Ende die Geschichte mit dem Zug - eine Aufgeregtheit, standen sie denn direkt auf dem Gleis? (und was ist eine Gleisgrube?)

Wunderbar die letzten zwei S├Ątze !

(und ├╝brigens auch die Stimmung, die du mit der Kleidung des Vaters und der Landschaft vermittelst).

Gru├č, Pola

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