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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Schatz in meiner Hand
Eingestellt am 02. 07. 2003 22:55


Autor
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Astrid
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Jun 2003

Werke: 105
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Der Schatz in meiner Hand

Ich halte ihn ganz fest, meine Finger umschlie├čen ihn wie einen Schatz ÔÇô deinen Wohnungsschl├╝ssel.

In dem Moment, als du ihn mir gestern gabst, hatte ich das Gef├╝hl, in einer Filmszene mitspielen. Eine Szene, die schon hundertmal in meiner Fantasie abgelaufen ist... Nun war ich mittendrin und ich versuchte, meine Verlegenheit wegzul├Ącheln. Was mein Mund nicht schaffte, taten meine Augen, die zwei freundlichen Verr├Ąter.

Doch was war das? Du l├Ącheltest auch mich an. Irritiert und dankbar nahm ich den Schl├╝ssel und f├╝hlte das k├╝hle Metall auf meiner Haut.

Heute also benutze ich ihn zum ersten Mal. Herzklopfen begleitet jeden Schritt und ein unwahrscheinlicher Genuss, ein Kribbeln im ganzen K├Ârper, als h├Ątte ich eine Stromleitung ber├╝hrt.
Zuerst sehe ich im Briefkasten nach, ob wir ÔÇô nein, ob du Post hast. Was gibt es Sch├Âneres, als einen Briefkasten aufzuschlie├čen? Fast z├Ąrtlich drehe ich den kleinen Schl├╝ssel um.
Wie viele Briefe und Zettelchen er schon von mir bekommen hat...
Heute ist er leer.

Die Stufen zu deiner Wohnung laufe ich so z├╝gig hoch, dass ich vor deiner T├╝r erst mal nach Luft schnappe. In dem Ma├če, wie sich mein Atem wieder beruhigt, galoppiert mein Herz immer schneller. Es klingt, als w├╝rde ich mit beiden F├Ąusten an deine T├╝r h├Ąmmern und ich drehe mich um, in der Erwartung, dass der Nachbar ├Âffnet und sich ├╝ber den L├Ąrm beschwert.

Dann kommt der entscheidende Moment ÔÇô ich schlie├če deine Wohnungst├╝r auf, schl├╝pfe hinein, lehne mich von innen gegen die hastig geschlossene T├╝r und sp├╝re ÔÇô

eine kleine Ern├╝chterung. Denn es klangen keine Glocken und der Himmel st├╝rzte auch nicht ein. Es war und blieb doch nur eine ge├Âffnete und wieder geschlossene T├╝r. Nichts weiter.
F├╝r einen Moment stelle ich mir vor, wie ich in den Korridor rufe ÔÇô ÔÇ×ich bin da!ÔÇť und wie du mir dann entgegenkommst.
Aber ich bin allein.


Der gewohnte Geruch deiner Wohnung spielt mit meinen Sinnen.
Ich gehe in das Wohnzimmer, von dort in die K├╝che, wieder zur├╝ck in den Flur, als wollte ich eine Spur zeichnen.
Auf deinen schwarzen M├Âbeln liegt wie immer der Staub und ich h├Ątte gro├če Lust, Herzen hineinzumalen.

Vor deinem Schlafzimmer bleibe ich stehen, lege die Hand auf die Klinke und ÔÇô

lasse sie wieder los. Die geschlossene T├╝r fl├Â├čt mir Respekt ein. Obwohl ich auch in diesem Raum schon einmal war, habe ich heute das Gef├╝hl, eine Grenze zu ├╝berschreiten. Vielleicht w├╝rdest du es bemerken?

War es nicht auch ein Vertrauensbeweis, dass du mir deinen Schl├╝ssel gabst? L├Ąsst du mich damit nicht ein kleines St├╝ckchen mehr in dein Leben?
Ich sch├╝ttele ├╝ber mich selbst den Kopf. Ein bisschen.
Im Wohnzimmer ├Âffne ich weit die Balkont├╝r und trete hinaus. Der kleine klappbare Holztisch erz├Ąhlt Geschichten von Rotwein- und Kerzenabenden und ich m├Âchte mein Gl├╝ck am liebsten laut hinausschreien.

Ich lasse die laue Sommerluft ins Zimmer und setze mich auf die Couch, auf genau den Platz, auf dem ich meist sitze, wenn ich bei dir bin. Meine Blicke schweifen durch den Raum. Es ist anders heute, es ist so verdammt anders und es macht mich nerv├Âs und beruhigt mich zugleich.

Liebevoll blicke ich zu dem Schrank, in dem sich Schallplatten und CDs stapeln und ich sehe dich wieder davorhocken, wie du eine Musik f├╝r den Abend ausw├Ąhlst.

Auf dem Anrufbeantworter blinken zwei Nachrichten. Sollte ich...? Ich z├Âgere... wenn es aber wichtig ist...

Pl├Âtzlich h├Âre ich ein Ger├Ąusch. Schritte?
Ich halte die Luft an, stelle mir vor, wie du die T├╝r aufschlie├čen wirst...


Dann endlich besinne ich mich, warum ich eigentlich hier und jetzt in deiner Wohnung bin und ÔÇô

suche nach einer Kanne, um deine Blumen zu gie├čen, denn du bist f├╝r zwei Wochen verreist.




__________________
Astrid

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Kilian
Hobbydichter
Registriert: Jun 2003

Werke: 2
Kommentare: 2
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Profil

Hallo Astrid,

diese Geschichte ist sch├Ân!
Sie ist sehr sch├Ân sogar! Das erweckt in mir das Gef├╝hl, selbst der Schl├╝sseltr├Ąger zu sein mit allen Hoffnungen und Tabus.
Ich w├╝rde einige Kleinigkeiten nochmal durschauen. Aber die sind jetzt nicht der Rede wert.
Diese Geschichte macht einen sehr jung, wenn man sie liest, so ist mein Eindruck.
Viele Gr├╝sse

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flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

Werke: 278
Kommentare: 8208
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Profil
hm,

eine sehr ansprechende, sprachlich und inhaltlich sch├Âne geschichte. mit freude zu lesen.
ganz lieb gr├╝├čt
__________________
Old Icke

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kaffeehausintellektuelle
Guest
Registriert: Not Yet

ja, mir hats auch gefallen. guter stil, spannend geschrieben, sch├Âne sprache.

die k.

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