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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Schlüssel
Eingestellt am 20. 12. 2002 14:26


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gelahh
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Registriert: Dec 2002

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Entfernten sich die Schritte, oder kamen sie nicht doch näher? Er hatte das Gefühl, als wenn er immer nervöser und unruhiger wurde. Warum konnte er sich nur nicht entscheiden? Dreimal war er jetzt schon an dieser Ecke vorbeigekommen. Der Wind kam eiskalt durch die vom Wasser heraufführende Straße und trieb ein paar alte Zeitungsseiten über die Fahrbahn. An der Haltestelle des Omnibusses warteten jetzt zwei Personen. Er blickte sich um. Niemand war ihm gefolgt. Seine Einbildung hatte ihm nur wieder einmal einen Streich gespielt.
Als er sich jetzt der Haltestelle näherte, sah er, daß es sich bei den beiden Wartenden um zwei ältere Frauen handelte. Wurde er doch beobachtet, oder war es nur Zufall, daß sich beide zu ihm umgedreht hatten? Dicht an der Häuserwand bleibend, versuchte er möglichst unauffällig vorbeizukommen. Zu seiner Erleichterung bemerkte er jetzt, daß sich die Frauen nur aus dem Grunde in seine Richtung gedreht hatten, um dem unangenehmen Wind ihren Rücken zuzuwenden. Beide hatten ihre Mantelkragen hochgeklappt und jetzt hörte er auch Gesprächsfetzen. Die eine wollte wohl ihren Sohn oder einen anderen Verwandten besuchen, während die andere etwas zum Ausgang der letzten Wahl sagte. Aber offensichtlich waren sie sich bei diesem Thema nicht einig. Ja, sie stritten sich anscheinend. Ganz deutlich hörte er die eine jetzt sagen: „Ich weiß nicht, was sie sich von diesem Wechsel versprechen? Für uns bleibt doch alles beim alten“. Ihn sahen sie nicht an, sie schienen ihn gar nicht bemerkt zu haben.
Frierend zog er die alte Jacke noch enger um seinen Körper. Ob er auch diesmal wieder so einen schlimmen Winter vor sich hatte? Bis vor vier Wochen war es ihm ja noch ganz gut gegangen. Er hatte Gelegenheit gehabt in seinem gelernten Beruf zu arbeiten. Aber leider kam das nicht oft vor. Es war in den letzten beiden Jahren das zweite Mal gewesen, daß man ihn gebrauchen konnte. Es war sein Pech, daß die Arbeit immer nur für kurze Zeit reichte. Andere hatten da mehr Glück. So sagten sie jedenfalls. Das letzte Mal waren es aber doch fast drei Monate gewesen. Hatte er nun alles richtig gemacht? Er war sich nicht sicher. Aber wer A sagt, muß auch B sagen. Das war eine alte Weisheit, die er sich immer wieder im Stillen vorgebetet hatte. Traf das aber auch in diesem Fall zu?
Er war inzwischen wieder umgekehrt. In der Ferne sah er den Omnibus verschwinden, der die beiden Frauen mitgenommen hatte. Jetzt hörte er aber ganz deutlich Schritte hinter sich. Immer näher kamen die Schritte. Krampfhaft umfaßte er seinen wertvollen Tascheninhalt. Plötzlich hörte er eine Stimme neben sich. „Was macht denn ein so gut aussehender Mann, an so einem miesen Abend hier auf der Straße?“ Ein junges Mädchen lächelte ihn von unten herauf an. Warum mußte sie sich nun gerade an ihn heranmachen? Er, der immer auf die Zeichen von ‚oben‘ achtete, so meinte er jedenfalls, wurde jetzt noch nervöser. Das letzte Zeichen, vor zwei Monaten, hatte er doch auch erkannt und richtig gedeutet. Aber für Mädchen hatte er jetzt doch wirklich keine Zeit und übrigens auch gar kein Geld.
Die Kleine ging immer noch neben ihm her und blickte ihn mit ihren großen Augen fragend an. „Mach schon, Junge, es ist ungemütlich hier draußen. Komm mit mir, ich mach's uns bei mir gemütlich.“ Aber er hatte es sich inzwischen anders überlegt. „Tut mir leid, Kleines, aber ich habe weder die Zeit noch das Geld, um mit dir zu kommen.“ „Tu doch nicht so, ich bin auch mit wenig an so einem Abend zufrieden.“ „Nein, hau ab. Ich hab' keine Zeit für dich, vielleicht ein andermal.“ Erst wollte sie noch weiter auf ihn einreden, dann besann sie sich aber doch eines Besseren und wandte sich mit einer frechen Redewendung von ihm ab.
Er hatte jetzt auch den anderen Mann gesehen und es war ihm ganz recht, daß sie die Straße überquerte, um ihr ‚Glück‘ dort zu versuchen. Der Andere hatte dadurch keine Gelegenheit, ihn näher zu betrachten. Man konnte doch nicht vorsichtig genug sein.
Da war wieder die Haltestelle, aber diesmal war kein Wartender in Sicht. Es waren jetzt bereits fast vier Stunden vergangen, seit er sein Zimmer verlassen hatte. Um, wie er es nannte, die Unkosten niedrig zu halten, war er den ganzen Weg durch die Stadt zu Fuß gegangen. Zu Hause hatte er sich einige Stücke Wurst eingesteckt, die er bequem unterwegs essen konnte. Sehr lange würde diese Mahlzeit wohl nicht vorhalten, denn er hatte auch mittags nichts zu sich genommen. Das Essen am Morgen sollte ja am gesündesten sein, hatte er mal gelesen. Das paßte im Augenblick gut zur Lage seiner Finanzen. Frühstück aß er gerne, er kam sich dann immer vor wie einer von den anderen. Die anderen waren die, die Arbeit hatten, ständig Arbeit hatten, und sich daher auch ein gutes Leben leisten konnten.
Auch heute Morgen hatte er seine Cornflakes mit Milch, die er besonders liebte, gegessen. Anschließend noch zwei Eier mit Würstchen - zugegeben es waren die allerbilligsten, die man bekommen konnte - und Toast mit dünn Butter aber mit viel Marmelade, von der er einen ganzen Kübel zu Hause hatte. Leider reichte dieses Frühstück nie für den ganzen Tag. Irgend so ein Professor hatte zwar geschrieben, daß man mit einem guten Frühstück im allgemeinen genug für den ganzen Tag zu sich genommen hatte, aber was heißt schon ‚im allgemeinen‘. Bei ihm funktionierte es jedenfalls nicht. Wenngleich er es jetzt schon seit über einem Jahr versuchte, hatte er doch am frühen Nachmittag immer mächtigen Hunger. Jetzt hatte er den Trick mit der überaus preiswerten Hartwurst herausgefunden. Davon steckte er sich immer einige Stücke in die Tasche, wenn er nachmittags unterwegs war. Heute hatte er sich aber auch mehr als gewöhnlich angestrengt, der weite Weg und dann diese Zeit der Unentschlossenheit. Anscheinend zehrte das nicht nur an seinen Nerven, sondern machte ihm auch körperlich zu schaffen.
Dort vorne das Haus. Aber nein es sah ihm nur ähnlich. Er mußte noch mindestens einen Kilometer gehen, bis er das Haus wieder erreichen würde. Das Haus lag ja doch nicht weit von dem großen Bekleidungsgeschäft, das jetzt schon seit mehreren Jahren zugemacht hatte. Türen und Fenster des Erdgeschosses waren mit Brettern zugenagelt. Und was für ein feines Geschäft war das gewesen. Oftmals hatte er seinerzeit, in den längst vergangenen Jahren, als er noch ständig Arbeit hatte, vor den Schaufenstern dieses Bekleidungsgeschäftes gestanden und hatte sich die begehrenswerten Auslagen angesehen.
Da war der Tag gewesen, an dem die neuen Matrosenjacken aus England im Fenster hingen. Auch damals war er an einigen Tagen hintereinander in diese Straße gekommen, bevor er sich entschloß, die warme Jacke aus dunkelblauem Kammgarn zu kaufen. Zuerst hatte er sie ja nur sonntags getragen, aber als das mit Maria dann nicht mehr klappte, sie redete am Ende immer nur von ihren verpaßten Chancen, zog er die gute Jacke auch zur Arbeit an. Beim ersten Mal war das mehr aus Zufall passiert. Wie hatten die anderen ihn damals aufgezogen, von wegen der feinen Jacke. Aber dann hatte er sich daran gewöhnt, die Jacke auch zur Arbeit zur tragen und die anderen gewöhnten sich auch daran, ihn so zu sehen und fanden nichts mehr dabei.
Noch zwei Querstraßen, rechnete er sich aus, dann müßte der Block mit dem ehemaligen Bekleidungsgeschäft und mit seinem Haus kommen. Natürlich war es nicht sein Haus, aber zur Zeit bedeutete dieses Haus alles für ihn. Er konnte an nichts anderes denken. Wegen dieses Hauses war er nun schon seit dem frühen Nachmittag unterwegs. Er durfte gar nicht daran denken, daß er vor zwei Tagen schon einmal zwei Stunden in dieser Straße verbracht hatte, nur um möglichst unauffällig mehrmals an dem Haus vorbeizugehen.
Er hatte sich vorgestern, so wie heute, eine Zeit gewählt, an der verhältnismäßig viele Leute hier unterwegs waren. So sehr viel war hier ja nie los, aber es waren einige Gewerbebetriebe in dieser Gegend und dazwischen ziemlich viele, meist ältere Wohnhäuser. Jetzt war aber nicht nur die Geschäftszeit vorbei, sondern inzwischen waren alle Leute zu Hause, selbst die wenigen, die noch letzte Einkäufe zu machen hatten, waren verschwunden.
An der nächsten Ecke stand ein Schutzmann. Er sah ihn ganz deutlich unter der Straßenlaterne stehen und in seine Richtung blicken. Sonst, außer ihm selbst und jetzt dem Schutzmann, war ja auch weit und breit niemand zu sehen. Seine Stirn wurde feucht und die alte Mütze fing wieder an zu drücken. Auch sein Atem ging jetzt plötzlich anders. Es war doch immer das Gleiche. Er war ja noch nie ein so richtig cooler Typ gewesen, immer wurde er gleich nervös. Das Schlimmste war aber, daß die, die ihn kannten, es sofort bemerkten. Was sollte er jetzt tun? Umkehren konnte er nicht gut, das wäre sofort aufgefallen. Die Mütze abnehmen und sich mit dem Taschentuch die Stirn und das Gesicht trocken reiben konnte er jetzt auch nicht.
Der Schutzmann kam ihm langsam ein paar Schritte entgegen und legte seine Hand an die Mütze. „Mieser Abend heute, nicht? Ist Ihnen vielleicht irgend etwas da hinten aufgefallen. Soll'n mal wieder so'n paar Burschen mit den Autos 'rumgemacht haben.“ Er merkte, wie sich jetzt auch ein leichter Druck auf seine Brust legte. Er konnte kaum atmen. Offensichtlich sah man es ihm aber nicht an, sonst hätte der Schutzmann ganz anders mit ihm geredet. Er mußte sich jetzt Mühe geben. „Ja, sie haben recht, es ist sicherlich nicht schön an so einem Abend Dienst zu haben. Wie viele sollen es denn gewesen sein?“ Der Schutzmann blickte ihm jetzt voll ins Gesicht, das leider auch noch von der Laterne etwas beleuchtet wurde. Er schien aber mit dem, was er sah, zufrieden zu sein. „Tscha, die sagten was, von vier oder fünf. Sollen wieder mal ganz junge Burschen sein.“ „Nee, Herr Schutzmann, das tut mir leid, daß ich ihnen da nicht weiterhelfen kann. Aber ich habe in den letzten fünf oder zehn Minuten, die ich von der vorletzten Haltestelle bis hierher brauchte keine Menschenseele gesehen. Ich bin nämlich in den falschen Bus eingestiegen, und muß jetzt zurück zum Rathaus, um den richtigen zu erreichen. Und das bei diesem kalten Wetter.“ Entweder war der Schutzmann kein besonders guter Menschenkenner, oder aber er spielte seine Rolle tatsächlich so überzeugend. Jedenfalls legte der Schutzmann noch einmal die Finger der rechten Hand an seine Mütze und sagte: „Schon gut. 'Wünsch ihnen trotzdem einen schönen Abend.“ Dann drehte er sich um und ging in der entgegengesetzten Richtung langsam davon.
Er mußte sich sehr zusammennehmen, um jetzt ganz normal weiterzugehen. Am liebsten wäre er ja gelaufen, so befreit fühlte er sich. Aber schon fühlte er wieder den Druck auf der Brust. Außerdem trugen seine Beine ihn nur noch sehr mühsam. Eben war doch alles noch ganz in Ordnung gewesen. Man wird eben alt, sagte er sich, war aber doch etwas besorgt, daß seine Nerven ihm so zusetzten.
Noch ein Häuserblock, dann mußte er da sein. So schnell es ging, hastete er weiter. Was aber, wenn er da angekommen war? Würde er es tun? Würde er sich trauen? Es ist doch zum Wahnsinnigwerden, nach all den Plänen und den Vorbereitungen. Das konnte doch nicht alles vergebens sein. Wieder dachte er zurück, an den Tag, der für ihn und sein weiteres Leben so entscheidend sein sollte.
Zusammen mit einem anderen, Sammy hatte der geheißen, war er schon früh von der Firma aufgebrochen. Sie sollten einen eiligen Job erledigen. Ein kleiner Händler hatte gestern Abend spät angerufen. Er hatte seinen Fahrer, seinen einzigen Angestellten, entlassen müssen, weil das Vertrauensverhältnis zwischen beiden nicht mehr so war. Näher hatte er sich darüber nicht ausgelassen, er wollte aber sofort, gleich am nächsten Tag, ein neues Sicherheitsschloß installiert haben. So hatte der Boß denn noch am Abend Sammy und ihm den Auftrag gegeben, am kommenden Morgen als erstes mit einem der besten Schlösser, das sie vorrätig hatten, zu dem Mann zu fahren und das Schloß, zusammen mit einer von den neumodischen Schließanlagen, die die Tür gleichzeitig an beiden Seiten sicherte, zu installieren.
Für die beiden gelernten Schlosser war das ein verhältnismäßig leichter Auftrag. Sie würden sogar noch Zeit haben, am Mittag für eine halbe Stunde in das Wettlokal am Marktplatz zu gehen und sich dort die Einläufe der ersten Pferderennen anzuhören. Vielleicht war ja doch wenigstens etwas für ihn dabei, denn er wußte bereits, daß die Aushilfsarbeit am Ende der übernächsten Woche wieder mal zu Ende sein würde. Da wäre denn ein kleiner Gewinn durch das Einlaufen der Pferde in der von ihm vorhergesagten Reihenfolge durchaus willkommen.
Vor Ort stellte sich dann heraus, daß sich die alte Tür nicht für die neue Schließanlage eignete. Der Händler entschied sich denn auch gleich für eine neue schwerere Tür. Die Arbeit war trotzdem bis zum Mittag fertiggeworden, da man zwar auf die Lieferung der neuen Tür warten mußte, dafür aber keine Zeit für das umständliche Umarbeiten der alten Tür benötigte. Zum neuen Schloß gehörten zwei Schlüssel, die die beiden auch dabei hatten. Der Händler wünschte aber noch einen zusätzlichen, einen dritten Schlüssel. Bei dem Schloß handelte es sich um ein kompliziertes System, für das zusätzliche Schlüssel nicht ohne weiteres erhältlich waren. Nach einem langen telefonischen Streit zwischen dem Händler und dem Meister, sollte dann aber doch noch ein weiterer Schlüssel angefertigt und nachgeliefert werden. Da Sammy für einen anderen wichtigen Auftrag am Nachmittag eingeplant war, sollte er nun das Anfertigen und Liefern des zusätzlichen Schlüssels übernehmen.
Während ihrer Arbeit im Geschäft des Händlers hatte er beobachtet, daß sämtliche Einnahmen sofort in eine große Kassette gelegt wurden. Diese Kassette stand hinter einem undurchsichtigen Vorhang in einem Regal. Er hatte von Sammy gehört, daß die Kassette vor einigen Jahren schon einmal bei einem Einbruch gestohlen worden war. Daraufhin war dann ein neues Sicherheitsschloß installiert worden, eben das Schloß, das sie jetzt ersetzten. Warum nur wurde diese Kassette nicht in einem verschließbaren Schrank, am besten natürlich einem Stahlschrank, aufbewahrt. Auch dazu gab es eine Geschichte, die er sich aber nicht so genau gemerkt hatte, da er in seinen Gedanken noch bei der Kassette war. Er hatte wohl bemerkt, daß ganz erkleckliche Beträge ihren Weg in die Kassette fanden und beim Wechseln großer Scheine, kamen immer einige Bündel zu Tage. Man konnte aber sehen, daß sich am Boden der Kassette noch viele solche Bündel befanden. Er hatte auch bemerkt , daß der Händler darauf bedacht war, daß sein Hantieren mit der Kassette keine Aufmerksamkeit erregte.
Verstehen konnte man das Ganze aber doch nicht. Es sollte jetzt ja wieder einige, hauptsächlich ältere Leute geben, die den Banken nicht trauten. Gewiß, es hatten im letzten Jahr zwei Banken Pleite gemacht, aber er selbst würde sein Geld, wenn er welches hätte, doch lieber bei einer Bank aufbewahren. Leider war er ja aber nicht in der glücklichen Lage, daß er sich darüber Gedanken machen mußte. Oder noch nicht.
Am späten Vormittag waren er und Sammy dann noch wie geplant in das Wettlokal gegangen. Es zahlte sich aber doch nicht aus. Seine Einlaufwette stimmte nur zur Hälfte, das eingesetzte Geld war also verloren. Zum Glück hatte er nicht viel riskiert, denn er mußte jetzt, mit dem ihm bereits bekannten Ende seiner jetzigen Beschäftigung ständig im Kopfe, auch wieder auf das Kleingeld aufpassen. Wie schnell konnte man doch Geld ausgeben. Unwillkürlich mußte er an seine Pläne denken und er hatte ein ganz flaues Gefühl in der Magengegend.
Nachmittags war der Meister dann mit Sammy zusammen zu einem größeren Job gegangen. Ihn ließen sie zurück mit der Mahnung, ja dafür zu sorgen, daß der Händler noch am Nachmittag seinen zusätzlichen Schlüssel bekam.
Also hatte er sich an die Arbeit gemacht. Aber schon seit dem Zeitpunkt, als er im Wettsalon seinen Einsatz verloren hatte, mußte er immer wieder an die Kassette denken. Wie von einer inneren Stimme getrieben, beeilte er sich am Nachmittag mit der Arbeit. Er machte jedoch nicht nur einen zusätzlichen Schlüssel, nein er machte gleich zwei. Das fiel, ja es konnte gar nicht auffallen. Wenn er sich nur entsprechend beeilte. Auch die hierfür notwendigen hochwertigen Rohlinge unterlagen keiner zu strengen Kontrolle. Man hielt sie zwar verschlossen in einem Stahlschrank, aber ohne genaue Mengenkontrolle. So hatte er sich denn, bevor der Meister ging, statt einen gleich zwei Rohlinge geholt und dann den Schlüssel dem Meister zurückgegeben.
Er hatte zwar schneller als gewöhnlich gearbeitet, hatte sich andererseits aber so viel Mühe gegeben wie selten zuvor. Ja er konnte sich nur noch an ein einziges Mal erinnern, an dem er sich auch so abgeplagt hatte, um besonders gut zu arbeiten. Das war vor fast zwanzig Jahren bei seiner Gesellenprüfung gewesen. Er hatte daraufhin auch mit ‚lobenswert‘ bestanden. Genützt hatte ihm das aber letztendlich doch nichts. Beim Militär war er mit den falschen Typen zusammengekommen und anschließend hatte eigentlich nichts mehr so recht geklappt.
Er war also am Spätnachmittag mit seinen zwei Schlüsseln losmarschiert und gerade rechtzeitig zum Geschäftsschluß beim Händler angekommen. Der Empfang war entsprechend, da der Händler ihn viel früher erwartet hatte. Trotzdem hatte er jetzt aber zum Einpassen genügend Zeit, denn der Händler war mit seinen Waren, von denen er am Nachmittag eine neue Lieferung hereinbekommen hatte, vollauf beschäftigt. Beide Schlüssel paßten. Er mußte aber an beiden noch eine Kleinigkeit abfeilen, um ein leichtes Schließen zu erreichen. Zufrieden übergab er den einen Schlüssel an den Händler und ließ sich auch noch eine gesonderte schriftliche Empfangsbestätigung geben. Das wurde zwar bei Spezialschlössern meistens so gemacht, war jedoch an sich nicht zwingend vorgeschrieben. Er wollte aber ganz sichergehen, daß sich in Verbindung mit diesem Job keine Nachfragen ergaben.
An all das dachte er jetzt, als er sich der letzten Straßenecke näherte. Er ging jedoch nicht sofort weiter, da er plötzlich das dringende Bedürfnis verspürte, seine Nerven durch das Rauchen seiner vorletzten Zigarette zu beruhigen. An sich war das so geplant, die letzte wollte er dann nämlich im Anschluß an die getane ‚Arbeit‘ genießen. Er konnte ja nicht gut gleich anschließend losziehen und Zigaretten kaufen.
Er suchte sich einen Windschutz hinter einem Häuservorsprung. Es war ein schäbiges altes Haus, direkt an der Ecke. Die Firma, die hier mal ihre Räume gehabt hatte, gab es wohl längst nicht mehr. Die unteren Fenster waren alle mit Brettern vernagelt, was man bei den oberen wohl nicht für notwendig angesehen hatte. Die Fenster der oberen Stockwerke hatten keine Scheiben mehr und selbst die Rahmen schienen nicht mehr vollständig zu sein. Aber das interessierte ihn jetzt eigentlich nicht, er nahm es nur am Rande wahr. Er wollte ja auch nicht länger hier stehenbleiben, nur eine Zigarettenlänge. Seine Hände zitterten als er die zerdrückte Packung aus der Tasche zog. Es waren wirklich noch zwei Zigaretten drin. Hastig angelte er sich eine heraus. Er fühlte wieder diesen Druck auf der Brust. Das war etwas Neues, es beunruhigte ihn jetzt doch etwas. Noch zehn, fünfzehn Minuten dann war alles vorbei, versuchte er sich zu beruhigen.
Er hatte doch ein Feuerzeug eingesteckt. Ungeduldig riß er sein Taschentuch aus der Jackentasche. Er hörte ein kleines metallenes Geräusch neben sich auf dem Gehsteig, stellte dann aber zu seiner Beruhigung fest, daß er das Feuerzeug in der Hand hielt. Schnell zündete er sich seine Zigarette an. Das war nicht so ganz einfach, er wurde immer nervöser und seine Hände zitterten so stark, daß er sich Gedanken machte, ob er denn überhaupt werde aufschließen können. Gierig zog er den Rauch aus der Zigarette, deren anderes Ende für einen kurzen Moment hell erglühte.
Er hatte die Zigarette erst halb aufgeraucht als ihn seine Unruhe dazu trieb den Rest auf die Straße zu werfen. Er blickte ihr nach und sah, daß sie gerade in ein Siel, neben dem er gestanden hatte, fiel. Jetzt drängte es ihn aber vorwärts. Er bog um die Ecke und sah das Haus auf der anderen Straßenseite liegen. Links daneben lag das alte Bekleidungsgeschäft. Nichts rührte sich auf der Straße und auch in den Häusern schien alles ruhig. Wer sollte auch um diese Zeit in dieser Gegend sein. Seine rechte Hand suchte jetzt in der Jackentasche nach dem Schlüssel. Das Taschentuch war so groß, daß er den Schlüssel gar nicht sofort fühlen konnte. Da war das Feuerzeug, wo aber war der Schlüssel? Vor ein paar Minuten hatte er ihn doch noch in der Hand gehalten. Während der letzten drei oder vier Stunden hatte er doch immer wieder nach ihm gefühlt. Er mußte doch da sein. Er nahm das Feuerzeug und steckte es in die andere Tasche in der wirklich nur, davon hatte er sich überzeugt, die Zigarettenschachtel war. Dann nahm er das Taschentuch, hielt es hoch, nichts. Die Tasche war jetzt auch leer. Das konnte doch nicht sein.
Er griff noch mal in die Tasche. Es war nichts mehr drin. Ihm drohte schwindelig zu werden. Auf dem Boden lag auch nichts. Er hätte es ja auch hören müssen, wenn der Schlüssel wirklich zu Boden gefallen wäre. Aber hatte er nicht vor kurzem etwas fallen hören? Seine Gedanken jagten wie wild zurück über die letzten Sekunden, Minuten. Er mußte jetzt ganz ruhig bleiben. Nur nichts übereilen. Langsam, Schritt für Schritt, ging er zurück zur Ecke, dahin wo er eben noch gestanden hatte. Nichts, außer ein paar schmutzigen, vom letzten Regen durchnäßten Abfällen, war auf dem Boden zu sehen. Jetzt war er wieder genau da, wo er eben gestanden hatte als er seine Zigarette rauchte. Auch da nichts. Aber da fiel sein Blick wieder auf das Siel und in seinem Inneren hörte er wieder das leise metallene Geräusch, als wenn Metall auf Metall trifft. Das konnte doch nicht sein. Er war jetzt so aufgeregt, daß er kaum noch eines gezielten Gedankens fähig war.
Er mußte sich gegen die alte Häuserwand lehnen und seine Gedanken sammeln. Er konnte genau erinnern, daß er den Schlüssel das letzte Mal fühlte, als er die Straße überquerte, um sich ein geschütztes Plätzchen zu suchen. War er sich da auch ganz sicher? Er konnte genau erinnern, daß er, als er ans Rauchen dachte, in der Tasche den Schlüssel und das Feuerzeug gefühlt hatte.
Also mußte der Schlüssel hier, an dieser Stelle, heruntergefallen sein. Das konnte aber nur da gewesen sein, als er sein Feuerzeug suchte und in seiner Ungeduld das Taschentuch aus der Tasche gezogen hatte. Das würde mit diesem Geräusch, das er mehr im Unterbewußtsein wahrgenommen hatte, übereinstimmen. Aber das würde ja dann heißen, daß er den Schlüssel nicht nur in seiner Ungeduld fallen ließ, sondern daß dieser dann auf den Rand des Siels gefallen und da er nicht mehr zu sehen war, in das Siel gefallen war.
War denn nun alles aus, der Plan, die ganze Arbeit und die Aufregung der letzten Tage. Er fühlte, daß er ohnmächtig werden würde. Schnell setzte er sich auf den Rest einer alten Treppe, die zur zugenagelten Haustür hinaufführte. Es war zuviel für ihn. Langsam schwanden ihm die Sinne und er bemühte sich, nicht nach unten sondern auf die Stufe zu gleiten.
Plötzlich gab es einen Knall. Erschrocken fuhr er zusammen, bemühte sich dann aber, sich aus seiner unbequemen Lage aufzurichten. Halb erfroren und mit noch schmerzender Brust gelang es ihm auch halbwegs.
Da saß er in seinem Bett. Das erste Licht des frühen Morgens drang durch die zugezogenen Vorhänge. Die Bettdecke war am Fußende zusammengestampft und neben ihm auf dem Fußboden lag das große dicke Buch, das er, es auf der Brust balancierend, gehalten hatte. Es war kalt im Zimmer und ihn fror.
Er hatte da ja einen schlimmen Traum gehabt. Bei der Studie des dicken Buches, der interessantesten Einbrüche des Jahrhunderts, ein Thema über das er morgen einen Vortrag halten sollte, war er wohl eingeschlafen und hatte das Buch, das ihm schwer auf der Brust gelegen hatte, jetzt fallengelassen.
Aber, was war denn das mit dem Schlüssel. Wieso hatte er denn von einem Schlüssel geträumt?
Ach ja, Maria hatte ihn gestern Abend spät noch angerufen und ihm gesagt, daß sie ihm morgen ihren Schlüssel bringen würde, damit er während ihrer Abwesenheit auf ihre Wohnung und natürlich auf ihre Pflanzen Obacht geben kann. Besonders eindringlich hatte sie ihn ermahnt, den Schlüssel nicht zu verlieren.
Sie kannte ihn eben....


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Parsifal
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Der Schlüssel

Hallo Gelahh,

Deine meisterhaft erzählte Geschichte hat mich wieder mit der LL versöhnt, und ich weiß jetzt, wonach ich in Zukunft Ausschau halten werde! Herzlichen Dank für die spannende Erzählung und besonders für den verblüffenden Schluß!

Herzlichst
Parsifal

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