Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, müssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92241
Momentan online:
261 Gäste und 16 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Schmetterling schlüpft
Eingestellt am 22. 01. 2003 14:32


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
rainer.v
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Jan 2003

Werke: 17
Kommentare: 6
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um rainer.v eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Der Schmetterling schlüpft


So saß Kathrin also auf dem Ball und presste schon seit einigen Stunden, wie die Hebamme es ihr im Vorbereitungskurs beigebracht hatte. Kathrin war froh, daß ihr Mann Joshua ihr zur Seite stand. Natürlich konnte er nicht wirklich in das Geschehen eingreifen, aber allein seine Nähe und die mal tröstenden, mal aufmunternden Worte halfen ihr, die Wehen durchzustehen.

Die Uhr im Kreißsall zeigte inzwischen 23.25 Uhr. "Jetzt sind es schon 9 ½ Stunden" wunderte sie sich selber. So lang kam es ihr trotz der Anstrengungen doch nicht vor. Ihr Mann war auch überrascht, welch ein Durchhaltevermögen sie bewies, denn bisher hatte sie sich bei einem Aerobickurs zum Beispiel nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Er litt mit ihr und bewunderte sie für ihre doch relative Ruhe bei der langen Geburt.

Allmählich wurde jedoch die Hebamme und der behandelnde Arzt unruhig. Der Muttermund hatte sich noch nicht weit genug geöffnet, das Kind hatte noch nicht genug Raum, um sich alleine den Weg in seine neue Welt zu bahnen. Die Hebamme stand mit düsterer Miene neben Kathrin. Sie befürchtete, daß neben diesem Problem noch die Nabelschnur um den Hals des Kindes geschlungen wäre. Dies würde natürlich zu erheblichen Problemen bei der Geburt führen, die im schlimmsten Fall den Tod des Kleinen verursachen könnten.

All diese Dinge wurden zu dieser späten Stunde nun besprochen. Kathrin fragte mit banger Stimme: "Besteht denn nicht die Möglichkeit, das Sie sich irren?? Ich habe jetzt schon so lange durchgehalten und möchte doch unser Kind mit einer natürlichen Geburt zur Welt bringen. Außerdem müsste ich es als Mutter doch spüren, wenn es dem Kind nicht gut ginge, oder?"

Der Arzt sah sie nachdenklich an, wägte sämtliche Möglichkeiten ab. Schließlich sagte er "Sicherlich ist es Ihre Entscheidung, ob Sie das Risiko eingehen möchten. Unter Berücksichtigung meiner langjährigen Erfahrung kann ich aber nur zu einem Kaiserschnitt raten. Die Öffnung des Muttermundes dauert schon zu lange und die Probleme des Erdrosselns durch die Nabelschnur wenn das Baby vollends herauskommt, sind nun einmal nicht von der Hand zu weisen. Letztendlich liegt es bei Ihnen. Beraten Sie sich bitte mit Ihrem Mann, ich bin in fünf Minuten wieder bei Ihnen, und dann schauen wir, was wir machen, okay?"

Mit diesen Worten verließ er den Raum und Kathrin und Joshua wussten kaum, was sie tun sollten. Nachdem Kathrin jetzt so lange schon in den Wehen lag und diese auch in immer kürzeren Abständen kamen, hatte sie fest damit gerechnet, daß es nur noch eine Sache von Minuten wäre. Die Nachricht des Arztes traf sie daher mit der Wucht eines Hammers, den ein kräftiger Schmied auf einen Amboss niedersausen lässt.

Kathrin wimmerte "Ich wollte doch immer, das unser Kind natürlich auf die Welt kommt. Ich habe so viel davon gelesen, daß Kinder, die per Kaiserschnitt auf die Welt gekommen sind, es schwer haben werden, weil sie kein Durchsetzungsvermögen haben!" Joshua nahm seine Frau zärtlich in den Arm, er wusste genau, welchen inneren Kampf sie durchmachte. Sie hatten sich so oft in der Schwangerschaft darüber unterhalten und er kannte die Ängste und Sorgen, die sich selbstverständlich auch in seinem Inneren festgesetzt hatten.

"Schatz, natürlich haben wir uns das beide gewünscht. Aber es ist unser erstes Kind, wir haben sicher nicht die Erfahrung, an den Aussagen der Hebamme oder des Arztes zu zweifeln. Außerdem liegst du doch schon seit fast zehn Stunden in den heftigsten Wehen. Glaubst Du nicht auch, daß unser Kind in dieser Zeit auch arg kämpfen musste? Es hat es garantiert nicht so leicht gehabt, wie ein Kind, bei dem direkt die Geburt per Kaiserschnitt geplant wird. Es hat uns doch schon bewiesen, das es stark und kräftig ist. Sollen wir nicht auf den Arzt hören und den Kaiserschnitt machen lassen? Er hat ja auch gesagt, daß es in unserer Situation das Sinnvollste ist."
Joshua streichelte ihr zärtlich über den Kopf, küsste ihren Bauch und dann ihre Stirn.
"Und wenn Du Angst haben solltest, daß Du für mich hinterher unattraktiv durch diese Narbe würdest: das ist absoluter Unsinn! Ich liebe Dich doch über alles!"

Kathrin brach in Tränen aus und umarmte ihn.. Joshua hatte die Worte gesagt, die sie jetzt hören musste. Dieses Verständnis brachte ihr die Erlösung und den letzten Schritt zur Entscheidung.

Der Doktor betrat wieder den Raum und schaute mitfühlend auf das Paar, das ihm eng umschlungen entgegenblickte. "Wir haben uns entschieden. Machen Sie bitte den Kaiserschnitt. Wir möchten es schnell hinter uns bringen, bevor wir es uns nochmal anders überlegen."

Der OP war bereits vorbereitet und Kathrin wurde auf dem Stuhl entsprechend betäubt. Sie konnte zwar ab dem Bauch abwärts nichts mehr spüren, aber sie konnte alles hören und bekam alles mit. "Das ist das Mindeste, das ich meinem Kind schuldig bin" dachte sie sich.

Joshua saß bei Kathrin am Kopfende, ab ihrem Bauch war alles mit den üblichen OP-Decken abgeschirmt, sodaß beide zwar etwas hören konnten, aber nichts sehen.
Das gesamte Ärzte- und Helferteam war durch viele Geburten aufeinander eingespielt. Und so dauerte es nur einen kurzen Moment, bis das glückliche Elternpaar den ersten Schrei ihres Kindes hörten.

Schon kam eine Schwester mit dem kleinen, in warme Decken gewickelten Baby auf dem Arm zu den beiden hin und so sahen sie endlich ihr Kind. Es war ein Mädchen! Endlich wusste Kathrin, wen sie da die letzten Monate mit sich herumgetragen, durch die Bauchdecke gestreichelt und beruhigt hatte.

Überglücklich nahm Joshua sein Kind in den Arm "Hallo Vanessa, mein Schatz! Endlich bist du da!" Kathrin strahlte, als Joshua ihr kleines Mädchen so im Arm hielt, sie ihr dann auf die Brust legte. Endlich hatte sie die warme Haut des Kindes, ihres eigenen Kindes, auf ihrer eigenen. Bisher hatte sie es ja immer in sich gespürt, aber das war nun doch etwas anderes.

Die Schwester musste nun die notwendigen Untersuchungen vornehmen und so gab Joshua ihr sein kleines Mädchen, wenn auch widerstrebend, denn er wollte sie eigentlich gar nicht mehr loslassen.

Kathrin und Joshua schauten einander an, umarmten und küssten sich. "Unser Kind ist da" sagte Kathrin mit zittriger Stimme. Allmählich merkte sie wie anstrengend dieser Tag gewesen war. "Es war richtig, daß wir uns für die Operation entschieden haben, oder?" Joshua nickte, denn der Arzt hatte ihm gesagt, daß die Nabelschnur zweimal um den kleinen Hals gewickelt war. "Ohne das wären wir nicht die glückliche Familie geworden, die wir ab jetzt sein werden. Ich liebe Dich!" Joshua küsste sie. Kathrin sank zurück und freute sich auf die vor ihr liegende Zeit als Familie. Endlich war alles richtig, alles komplett.

Sie fühlte sich endlich vollständig.


© Rainer Vollmer, 22.1.2003

__________________
copyright by RVG

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


kaffeehausintellektuelle
Guest
Registriert: Not Yet

ach, wie sehr ich das klischee liebe, dass frauen erst durchs gebären zu vollständigen menschen werden.
und wie schön, dass der starke mann für die schwache frau diese entscheidung getroffen hat.

und wenn es um leben und tod geht, dann schau ich mir den arzt an, der geduldig und mitfühlend auf die entscheidung der werdenden eltern wartet. dann gehts nämlich ruck zuck gefahr im verzug skalpell kind raus.

im übrigen kenne ich eine menge frauen, die das gefühl haben, durch ihre brut keine vollwertigen menschen, sondern nur noch muttertiere zu sein.

freundlichst
die kaffeehausintellektuelle

Bearbeiten/Löschen    


kaffeehausintellektuelle
Guest
Registriert: Not Yet

lieber rainer

da du mich per mail gebeten hast, nicht nur auf den inhalt, sondern auch auf den schreibstil einzugehen, werde ich das nachholen.
ich muss gestehen, dass ich inhalt und stil nicht voneinander trennen kann. beides gehört für mich dazu.
du hast zwar schöne lange sätze geschrieben, auch ein paar bilder haben mir sehr gefallen, aber was du meiner meinung nach nicht geschafft hast, war das gefühl rüberzubringen. du hättest dich auf das gefühl des mannes konzentrieren sollen, denk ich, das ist dir wahrscheinlich nicht so fremd. stattdessen hast du in einer mischung aus distanz und betroffenheit die gesamte situation geschildert.

weißt du, frauen denen in solchen situationen nicht, dass sie vielleicht unattraktiv sein könnten. da gehts um leben und tod. da gehts ums kind, da gehts um angst. panik.
also ich war in so einer ähnlichen situation. hausgeburt, presswehen, rettung, blaulicht, schreien, krankenhaus, der wunsch, alles möge vorbei sein.
da denkt man nicht in langen sätzen.

der stil ist also von der geschichte nicht zu trennen.
ich hoffe, mit diesen ausführungen gedient zu haben

die kaffeehausintellektuelle


Bearbeiten/Löschen    


flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

Werke: 278
Kommentare: 8208
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um flammarion eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
hm,

da erwartet man eine nette tiergeschichte oder wenigstensirgend etwas anderes, was sich von häßlich nach schön entwickelt und dann bekommt man erzählt, wie es bei der geburt eines kindes zugehen könnte. bin enttäuscht.
__________________
Old Icke

Bearbeiten/Löschen    


Zefira
???
Registriert: Jan 2001

Werke: 14
Kommentare: 1113
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Zefira eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Lieber rainer.v,

ich bin schon gleich im allerersten Satz über das "preßte schon seit einigen Stunden" gefallen. Vielleicht solltest Du erst mal nachlesen, was Preßwehen sind und wann sie eintreten. Jedenfalls keineswegs so lange der Muttermund nicht vollständig eröffnet ist.

Ich halte Deine Kathrin für ein Windei. Meine erste Entbindung - Steißlage - nahm einen ähnlichen Verlauf, was die Eröffnung des Muttermunds angeht. Ich habe den Arzt schon nach fünf Stunden angefleht, mich aufzuschneiden. Leider war es zu spät dafür. Die Narbe am Bauch war das Letzte, was mich in diesem Moment interessiert hätte. Der Text tut insoweit nichts anderes, als diese unsägliche Erwartungshaltung an die Idealgeburt weiterzutransportieren, die auch mich damals noch Monate später fertig gemacht hat - wider besseres Wissen.

Tut mir leid, ich bin bloß verärgert.

Zefira

Bearbeiten/Löschen    


Zurück zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!