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Leselupe.de > Kurzprosa
Der Schrank
Eingestellt am 19. 12. 2004 11:32


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Cirias
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D E R S C H R A N K


Der Himmel beschreibt einen weiten Kreis. Mein Vater sagt, immer da wo ich bin, liegt der Mittelpunkt der Erde. Seitdem er mit einer anderen Frau fortgegangen ist, wohne ich in meinem Zimmer wie in einem Sarg. Wenn ich keine Antworten mehr auf meine Fragen wei√ü, krieche ich in den gro√üen roten Schrank in meinem Kinderzimmer. Knarzend schlie√üen sich die T√ľren und durch einen winzigen Spalt sehe ich Staubflimmer durch die Dunkelheit irren. Dumpf verebben die Ger√§usche im Haus. Dort bin ich allein, bis sie mich finden und ans Licht zerren.

Auch als ein anderer Vater durch das Haus geht, habe ich mich nicht mehr an das Licht gew√∂hnen k√∂nnen. Wenn mich meine Reisen zwingen, in Hotelzimmern zu √ľbernachten, dann krieche ich schon bald in das dunkle, holzig-warme Innere des Kleiderschranks. Ich warte, bis alle Ger√§usche um mich herum verstummt sind und das Licht verblasst ist. Erst dann vertraue ich mich meiner Umgebung an. Erst dann schlafe ich mit Frauen, deren Gesichter ich nicht kenne und deren K√∂rper wie Marmelade an mir kleben. Lichtbewegt, wie die verwitterten Schn√§bel gro√üer V√∂gel, √∂ffnen sich die T√ľren der Schr√§nke. R√§tselhaft nah sind unter meinen geschlossenen Augen die Feuer am Strand, das Unvergleichliche und M√§rchenhaft-Abwesende der fr√ľhen Kindheit. Vater schlie√üt mich in den gro√üen Schrank, wenn ich b√∂se bin. Er schlie√üt mich ein in meine Tr√§ume.

Wenn ich nach Hause zur√ľckkehre, √∂ffne ich jedes Mal die schweren T√ľren des roten Schranks in meinem Kinderzimmer.

Diesmal ist es ein Herbsttag und ich bin allein im Haus. Ich finde den Schrank offen. Wimmernd knarzt das Holz, als ich die T√ľren hinter mir zuziehe. Es ist dunkel. Ich taste nach der Vertiefung im Boden des Schranks, meinem Versteck. Meine Hand bleibt dort liegen. Der traurig-graue Rauch der Tr√§ume steigt auf.
Nachts erwache ich. Vorsichtig dr√ľckt meine Hand gegen die Schrankt√ľr. Nichts. Ich r√ľttele und ziehe, doch die T√ľren bewegen sich nicht einen Millimeter. Ich erstarre. Niemand wei√ü von meiner Anwesenheit. Zaghaft fange ich an zu rufen, doch es bleibt still. Die Schrankw√§nde umschlie√üen mich wie eine zweite Haut. Sie beginnt zu atmen. Ihre Poren √∂ffnen sich. Augenkn√∂pfe starren aus den Ritzen. Eine T√ľr f√§llt ins Schloss. Ich h√∂re meine Stimme: "Papa, geh nicht fort."

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Billenstone Nati
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Der Schrank

Hallo Cirias
Eine sehr traurige Geschichte, eines wahrhaft verschlossenen Jungen. Das verlassene, geprägte Kind, dass den Schrank auch im Erwachsenenalter noch nicht verlassen konnte.
Doch ein Satz stört mich in dieser mehr oder weniger freiwilligen Schutzsuche.
Vater schließt mich in den großen Schrank, wenn ich böse bin.
Dieser Satz hebt das Bild des geliebten Vaters auf. Oder habe ich alles falsch verstanden?
lG Billenstone Nati

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Cirias
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Hallo Billenstone Nati (interessanter Name...was immer er zu bedeuten haben mag...),

der von dir zitierte Satz ist insofern wichtig als dass er ja ein Trauma bezeichnet, das in der Wiederholung geheilt werden soll. Also ist es durchaus nicht das Bild des geliebten Vaters, sondern aufgrund der angedeuteten Umstände vielmehr der Vater, der nie da ist...Aber Missverständnisse sind ja da, um sie aufzuklären,

herzliche Gr√ľ√üe und Dank,

Cirias

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Klippenkletterer
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Hallo, Cirias!

Ich wei√ü nicht recht, wie ich meinen Gesamteindruck von deinem Text zusammenfassen soll. Eine seltsame Geschichte - seltsam vermutlich durch die Metaphern und Bilder, die du mit deinen Worten beschreibst. Ich habe mir die Geschichte mehrmals durchgelesen und bei fast jedem Satz musste ich hinterher erstmal inne halten und √ľberlegen, was du jetzt mit diesem Ausdruck f√ľr einen Hinweis geben willst.

Die Geschichte hat einen traurigen Klang, da kann ich Billenstone Nati nur zustimmen. Aber irgendwie wirkt das Wort "Tr√§ume" darin sehr stark auf mich ein. Der ganze Text wirkt irgendwie tr√§umerisch, als hinge er nicht ganz mit der Realit√§t zusammen - sehr passend nat√ľrlich zum Ich-Erz√§hler, dadurch erh√∂hst du noch den subjektiven Eindruck, den der Leser erh√§lt.

Das Ende macht mir fast schon Angst. Die Verwandlung des sch√ľtzenden Verstecks in ein vereinnahmendes Monster geht unter die Haut. Besonders dieser Satz am Schluss, die einzige w√∂rtliche Rede, unterstreicht die Verlassenheit, die ja durch das ganze Schrank-Motiv insziniert wird. Vielleicht war es gerade dieser Nachhall der Geschichte, der mich dazu veranlast hat, sie genauer unter die Lupe zu nehmen.

Ich hätte dann noch eine Frage an dich. "Ich taste nach der Vertiefung im Boden des Schranks, meinem Versteck. Meine Hand bleibt dort liegen." Irgendwie kann ich mir darunter nichts vorstellen. Was meinst du mit diesem Versteck?

So, ich hoffe, das war einigermaßen verständlich.

Liebe Gr√ľ√üe,

Cliff
__________________
Freundschaft ist Liebe ohne Fl√ľgel.

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Cirias
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Hallo Cliff,

erst einmal herzlichen Dank f√ľr deine Leseeindr√ľcke. Du verstehst es, diese sehr intensiv und aus einem inneren Erleben heraus zu schildern. So erlebe ich meinen eigenen Text noch einmal aus einer ganz anderen Perspektive und f√ľhle ihn durch dich sozusagen erkannt, da mir gerade dieses Surreale, Tr√§umerische ein Anliegen war.
Das Versteck ist ein Motiv aus der Kindheit- viele Kinder, auch ich, haben im Schrank (ältere Schränke haben oft Geheimfächer) solche Verstecke gehabt- hier ist somit ein Moment der Vertrautheit gemeint, ein Augenblick der geborgenheit in einer bedrohlichen Situation. Ich hoffe, diese Erklärung hat dir weitergeholfen,
danke noch einmal f√ľr deine Gedanken,

herzliche Gr√ľ√üe, Cirias

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