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Leselupe.de > Horror und Psycho
Der Schritt hinab
Eingestellt am 19. 02. 2013 11:01


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Black
Festzeitungsschreiber
Registriert: Oct 2004

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Gestern war ich zurück in Barkenhegg, dem Ort meiner Kindheit. Ich schlenderte durch die Straßen und unterschiedliche Bilder stiegen in mir auf.
Feuerwehrmützen, auf deren Lackschirmen sich die Sonne spiegelte. Kleine Sträußchen mit roten und weißen Nelken, die herumgeschwenkt wurden. Bunte Wimpel, Birkenzweige. Nicht zu vergessen die feuchten Küsse angeheiterter Gesichter, wenn man zu dicht am Rinnstein stand.
Unwillkürlich folgte ich dem Marschweg vieler Feuerwehrfeste und stieg hinab ins Unterdorf. Hier, zwischen den hohen Backsteinmauern der Gehöfte schien die Temperatur zu sinken. An einer dieser hohen Mauern erblickte ich einen Mauersockel, der sich zum Ende hin verjüngte und kaum 15 cm maß. Auf ihm hatten wir „Abgrund“ gespielt : jedes Kind mußte den schmaler werdenden Pfad bezwingen, wer abstürzte, war „tot“. Ich wandte den Blick herum und sah auf die Mauer der kleinen Kapelle, die restauriert aus fröhlichen Butzenfenstern schaute. Früher war der Anblick ein Anderer gewesen : noch vor 20 Jahren ragte das Bauwerk düster und verfallen vor einem auf. Das rostige Tor war mit pfeilscharfen Spitzen versehen und mit einem Vorhängeschloß gesichert. Wer von uns Kindern im Dunkeln hier vorbeimußte, rannte das kurze Stück, denn der Kapellenhof befand sich etwas oberhalb Straße, die brüchige Mauer fing erst in Sichthöhe an, und die Toten konnten so einfach hinter der Mauer sitzen und auf Opfer warten.

„Das glaubst du doch selber nicht !“ warf ich Sanne entgegen.
„Tote hinter der Mauer- sowas gibt’s doch gar nicht.“
„Wir wohnen schon länger im Unterdorf und meine Uroma sagt auch, dass es stimmt.“
Sanne schmiss ihre Zöpfe zurück.
„Deshalb ist die Kapelle doch verfallen, weil sich auch die Erwachsenen nicht hineintrauen. Die Tür ist immer verschlossen.“
Und nach einem bedeutungsvollen Schweigen :
„...aber die Gruft ist auf.“
Ich starrte mit offenem Mund. „Welche Gruft?“ hauchte ich.
„Natürlich die Gruft derer von Heeden. Sie haben ihren Gutshof doch im Nachbarort. Ursprünglich stammten sie aber von hier, und erkauften sich das kirchliche Recht, in der Kapelle begraben zu werden.“
„Ist das wahr?“ Der Gedanke ließ mich frösteln.
„Naja, begraben stimmt auch nicht ganz,“ plauderte Sanne weiter, „sie liegen in Nischen im Gewölbe. Das hat mein Opa erzählt und der kennt den Totengräber.“
Ihre Logik war entnervend.
Ich überlegte, wie die auf diese Art Beigesetzten wohl über die Jahrhunderte aussehen mochten, eingefallene Gesichter in teuren altmodischen Anzügen mit auf der Brust gekreuzten Armen und vertrockneten Anthurien in den gefalteten Händen.
„Willst du sie sehen?“
Ich zuckte zusammen. „Spinnst du? Wir können da doch nicht einfach reingehen.“
Und die Totenruhe stören, vollendete ich den Satz in Gedanken.
„Sei keine Memme!“ Sanne blickte mich herausfordernd an.
„Andi war schon drin und er sagt, sowas trauen sich eh nur Jungs.“ Sannes Nachbarsjunge war ein kleiner unterernährter Angeber, mit schmutzigblondem Schopf und immer für eine ‚Mutprobe’, wie er es nannte, zu haben.
„Los komm schon, am Freitag übernachtest du doch eh bei mir, und meine Eltern sind eingeladen. Bei Einbruch der Dunkelheit kommen wir her. Was meinst du? Oder traust du dich nicht?“
„Klar trau ich mich. Kann ja nicht so schlimm sein, wenn Andi schon drin war.“
„Also abgemacht und geschworen.“
Sanne formte mit ihren Fingern ein V und spuckte hindurch. Ich tat es ihr gleich und dachte an große Hände, die aus der Dunkelheit schossen und mich packten.


Der Freitagabend kam. Schumanns hatten sich verabschiedet und uns gemahnt, keine Dummheiten zu machen, um elf wären sie zurück. Sicher hätte es den Kegelabend sehr verkürzt, wenn sie von unserem Plan gewusst hätten.
Sanne zog ihren schwarzen Kapuzenpulli über und angelte Vaters Taschenlampe vom Küchenbord.
„Los geht’s,“ sagte sie, und ich glaubte ein leichtes Zittern in ihrer Stimme auszumachen. Wir gingen stumm über das Kopfsteinpflaster. Die Gasse zur Kapelle lag im Dunkeln, die einzige Laterne hier war eine alte Funzel, die nur gelblich trübes Licht warf. Niemand war zu sehen, was daran liegen mochte, daß die Kapelle zur einen Seite von einem Stall, zur anderen von Koppeln begrenzt wurde. Stören würde uns hier niemand. Helfen auch nicht.
Wir zogen uns nacheinander an den Pfeilspitzen empor und sprangen in den Kapellenhof. Hier war es finsterer als in der Gasse, doch konnte man noch einige Schritt weit sehen. Der Eingang zur Gruft befand sich auf der Rückseite der Kapelle und wir bahnten uns einen Weg durch Gestrüpp und Efeuranken.
Dann standen wir vor zwei dunklen Torbögen mit Eisenringen.

Eine der Pforten war nur angelehnt und man konnte die steinernen Stufen hinab mehr erahnen als sehen.
„Wollen wir das wirklich machen?“ flüsterte Sanne. „Sieht düster aus da unten.“
Ich griff nach einem Eisenring und die Scharniere knarrten dumpf in den Angeln.
„Jetzt sind wir hier, jetzt machen wir’s auch,“ flüsterte ich zurück und setzte den ersten Fuß auf die Stufe. Sanne folgte mir tastend. Wir erreichten den Treppenabsatz und standen in fast völliger Dunkelheit. Sanne schirmte die Taschenlampe mit ihrem T-Shirt ab und knipste sie an. Das Gewölbe war niedrig, Spinnenweben hingen von der Decke. Der Raum war leer.
„Wo sind sie?“, wisperte ich.
„Nicht hier“, raunte Sanne, „da gegenüber ist der Eingang.“
Ich folgte ihrem Nicken mit den Augen und sah am Ende der Kammer einen Türbogen. Was dahinter lag, erreichte der Schein der Lampe nicht.
Langsam um uns spähend bewegten wir uns auf die Öffnung zu. Meine Knie wurden mit jedem Schritt weicher. Dies war keine gute Idee gewesen, nein, gar keine gute. Niemand konnte uns hier unten hören, geschweige denn...
Mein Gedanke brach ab. Ein Kratzen drang von jenseits des Türbogens. Sanne stand stocksteif, ihre Augen waren tellerrund. Ihr Kopf drehte sich wie auf rostigen Gelenken zu mir.
Da ! Schon wieder. Das Kratzen bewegte sich langsam auf uns zu. Klick-krrrr, klick-krrr. Gleich würde der Lichtkegel es erfassen. Es musste groß sein. Große Krallen haben. Oben schlug das hölzerne Tor in einem Luftzug in den Angeln. Das Geräusch brachte mich in die Wirklichkeit zurück.
„Lauf!“ schrie ich.
Ich wirbelte herum und rannte durch den Raum. Die Stufen schienen weit weg zu sein. Neben mir keuchte Sanne. Wir erreichten die Stufen und hetzen hinauf, rannten, ohne uns umzusehen, durch das Gestrüpp bis zum Tor. Ein Sprung, ich klammerte mich an die Pfeilspitzen, schwang ein Bein über, ließ mich fallen. Neben mir plumpste Sanne auf den Asphalt.
„Was war das? Mein Gott, was war das?“ stammelte sie.
„Ich, ich weiß nicht.“ Ich war den Tränen nah.
„Egal, lass uns abhauen.“
Sanne stand auf und zog mich auf die Füße. Wir rannten wie von Furien gehetzt die Gasse hinunter und stolperten vor ihre Haustür.
„Kein Wort davon, zu niemandem!“ sagte Sanne atemlos.
„Abgemacht und drauf geschworen.“ Wir spreizten feierlich Zeige- und Ringfinger und spuckten hindurch.

Kurzmeldung aus dem Barkenhegger Kurier, 3.9.1986 :
„Bei Renovierungsarbeiten an der örtlichen Kapelle wurden im Vorraum zur Krypta Fußspuren am Boden entdeckt. Weitere, tatzenförmige Abdrücke konnten nicht mit Sicherheit zugeordnet werden. „Um weiteren groben Unfug zu vermeiden,“ so ein Polizeisprecher, „ wurde der Torbogen zur Krypta vermauert.“


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tomorrow never knows

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