Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂĽssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92241
Momentan online:
412 Gäste und 9 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Schuss
Eingestellt am 03. 09. 2002 08:57


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
jon
Foren-Redakteur
Fast-Bestseller-Autor

Lektor
Registriert: Nov 2000

Werke: 147
Kommentare: 6206
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um jon eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Der Schuss

Sie wĂĽrde nicht gewinnen. Nicht jetzt, nicht hier und nicht so. Doch sie hatte keine andere Wahl.
   Begonnen hatte es mit einem Blick aus grauen Augen. Einem flĂĽchtigen Blick. Trotzdem wusste Joanna noch Tage später um das Samtene dieses Graus und dass – obwohl sie dies nicht hätte beschwören mögen – es die Augen eines Mannes gewesen waren. Das hätte nicht sein dĂĽrfen. Selbst die Vermutung männlicher Gegenwart war inakzeptabel. Sie störte das Gleichgewicht. Empfindlich.
   Joanna wog die Waffe in der Hand. Sie war schwer genug, um Macht zu vermitteln, und leicht genug, nicht zur Last zu werden. Sie lag gut in der Hand und fĂĽhlte sich logisch an.
   Eigentlich war es klar, dass eine so empfindliche Störung nicht von selbst verebben wĂĽrde. Aber anfangs schien es so und Joanna hatte noch gehofft. Doch der Blick wiederholte sich. Er kam tatsächlich aus grauen Augen und er war definitiv männlich. Und die Bombe begann zu ticken. Joanna hatte sie hören können in stillen Stunden. Sie hatte sich gefragt, was geschehen wĂĽrde, wenn die Zeit abgelaufen war.
   Joanna prĂĽfte das Magazin. Sie hob die Waffe in den Anschlag und zielte. Ihre Lippne formten ein „Pffo!“ und die Waffe zuckte nach oben. Der imaginäre Schuss hatte getroffen.
   Wenn die Bombe explodierte, wĂĽrde das Gleichgewicht sofort zerfallen. Es hatte so lange gedauert, die Balance herzustellen. Die Kategorien Mann und Frau waren als unberechenbare Störgrößen ausgegliedert worden. Vor Jahren schon. Doch alles änderte sich und vielleicht änderten sich auch Kategorien. Die Balance jedenfalls hatte sich geändert.
   Laut perlte der StraĂźenlärm an Joanna ab. Sie ging durch ihn hindurch, zielsicher, unberirrbar. Das Metall der Waffe kĂĽhlte und verankerte Joannas Ich in ihrem Entschluss.
   Wie ein Anker hielt die fremde Frau die Balance im Ungleichgewicht fest. Irgendwann wĂĽrde diese fragile Konstruktion fallen. Wann? Das Alte war längst verdorben. Seit jenem ersten Blick. Der schon das Neue gesehen hatte. Ein neues Gleichgewicht. Sein neues Gleichgewicht. Mit Joanna. Oder ohne sie. Es war seine Entscheidung. Er wusste es nur noch nicht. Oder vielleicht wusste er es auch und verdrängte es nur. Denn er hatte keine Vorstellung von dem danach.
   Auch Joanna hatte keine Vorstellung von dem danach. Nur dass es anders sein wĂĽrde, wusste sie. Dass ihr Traum in der Explosion verbrennen wĂĽrde. Dass sein Blick darin verbrennen wĂĽrde. Doch im Gegensatz zu ihm verdrängte sie nicht, dass die Bombe tickte. Sie akzeptierte die Möglichkeit zu sterben. Er nicht. Er leugnete, dass der Tod schon begonnen hatte. Vielleicht weil er nicht wusste, dass man manchmal eben sterben musste, um weiterleben zu können. Doch er wĂĽrde es erfahren. Jetzt. Vielleicht wĂĽrde dies der einzige Gewinn sein. Wahrscheinlich wĂĽrde dies der einzige Gewinn sein. Aber das – Joanna hob die Waffe und zielte auf den RĂĽcken der fremden Frau – war es wert.
   Das war es wert.


Danke an anke fĂĽr die Hilfe.
__________________
Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Gerhard Kemme
Guest
Registriert: Not Yet

Der Sc huss

Hi Jon!
Mordmotive, wer bekäme da nicht das Hosenflattern, wenn er Mann wäre. Aber warum zielt die auf den Frauenrücken zum Schluss. Mal so männlich vermutet, es war eine Deserteurin, Verweigererin, nach vorne treiben, Angriffsende bestimmt der Feldherr und sonst keiner. Aber alles rennet, rettet, flüchtet. Unmittelbarer Zwang, mit angemessenen Mitteln durchsetzen. Geb' ich so den erfundenen femininen Denkhintergrund richtig wieder? Schade, keine Kommunikation mit den Männern, ein irrsinniges Tatmotiv, das Ende eines Selbsttäuschungslebens, hat sich von anderen etwas vorschwätzen lassen. Sie muss dran denken, den Colt nicht zu verreissen. Ein guter Tip, beim Durchkrümmen sich vom Schuss überraschen lassen. Was sag' ich so immer in Diskussionen mit Frauen, "ihr jubelt, wenn ihr einen Brückenkopf genommen habt, doch in der Nacht löst sich der Defender und bezieht 'ne neue Stellung" Die Dame denkt nicht in esoterischen Dimensionen, d.h. sie praktiziert ein veraltetes männliches Denken, der Macht durch Waffen. Cool, sachlich und emotionslos wäre sie die Siegerin, aber vielleicht will sie es falsch machen, dann träfe sie mich in der geschlossenen Anstalt. So kann man fabulierend mal etwas zwischen Phantasie und Realität herumschwingen. Mir gefiel die Geschichte, weil sie herrlich als Einstieg in einen Unterricht fungieren könnte, der das Verhältnis der Geschlechter behandelt.
TschĂĽss Gerd

Bearbeiten/Löschen    


jon
Foren-Redakteur
Fast-Bestseller-Autor

Lektor
Registriert: Nov 2000

Werke: 147
Kommentare: 6206
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um jon eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
Huch!

Ich hab zwar eher erahnt als verstanden, was du geschrieben hast, aber dass aus einer "simplen" Eifersuchts-Schießerei (na: nicht wirklich simpel, ich geb's zu) gleich der „Kampf der Geschlechter“ wird… Wir leben/lesen/schreiben offenbar doch in extrem verschiedenen Welten.

Ich versuche mal, auf die Details einzugehen, die verstanden zu habe glaube:

Es geht nicht um Feminismus in irgendeiner Spielart. Ich weiß nicht, ob es "um etwas bestimmtes" geht, wenn, dann um Instinkte. Um das unausweichliche Gefühl von Lieben und Sich-Sorgen. Um das Gewicht alter Entscheidungen und materiellen Bodens. Um Einsamkeit ein wenig und um Gefesselt sein…

Dieser Entschluss – die andere Frau zu töten – mag männlich anmuten. Doch m.E. nur so lange, wie man sich auf das "wie" (erschießen statt z. B. vergiften) konzentriert und auch nur so lange, wie lediglich Eifersucht als Motiv geltend gemacht wird. Es geht aber nicht darum, dass sie ihn teilen muss (das nun wirklich nicht!) sondern dass sie ihn leiden glaubt, gefesselt in einer Entscheidung, die er vor ihrer Zeit traf. Auf eine Weise gefesselt, dass jeder Kommunikationsversuch ihrerseits entweder scheitern muss oder einen von beiden seine (wie man heute so gern formuliert) Existenz kosten wird.

Kommunikation ist nicht wirklich das Problem hier. Das Problem ist "sich nicht entscheiden können". Und zwar auf beiden Seiten. „Die Andere“ zu töten ist der Versuch, diese Entscheidungen zu umgehen, indem die Karten völlig neu gemischt werden, und eine neue, einfachere Entscheidung auf den Tisch zu bringen. Eine, die ohne Zweifel zurückzulassen, getroffen werden kann.

Ja. Ich denke, das ist es: Es geht darum, eine unumkehrbare Entscheidung zu treffen. Klarheit herzustellen. Einen Punkt zu setzen, um zum nächsten Kapitel gehen zu können.

Bis zum nächsten Kapitel also…

__________________
Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

Bearbeiten/Löschen    


Gerhard Kemme
Guest
Registriert: Not Yet

Der Schuss

Du sagst es Jon,
wir leben in extremen Welten. Motive und Gedanken über die Situation können sich auch mischen. Die Nebenbuhlerin umlegen, ist wenigstens eine Erklärung für meine Frage. Nur um Liebe geht es in der Geschichte nicht: "Selbst die Vermutung männlicher Gegenwart war unakzeptabel. Sie stört das Gleichgewicht empfindlich", "Macht zu vermitteln", "kam tatsächlich aus grauen Augen und er war definitiv männlich" So denkt keine Liebende, Männerliebende. Wenn ihr unorthodoxes Denken, von einer Separation von Mann und Frau streng ausginge, dann würde es wieder einen Sinn machen, solche Art von "Verräterin" hinzurichten. Aber da schwingt so vieles mit. Ich muß mich bremsen, wer will es schon lesen, wenn ich hier 10 Seiten schriebe.
TschĂĽss Gerd

Bearbeiten/Löschen    


jon
Foren-Redakteur
Fast-Bestseller-Autor

Lektor
Registriert: Nov 2000

Werke: 147
Kommentare: 6206
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um jon eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Normalerweise sollte ein Autor sich freuen, wenn mehr aus dem Text gelesen wird, als er hineinschrieb. (Kunstkritiker neigen ja ohnehin dazu, dem Künstler Inhalte zu unterstellen…) Nicht zum Freuen ist es, wenn etwas ganz anderes daraus gelesen wird. Es geht eben NICHT immer um die "großen Themen der Menschheit", im Gegenteil, oft geht es in Kunststückchen (und vor allem in Textchen) um die ganz banalen "menschlichen Probleme" wie Liebe, Hass, Selbstsicherheit und -bestimmung, Konfliktfähigkeit, Verbindung zur oder Abschottung von der Umwelt, Träume und (Selbst)Täuschung…

Der Grund, warum „männliche Gegenwart“ eine Störung darstellt(e), ist ein gänzlich anderer: Verletzungsgefahr. Denn der Ausschluss "männlicher Gegenwart" bedeutet nicht zwangläufig die Beschränkung auf "weibliche Gegenwart". Es ist – in dieser Geshcichte – die Vereinfachung zu "menschlicher Gegenwart".

Die Macht dieser Waffe ist nicht (zwangsläufig) die Macht über andere sondern – in dieser Geschichte – die Macht, dem Ausgeliefert-Sein etwas entgegen setzen zu können. Die Aufhebung der Ohnmacht so zu sagen.

Warum MUSS Männerhass der Grund für den Schuss sein? (Ich weiß schon, der Gedanke sitzt bei dir fest, er ist aber mit nichts im Text angedeutet.) Wieso macht es keinen Sinn, die Frau zu töten, die den Geliebten fesselt / beengt ? (Mal unabhängig davon, wie die Fesselung entstand und ob sie überhaupt / noch und wie stark existiert…) Den geliebten Menschen leiden zu sehen ohne dieses Leiden lindern zu dürfen (mal unabhängig davon, ob man's kann) – würde dich das denn nicht verrückt machen? Reicht das nicht, um einen Weg zu suchen? Einen extremen, wenn's sein muss? Und wenn ihr Leiden und sein Leiden auf dieselbe Quelle – diese andere Frau – zurückführbar ist (oder zu sein scheint): Wieso ist das nicht Motiv genug, diese Frau auszulöschen?

Mag sein, dass die Liebe zu diesem Typen nur zum Vorschein bringt, was in der Frau gärt. Aber es geht durchaus (auch) um dieses Gefühl – wie es eingreift und alles auf den Kopf stellt. Wie es unabweisbar ist, nur verleugnet nicht aber vernichtet werden kann.

Um es abzuschließen: Ich kann dir hoch und heilig versichern, dass die „Heldin“ KEINE Feministin und KEINE Lesbe ist…
__________________
Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

Bearbeiten/Löschen    


Renee Hawk
???
Registriert: Jan 2001

Werke: 17
Kommentare: 1142
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Hallo jon,

gute Geschichte, feine Erläuterungen zu einem festen Charakter, unbeirrbares Wesen und Beharlichkeit strahlte sie aus. Ihre Handlung allerdings, ist für mich nicht ganz nachvollziehbar, da ich gerne die Entwicklung ihrer Gedanken gelesen hätte.
Mir fehlt da irgendwie etwas davor ...

Vielleicht kannst du mir kurz erläutern wie der Wandel passierte.

liebe GrĂĽĂźe
Reneè

Bearbeiten/Löschen    


ZurĂĽck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!