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Leselupe.de > Krimis und Thriller
Der Schusterhammer - aus der Sicht eines Mordwerkzeugs
Eingestellt am 16. 11. 2001 13:51


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Hobbydichter
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Der Schusterhammer ÔÇô Aus der Sicht eines Mordwerkzeugs

Ich bin ein Hammer . Ich war der Hammer des Schusters, der Schusterhammer meines Meisters, des Schustermeisters Anton Trost, der mit dem gro├čen Herzen und der breiten Schulter f├╝r die K├╝mmernisse aller, die ihn st├Ąndig f├╝r sich in Anspruch nahmen, sich bei ihm ausheulten, ihm ungefragt ihre ach so furchtbaren Leiden berichteten, immerfort seine Zeit stahlen, so, dass er oft nachts noch arbeiten musste, und ihn obendrein noch anpumpten. Er gab ihnen alles, was sie verlangten, seine Zeit, seine Kraft, sein Geld, eben alles... Frauen, Kundinnen aus der Nachbarschaft, die Ehem├Ąnner und Kinder der Kundinnen - es hatte sich herumgesprochen: Meister Trost k├╝mmert sich um alle! Das war mir schon lange ein Dorn im Auge. Ich bekam ja meist alles mit. Ich war seine rechte Hand bzw. lag in seiner rechten Hand und hing dann oft unt├Ątig zwischen seinen Fingern herum, weil ihn mal wieder jemand von der Arbeit abhielt. Nachts galt es dann Akkordarbeit zu leisten, dann konnte es nicht schnell genug gehen. Mir machte das ja nichts aus, aber mein Meister w├╝rde das nicht mehr lange aushalten, dachte ich und bef├╝rchtete das Schlimmste: irgendwann w├╝rde er tot umfallen, einfach aufh├Âren zu leben - und was w├Ąre dann aus mir geworden? Meine besten Zeiten waren schon l├Ąngst vorbei, ich hatte nur noch Liebhaberwert - insbesondere f├╝r Meister Trost. Wenn er nicht mehr sein w├╝rde, w├╝rde ich mit Sicherheit auf dem Schrott oder im Schmelzofen landen, falls mich der Hausmeister noch fachgerecht entsorgen sollte. All diese Vorstellungen entfachten Zorngef├╝hle, ohnm├Ąchtige Wut bei mir. Aber was konnte ich tun, wie k├Ânnte sich dieses Schicksal abwenden lassen? Ich bin doch nur ein Werkzeug, ein wirksames, wenn man mich recht zu nutzen wei├č und ein gef├Ąhrliches dazu, wenn man Schlimmes mit mir im Schilde f├╝hren oder zumindest allzu unachtsam mit mir umgehen sollte. Aber es muss immer jemand da sein, der mich f├╝hrt, leider - sonst h├Ątte ich damals schon l├Ąngst etwas unternommen.

Aber eines Tages geschah etwas unvermutetes, da spielte mir das Schicksal in die Hand - oder vielmehr, es bediente sich meiner, um das Blatt doch noch zu wenden...
Mein Meister sa├č wie jeden Tag auf seinem Schusterhocker in der Werkstatt. Er hatte mich gerade aus der Hand gelegt, um den fertig gearbeiteten Schuh in das Regal hinter seinem Arbeitsplatz zu stellen und bemerkte nicht, dass sich jemand an der Eingangst├╝r zu schaffen machte. Noch war der Laden nicht ge├Âffnet, es war fr├╝h am Morgen. Die Glocke war noch nicht im Betrieb. Und als der Eindringling es geschafft hatte, unbemerkt vom Meister in den Raum zu schl├╝pfen, hatte er mich auch schon erblickt, gepackt und hoch ├╝ber des Meisters Kopf erhoben und lie├č mich niedersausen, ein- , zwei- dreimal, bis Meister Trost zusammenbrach und blut├╝berstr├Âmt am Boden liegen blieb. Das alles ging so schnell, dass der Alte kaum die Gelegenheit hatte, einen Schrei auszusto├čen. Ein kehliger Laut gurgelte nur schwach aus seinem Hals. Im n├Ąchsten Moment rann schon das Blut aus seinem Mund - und es war totenstill im Raum... Der M├Ârder verharrte f├╝r einen Moment ins seiner Haltung, scheinbar unschl├╝ssig, was er als n├Ąchstes tun wollte. Dann besann er sich und schaute sich suchend um - also war er ein Dieb, ein Raubm├Ârder? Was hoffte er nur, hier vorzufinden, welche verborgenen Sch├Ątze? Hatte der Meister Geheimnisse, sogar vor mir? Aber nein, der M├Ârder hatte nur einen Lappen gesucht, den nahm er von der Werkbank, um mich damit zu s├Ąubern, das Blut von meiner Spitze zu wischen. Gleich w├╝rde er mich vorsichtig wieder zur├╝cklegen und alle restlichen Spuren hinter sich beseitigen? Wiederum nein! Er legte mich nicht zur├╝ck. Er zog eine Plastikt├╝te aus seiner Jackentasche, steckte mich hinein und - nahm mich mit! Wohin w├╝rde er mich bringen? So aufregend, wie dieser Tag begonnen hatte, schien er sich fortzusetzen - f├╝r mich. Des Meisters Tage waren beendet und mich hatte das Schicksal rasant aus meinem Alltagstrott gerissen. Aber meine Begeisterung hielt sich vorerst in Grenzen - noch wusste ich nicht, was aus mir werden w├╝rde, wohin mich des Meisters M├Ârder bringen wollte... Mit einem Ruck wurde ich pl├Âtzlich aus meinen Gedanken gerissen - ich flog in hohem Bogen mitsamt der T├╝te durch die Luft, so etwas hatte ich noch nie erlebt! Aber ich bin kein leichtes Werkzeug. Die Erdanziehung beendete den Freiflug abrupt und bevor ich mich auf irgend etwas einstellen konnte, prallte ich auf - aber der Schlag war relativ sanft gewesen, und au├čerdem lag ich noch immer nicht am Boden - ich sank, jawohl - ich war im Wasser gelandet, in irgendeinem Gew├Ąsser und ich sank... und lande dann sanft auf dem Grund. Die T├╝te hatte mich gleich freigegeben und nun lag ich dort unten am Grund dieses Gew├Ąssers, umgeben von tr├╝ber Br├╝he, durch die ich nichts mehr erkenne konnte... und im selben Moment wurde mir klar, was das bedeutete: der M├Ârder hatte mich weggeworfen, einfach entsorgt, an einem f├╝r H├Ąmmer und erst recht f├╝r Schusterh├Ąmmer ganz und gar un├╝blichen Ort. Und ich wusste auch, was das bedeutete: Ich war zu jahrzehntelangem Nichtstun und Stillschweigen verdammt! Ich w├╝rde mir selbst beim Rost ansetzen zugucken und meine Abenteuerlust bitterlich bereuen. Aber hatte ich eine M├Âglichkeit gehabt, mein Schicksal zu wenden? Wie war das gewesen mit meiner Rolle als Mordwerkzeug - hatte ich mich nicht besonders schwer gemacht, und mich - unmerklich f├╝r den M├Ârder - in die beste Position gebracht, um mein bestes zu dieser Tat beizutragen? H├Ątte ich dem M├Ârder nicht entgleiten k├Ânnen - er war ja aufgeregt genug, vielleicht h├Ątte es mich nur eine Kleinigkeit an Kraftaufwand gekostet, ihm sein Vorhaben zu erschweren oder gar zu verhindern? W├╝rde ich die n├Ąchsten 50 Jahre dar├╝ber nachzudenken haben, wie gro├če meine Mitschuld war? Aber ich hatte mehr Gl├╝ck als Verstand. Es waren h├Âchstens drei Tage vergangen, da erblickte ich wieder einen Menschen: es war ein Taucher, der mich fand und wieder an die Oberfl├Ąche brachte. Es war der Teich im Stadtpark, wie ich jetzt erkennen konnte. Der M├Ârder hatte mich wohl von der Fu├čg├Ąngerbr├╝cke geworfen. Dort standen jetzt einige M├Ąnner und schienen sich zu freuen, mich zu sehen. "Jetzt haben wir ihn!" rief einer und ich dachte erst, sie meinen mich. Aber ihren Reden zufolge - sie hatten mich in einen Wagen verfrachtet und fuhren mit mir durch die Stadt - meinte sie wohl den M├Ârder, den sie bereits verd├Ąchtigten und in Untersuchungshaft genommen hatten. Von nun an ging es bergauf mit mir. Was jetzt auf mich zukam - in meinen wildesten Zukunftsvisionen h├Ątte ich mir das kaum ertr├Ąumen k├Ânnen! Ich lernte neue Schaupl├Ątze des Lebens kennen, die Menschen, Kommissariat, Labor, Gerichtssaal, Asservatenkammer nannten. Ich brauchte nicht mehr arbeiten und es war trotzdem nicht langweilig. Immer wieder andere Menschen nahmen mich vorsichtig zur Hand und begutachteten mich, untersuchten mich, schrieben Abhandlungen ├╝ber mich - Ich war zum Mittelpunkt, zum Hauptbeweisst├╝ck eines Kriminalfalles geworden! Noch nie hatte ich so viel Aufmerksamkeit erregt und ich musste aufpassen, dass mir das nicht zu Kopfe stieg. Ich blieb ein wenig misstrauisch - irgendwann w├╝rde der Fall ja abgeschlossen, der M├Ârder verurteilt sein. Was w├╝rde dann aber mit mir geschehen?
Ja - meine Lieben, ihr seht, ich h├Ątte mir keine Sorgen mehr machen brauchen, jetzt bin ich hier, einer von euch und wir geh├Âren zu den wenigen Auserw├Ąhlten unter Alltagsgegenst├Ąnden, denen eine ganz au├čerordentliche Ehre zuteil wird: jeder von uns pr├Ąsentiert einen ungew├Âhnlichen Fall der Kriminalgeschichte und in dieser Eigenschaft liege ich als Ausstellungsst├╝ck hinter dem Glas einer Vitrine und kann mich jeden Tag aufs Neue erfreuen ├╝ber das Interesse, das mir die Besucher entgegenbringen. Ich bin mir dabei durchaus bewusst, dass es nicht meine Spezies an sich ist, die Aufmerksamkeit erregt - ich bin ja nach wie vor ein gew├Âhnlicher Schusterhammer - aber meine Geschichte, meine Rolle als Mordwerkzeug, die erhob mich ├╝ber meine Art und bescherte mir dieses au├čergew├Âhnliche Schicksal...
"Jetzt mal halblang", knurrte die schwere Bronzestatue vom Sockel an der gegen├╝berliegenden Wand... "Ja, gib nicht so an", zischelte der perlmuttbesetzte Damenrevolver aus dem Waffenschrank in der Ecke und der Chor der Stiletts aus dem Nebenraum fiel ein "Angeber, Angeber!" Das Hackebeil neben ihm fl├╝sterte im schlie├člich zu "Nimm dich lieber nicht so wichtig, wei├čt du, was wir anderen alle schon erlebt haben? Da w├╝rde dir h├Âren und sehen vergehen! Erz├Ąhl mir lieber den Rest der Geschichte, hast du denn noch herausbekommen, warum der Schuster ermordet wurde?" Der Schusterhammer wurde kleinlaut und fl├╝sterte zur├╝ck, so dass die anderen ihn nicht h├Âren konnten: "Es war eigentlich nur ein Versehen, der M├Ârder hatte sich in der Adresse geirrt. Es geschah wohl aus Rache, ein blindw├╝tiger Eifers├╝chtiger, der eigentlich den Inhaber des Nachbarladens, den Flickschneider Leichtfu├č umnieten wollte - Pech gehabt, mein Meister. Und mich, sein Werkzeug, hat man dazu missbraucht!" Man h├Ątte denken k├Ânnen, es klebe noch ein bisschen Blut an seiner scharfen Spitze, aber wir wissen es jetzt besser: Sch├Ąmen tut er sich jetzt, endlich, dieser Schusterhammer!




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Chinasky
Wird mal Schriftsteller
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Hi emaku!
Die Story f├Ąngt sehr, sehr gut an. Die ersten S├Ątze erinnerten mich aus irgendeinem Grund, den ich nicht genauer erl├Ąutern kann, an die Geschichten E.T.A.Hoffmanns, vielleicht, weil ein Schusterhammer ja ein Werkzeug vergangener Tage ist... Der Schustermeister, der seine Arbeitstage mit Seelsorge verbringt und am Abend gegen die Uhr anh├Ąmmern mu├č, ist eine sch├Âne Idee, man meint ihn aus irgendwelchen M├Ąrchen oder fantastischen Geschichten zu kennen und doch ist er neu. Leider h├Ąlt der Inspirationsschwung der ersten zwei Abs├Ątze nach meinem Empfinden nicht an, sp├Ątestens nach dem Mord erscheint mir die Geschichte nur noch ausgef├╝hrt, ihr fehlt das Lebendige und Seltsame des Anfanges. Wie der Hammer da im Wasser liegt und sich seine Gedanken macht ├╝ber seine rostige Zukunft ÔÇô naja, genaugenommen interessiert mich das nicht, denn es ist schwer, sich mit einem Metallst├╝ck zu identifizieren. Das h├Ątte stark gek├╝rzt werden k├Ânnen, ebenso wie das Prozedere nach dem Auffinden.
Die mi├čg├╝nstigen Kommentare der anderen Mordwerkzeuge sind nocheinmal eine wirklich gute und originelle Idee. Allerdings merkt der Leser an dieser Stelle, da├č also die ganze Geschichte ein Bericht f├╝r Pistole & Co war ÔÇô und ├╝berdenkt im Nachhinein, ob f├╝r so eine ÔÇ×Angeber-GeschichteÔÇť das bislang Gelesene konsistent war. Dies scheint mir nicht so.

St├Ârend wirken f├╝r mich ÔÇô neben ein paar Tippfehlern ÔÇô zwei, drei Zeit- und Perspektivwechsel, die den Leseflu├č unterbrechen, und auch die nachgeschobene Erl├Ąuterung des Verwechslungsmordes braucht nicht zu sein. Ja sie zerst├Ârt sogar das Schicksalhafte des Mordes, verkleinert ihn sozusagen. Also keine Pointe, sondern ├╝berfl├╝ssiges Ausplaudern... Die Spannung ist doch ziemlich raus, ein Ende mit dem ÔÇ×Angeber!ÔÇť, da├č dem Hammer von einem anderen Mordwerkzeug zugeworfen wird, w├Ąre wesentlich pointierter und offener/befremdlicher (im positiven Sinne) gewesen als der Satz mit dem Blut.
Vielleicht schreibst Du die Geschichte nochmal? Denn die Anfangsidee ist wirklich gut und originell!

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- "Ich geh dann mal."
- "Yeah..."
Und dann ging sie.

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emaku
Hobbydichter
Registriert: Nov 2001

Werke: 9
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Hallo Chinaski!
Vielen Dank f├╝r Deine konstruktive Kritik! - Im Grunde habe ich das selbst schon "irgendwie" gesp├╝rt, dass der Text M├Ąngel hat, in diesem Fall zu lang geraten ist bzw. ├╝ber seine L├Ąngen an Qualit├Ąt verloren hat. - Vielleicht habe ich auch einfach (noch) nicht den "langen Atem" f├╝r l├Ąngere Texte... Wie auch immer,ich werde daran arbeiten, vielleicht auch diesen Text noch einmal verfassen. Nochmals Danke!!! - emaku -
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