Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m√ľssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92230
Momentan online:
401 Gäste und 18 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der See
Eingestellt am 20. 08. 2003 18:56


Autor
Ein neues Thema ver√∂ffentlichen.     Antwort ver√∂ffentlichen.
julimaus
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jun 2002

Werke: 8
Kommentare: 10
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um julimaus eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Davon, dass der Sommer sich ganz allm√§hlich, aber unaufhaltsam seinem Ende n√§herte, war am Tage nichts zu bemerken. Erst gegen sieben, wenn die Sonnenanbeter von ihren Pl√§tzen am See nach und nach verschwanden um der Jugend Platz zu machen, die bei der ersten abendlichen Brise, Nachttieren gleich, wie aus dem nichts auftauchte, sp√ľrte man bereits einen Unterschied zu den Tagen zuvor. Als w√ľrde man durch das von der Sonne aufgeheizte Meer schwimmen und ganz pl√∂tzlich in eine kalte Str√∂mung geraten, war es nicht unangenehm, sondern geradezu erleichternd in seiner Frische. Und doch weckte es in Tara die Sehnsucht nach dem n√§chsten Fr√ľhling. Denn jetzt, im August, wo die Tage l√§ngst wieder an L√§nge verloren, erinnerte jede Wolke, jeder k√ľhle Wind an den bevorstehenden Herbst und den Winter, der folgen w√ľrde.
Der Pinsel tauchte in das bereits dunkle Wasser in dem kleinen Glas, das neben ihr auf dem welken Gras stand. Dann versank die weiche Haarspitze in dem Gr√ľn, mischte es mit einem Tropfen Schwarz und malte eine letzte zarte Linie, die das Bild vollendete.
Tara betrachtete ihr Werk. Es gefiel ihr, was sie gemalt hatte. Ihr schien, als h√§tte sie die Stimmung, die die immer tiefer sinkende Sonne schuf, tats√§chlich festgehalten. Ruhig, friedlich, mit einem Hauch von anr√ľhrend sch√∂ner Melancholie.
Entspannt, halb schlafend, ohne einen einzigen Gedanken im Kopf, blieb sie noch sitzen und sog jede Empfindung in sich ein. Den Geruch des Sees, der sich mit dem von abk√ľhlender Luft vermischte, ein bisschen an Sand und Stein denken lie√ü, wollte sie nicht vergessen. Aber sie w√ľrde. Er lie√ü sich nicht malen, nicht beschreiben.
Unvermittelt zerriss eine raue Stimme die Luft.
"Lass mich in Ruhe!" Es klang schroff, hektisch, gereizt und gleichzeitig unglaublich verletzlich, fast weinerlich, zerbrechlich- oder zerbrochen? Die Stimme zitterte, ebenso wie die Frau, der sie gehörte.
"Lass mich in Ruhe!", wiederholte sie. "Ich hab genug. Es ist genug! Mir reicht es!"
Durch halbgeöffnete Augen beobachtete Tara das seltsame Paar. Zwei Frauen, die verschiedener nicht sein könnten. Eine klein und zart wie ein Vögelchen. Die andere etwa anderthalb Köpfe größer. Um wie viel breiter sie war, wollte Tara nicht schätzen.
"Hör doch auf, nimm das nicht…" Des Vögleins Worte waren kaum zu verstehen. Sie sprach leise, wohl um die andere zu beruhigen.
"Hör auf! Ich will nicht mehr!"
"H√∂r nicht auf sie‚Ķ" Wieder sprach die Kleine zu leise f√ľr Taras Ohren.
"Wie denn? Sie br√ľllen mir doch noch hinterher! Gott, ist die fett! Ich kann das nicht mehr h√∂ren, ich kann nicht mehr, verstehst du das nicht?", rief die andere ohne auf die sich nach ihnen umdrehenden Leute zu achten. Sie wirbelte herum und marschierte mit schnellen, gro√üen Schritten fort vom See. Die andere musste fast rennen, um hinter ihr her zu kommen.
Während sie leise weiterredete, waren die beiden an der Stelle, wo Tara saß, vorbeigelaufen, entfernten sich immer weiter aus ihrer Hörweite.
Nur einmal hörte sie sie noch, als die raue Stimme ausrief:
"Ich bring mich um, hörst du? Ich bring mich um!"
Schon bald waren sie hinter den Bäumen verschwunden.
Tara schloss wieder die Augen, doch die Zeit war vorangeschritten und die Luft hatte den besonderen Duft inzwischen verloren. Der Schatten, in dem sie sa√ü, wurde unangenehm k√ľhl, das gelbe Gras unter ihr f√ľhlte sich hart und br√ľchig an.
Ruckartig stand sie auf und b√ľckte sich nach ihrem Bild. Durch das pl√∂tzliche Aufstehen wurde ihr schwindlig, schwarz vor Augen. Sie st√ľtzte sich mit einer Hand auf den Boden und stie√ü dabei das Wasserglas um. Der durstende Boden sog das dreckige Wasser gierig auf.
Als sie ihre Sachen sorgfältig auf das Fahrrad packte und das Schloss öffnete, flackerte in ihr kurz der Gedanke auf, ihren Heimweg zu ändern, einen kleinen Bogen zu machen und den beiden zu folgen. Sie wollte wissen, wie es weitergegangen war, ob es der kleinen Frau gelungen war, ihre Freundin zu beruhigen. Doch es war inzwischen so viel Zeit vergangen, dass sie nicht wusste, wohin sie gegangen waren.
Beim Fahren streckte sie ihr Gesicht dem k√ľhlen Wind entgegen. Die Luft umfing sie wie Seide, lie√ü ihre Haare fliegen, kitzelte ihre Wimpern, aber sie konnte es nicht genie√üen. Es war nicht frisch genug- oder zu kalt. Es stimmte nicht. Alles stimmte nicht. Der Tag hatte sich ver√§ndert.
Sie kam zu Hause an, gerade rechtzeitig zum Abendessen. Sie unterhielt sich mit ihrer Familie, sah ein bisschen fern mit ihrer kleinen Schwester. Sie duschte sich. K√§mmte ihr Haar. Zog ihr Nachthemd an. Legte sich ins Bett. Nahm ein Buch. √Ėffnete es. Las nicht. Konnte nicht.
Die Frau hatte es nicht ernst gemeint. Aber sie hatte so verzweifelt geklungen.
Sie konnte nichts f√ľr sie tun. Es war deren Geschichte, nicht ihre.

__________________
Du kannst dem Leben nicht mehr Tage schenken, aber dem Tag mehr Leben.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Rainer
???
Registriert: Jul 2002

Werke: 0
Kommentare: 791
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Rainer eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

hallo julimaus,

dein text (rhythmus, wortwahl und botschaft) und die von ihm erzeugte stimmung gefallen mir.

anmerkungen:

im ersten abschnitt hast du einen riesensatz drin, den w√ľrde ich etwas teilen.
tippfehler: ...aus dem Nichts auftauchte...
der geruch des sees bleibt mir unvorstellbar.
das malen ist gut beschrieben, aber das motiv w√ľrde ich nicht erw√§hnen - die kitschgefahr lauert immer und √ľberall.


"Nahm ein Buch. √Ėffnete es. Las nicht. Konnte nicht."

gefällt mir von der wortwahl her nicht.
unbeholfener vorschlag:

Nahm ein Buch. √Ėffnete es. Starrte die Seiten an.



trotzdem: ein schöner, stimmungsvoll-stiller text.


viele gr√ľ√üe

rainer

__________________
ist meine, und damit nur EINE Meinung

Bearbeiten/Löschen    


Zur√ľck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema ver√∂ffentlichen.     Antwort ver√∂ffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!