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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der See
Eingestellt am 30. 11. 2007 13:24


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Catweazle
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Der See

Der Trainer lachte, als Bomo ihm die Anmeldung reichte.
"Das freut mich", sagte er. "Endlich f├Ąngt unser Verein wieder an zu wachsen. In den letzten Monaten hatten wir einen ziemlichen Mitgliederschwund."
Seine Miene verfinsterte sich etwas, als er dar├╝ber nachzudenken schien.
"Die sind einfach alle abgetaucht", lachte er pl├Âtzlich und am├╝sierte sich sichtbar ├╝ber seinen eigenen Witz.
Schlie├člich hatte Bomo sich gerade bei einem Tauchverein angemeldet.

Nach dem Training wartete Bomo vor der Schwimmhalle auf den Trainer, weil er noch ein paar Fragen zum gemeinsamen Tauchgang am kommenden Wochenende hatte.
Er setzte sich auf die Stufen vor der T├╝re und beobachtete die anderen wartenden Personen um sich herum.
Eine Frau ging immer wieder den Weg vor der Halle hinauf und hinunter. Dann blieb sie stehen, nuschelte etwas und blickte zur T├╝re.
Anschlie├čend blickte sie ins Leere und wartete reglos. Ein kurzes Kopfsch├╝tteln folgte, so als ob sie den Kopf von schlechten Gedanken freibekommen wolle.
├ťberrascht blickte sie sich um. Pl├Âtzlich wirkte sie, als sei sie gerade aufgewacht oder zu sich gekommen. Ihre Gesichtsz├╝ge entspannten sich und ihr Gesicht bekam einen neuen traurigen Ausdruck. Mit schnellen Schritten verlie├č sie dann den Platz vor der Schwimmhalle.
"Arme Melanie", sagte der Trainer. Bomo hatte nicht bemerkt, da├č er neben ihn getreten war.
"Wer ist das? Und was hat sie?", fragte Bomo neugierig. Irgendwie tat ihm die Frau leid. Obwohl sie offensichtlich verr├╝ckt war.
"Melanie ist die Frau von Bernd. Fr├╝her hat sie ihn immer vom Training abgeholt. Bernd war bis vor kurzem Mitglied bei uns. Er ist auch einer von denen, die pl├Âtzlich nicht mehr zu uns kamen. Hat von heute auf morgen seine Frau verlassen. Und den Verein. Trotzdem steht sie weiterhin manchmal nach dem Training vor unserer T├╝re und wartet. Als ob er dadurch zur├╝ckk├Ąme"
Er zuckte die Schultern und sie vertieften sich in ein Gespr├Ąch ├╝ber den Tauchausflug zum See am Wochenende.

Die Sonne schien, als die Mitglieder des Vereins am darauf folgenden Sonntag am See ankamen. Bomo sa├č auf dem Beifahrersitz im Wagen seines Trainers und schaute sich die Gegend an. Der Fr├╝hling war bereits weit fortgeschritten. Die B├Ąume waren gr├╝n, V├Âgel zwitscherten in der Luft und die leicht h├╝gelige Umgebung wirkte erfrischend und mystisch zugleich.
Alte Burgen, kleine D├Ârfer und weite Felder zogen auf dem Weg an ihnen vorbei. Die ersten warmen Sonnenstrahlen des Jahres lie├čen die Schatten unter den B├Ąumen nur noch tiefer und dunkler erscheinen. Der See lag weit au├čerhalb der bewohnten Gebiete. Das letzte Dorf war bereits eine halbe Stunde hinter ihnen. Sie fuhren nun schon eine Weile durch einen Wald. Hier drang noch kein Sonnenstrahl durch die B├Ąume. Zwischen den St├Ąmmen hing noch winterlicher Nebel. Pl├Âtzlich teilte sich die Finsternis und der See lag vor ihnen.
Der Trainer fuhr den Van auf den Schotterparkplatz. Bomo zog ├╝berrascht die Augenbrauen hoch. Der Parkplatz wirkte zu weiten Teilen wie ein Autofriedhof. Hier mitten im Wald standen dutzende von Wracks. Die Scheiben der Wagen waren blind vom Bl├╝tenstaub, der Lack wirkte stumpf und rostig, die Reifen waren platt. Teilweise waren die Autos bereits knietief in Gras und Gestr├╝pp eingewachsen. Andere wirkten, als seien sie erst vor kurzem verlassen worden.
"Hier wird es auch immer voller", brummte der Trainer.
Bomo blickte ihn an.
"Warum tut man nichts dagegen?" und zeigte auf die Autos.
"Was soll man denn tun? Der Tauchplatz ist nun mal sehr beliebt."
Bomo fraget sich, was diese Antwort mit den Autos zu tun habe.
Ein Gedanke schien den Trainer zu verwirren.
"Komisch, eigentlich. Jedes Jahr wird der Parkplatz voller, aber es wirkt nicht so als, ob es mehr Taucher hier gibt als fr├╝her. Man hat immer noch jede Menge Platz und gute Sicht."
Bomo schwieg.

Eine gute Stunde sp├Ąter standen sie in einer kleinen Gruppe auf der Plattform, von der aus sie in den See steigen w├╝rden.
Alle hatten sich komplett umgezogen und die Taucherausr├╝stung angelegt. Bomo hielt seine Flossen noch in der Hand. Es w├╝rde noch etwas dauern, bis sie an der Reihe waren. Mehrere andere Gr├╝ppchen waren bereits unter Wasser, ein P├Ąrchen sprang gerade in den See. Dort d├╝mpelten sie noch ein wenig vor sich hin und ├╝berpr├╝ften ein letztes Mal ihre Ausr├╝stung.
Bomo lies seinen Blick ├╝ber den See schweifen. Eingebettet in einen alten Steinbruch lag der See gesch├╝tzt im auslaufenden Hang des H├╝gels. Das Wasser war tief gr├╝n, fast schwarz in der noch schwachen Nachmittagssonne. Langsam wurde es auch kalt.
Pl├Âtzlich kr├Ąuselte sich in der N├Ąhe des anderen Ufers das bisher so glatte Wasser. Dann war es wieder verschwunden. Bomo blickte gespannt hin├╝ber. Nur ein paar kleine Wellen zeugten noch von der Bewegung. Waren das die aufsteigenden Luftblasen der anderen Taucher? Die anderen schienen nichts bemerkt zu haben. Das Wasser war wieder glatt und still.
Dann blitze etwas im Wasser auf, n├Ąher diesmal und etwas durchbrach die Oberfl├Ąche.
Ein riesiger, glatter R├╝cken, wie von einem Aal, oder einer Schlange glitt durch das Gew├Ąsser. Nur schien diese Schlange die Gr├Â├če eines kleinen Wals zu haben. Alleine das St├╝ck, das Bono gesehen hatte, war so gro├č wie ein Kleinwagen gewesen.
Bomo griff seinen Trainer am Arm.
"Hast Du das gesehen?" schrie er?
Der Trainer schaute in die Richtung, in die Bomo zeigte.
"Was denn?"
"Dort im Wasser ist etwas!", fuhr Bomo ihn an.
Doch das Wasser war bereits wieder glatt.
"Ich seh nichts." Der Trainer drehte sich wieder zu den anderen.
In diesem Moment erhob sich krachend neben den zwei schwimmenden Tauchern der Kopf des riesigen Monsters aus dem Wasser. Der Kopf und der K├Ârper glichen dem einer Schlange, die Augen jedoch blieben ausdruckslos und kalt wie bei einem Fisch. Und sie sahen ihn an. Bemerkten ihn. Erkannten ihn.
Er ├Âffnete sein Maul und eine Reihe breiter und scharfer Rei├čz├Ąhne kamen zum Vorschein.
Bomo legte den Kopf in den Nacken, um das Ungeheuer richtig sehen zu k├Ânnen.
Erstaunlicherweise schienen die anderen Taucher immer noch nichts zu bemerken. Bomo konnte es nicht glauben.
Das Ungeheuer riss sein Maul weiter auf. Es folgte ein kurzer und hoher Schrei und es stie├č hinab auf beide Taucher. Die Kreatur biss sich fest und zog die Taucher mit in die Tiefe.
Bomo lief zum Rand der Plattform.
Das Wasser brodelte und schien zu kochen. Dann beruhigte es sich langsam und lag kurz darauf wieder so glatt wie zuvor. Die Sonne spiegelte sich auf der schwarzen Oberfl├Ąche.
Bomo drehte sich zu den anderen um.
"Habt ihr nichts gesehen? Wisst ihr was das war?" fuhr er die anderen an. Doch anstatt des erwarteten Aufschreis, der Panik und der Furcht in ihren Augen, sah er nur Verst├Ąndnislosigkeit. Offensichtlich fragten sie sich, ob es eine so gute Idee gewesen war, ihn in ihren Verein aufzunehmen.
Es reicht, dachte Bono.
Er hatte genug gesehen. Und er verstand.
Das Monster bet├Ârte sie, lockte sie immer wieder in den Wald, in den See. Es verhexte ihren Geist und sicherte sich so die Ernte.
Und seine Macht reichte weit. Sogar so weit, dass die Angeh├Ârigen nicht sahen, wenn ihre Lieben vom Tauchen nicht zur├╝ckkamen. Sie mussten verzweifelt versuchten, diese L├╝cke zu ├╝bersehen, dieses Loch in der Realit├Ąt zu ├╝berbr├╝cken. Dabei sp├╝rten sie, dass etwas fehlte, doch ihr geblendeter Verstand lie├č nicht zu, dass sie es sahen. Traurig dachte er Melanie, wie sie vor der Schwimmhalle stand.

Bomo sah die Schlange. Er war der Erste nach langer Zeit gewesen, bei dem ihre Magie nicht wirkte.
Das Verhalten der Taucher um ihn herum ver├Ąnderte sich. Er konnte geradezu sp├╝ren, wie sie von ihr beeinflusst wurden. Langsam gingen sie auf ihn zu. Ihr Blick war tr├╝be, doch auf ihn gerichtet. Das Wesen hatte ihn gesehen und ihn erkannt. Jetzt gab es keinen anderen Ausweg.
Bomo hatte lange gesucht. Er hatte einen Auftrag. Er hatte die Zeichen gelesen. Und nun war er hier um seine Aufgabe zu erf├╝llen.
Die Tauchausr├╝stung fiel klirrend von ihm ab, als w├Ąre sie ihm vom Leib geschnitten worden.
Er zog sein Tauchermesser aus der Scheide und lie├č es in der Sonne glitzern. Dann entfaltete er seine Fl├╝gel.
Die Taucher, die eben noch auf ihn zugegangen waren, blieben stehen und schienen durch ihn hindurch zu sehen. F├╝r sie schien er sich nicht nur pl├Âtzlich in Luft aufgel├Âst zu haben. Sie hatten ebenfalls vergessen, dass er jemals existierte. Auch er hatte seine Tricks.
Bomo ging zum Rande der Plattform. Nackt und nur bewaffnet mit dem Messer sprang er in den See.

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