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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der See-Elefant
Eingestellt am 17. 05. 2001 17:43


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Omar Chajjam
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Der See-Elefant

Der Steueramtmann Ferdi St├Âckle rechnete im Traum gerade die Steuererkl├Ąrung eines Bauunternehmers nach, als in der T├╝r seines Schlafzimmers ein See-Elefant erschien, wortlos seine Bettdecke lupfte und unters warme Daunenbett schl├╝pfte. Ferdi St├Âckle glaubte zu tr├Ąumen. Der See-Elefant grummelte etwas wie ÔÇ×Gute NachtÔÇť, legte seine Sto├čz├Ąhne zurecht und begann zu schnarchen. Ferdi betrachtete den graubepelzten, speckigen Nacken, der sich mit den Schnarcht├Ânen w├Âlbte und senkte und wandte sich seiner Frau zu. Die aber hatte von all dem nichts gemerkt und lag eingerollt auf ihrer Seite des gemeinsamen Ehebettes. Wie eine unendliche Ziehharmonika dehnte sich das Atemholen des neuen Bettgenossen durch den Raum, um sich in einem rasselnden St├Âhnen auf einen Punkt zusammenzuziehen. Der eigent├╝mliche Rhythmus der Lungenfl├╝gel des See-Elefanten spielte auf den Nerven Ferdis.

Sollte er Bettie aufwecken? Ferdi dachte intensiv dar├╝ber nach. Bettie war immer so praktisch und vor allem penetrant sauber. Sie w├╝rde sich furchtbar ├╝ber Tiere im Bett aufregen und im ganzen Raum Desinfektionsmittel verspr├╝hen. Vermutlich w├╝rde sie hysterisch schreien. Die Nachbarn w├╝rden neugierig aus ihren Fenstern schauen. Sicher k├Ąme dann irgendwann auch die Polizei. Und alle w├╝rden ihn verd├Ąchtigen, den See-Elefanten von der Kneipe mit nach hause gebracht zu haben. Nein, Bettie durfte auf keinen Fall geweckt werden.

Jeder wei├č, da├č See-Elefanten von Fischen leben. Daher machte sich ein dezenter Geruch von Salzheringen und Hafenviertel auf den Weg zu Ferdis Nasenfl├╝geln. Ferdi f├╝hlte, da├č sein Magen kleine Kreise um sein Lebenszentrum beschrieb und dabei immer schneller wurde und erwachte vollends.

Ferdi setzte sich auf und blickte von seinem gehobenen Standort objektiv auf den See-Elefanten hinunter, wie er es in seiner Steuerinspektoranw├Ąrterausbildung im Finanzamt Darmstadt gelernt hatte. Der See-Elefant war offensichtlich etwas zu gro├č f├╝r seinen Teil des Ehebettes, denn seine fischigen Hinterflossen ragten in den d├Ąmmerdunklen Raum hinein. Von ihnen tropfte Wasser auf den Teppichboden. Ferdi war sich sicher, da├č es Meerwasser war. Wieder fiel ihm Bettie ein, die ihn wegen der Flecken auf dem Fu├čboden am Morgen zu Rede stellen w├╝rde.

Die Nase des See-Elefanten bl├Ąhte sich unter den gleichm├Ą├čigen Atemz├╝gen und entwich mit lautem Schnarchen. Wie oft hatte Bettie ihn gebeten, etwas gegen sein Schnarchen zu tun. Ferdie fand, da├č Schnarchen zu einem gestandenen Mann, wie er einer war, geh├Ârte. Beim See-Elefanten irritierte es ihn allerdings.

Ferdie schl├╝pfte in seine Hausschlappen und schl├╝rfte mechanisch zur T├╝r in Richtung K├╝che, so wie er es gewohnt war, wenn ihn in der Nacht der Hunger packte. Ferdie St├Âckle war klar, er mu├čte die Katastrophe abwenden, die sich in Form einer morgenwachen Bettie St├Âckle vor seinem geistigen Auge auftat.

Ferdie schlo├č leise die Schlafzimmert├╝r und begann sich schon sicherer zu f├╝hlen. Die K├╝che lag vor ihm im Vollmond, dessen Schein sich diffus in der K├╝hlschrankt├╝r spiegelte. Ferdi griff mechanisch in das Flaschenfach nach dem Bier und f├╝hlte ,wie das k├╝hle Getr├Ąnk angenehm prickelnd seine Kehle f├╝llte. Klarer begann sein Verstand zu arbeiten, als er das Glas mit den Rollm├Âpsen ├Âffnete und nach einem der h├╝bsch eingerollten Fischchen angelte. Zwar erinnerte ihn der Geruch an einen merkw├╝rdigen Vorfall im Schlafzimmer, als er es sich mit ein Paar Flaschen Bier und dem Rollmopsglas bewaffnet in seinem Lieblingssessel im Wohnzimmer gem├╝tlich machte. Aber ein Blick durch den Flaschenboden in das milde Mondlicht beruhigte ihn und s├Âhnte ihn mit dem Verlust des Ehebettes aus.

Ferdi stellte die leere Flasche demonstrativ auf den Couchtisch und dachte mit gro├čer Genugtuung an das w├╝tende Gesicht seiner Frau, die sich ├╝ber die Ringe, die der Flaschenrand auf der Glasplatte hinterlie├č, ├Ąrgerte. Absichtlich streute er die Holzspie├čchen der Rollm├Âpse ├╝ber den Teppichboden. Dann ├Âffnete er leise die Verandat├╝r und trat auf den kurzgeschorenen englischen Rasen hinaus. Das Silber des Mondes spielte mit den Zierb├╝schen und B├Ąumchen ein Schattenspiel aus einem javanischen M├Ąrchen. Die Gr├Ąser dufteten jetzt nach einem Traum von einer Streuobstwiese auf der Ferdie und Bettie zum ersten Mal geliebt hatten. Damals war die Welt noch jung gewesen und voller Hoffnung.

Das Mondlicht lief vor ihm her durch die Gartent├╝r hin├╝ber durch das kleine W├Ąldchen zum nahen Meer und lie├č die Wasserpf├╝tzen im Watt glitzern, als Ferdie ohne sich noch einmal umzudrehen alles, was ihm im Leben vertraut geworden war, hinter sich lie├č auf dem Weg in die Freiheit.

Die D├Ąmmerung kroch durch die Felder und die Sonne tilgte mit ihren Farben den silbernen Zauber der Nacht aus der Welt, da├č die javanischen Helden aus den Gartenwegen heim ins Schattenreich entschwanden. Bettie erwachte und streckte sich der gebl├╝mten Tapete entgegen. Sie f├╝hlte, da├č das ihr Tag war, als sie vor sich hin summend in allt├Ąglicher Gewohnheit den Fr├╝hst├╝ckstisch deckte. Die Kaffeemaschine gurgelte kleine Font├Ąnen in die Kanne und die Toasts bildeten Dreieckst├╝rmchen neben den Marmeladensch├Ąlchen. Es wurde Zeit, Ferdi zu wecken, schlie├člich hatte sie ja nur f├╝r ihn alles so h├╝bsch hergerichtet, denn sie wu├čte, wie sehr er das gemeinsame Fr├╝hst├╝ck geno├č.

Vorher sprang sie immer noch schnell zum Briefkasten, da├č ihr Ferdi auch die Tageszeitung auf dem Tisch neben der Kaffeetasse fand, ohne hinzusehen, denn morgens war er immer ein bi├čchen ÔÇ×betriebsblindÔÇť, wie er sich scherzend oft selbst bezeichnete. Auf dem Weg bemerkte sie mit Stirnrunzeln die Reste von Ferdis n├Ąchtlichen Eskapaden und hatte mit wenigen Griffen die alte Ordnung wieder hergestellt. Bettie war an solche Dinge gew├Âhnt und gedachte sie mit der ├╝blichen Routine zu behandeln. Ein kurzer genau kalkulierter Zornausbruch brachte ihren Mann schon wieder auf den richtigen Weg. Ihre kleine Hand ballte sich zur Faust, als sie an ihren geliebten Mann dachte.

Ferdis Schnarchen drang aus dem Schlafzimmer an ihr Ohr. Heute mu├čte wieder einmal Ordnung geschaffen werden. Sie sah sich hier im vollst├Ąndigen Einklang mit den Prinzipien ihres Mannes, gegen die s├Ąumigen Steuerpflichtigen mu├čten ab und zu ein kleines Zwangsmittel aus erzieherischen Gr├╝nden eingesetzt werden. Darum klang Betties Stimme einen Ton energischer als sie ihren Ferdi weckte, um ihn auf den Weg in die Arbeit zu bringen.

Ihr Mann blickte sie aus traurigen leicht w├Ą├črigen Augen an. Sein Schnurrbart str├Ąubte sich leicht unter der runden Nase als er leicht gequ├Ąlt zum Kaffeetisch schlurfte. Ferdi wurde auch immer dicker, so fand Bettie, als sie ihren Mann von der Seite betrachtete. Auch, so fand sie, sollte er einmal etwas f├╝r seine Z├Ąhne tun, denn der Mundgeruch wurde immer schlimmer. Bettie liebte trotz all der Einw├Ąnde und Einschr├Ąnkungen ihren Ferdi immer noch. Denn in all den Jahren war er eine stattliche Erscheinung geblieben, gro├č gewachsen, die breiten Schultern vorgeschoben, die festen, kr├Ąftigen H├Ąnde, die sie beide sicher durchs Leben gef├╝hrt hatten, die blankgeputzten elfenbeinernen Sto├čz├Ąhne vorgereckt stand er da., ein ganzer Mann und in ihren H├Ąnden doch ÔÇ×ein gro├čer JungeÔÇť.

Der See-Elefant knabberte lustlos an dem ungewohnten Toastbrot und dachte an die frischen Fische im weiten Meer, als Bettie mit sicherem Griff Ferdi die Aktentasche mit dem Wurstbrot und dem Apfel in die Hand dr├╝ckte und mit einem Ku├č Richtung Finanzamt verabschiedete. Dort war er gut aufgehoben bei dem Amtsvorsteher Brose, das wu├čte sie, denn See-Elefanten sind gute Finanzbeamte und der Ruhestand lag noch in weiter Ferne.

Der Tag geh├Ârte ihr. Die Sonnenstrahlen, die durch die Verandat├╝r fielen umschmeichelten ihre wei├če Haut, als der Morgenmantel von ihren Schultern glitt und sie nackt im Zimmer stand. Ferdi hatte sie vor langer Zeit einmal wegen dieser reinen, zarten Bl├Ąsse geliebt, die zusammen mit ihren goldblonden Haaren ihrer Erscheinung etwas Engelhaftes gab. Doch das war lange her und seitdem die Kinder aus dem Haus waren, hatte Bettie die Tage mit ihrem eigenen neuen Leben gef├╝llt, das nur sie kannte.

Langsam breitete sie ihre gro├čen wei├čen Fl├╝gel aus und glitt still auf den Sonnenstrahlen der Fr├╝hlingssonne in die Sch├Ąfchenwolken ├╝ber dem gr├╝nen Land vor dem Meer.

Unten auf dem Watt wanderte die Klasse 4c der Grundschule mit ihrer Lehrerin durch die botanischen Sensationen. Weit ├╝ber ihnen zwischen den getuschten Watteb├Ąuschen segelte eine Lachm├Âve, so erkl├Ąrte ihnen Frau Asmusen den sich in den Sonnenstrahlen verlierenden Punkt am grellblau gemalten Himmel. Entfernt sah man einen schwarz gekleideten Reiter auf wei├čem Pferd durch das Watt galoppieren. Sp├Ąter zu hause bei ihren Eltern behaupteten die Kinder, sie h├Ątten den Schimmelreiter gesehen.


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flammarion
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die

kinder haben es gut, sie wissen, was sie gesehen haben. was aber habe ich hier gesehen? ein sich liebendes ehepaar, das sich v├Âllig betriebsblind gegen├╝bersteht? das walro├č geht zur arbeit, was aber ist aus dem mann geworden? nahm er die stelle des tieres im meer ein? ansonsten sehr sch├Ân und bildhaft geschrieben. lg
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Old Icke

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