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Leselupe.de > Science Fiction
Der Sinn des Lebens
Eingestellt am 24. 10. 2007 23:38


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Rumpelsstilzchen
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Die Anschnallzeichen erloschen und Hansen stieß mit einem wohligen Seufzer die Lehne zurĂŒck. Was fĂŒr ein Auftrag! Zweihundertachtzigtausend!
"Hallo, Sie! Das geht aber nicht!"
Er entschied, den wĂŒtenden Aufschrei seines Hintermannes einfach zu ĂŒberhören und klemmte seine FĂŒĂŸe unter den Vordersitz. Die gesamte Inneneinrichtung der neuen Stuttgarter Firmenzentrale sollten sie liefern. Gabotti konnte verdammt zufrieden sein. Hansen unterdrĂŒckte ein GĂ€hnen und warf einen Blick auf das Sportchronometer an seinem Handgelenk. Seit gestern frĂŒh sechs Uhr war er auf den Beinen. Das waren jetzt... Neununddreißig Stunden. Die Überarbeitung des Angebots hatte ihn den Schlaf der vergangenen Nacht gekostet. Steinmeiers "Kalkulation"! Auf Hansens Stirn bildete sich eine steile Falte und verschwand wieder. Aus den Bordlautsprechern plĂ€rrte ein ausgenudeltes Band unverstĂ€ndliche Sicherheitsinstruktionen. Eine schon etwas angejahrte BrĂŒnette hatte sich neben ihm im Mittelgang aufgebaut und gab die Hampelshow mit Schwimmweste und Sauerstoffmaske. Na ja. Immer noch besser, als das gegelte BĂŒbchen, das vor der CockpittĂŒr hampelte. Hansen gĂ€hnte. Trotzdem, die Borddamen waren auch nicht mehr das, was sie mal waren. Wurden die eigentlich erst mit den Maschinen ausgemustert? Wenn sie wenigstens wie die Jets regelmĂ€ĂŸig generalĂŒberholt wĂŒrden... Seine Lider sanken herab.

Wie SchweinehĂ€lften in blauer Uniform hingen sie in langen Reihen in dem riesigen Hangar. Von Zeit zu Zeit ging eine Welle der Bewegung durch die Körper, wenn die Montagebahn zur nĂ€chsten Reparaturstation vorrĂŒckte, wo vielleicht ein blindes Auge oder abgedrehter Arm erneuert wurde. Hatten sie die eine Seite des Hangars erreicht, schwangen sie herum und wurden in Gegenrichtung weiter getragen, bekamen je nach Bedarf ein frisches Gesicht aufgedampft oder die Krampfadern gezogen. Alles vollautomatisch.
Er versuchte durch die wogenden Leiber das Ende der Bahn auszumachen. Dorthin musste er. Wo die Endkontrolle stattfand, wĂŒrde er das Gesuchte finden. Hansen schlĂŒpfte durch baumelnden Reihen. Wenn sie vorruckten, hielt er an, denn er durfte keinesfalls den Ablauf stören.
Der Rhythmus wurde schneller, unregelmĂ€ĂŸiger, Hansen konnte sich jetzt oft nur mit einem Sprung oder abrupten Halt vor dem Zusammenprall retten. Angst hĂ€ngte sich bleischwer an seine Beine, aber das Verlangen trieb ihn voran.
Mit einem Mal verharrte der Zug der Leiber. Hansen wartete. Endlos schwangen sie nach, langsam sachter, hingen schließlich still. Er wagte den Schritt hindurch. Noch eine Reihe. Die nĂ€chste. Er begann zu rennen, auf den Ausgang zu, den er manchmal in der Ferne zu sehen glaubte.
Hansen spĂŒrte eine Bewegung hinter sich und wandte sich im Laufen um. Der nĂ€chste Körper traf ihn mit Wucht.

"EntschuldigenSiebitteestutmirschrecklichleidichhabedasGleichgewicht verloren." Der Wortschwall stank nach Zwiebeln und ZahnfÀule.
Hansen blinzelte. Sein rechter Oberschenkel protestierte kribbelnd gegen den Druck der fleischigen Hand, als sich sein Sitznachbar umstĂ€ndlich zurĂŒck auf seinen Fensterplatz schob.
"Ich wollte nur meine Tasche..." Er deutete vage ĂŒber Hansens Kopf und stemmte sich noch einmal halb in die Höhe, zerrte die Gurte hervor, dann sackte er sichtlich erschöpft zurĂŒck und lĂ€chelte Hansen hilflos an.
"Wie sieht sie aus?" hörte Hansen sich gegen seinen Willen sagen. Seine Beine stellten sich taub, als er aufstand.
"Oh, das ist nett! Rot. Eine rote Leinentasche."
Er öffnete das GepÀckfach und zog die erstbeste rote Tasche heraus.
"Ja, genau!" Eifrig griff sein Nachbar danach. Hansen ließ sich zurĂŒck auf seinen Sitz fallen. Der Versuch, mit den Zehen zu wackeln, misslang.

"BrotmĂŒller." Mit einem ĂŒberdimensionalen Taschentuch tupfte BrotmĂŒller ĂŒber das schweißglĂ€nzende Gesicht und die Leberflecken seiner Halbglatze, stopfte es zurĂŒck in die Innentasche seines Sakkos und streckte ihm die Hand entgegen.
"Hansen." Hastig ließ er die kleinen feuchtwarmen WeißwĂŒrste wieder los. Hansen schielte ĂŒber die Sitzkante, um zu sehen, ob seine FĂŒĂŸe noch da waren.
"Sie sind sicher sehr aufgeregt, nicht wahr?"
Hansen schob seine HĂ€nde unter die Schenkel, hievte seine Beine ein wenig in die Höhe und ließ los. Seine FĂŒĂŸe beantworteten den Aufprall mit einem dumpfen Summen. „Eher mĂŒde.“ Er wiederholte das Manöver. Das Summen steigerte sich zu einem Brummen.
„Ich jedenfalls wĂ€re das“, versicherte BrotmĂŒller. „Aber sie sind ja Profi.“
Hansen antwortete nicht. Abwechselnd umfasste er seine Knie und stuckte die FĂŒĂŸe gegen den Kabinenboden. Seine Waden begannen spitze Schreie auszustoßen.

„Ihre Tarnung finde ich ĂŒbrigens perfekt.“
„Welche Tarnung? Meine Beine sind eingeschlafen.“ Er sah auf.
BrotmĂŒller saß halb gegen das Kabinenfenster gelehnt und zwinkerte ihm verschwörerisch zu. „Schon gut.“ Er beugte sich vor und flĂŒsterte: „Ich weiß Bescheid. Oder meinen Sie, ich hĂ€tte zufĂ€llig 17D? Wenn schon, denn schon. Hautnah.“ BrotmĂŒller grinste triumphierend. „Ein kleines Bakschisch fĂŒr den Eventleiter wirkt manchmal Wunder.“ Das Grinsen erstarb und er kniff sich in die Wange. „Leider hat es dann nur noch fĂŒr dieses KostĂŒm gereicht.“ Er sah eine Weile bekĂŒmmert vor sich hin. Plötzlich lehnte er sich mit einem listigen Schmunzeln zurĂŒck. „ Aber die anderen sind auch nicht viel besser. Wissen Sie, eigentlich bin ich ja anerkannter Xenophobiker. Siebzig Prozent Handikap stehen in meinem Ausweis.“ Er zog bedeutungsvoll die spĂ€rlichen Brauen in die Höhe. „Siebzig Prozent! Ohne die Immunisierung könnte ich es hier nicht eine Sekunde aushalten. War ĂŒbrigens im Reisepreis enthalten. All inclusive.“ Er nickte zufrieden.

Hansen beschloss, seine Beine zu ihrem GlĂŒck zu zwingen. „Ich muss mir ein wenig die FĂŒĂŸe vertreten.“ Überraschenderweise gehorchten ihm die tauben Klötze, auch wenn er nur ein weißes Rauschen von ihnen empfing. Die Nackenwirbel knackten, als er im Gang seine EinsfĂŒnfundneunzig aufrichtete. Behutsam drehte er den Kopf nach rechts und links und rollte die Schultern. Die meisten anderen Passagiere schienen zu dösen, nur einige Workaholics traktierten ihre Laptops. Aus der BordkĂŒche am hinteren Ende der Maschine tauchte ein Steward mit dem Servicewagen auf, gefolgt von der BrĂŒnetten.
„Geht's los?“
Hansen nickte abwesend. Die vorderen Toiletten waren belegt und nach hinten konnte er jetzt nicht. Aber er spĂŒrte seine FĂŒĂŸe wieder. Mit durchgedrĂŒckten Knien stĂŒtzte er die HĂ€nde gegen die GepĂ€ckablage. Als der Wagen nĂ€her rĂŒckte, faltete Hansen sich zurĂŒck in seinen Sitz.
„Wieso setzen Sie sich wieder? Ich denke, es geht los?“ BrotmĂŒllers Wangen zitterten entrĂŒstet. „Laut meinem Programmheft mĂŒssen Sie um zweiundzwanziguhrfĂŒnfundvierzig fertig sein. Jetzt ist es einundzwanziguhrachtunddreißig und Sie haben noch nicht einmal angefangen!“
Hansen kniff die Lider zusammen und atmete gerĂ€uschvoll aus. Vielleicht sollte er den restlichen Flug besser auf dem Toilettendeckel hinter sich bringen. Er wies mit dem Daumen Richtung Heck. „Kommen schon.“
„Wer kommt?“ Erfolglos versuchte BrotmĂŒller ĂŒber die RĂŒckenlehnen nach hinten zu sehen.
„Bordservice.“
Der Fausthieb auf seinem Oberarm ließ Hansen auffahren. BrotmĂŒllers Schweinsaugen leuchteten ihn bewundernd an. „Raffiniert. Ich sag's ja, Sie sind ein Profi! Ich hab' mich schon gefragt, wie Sie mit der Waffe durch die Kontrollen gekommen sind.“ KopfschĂŒttelnd kicherte er leise in sich hinein und tĂ€tschelte Hansens Oberschenkel. „Auf den Caterdienst wĂ€re ich nie gekommen.“

Es reichte.
Hansen packte BrotmĂŒller am Revers und zog ihn heran. „Hören Sie, ich habe weder eine Waffe, noch die geringste Lust mir Ihr schwachsinniges Gequatsche lĂ€nger anzuhören. Entweder halten Sie ab sofort Ihre Laberbacken dicht oder ich setze Sie persönlich an die Höhenluft.“
Die Augen des Dicken zuckten Ă€ngstlich hin und her. „Ich... schon gut. Ich sag ja schon gar nichts mehr.“
Hansen ließ los und lehnte sich mit demonstrativ geschlossenen Augen zurĂŒck.

„Ich werde mich beim Veranstalter beschweren. So springt man mit mir nicht um.“
Hansen öffnete das rechte Auge einen Spalt und schielte zu Seite. BrotmĂŒller hatte sich an das Fenster gedrĂŒckt und schimpfte leise in die SchwĂ€rze hinaus. Er drehte kurz den Kopf, um Hansen einen bösen Blick zuzuwerfen. „Auch kein Rashid Muawad. Ich bin zahlender ...“ Das Rumpeln des nĂ€herrollenden Trollis ĂŒbertönte seine Schimpftirade.
„Kaffee oder Tee?“
„Ja bitte.“
„Kaffee oder Tee?“
Hansen sah verwirrt auf. Die BrĂŒnette lĂ€chelte geduldig auf ihn herab.
Sie wirkte mit der dunkelblaue BordschĂŒrze so mĂŒtterlich, dass er automatisch zurĂŒck lĂ€chelte. „Tee bitte.“ Er klappte seinen Tisch heraus und nahm den Plastikbecher entgegen, den sie ihm mit einer Papierserviette reichte.
„Und Sie?“ wandte sie sich an seinen Sitznachbarn.
„Nichts, danke“, schnappte BrotmĂŒller. „Außerdem wissen Sie ganz genau, dass mein Metabolismus die hiesigen GetrĂ€nke nicht vertrĂ€gt.“
Beinahe hĂ€tte Hansen seinen ersten Schluck in den Becher zurĂŒck gespuckt. Der Typ gehörte in die Klapse! GemeingefĂ€hrlich. Eine Gefahr fĂŒr die Luftfahrt. Hastig nahm er noch einen Schluck und stellte den leeren Becher in die Vertiefung des Tisches. Er warf einen vorsichtigen Blick auf den Irren neben sich, der noch immer beleidigt zum Fenster hinaus stierte, zog seinen Kugelschreiber aus dem Timer und strich die Serviette glatt.

Mein Platznachbar hat ernst zunehmende Andeutungen ĂŒber eine geplante FlugzeugentfĂŒhrung gemacht!
Er scheint darin verwickelt zu sein, bitte unternehmen Sie etwas!!!


Er ĂŒberlas das Geschriebene noch einmal, setzte in großen Druckbuchstaben ein '17D' darunter und beugte sich in den Gang. Das Einsammeln des Leergutes hatte begonnen. Seine Mundwinkel zuckten. Er sah den schlabberigen Fettsack schon vor sich, wie er in Rom von einem Trupp Spezialisten der Antiterroreinheit in voller KampfausrĂŒstung aus der Maschine geholt wird.
Hastig schrieb er auf die RĂŒckseite ein großes „WARNUNG“ und darunter „HILFE“, schließlich unterstrich er beide Worte mehrmals.

Die BrĂŒnette schob sich rĂŒckwĂ€rts neben ihn, blieb stehen und griff nach dem Plastikbecher, den er ihr hinhielt. Als er nicht gleich los ließ, sah sie ihn verdutzt an. Hansen nickte ernst und reichte ihr die Serviette.
Sie warf einen Blick darauf.
FĂŒr einen winzigen Moment flackerte ihr LĂ€cheln. Dann steckte sie die Serviette in die SchĂŒrzentasche, nickte zurĂŒck und wandte sich zur gegenĂŒberliegenden Seite: „Darf ich Ihre Tasse haben, bitte? Danke sehr, möchten Sie einen Fruchtbonbon?“
Hansen betrachtete anerkennend ihr Hinterteil. Er hatte etwas ĂŒbrig fĂŒr Leute, die ihren Job verstanden. Und der Arsch sah eigentlich auch nicht so schlecht aus fĂŒr ihr Alter. Der Wagen quietschte weiter und er wandte den Kopf, um nach seinem Nachbarn zu sehen. Der Sitz war leer.

Hansen spĂŒrte, wie sich seine Nackenhaare aufstellten. Der Dicke konnte unmöglich unbemerkt seinem Platz verlassen haben! Sein Blick glitt suchend in den Fußraum, wo der rote Leinenbeutel einsam zurĂŒck geblieben war.
„Herr Hansen?“
Er schreckte herum. Vor ihm stand die BrĂŒnette, jetzt wieder ohne SchĂŒrze.
„WĂŒrden Sie bitte fĂŒr einen Moment mit mir kommen?“ Ihr LĂ€cheln wirkte nervös; auf ihrem Gesicht glĂ€nzte einen leichter Schweißfilm im schwachen Licht der inzwischen abgedimmten Deckenleuchten.
„SelbstverstĂ€ndlich.“
Sie trat hastig einen Schritt zurĂŒck, als er sich aus dem Sitz wand und deutete auf den verschlossenen Vorhang am Ende des Ganges. „Bitte.“
Niemand beachtete sie, wÀhrend sie nach hinten gingen. Die wenigen Passagiere, an denen sie vorbei kamen, schienen zu schlafen. Hansens runzelte irritiert die Stirn. Waren sie nicht voll besetzt gestartet?

„Herr Hansen, ich will nicht lange herum reden, die Zeit ist knapp.“ Der Steward hatte den Vorhang hinter ihnen wieder zugezogen und sah ihn durchdringend an. Er wirkte beherrscht im Vergleich zu seiner Ă€lteren Kollegin, die ihr mĂŒhsam aufrecht erhaltenes LĂ€cheln verloren hatte und mit aufgerissenen Augen von einem zum anderen sah. „Wir brauchen Ihre Hilfe.“ Die stahlgrauen Augen in dem unbewegten Gesicht hielten Hansen fest; nur an seiner SchlĂ€fe zuckte ein Muskel.
„Ich...“ Hansen rĂ€usperte sich. Sein Blick wanderte an den EinschubkĂ€sten hinter dem Steward herab. In was fĂŒr einen Schlamassel hatte er sich da nur reingeritten? Schlagartig wurde ihm bewusst, dass er mit seinem idiotischen Einfall eine lebenslĂ€ngliche Flugsperre riskierte. GefĂ€hrlicher Eingriff in die Luftsicherheit. Als selbststĂ€ndiger Handelsvertreter wĂ€re er erledigt. Er beschloss, die Flucht nach vorn anzutreten. „Es war ein dummer Scherz. Nichts weiter.“ Er sah auf und grinste die BrĂŒnette schief an. „Es tut mir leid, wenn ich Sie erschreckt habe und Ihnen Unannehmlichkeiten bereite.“
Da sie keinerlei Anzeichen der Erleichterung zeigte, wandte er sich dem Steward zu. „Nichts passiert, verstehen Sie?“ Hansen lachte unsicher auf. „Außer, dass dieser BrotmĂŒller verschwunden ist. Einfach so. Weg. Puff!“ Demonstrativ warf er die HĂ€nde hoch.
„Er wurde bereits mit den anderen evakuiert.“
Hansen blinzelte den Steward verwirrt an.
„Evakuiert? Aber wie...“
„Das spielt jetzt keine Rolle. Haben Sie eine Waffe?“
„NatĂŒrlich ni...“ Fast hĂ€tte er die Automatikpistole fallen gelassen, die ihm der Steward in die Hand drĂŒckte.
„Was soll ich damit? Ich kann mit so einem Ding ĂŒberhaupt nicht umgehen!“ Hansen stolperte zurĂŒck, als die Maschine sich abrupt zum Sinkflug neigte.
„Sie mĂŒssen nicht schießen, die Piloten sind betĂ€ubt. Nur ein wenig herumfuchteln. So, dass es durch die Cockpitfenster gut zu sehen ist.“ Mit einer einladenden Armbewegung deutete der Steward nach vorn. „nach Ihnen.“
Mechanisch drehte Hansen sich um und tappte in den Gang.
„Es ist eine SchlĂŒsselszene.“ Der Steward schob ihn vorwĂ€rts. „Der ganze weitere Spielverlauf hĂ€ngt davon ab.“
Hansen wandte den Kopf und zwinkerte verwirrt. „Was fĂŒr ein Spiel? Bitte, ich...“ Er stieß gegen eine Lehne, etwas polterte dumpf auf den Kabinenboden.Er fuhr herum. „Entschuldigung.“ Die Frau auf dem Gangsitz schlief mit herab gesunkenem Kopf weiter, ohne den zwischen ihren FĂŒĂŸen hochkant und halb aufgeklappt stehenden Laptop zu beachten.
Ein harter Griff stieß ihn vorwĂ€rts. „Weiter. Wir haben nicht mehr viel Zeit, die Staffel sollte schon aufgestiegen sein.“
Sie erreichten die CockpittĂŒr und der Steward langte an ihm vorbei, um sie aufzuziehen. „Rein mit Ihnen.“ Er schob Hansen hinter die Pilotensessel, in denen die bewusstlose Cockpitbesatzung lag und wollte die TĂŒr wieder schließen.
„Halt!“ Es war der Anblick des Speichelfadens, der dem ohnmĂ€chtigen FlugkapitĂ€n aus dem Mundwinkel hing, der Hansen in die Wirklichkeit zurĂŒck katapultierte. Blitzschnell stellte er sein Bein in die TĂŒröffnung und die scharfe Kante des TĂŒrblattes prallte schmerzhaft gegen sein Knie. „Lassen Sie den Quatsch.“ Der Steward klang verĂ€rgert. Hansens Fuß explodierte, als das volle Gewicht des Gegners in einem Absatz konzentriert auf seinen Spann traf. Er wimmerte, hielt aber stand.
„Das Bein weg!“ Die TĂŒrkante wich zurĂŒck, um erneut gegen sein Knie zu knallen. „In dreieinhalb Minuten werden wir in der Kuppel des Petersdoms einschlagen.“ TĂ€uschte er sich, oder schwang in dem Befehl leichte Panik? Er warf einen Blick ĂŒber die Schulter auf die Instrumententafel. Es schien ihm beruhigend normal auszusehen, viel GrĂŒn, nichts blinkte um Aufmerksamkeit. Die Steuer bewegten sich gemĂ€chlich nach der Regie des Autopiloten. Der Schmerz in seinem Bein war einer wohltuenden Taubheit gewichen, durch die gerade noch dumpf die StĂ¶ĂŸe und Tritte des Stewards zu ihm drangen. Sein Blick irrte ĂŒber das Wirrwarr der Anzeigen und Bedienelemente. Er zuckte die Achseln. Etwas ĂŒber drei Minuten hatte er noch. Er war Kaufmann, kein Pilot. Es ließ ihn seltsam gleichgĂŒltig. Wenn er nur wĂŒsste...
„Warum?“
Die StĂ¶ĂŸe setzten aus.
„Der PaneuropĂ€ische Kreuzzug!“ Der Steward schöpfte nach Atem und lehnte sich gegen den TĂŒrrahmen. „Mit dem Absturz dieser Maschine in den Petersdom startet Level Neun. Der große Kreuzug gegen die terroristischen Islamisten.“ Er schnalzte mit dem Daumen. „DER Renner fĂŒr die nĂ€chste Spielesaison.“ Die Begeisterung in seiner Stimme verschwand so schnell wieder, wie sie gekommen war. „Und Du machst es kaputt. MEIN Spiel!“ Mit neuer Wut trat er gegen Hansens Schienbein. „Ich bin der Programmierer! Kapierst Du, dĂ€mlicher Algorithmus? Ich bin Dein Schöpfer!“
Er trat den Takt der Worte gegen das Bein, was Hansen einmal gehört haben mochte, wie dieser sich zu erinnern glaubte. Eine Spielfigur? Er? Er war Hansen, Handelsvertreter fĂŒr BĂŒroeinrichtungen, ein Mensch. Er trĂ€umte sogar. Von Stewardessen. Sein leichtes LĂ€cheln verschwand hinter Stirnrunzeln. Sein Vorname. Wie, zum Teufel hieß er mit Vornamen? „Die anderen Passagiere. Der Dicke neben mir.“ Er schluckte trocken. „Wohin...“
„Betatester. Wurden schon ausgeklinkt.“ Sein Schöpfer hielt inne. „Nur meine Assistentin und ich sind noch da.“
Hinter ihm tauchte die atemlose Gestalt der Stewardess auf. „Wir mĂŒssen raus, Chef! Zwanzig Sekunden bis Einschlag.“
„Zeig' Dich am Fenster!“ Die Stimme des Stewards ĂŒberschlug sich. „Die Waffe! Die JĂ€ger mĂŒssen die Knarre sehen!“
„Chef!“
Plötzlich schwang die TĂŒr vor Hansen frei auf. Er war allein. Er sah auf die Waffe herab, die seine Rechte noch immer umklammert hielt. Er zog das Bein zurĂŒck. Er ignorierte den scharfen Stich in seinem Schenkel und straffte sich. Er sah aus dem Fenster. Keine fĂŒnfzig Meter neben ihm flog ein AbfangjĂ€ger. Er winkte mit den TragflĂ€chen. Hansen hob die Waffe.



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Amadis
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hi rumpel,

gefĂ€llt mir insgesamt gut: spannender plot, gute pointe und handwerklich top. was mir nicht einleuchtet ist die sache mit dem metabolismus, der die örtlichen getrĂ€nke nicht vertrĂ€gt. an dieser stelle habe ich auf zeitreisende aliens getippt, die auf der erde als katastrophentouristen unterwegs sind. auch das verhalten des "betatesters" ist etwas merkwĂŒrdig. er muss doch wissen, dass ein einfacher "algorithmus" seinen status nicht kennen kann. auch die anspielungen auf eine reisebuchung passen nicht recht zu einem computerspiel, wenn auch extrem interaktiv. hier macht die geschichte auf mich den eindruck, dass du zunĂ€chst auf eine andere pointe hinauswolltest und dann umgeschwenkt bist.

grĂŒĂŸe
mike
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Eine erhebende Illusion ist mir lieber als tausend niedrige Wahrheiten - Puschkin

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Rumpelsstilzchen
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So nette Ovationen fĂŒr diesen abgehangenen Schinken! Danke dafĂŒr, auch wenn es mir ein wenig peinlich ist, bei diesem holprig angeklatschten Schluss.

Amadis, Du hast den Finger in die Wunde gelegt: tatsĂ€chlich schlummerte der Text bis zu dem Moment, wo Hansen mit dem Steward die BordkĂŒche verlĂ€ĂŸt, nahezu ein Jahr auf meiner Festplatte. War allerdings ein unruhiger Schlaf; immer wieder warf er sich auf meinen Bildschirm, so sehnte er sich nach einem Ende. Gestern nun war es so weit. Ich warf das Ruder um, wagte eine Halse und kreuzte ins Ziel. Endlich angelandet, warf ich ihn auch gleich auf die Wiese, ehe ich erschöpft in meine HĂ€ngematte kroch.

Jetzt bin ich garnicht mehr zufrieden. Weil die Konsistenz bei meinem Wendemanöver ĂŒber Bord ging. Du hast das gleich richtig erkannt.

Teufel auch, man sollte seine Leser nie unterschÀtzen! Jetzt muss ich wohl noch einmal ran. Oder zweimal. Mir schwant nÀmlich, es werden zwei Varianten werden...

Schwand tief geneigt, doch ungebeugt
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