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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Souffleur
Eingestellt am 29. 08. 2007 18:05


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Karl Feldkamp
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2006

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Als Hans-Dietrich Krause heute Morgen aus dem Knast zurĂŒckkam, wusste er, dass jener ein Mann war. Vorher hĂ€tte sie auch eine Souffleuse sein können. Jedenfalls flĂŒsterte ihm vor wenigen Stunden noch eine ĂŒberzeugend klingende Stimme Worte zu, von denen er nicht mehr ĂŒberzeugt werden wollte.
Auf seiner persönlichen BĂŒhne agierte lĂ€ngst eine ihm nicht bekannte Unperson, die sich ĂŒberall mit seinem Namen vorstellte. Eigentlich hĂ€tte er einen neuen Namen annehmen mĂŒssen. Entweder Hans oder Dietrich, aber nicht diesen verfluchten Doppelnamen.
Die psychologische ErklÀrung war offenbar einfach:
Sein Vater hatte ihn brutal geprĂŒgelt. Der ehemalige Wehrmachtsunteroffizier, ein untersetzter buckelnder Untertan, hieß Hans. Dessen Schwiegervater namens Dietrich, der Großvater von Hans-Dietrich, war von stattlicher Statur, großzĂŒgig, gutmĂŒtig und unbestechlich. Er trug einen mĂ€chtigen geschwungenen Schnauzbart, ließ sich von AutoritĂ€ten nicht beeindrucken, trotzte einst geschickt den Nationalsozialisten und vergaß der katholischen Kirche und deren Oberhaupt nie, dass sie gegenĂŒber den Nazis nicht eindeutig Stellung bezogen.
Hans-Dietrichs Vater Hans lief nach anfĂ€nglichem Widerstand gegen die Hitlerjugend irgendwann einfach mit, schwĂ€rmte nach dem Untergang des auf tausend Jahre angelegten Deutschen Reiches noch von Hitlers Autobahnen und Ă€ußerte sich spĂ€ter, wenige Jahre vor seinem Tod noch abfĂ€llig ĂŒber tĂŒrkische Gastarbeiter und Neger.
„Ihre beiden mĂ€nnlichen Bezugspersonen konnten unterschiedlicher kaum sein“, stellten seine Psychotherapeuten ĂŒbereinstimmend fest. Bei ihnen – immer wieder bei einem anderen, hatte er stets aufs Neue eine Therapie begonnen und sie nach wenigen Sitzungen mit dem GefĂŒhl abgebrochen, sie könnten ihm nicht wirklich helfen.
Als er sich schließlich nach seinem Großvater nur noch Dietrich nannte, fĂŒhlte er sich dennoch nur wenige Wochen wohl, bis er sich wieder dabei ertappte, von seinem BĂŒroleiter beim Katasteramt, Hermann Heidler AuftrĂ€ge anzunehmen, deren Sinn er zwar nicht einsah, die er aber zu erfĂŒllen versuchte, weil Heidler ihn dazu zwang.
Schließlich fiel ihm auf, dass Hermann Heidler, den er schon sehr lange duzte, ihn ganz betont mit Hans-Dietrich ansprach. Und immer dann, wenn er seinen Doppelnamen hörte, begann seine innere Stimme auf ihn einzureden. „Hans, du bist gar nicht so. Du hast keine Angst. Ängste werden von Anderen nur ausgenutzt.“
NatĂŒrlich hatten seine Psychotherapeuten ihn ĂŒberzeugen wollen und behauptet, jemand, der seine Ängste offen zugebe, sei eigentlich viel mutiger als einer, der sie verschweige.

Und dann begegnete er an einem warmen SpĂ€tsommerabend vor gut zwei Jahren auf dem Bahnhofsvorplatz Friedhelm, gute dreissig Jahr alt, klein und von bulligem Körperbau. Er trat gerade einem Rollstuhlfahrer gegen die schmalen Reifen. Der Mann, etwa genauso alt wie Friedhelm kreischte mit hoher Stimme. „Haun Sie ab. Lassen Sie das. Lassen Sie das
Hilfe
“
Und je hÀufiger, lauter und höher er kreischte, desto krÀftiger trat Friedhelm zu, nicht nur gegen die Reifen sondern auch gegen die offenbar gelÀhmten Beine des Mannes.
Der Rollstuhl drohte umzukippen. Leute, die vor dem Bahnhof herumstanden, wandten sich ab, andere gingen hastig und ohne aufzusehen an beiden vorbei.
Hans-Dietrich hatte zuvor in einem StraßencafĂ© in BahnhofsnĂ€he zwei Cappuccino getrunken und wollte mit der S-Bahn nach Hause fahren. Da trat der bullige Friedhelm gerade so heftig zu, dass der Rollstuhl nach hinten kippte und sein Fahrer hilflos auf dem RĂŒcken liegen blieb. Friedhelm trat auf den Liegenden ein, traf nur den Rollstuhl, ging herum zum Kopf und holte aus, als wollte er einen Fußball wegkicken.
Hans-Dietrich packte Friedhelm von hinten bei den Schultern und riss ihn zurĂŒck.
Aus dem BahnhofsgebĂ€ude kamen in dem Moment zwei Polizisten. Der jĂŒngere der beiden stieß Hans-Dietrich zur Seite und drehte Friedhelms rechten Arm auf den RĂŒcken. „Du schon wieder. Das kostet dich diesmal deine BewĂ€hrung.“
Der Ă€ltere Polizist kĂŒmmerte sich um den Liegenden, hob ihn samt Rollstuhl auf und stellte den wieder auf seine RĂ€der.
Friedhelm versuchte sich loszureißen, brĂŒllte die Umstehenden an, die jetzt interessiert zusahen. „Arschlöcher seid ihr, feige Arschlöcher.“
Dann hielt er inne, atmete schwer und sah Hans-Dietrich an.
„Kommst dir wien Held vor, was?“
Hans-Dietrich schĂŒttelte den Kopf, wĂ€hrend ihm der Polizist, der den Rollstuhlfahrer aufgehoben hatte, auf die Schulter klopfte.

Heute Morgen besuchte Hans-Dietrich Friedhelm zum dritten Mal im Knast. Er saß wegen versuchten Mordes und mehrfacher Körperverletzung.
Als Hans-Dietrich sich von ihm im Besucherraum verabschiedet, sagte Friedhelm leise, Schwachheiten könne er einfach nicht ausstehen.
Und obwohl er von seinem Souffleur angeherrscht wurde: „Sag Feigling zu ihm“, schwieg Hans-Dietrich, umarmte Friedhelm und verließ, ohne sich umsehen, den Besucherraum.


__________________
Bei jedem Irrtum hat die Wahrheit eine neue Chance.

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