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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Spiegel
Eingestellt am 14. 04. 2013 16:03


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ichversuchsmal
Hobbydichter
Registriert: Apr 2013

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Kommentare: 1
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Das Erste, was Lou sah, als sie an diesem Morgen aufwachte, waren Scherben. Der ganze Boden vor ihrem Schreibtisch war voll von ihnen. MĂŒhsam richtete sie sich auf und blickte auf den zerbrochenen Spiegel. Der Spiegel ihrer verstorbenen Großmutter mit all seinen Scherben um ihn herum. Es passte. Dieser Anblick passte nur zu gut. Lou machte sich gar nicht erst die MĂŒhe, es aufzurĂ€umen. Die Scherben wĂŒrden bleiben, egal was sie tat. Sie ging ins Badezimmer und suchte nach ihren Tabletten.

Als sie angezogen war und sich einigermaßen bereit dazu fĂŒhlte, verließ sie ihre Wohnung und machte sich auf den Weg zur Uni. Lou wusste, sie wĂŒrde keine Vorlesung am StĂŒck durchhalten. Dennoch wollte sie es heute wenigstens versuchen. Der Anblick der Scherben hatte etwas in ihr ausgelöst. Etwas, was sie zwar nicht erklĂ€ren konnte, aber was zu etwas Großem werden konnte, wenn sie es zuließ. Der heutige Tag war einfach anders. Das spĂŒrte sie.

Und so saß Lou in der Vorlesung, versuchte zu begreifen, um was es ging und spĂŒrte die Blicke der Anderen in ihrem Nacken. Sie kannte diese Blicke nur zu gut. Es waren Blicke des Mitleids, vermischt mit einem Hauch von Abscheu. Dabei kannten all diese Leute sie gar nicht. Sie kannten bloß ihre Krankheit.

Seltsamerweise machte ihr das alles heute nichts aus. Im Gegenteil. Sie fĂŒhlte sich dadurch lebendiger und aufgekratzter als je zuvor. Dieser Tag war anders. Anders war gut. So saß Lou also in dem Hörsaal auf ihrem Stuhl und zappelte wie ein Kind. Sie wusste plötzlich nicht mehr wohin mit ihrer Energie, ihrem Tatendrang. Lou merkte, dass sich etwas verĂ€nderte. Hier, jetzt, in diesem Augenblick.

Das Adrenalin schoss durch ihren Körper und sie fĂŒhlte sich wie elektrisiert. Und in diesem Moment kam ihr ein Gedanke. Nein, es war der Gedanke! Es war, als hĂ€tte jemand einen Schalter in ihrem Kopf umgelegt. Sie sprang auf, ließ alles stehen und liegen und stĂŒrmte aus dem Hörsaal, aus dem GebĂ€ude, einfach raus. Das Wichtigste hatte sie bei sich: AutoschlĂŒssel, Geldbeutel, Personalausweis. Eilig stieg sie in ihr Auto und fuhr los. Sie hatte ein Ziel vor Augen. Etwas, was ihr jahrelang gefehlt hatte und sie dadurch zu jemandem gemacht hatte, der sie nicht war und auch nicht sein wollte, war wieder da: ein Ziel. Und ihr Ziel hieß Flughafen.

Dort angekommen ging sie entschlossen auf den Schalter zu. Sie hielt sich nicht lange mit Höflichkeiten auf, sondern sagte sofort, sie wolle ein Ticktet fĂŒr den nĂ€chsten Flug in Richtung SĂŒden. Egal wohin und ohne RĂŒckflug. Skeptisch musterte die Frau hinter dem Schalter sie und fragte, ob denn alles in Ordnung mit ihr sei. Da musste Lou lachen und sagte, es sei ihr noch nie besser gegangen.

Schon wenige Minuten spĂ€ter saß Lou in einem Flugzeug nach AsunciĂłn. Das Witzige war, dass sie noch nie in ihrem Leben von dieser Stadt gehört hatte und nur wusste, dass sie in Paraguay lag. Doch das war ihr egal. Sie war völlig entspannt und sorglos. Das Adrenalin und die Aufregung der letzten Minuten hatten einer inneren Ruhe Platz gemacht, die sie noch nie zuvor gespĂŒrt hatte. Es war ein tolles GefĂŒhl.

Als das Flugzeug hoch ĂŒber den Wolken war, blickte Lou aus dem Fenster und sah den Atlantik, der sich wie ein riesiger, blaugefĂ€rbter Spiegel unter ihr ausbreitete. Dieser Spiegel, war neu, unbeschĂ€digt und völlig anders, als ihr alter. Er wartete nur darauf, dass von ihm Gebrauch gemacht wurde und dass seinem Benutzer gefiel, was er sah, wenn er sich in ihm betrachtete. Das waren Lous letzte GedankengĂ€nge bevor sie lĂ€chelnd einschlief.

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Paul Schubert
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Ichversuchsmal,

ist gelungen, Dein erster Versuch. Ist sogar besser als der x-te Text manches alten Hasen.

Allen Mut zusammenraufen und dem Leben eine Wende geben, nicht nur trÀumen, sondern tatsÀchlich handeln, der zerbrochene Spiegel weist den Weg. -- Das ist eine gute Idee, die Du auch gut umsetzt.

Zwei Kleinigkeiten, leicht zu beheben, will ich dennoch anmerken. Du schreibst:

»Sie hatte ein Ziel vor Augen. Etwas, was ihr jahrelang gefehlt hatte und sie dadurch zu jemandem gemacht hatte, der sie nicht war und auch nicht sein wollte, war wieder da: ein Ziel. Und ihr Ziel hieß Flughafen.«

Lous Ziel ist nicht der Flughafen; der liegt nur auf dem Weg zu ihrem Ziel.

Und es ist unmöglich, nicht die zu sein, die man ist. Man kann aber sehr wohl jemand sein, der man nicht sein will. Mein Vorschlag wÀre zu schreiben:

»... sie dadurch zu einer gemacht hatte, die sie nicht sein wollte. ...« und den Flughafen zu streichen.

Ein Ziel haben heißt seinem Leben einen Sinn geben. Auch wenn unbekannt bleibt, was Lou im SĂŒden will, wird doch ihre Hoffnung auf ein besseres Leben deutlich.

Weiter so!

Gruß,

Paul

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Paul Schubert
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Doc,

wĂŒrden Dich die folgenden drei Stellen auch veranlassen, von den Herrn mehr Realismus zu fordern?

»Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigem TrĂ€umen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt. Er lag auf seinem panzerartig harten RĂŒcken und sah, wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen gewölbten, braunen, von bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch, auf dessen Höhe sich die Bettdecke, zum gĂ€nzlichen Niedergleiten bereit, kaum noch erhalten konnte. Seine vielen, im Vergleich zu seinem sonstigen Umfang klĂ€glich dĂŒnnen Beine flimmerten ihm hilflos vor den Augen, ...« (Franz Kafka, Die Verwandlung)

»... Ich weiß ĂŒberhaupt nicht viel, offengestanden. Über den Tod meiner Mutter zum Beispiel. War sie schon tot, als ich ankam? Oder ist sie erst spĂ€ter gestorben? Ich meine, tot wie jemand, den man begrĂ€bt. Ich weiß es nicht. Vielleicht hat man sie noch nicht begraben. Wie dem auch sei, jetzt bewohne ich ihr Zimmer. Ich schlafe in ihrem Bett. Ich benutze ihr Nachtgeschirr. Ich habe ihren Platz eingenommen. Ich werde ihr gewiss immer Ă€hnlicher. Es fehlt mir nur noch ein Sohn. Irgendwo habe ich vielleicht einen. ...« (Samuel Beckett, Molloy)

»... Und wenn der alte Mann dann aus dem Karren geklettert wĂ€re und sich gereckt hĂ€tte (die Dinge beschleunigen sich jetzt), die Stelle betrachtend, wo die Pumpe gestanden hatte, die von den Soldaten gesprengt worden war, so daß nichts mehr von ihr ĂŒbrig bleiben sollte, und er sich beklagt hĂ€tte mit den Worten: â€șWie sollen wir hier an Wasser kommen?â€č, dann wĂŒrde er, Michael K., einen Teelöffel aus der Tasche holen, einen Teelöffel und eine dicke Rolle Schnur. Er wĂŒrde das Geröll von der MĂŒndung des Schachtes entfernen, er wĂŒrde den Stiel des Löffels einwĂ€rts zu einem Haken biegen und die Schnur daran befestigen, er wĂŒrde den Löffel durch den Schacht tief hinunterlassen in die Erde, und wenn er ihn wieder hinaufzöge, wĂŒrde Wasser sein in der Schale des Löffels; und so, wĂŒrde er sagen, kann man leben.« (J. M. Coetzee, Leben und Zeit des Michael K.)

Wenn ich mir deren literarische Wirkung vor Augen fĂŒhre, vermute ich, dass Du Deine Forderung nach mehr Realismus kaum verteidigen könntest.

Dass Dein literarischer Geschmack nach mehr Realismus dĂŒrstet, ist eine ganz andere Sache, die Dir unbenommen bleibt, die Du aber, so vermute ich, nicht zur Forumsnorm machen möchtest.

Fiktionale Texte erheben keinen Wahrheitsanspruch. U. a. das unterscheidet sie von Zeitungsberichten. Die Kritik, die Du an â€șDer Spiegelâ€č Ă€ußerst, kann ich beim besten Willen nicht nachvollziehen.

Offenbar leidet Lou an psychischen Problemen. Wieso kann sie der zerbrochene Spiegel nicht in einer manische Phase steuern, in der sie absolute Gewissheit ĂŒber all ihre Entscheidungen empfindet? Dass sie nicht ins ReisebĂŒro rennt und sich beraten lĂ€sst, dass sie keinen Koffer packt, dass sie ihr Ticket bezahlen kann, usw. sind das Deiner Meinung nach qualitĂ€tsmindernde VersĂ€umnisse, die unbedingt hĂ€tten erwĂ€hnt werden mĂŒssen? â€șDer Spiegelâ€č ist eine Kurzgeschichte, also ein fiktionaler Text, kein Ratgeber fĂŒr Last-Minute-Touristen.

Zudem brauchen Kurzgeschichten keine Lösung fĂŒr das angesprochene Problem anzubieten. U. a. das unterscheidet sie von Anekdoten und ErzĂ€hlungen. Was aus Lou in Paraguay wird, ist eine andere Geschichte. Hier wird eben nur erzĂ€hlt, wie Lou nach Paraguay kommt. Das gelingt Ichversuchsmal gut.

Gruß

Paul

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Paul Schubert
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Doc,

vor allem weil ich meine, dass Ichversuchsmal es auch weiterhin versuchen sollte, habe ich Kafka & Co. bemĂŒht. Die verlangen eine sehr viel grĂ¶ĂŸere Anstrengung von Leserin und Leser, als uns Ichversuchsmal abverlangt.

Du schreibst, »Die VerĂ€nderung wird nicht behutsam eingefĂŒhrt, sondern Lou ist auf einmal brachial anders.« Dem will ich zunĂ€chst nicht widersprechen, sondern frage: Was ist daran unglaubwĂŒrdig?

Wenn ich mir Lou als Manisch-Depressive vorstelle, habe ich keinerlei Probleme mit ihrem Verhalten. Ihr emotionales Pendel schlÀgt von einem Augenblick zum nÀchsten ins andere Extrem um. Und Lou tut etwas, was sie womöglich bitter bereut, wenn sie in Asunción aus dem Flugzeug steigt und es in Strömen regnet. Oder ihre Hochphase dauert an, weil sie endlich den Mut aufgebracht hat, ihrem Leben die entscheidende Wende zu geben.

Wie dem auch sei, tatsÀchlich gibt es im Text eine Vorbereitung auf den Bruch:

1. Absatz: »Lou machte sich gar nicht erst die MĂŒhe, es aufzurĂ€umen.«

2. Absatz: »Der Anblick der Scherben hatte etwas in ihr ausgelöst. Etwas, ... was zu etwas Großem werden konnte, wenn sie es zuließ.«

3. Absatz, Dein Zitat: »Seltsamerweise machte ihr das alles heute nichts aus. Im Gegenteil. Sie fĂŒhlte sich dadurch lebendiger und aufgekratzter als je zuvor. Dieser Tag war anders. Anders war gut.«

Die Schilderung des verĂ€nderten Verhaltens nimmt dann mehr Raum ein als die des auslösenden Ereignisses, des zerbrochenen Spiegels. Insofern könnte man die Frage aufwerfen, ob der Titel glĂŒcklich gewĂ€hlt ist. Angesichts der Umsetzung der Idee, scheint mir diese Frage jedoch eher nebensĂ€chlich. Wesentlicher ist, dass der Text nicht nur alle Kriterien einer Kurzgeschichte erfĂŒllt, sondern -- wie auch Du sagst -- gut geschrieben ist und sich flĂŒssig liest.

ZurĂŒck zur fĂŒr Dich schwierigen Verwandlung von Lou. Selbst wenn ich mir Lou nicht als Manisch-Depressive vorstelle, habe ich keine Probleme mit ihrer VerhaltensĂ€nderung. Physiologisch scheint mir Lous Verhalten nicht unmöglich. Wie verĂ€ndert z. B. ein Schuss Dopamin die Persönlichkeit? Wie Ecstasy oder LSD? Binnen einer Stunde wirken diese Drogen. Warum sollte der Text diese Plötzlichkeit nicht brĂŒsk nachbilden? -- Dabei kommt sie ja nicht wirklich so plötzlich.

Noch ein formaler Aspekt: Könnte man einen Bruch nicht auch gezielt als Stilmittel einsetzen, um Verwirrung zu stiften und das Lesepublikum zum Nachdenken anzuregen?

Dabei bestĂ€nde zwar die Gefahr, missverstanden zu werden. Doch wenn ich mir z. B. anschaue, was unter meine Texte geschrieben wurde, dann scheint mir das MissverstĂ€ndnis kein seltenes Ereignis zu sein und sich nicht allein infolge von BrĂŒchen in der Handlungsweise der Figuren einzustellen. Aber MissverstĂ€ndnisse lassen sich aus der Welt schaffen.

Gruß

Paul

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