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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Spiegel
Eingestellt am 18. 01. 2015 23:38


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LyrikAmbition
Hobbydichter
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Der Spiegel

Es hatte sich nichts verĂ€ndert. Dean starrte nun schon seit gefĂŒhlten dreißig Minuten auf dieselbe Stelle an seiner Wand. Nur ein kleiner blutiger Fleck, der vermutlich von einer MĂŒckenjagd aus seiner Kindheit kommt. Das muss nun schon gut acht Jahre her gewesen sein und es hatte sich immer noch nicht weder die Form, noch die Farbe des Fleckes geĂ€ndert. Vielleicht hĂ€tte er sein Zimmer mal streichen sollen, dann hĂ€tte er jetzt nichts mehr, was ihn so fesseln könnte. Am liebsten wĂŒrde er sich auf etwas Anderes konzentrieren, doch seine heftigen Kopfschmerzen ließen einzig und allein diese eine Stelle als jetzige Wahrnehmung zu. Aufstehen und sich anderweitig beschĂ€ftigen ist auch keine Option, denn er hatte Angst bei der kleinsten Bewegung erbrechen zu mĂŒssen. Vielleicht war das Zeug doch etwas zu hart, das er von Samuel in der Schule bekommen hatte. Er meinte es wĂ€re fĂŒr „schlechte Zeiten“. Was das schon wieder heißen sollte, konnte er sich damals noch nicht vorstellen. Doch irgendwie kam er dem Ganzen nun auf die Schliche. Dean war erst siebzehn und trotzdem hatte er schon so einiges hinter sich. Da wĂ€re zum Beispiel die eine Nacht mit Sara, die er damals, Gott weiß wie, rumgekriegt hatte. Sie waren beide sechszehn und sie kam zu ihm zu einem DVD-Abend. Und jeder aus Deans Freundeskreis wusste natĂŒrlich, was damit gemeint war. Er wollte es auch. Er wollte es wirklich. Er hĂ€tte nichts lieber getan, als auf klassische Weise seinen Arm, bei einer schlimmen Szene aus einem Horrorfilm um sie zu legen. Vielleicht hĂ€tte sie sich sogar noch an ihn ran gekuschelt? Das wĂ€re klasse gewesen. Wenn da nur der Alkohol nicht gewesen wĂ€re. NatĂŒrlich, sie waren sechzehn und allein, also konnten sie es sich so richtig gut gehen lassen. Doch nach dem fĂŒnften Glas Wodka-Orange konnte man nicht mehr von „gut gehen“ sprechen. Er war so besoffen, dass er versucht hatte sie zu kĂŒssen und dabei auf ihr DekolletĂ© kotzen musste. Ja das war damals ziemlich peinlich und sie hatte mit ihm nie wieder ein Wort gewechselt, zumindest glaubte er das. War da nicht noch irgendwas danach? Nein er konnte sich nicht mehr erinnern. Das war auf jeden Fall ein richtiger Höllentrip und trotzdem ging es ihm damals nicht annĂ€hernd so schlecht wie jetzt. Auf einmal klingelte es unten an der TĂŒr und der Schall dĂ€mmerte noch hunderte Male durch seinen Kopf, dass er versuchte, seine schweißnassen HĂ€nde an seine Ohren zu pressen. Doch er spĂŒrte seine Muskeln nicht mehr und versagte schon bei einer solch einfachen Aufgabe. Trotz allem erhob er sich von seinem Drehsessel, der ihm auf einmal erstaunlich klein vorkam und taumelte in Richtung TĂŒr. Er wusste, er wĂŒrde es nicht schaffen, die TĂŒrklinke zu betĂ€tigen, geschweige denn die Treppe unverletzt zu benutzen, die zu seiner HaustĂŒr fĂŒhrte, an der offensichtlich Jemand auf ihn wartete. Und er hatte Recht, denn schon wieder kam der ohrenbetĂ€ubende Klang seiner TĂŒrklingel und er knickte ein, fiel mit einem unĂŒberhörbar Dumpfen Schlag auf den Boden und krĂŒmmte sich auf diesem vor Schmerzen. Warum hatte er nur so viel von dem Zeug genommen? Gab es irgendeinen Grund dafĂŒr, dass er sich solche Schmerzen absichtlich zufĂŒgte? Er war sich sicher, dass es irgendeinen Grund fĂŒr die Einnahme dieser Pillen gab, jedoch konnte er sich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern. Langsam kroch er nach vorn, zu seiner guten, alten ZimmertĂŒr, die immer noch zwanzig Meter entfernt lag. Zumindest kam ihm dies so vor. Noch ein Klingeln. Diesmal war es so laut, dass er nichts Anderes mehr wahr nahm, als den Schmerz, der sich durch alle seine Gliedmaßen fraß. In der Hoffnung, dass irgendjemand ihm helfen könnte, streckte Dean seine Hand nach der TĂŒr aus. Sie schwankte in der Luft, denn er konnte schon lange nicht mehr den erforderlichen Gleichgewichtssinn aufbringen, diese gerade zu halten. Seine Augenlieder wurden schwer und er dachte, er wĂŒrde nun bewusstlos werden. Doch auf einmal griff Jemand sehr krĂ€ftiges, seine sinkende Hand. Dean erschrak und riss die Augen auf. Was er erblickte, raubte ihm seinen unregelmĂ€ĂŸigen Atem. Die pechschwarzen Haare, seine smaragdgrĂŒnen Augen und nicht zuletzt seine kleine Nase, die er fĂŒr sich persönlich immer fĂŒr zu weiblich empfand. Alles war gleich. Er erblickte im Prinzip sich selbst ins Gesicht. Aber wie konnte das sein? War ein Einbrecher im Haus und wegen den heftigen Drogen hatte er die Vorstellung, sich selbst zu sehen? Oder war alles nur Einbildung? War er vielleicht tot? Es blieb ihm nicht viel Zeit, darĂŒber nachzudenken, denn sein GegenĂŒber ergriff das Wort: „Ich bin enttĂ€uscht von dir.“. Dean starrte seine Kopie fragend an. „Du versinkst in Selbstmitleid und alles was dir einfĂ€llt, ist dich mit Drogen umzubringen?“. Er wusste nicht, was er darauf sagen sollte. War er nun doch tot? Und vielleicht war dieser DoppelgĂ€nger eine Art Gewissen. Aber die Drogen mussten trotzdem eine Rolle spielen, anders konnte er sich das nicht erklĂ€ren. Die Kopie fuhr fort:“ Ich habe schon immer gewusst, dass du ein verweichlichter Verlierer bist! Was hast du denn? Nichts! Niemand liebt dich, niemand mag dich und nun ist noch nicht einmal mehr deine geliebte Mutter da, um dir in deinem erbĂ€rmlichen Leben Halt zu geben!“. In Dean brodelte es. Er wusste nicht wieso, jedoch konnte er die Tatsache, dass er sich im Prinzip von sich selbst beleidigen lassen musste, nicht einfach hinnehmen. Nichts fiel ihm ein, was zu der jetzigen Situation eine Lösung sein könnte, außer vielleicht diesem Großmaul Einhalt zu gebieten. Aber genau das wollte er jetzt auch. „Halt dein dreckiges Maul!“, brĂŒllte Dean los und stĂŒrzte mit einem Satz auf sich selbst. Er drĂŒckte seine Kopie, die sich gefĂŒhlslos wehrte zu Boden und suchte nach Etwas um sein Zappeln zu stoppen. Dieser Aufwand war allerdings gar nicht erst nötig, denn er blickte plötzlich auf die glĂ€nzende zerbrochene Unterseite einer halben Whiskey Flasche, die sich bereits in seiner rechten Hand befand. Er wusste beim Besten Willen nicht, wie diese dahin gekommen war, jedoch wollte er sich auch nicht beschweren. Als machte dieser eine ruckartige Bewegung mit seiner rechten Hand und beförderte die scharfe Flaschenseite in die Schulter seines GegenĂŒber und trotzdem zeigte dieser keine Reaktion. Das einzige Ergebnis war eine unnormal starke BlutfontĂ€ne, die ihm entgegenspritzte und seinen kompletten Oberkörper besudelte. Doch das Blut war nicht rot, sondern eher schwarzblau. Eine undefinierbar stinkende FlĂŒssigkeit, die einfach nicht aufhören wollte heraus zu plĂ€tschern. Er bekam davon einiges in den Mund. Viel. Wohl ehr zu viel. Eigentlich bekam er so viel davon in Mund, dass er seinen WĂŒrgereiz nicht mehr kontrollieren konnte und sich ĂŒbergeben musste, doch die andere FlĂŒssigkeit kĂ€mpfte gegen seinen eigenen Strahl an und er gluckste vor sich hin, bis alles schwarz um ihn herum wurde und er zu Boden sackte.

„Dean, kannst du mich hören? Dean!?“, eine sehr vertraute Stimme weckte seine Aufmerksamkeit und er wagte es, einen Blick zu riskieren. Dean blickte in die wunderschönen, blaugrĂŒnen Augen seiner Freundin Sara. Seine Freundin Sara! Er war mit seiner Freundin bei einem DVD-Abend zusammen gekommen. Nun erinnerte er sich wieder an alles. Er erinnerte sich an die peinliche Geschichte mit dem Alkohol und auch an seine Mutter. Seine Mutter. Jetzt wurde ihm alles wieder klar. Seine Mutter hatte vor Kurzem einen Autounfall, bei dem sie von einem Laster erfasst wurde. Dieser hatte sie von einer BrĂŒcke gerammt und sie war daraufhin ertrunken. Das war kurz vor seinem Drogentrip. In diesem Moment kam ein Arzt herein, was darauf schließen ließ, dass er in einem Krankenhaus war. NatĂŒrlich war er das, ĂŒberall war alles weiß und die Klischee Betten waren vorhanden und der alte Fernseher oben an der Wand. Alles hatte schon von Anfang an auf einen Krankenhaus Aufenthalt gedeutet. Der Arzt stellte sich vor Dean hin und blĂ€tterte bei seinem Klemmbrett. „Also Dean Walters. Sehr hoher Alkoholpegel und eine Fleischwunde an der linken Schulter. Sie sind in eine zerbrochene Flasche gefallen mein Junge. Ziemlich tollpatschig aber das wird wieder.“ Dean verstand gar nichts mehr. Was war mit den Drogen, die er geglaubt hatte genommen zu haben, oder die eigene Kopie, die er umgebracht hatte. War das jetzt alles er selbst gewesen? Hatte er sich alles viel schlimmer zusammenfantasiert als es eigentlich war? Aber nein das Zeug hatte er sich ganz bestimmt eingeworfen, vielleicht ist es bisher einfach noch niemandem aufgefallen. Er musste es tun, er fand einfach keinen anderen Ausweg, immerhin war seine Mutter gestorben. Das wusste er ganz sicher. Auch wenn der Arzt sagte, er wĂ€re in eine Flasche gefallen, so konnte er sich doch noch ganz genau an die eigenen Augen erinnern, die ihn so kalt angesehen hatten. „Wo ist das alles passiert?“, fragte er mit einem leichten KrĂ€chzen Sara. Diese wunderte sich leicht ĂŒber die genaue Frage aber antwortete ihm wĂŒtend: „Also ich bin mir nicht sicher wo du ĂŒberall warst, aber als ich bei dir war und geschlagene zehnmal an der TĂŒr geklingelt hatte, habe ich den ReserveschlĂŒssel unter dem Blumentopf benutzt und hab dich dann vollgekotzt im Bad gefunden. Du hast deinen Spiegel zerbrochen und wĂ€rst fast an deinem eigenen Erbrochenen erstickt. Das du dich nicht schĂ€mst.“ So war das also. Der Spiegel.

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„Beurteile nie einen Menschen, wenn du seine Geschichte nicht kennst“

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DocSchneider
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Deine Geschichte wĂŒrde sich bei mehr AbsĂ€tzen noch besser lesen. Den letzten Absatz wĂŒrde ich sogar ganz streichen, weil die Auflösung des Trips in meinen Augen eigentlich nicht nötig ist. Das Vorhergende kĂ€me so besser zur Geltung.


Viele GrĂŒĂŸe von DocSchneider

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