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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Sprung ins Leere
Eingestellt am 14. 06. 2004 16:41


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glasperlenspielerin
???
Registriert: Jun 2003

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Der Sprung ins Leere

Wenn man das Leben als Folge von M√∂glichkeiten betrachtet, so denke ich, war mein Weg nicht der schlechteste. Die Kette an m√∂glichen Entscheidungen, entweder vorteilhaft oder zerst√∂rerisch f√ľr das eigene Wesen, habe ich oft zu meinen Gunsten erkennen und w√§hlen k√∂nnen. Wichtigster Kompass war und ist auf dieser Reise mit vielen Unbekannten meine innere Stimme. So kann man es zumindest in verst√§ndliche Worte fassen. Tats√§chlich ist diese vermeintliche Stimme jedoch irgendetwas zwischen Intuition und Zufall. Den ber√ľhmten ‚Äěsteinernen Weg‚ÄĚ, den das Leben angeblich darstellt, kann man in meinem Fall zutreffender als bemoosten Waldweg bezeichnen mit einer mannigfaltiger M√∂glichkeit abzubiegen und sich in jede nur denkliche Richtung zu orientieren, wobei ich durch richtiges W√§hlen meist auf dem weichen Boden blieb. Sobald der Weg sich dann doch als steinig erwies, habe ich ihn entgegen protestantischer Durchhalteethik, sofort verlassen, notfalls indem ich mich allen Widerst√§nden zum Trotz seitw√§rts durch Buschwerk gek√§mpft habe, um dann mit einer umso gr√∂√üeren Befriedigung den weichen Pfad erneut zu betreten.
Die Devise ‚ÄěAlles oder Nichts‚ÄĚ gilt also meiner Meinung nach tats√§chlich sofern man den strengen Willen und die Hilfe des Zufalls hat, um das M√∂glichste zu erreichen. Denn trotz aller Anstrengungen braucht man dennoch die Hilfe der vielbeschrieenen Macht aus hohen Sph√§ren, wie auch immer man sie bezeichnen mag. Meine Wahl fiel hier auf Zufall, in manchen F√§llen auch von mir als Schicksal bezeichnet.
Und so glaube ich auch, dass selbst in diesem Moment, in dem mir der Wind schrill um die Ohren pfeift, mein Urteilsverm√∂gen √ľber die richtige Entscheidung nicht getr√ľbt ist durch innere Qualen, die ich erleide. Denn in diesem Moment sehe ich eine Gabelung vor mir, von der die eine M√∂glichkeit in eine H√∂llenlandschaft voller Fratzen und spuckender Lava f√ľhrt, w√§hrend die andere‚Ķja, wie soll man sagen?
Der andere Weg f√ľhrt in das Nichts, in die Stille, in den sternenklaren √Ąther, der alle Gef√ľhle und die Glut des Lebens durch seine Eisensk√§lte bet√§ubt und erstarren l√§sst, in dem das Nichts zur ewigen Stille verurteilt, zu Schweigen bis in die Unendlichkeit. Und Schweigen will ich. Mit dem kalten Stuhl der ewigen Finsternis will ich meine wunde Seele befreien, aufl√∂sen und durch mein Ende auch das Ende meiner Marter erreichen - mag es auch pathetisch klingen - es entspricht den Fakten. Nicht mehr und nicht weniger. Sofern man bei Empfindungen √ľberhaupt von Faktischem sprechen kann.
Doch bevor das Schweigen mich umschließt, will ich noch einen Eintrag in das Protokoll meines Lebens machen:
Es ist das Wissen darum, dass uns das Netz aller Wege, die wir w√§hlen k√∂nnen, trotzdem zu einem bestimmten Platz f√ľhren kann. Dass das Schicksal uns betr√ľgen kann. Dass es egal ist, wohin wir gehen, denn wir werden immer in den feurigen Abgrund sehen, wenn dieser f√ľr uns bestimmt ist. Und - am Schlimmsten von Allem - dass es Dinge gibt, die uns auf dem sonnigsten Pfad und ohne das geringste Vorzeichen wie ein Blitz aus blauem Himmel heimsuchen und unser Leben in Sekunden in St√ľcke rei√üen kann.
Und dieser Schlag mit der Schicksalskeule habe auch ich zu sp√ľren bekommen. Perfiderweise gerade in einem solchen Moment als sich kein W√∂lkchen am Himmel meines Daseins zeigte. Als grausame Ironie empfinde ich es zur√ľckblickend, dass ausgerechnet zu der meinem Empfinden nach sch√∂nsten Zeit, die ich jemals hatte, pl√∂tzlich ein knochiges Pochen aus der Tiefe an mein Ohr drang. Und es wurde sehr schnell lauter und lauter.
Doch sowohl von den sonnigen Tagen als auch von der st√ľrmischen Zeit wollte ich hier Zeugnis abgeben, meinen Weg noch einmal nachgehen und mir klar machen, dass alles so kommen musste und das jetzt, mit der schwarzen Tiefe unter meinen Fu√üspitzen, das unweigerliche Finale, die Katharsis als blutiges Ausrufezeichen die einzige und letzte Konsequenz darstellt. Und als w√§re es ein Beweis der Richtigkeit meines Tuns, f√ľhle ich mich jetzt hier mit dem Regen, der mir ins Gesicht peitscht und den kalten H√§nden am Gel√§nder, zum ersten Mal seit langem wieder lebendig. Das Feuer brennt durch meine Adern bei dem Gedanken, es braucht nur einen Schritt! Und ich alleine entscheide √ľber Leben und Tod, √ľber mein ganzes Dasein, ich bin das Subjekt aller Handlungen, bin Herrin meines Schicksals.
Und so löse ich denn meine Finger langsam von dem kalten, nassen Blechbalken.
Die Finsternis l√§chelt mich an ‚Ķ und ich l√§chle zur√ľck


(C) g-ps-d 2004
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Alexander Rahm
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: May 2004

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Aha, da ist ein Mensch, der sich selbst entleiben will. Hoffentlich sind seine Berechnungen richtig. Wenn nicht, wird er mit einem derartigen Leib verbunden sein, der querschnittsgel√§hmt ist. Aber vielleicht ergeben sich gerade dadurch f√ľr ihn neue M√∂glichkeiten. So gibt es keinen Schritt, der ins Leere geht.

Eine starke Geschichte - wie √ľbrigens auch die von bookwriter ("Das Leben ist eine Br√ľcke"), die sich mit demselben Thema besch√§ftigt...

Best regards,
Alexander

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glasperlenspielerin
???
Registriert: Jun 2003

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haltlos

quote:
Urspr√ľnglich ver√∂ffentlicht von Alexander Rahm
Aha, da ist ein Mensch, der sich selbst entleiben will.


es geht mehr um einen menschen, der zerrissen ist - innerlich - dessen seele leidet - der den halt verloren hat ...

thanx
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Nina H.
???
Registriert: Jul 2002

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Das ist echt gut geschrieben. Als ewiger Tippfehlersucher werde ich nicht mal in der Hinsicht f√ľndig, kann also nicht √ľber mangelnde Qualit√§t des Textes klagen. Sollte ihn nur nicht in depressiven Stunden lesen.

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