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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Stadtmensch
Eingestellt am 30. 11. 2003 20:00


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mikhan
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jul 2002

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Der Stadtmensch

Eines sch├Ânen Tages wurde die gro├če Wiese, die sich vor unserem Dorf erstreckte, dem Erdboden gleichgemacht. Wie besessen w├Ąlzten die Bagger der Baufirma die Erde um, bis auch der letzte Grashalm unter einer schlammigen Schicht brauner Erde verschwunden war.
Ein Mann aus der Stadt hatte das Grundst├╝ck gekauft, um sich dort ein Haus zu bauen. Es dauerte nicht lange und da war das Haus auch schon einzugsfertig. Es war sehr gro├č und nicht wenige von uns wunderten sich dar├╝ber, wieso ein einzelner Mensch soviel Platz ben├Âtigte. Einige meinten, dass die Stadtmenschen eben auf sehr engen Raum leben w├╝rden und daher ein besonderes Bed├╝rfnis nach freiem Raum h├Ątten. Andere vermuteten hingegen ein d├╝steres Geheimnis, welches den Mann, den man bisher nur ein einziges Mal von weitem zu Gesicht bekommen hatte, umgab. Wie dem auch sei, dieser Mensch aus der Stadt zog also zu uns ins Dorf, in sein neues gro├čes Haus, ganz allein.

Unmittelbar vor dem Hauseingang hatte er einen kleinen Garten angelegt, der im Grunde nur aus einer Hecke, einigen B├╝schen und einem jungen Pflaumenbaum bestand. Im Gegensatz zu seinen Nachbarn vernachl├Ąssigte der Stadtmensch auf geradezu frevlerische Art und Weise seinen Garten. Der Rasen stand gut einen halben Meter hoch und war mit Disteln und Brennnesseln durchsetzt, und der Pflaumenbaum war mit Trieben ├╝bers├Ąt. Angewidert gingen die Dorfbewohner an dem Grundst├╝ck vor├╝ber, stets den Kontrast zu ihren eigenen gepflegten, mit geometrischer Genauigkeit angelegten G├Ąrten sich vor Augen haltend. Als es dann aber w├Ąrmer wurde, wurde der Stadtmensch pl├Âtzlich sehr aktiv. Hatte man ihn zuvor meist nur in seinem Wagen aus oder in die Garage fahren gesehen, unternahm er nun auch ausgedehnte Spazierg├Ąnge und m├Ąhte schlie├člich sogar seinen Rasen. Vielleicht hatte er vorher einfach keinen Rasenm├Ąher gehabt, denn nun m├Ąhte er den Rasen jede Woche und schnitt auch Hecke, B├╝sche und Pflaumenbaum zurecht.

Da der Stadtmensch jetzt auch in seinem Liegestuhl im Garten zu liegen pflegte, bekamen die Leute aus dem Dorf ihn nun h├Ąufig zu Gesicht. Wann immer n├Ąmlich jemand an seiner Hecke vorbeikam, richtete er sich in seinem Liegestuhl auf, legte dann meist ein Buch, das er gerade gelesen hatte, zur Seite, und gr├╝├čte die Vor├╝bergehenden ├╝berschw├Ąnglich. Vermutlich ging er davon aus, dass dies auf dem Dorf so ├╝blich sei. Er wusste nicht, dass die meisten der Dorfbewohner in ihm einen unerw├╝nschten Eindringling sahen. Und so kam es, dass l├Ąngst nicht jeder Gru├č auch erwidert wurde. Andere Dorfbewohner hingegen suchten das Gespr├Ąch mit dem Stadtmenschen, der sich dar├╝ber furchtbar freute. Er wusste eben auch nicht, dass sie das nur taten, um f├╝r neuen Gespr├Ąchsstoff im Dorf zu sorgen, und das befremdliche Bild vom Stadtmenschen, das in ihren K├Âpfen spukte, weiter auszumalen.

Je n├Ąher sich der Stadtmensch den Dorfbewohnern f├╝hlte, desto weiter hatte er sich im Grunde von ihnen entfernt. Selbst wenn er sein ganzes restliches Leben im Dorf verbracht h├Ątte, w├Ąre er doch immer der seltsame Mann aus der Stadt geblieben, so sehr ihm diese Rolle wohl auch innerlich widerstrebte.

Eines Morgens klingelte es bei mir an der T├╝r, und ich erschrak nicht wenig, als ich den Stadtmenschen drau├čen stehen sah. Was immer er auch wollte, sein Besuch konnte mir nur Schwierigkeiten bereiten, weshalb ich beschloss, ihn so schnell wie m├Âglich abzuwimmeln. Zwar hatte ich mich nie an den Diskussionen im Dorf beteiligt und die Gegenwart des Stadtmenschen mehr oder weniger gleichg├╝ltig hingenommen, doch ein wenig suspekt war mir das Ganze dann doch. Mit einem flauen Gef├╝hl im Magen ├Âffnete ich zaghaft die T├╝r.

Der Stadtmensch strahlte mich an und warf mir ein pr├Ąchtiges ÔÇ×Guten Morgen!ÔÇť entgegen, was ich mit monotoner Stimme erwiderte. Sein Rasenm├Ąher war defekt und er sah sich au├čerstande diesen zu reparieren, weshalb er sich von mir Hilfe erhoffte. Gerade als ich ihm sagen, dass ich davon genauso wenig verst├╝nde wie er, kam er meiner kleinen L├╝ge zuvor, indem er behauptete mich erst Gestern bei der Reparatur meines eigenen Rasenm├Ąhers beobachtet zu haben. Er redete ununterbrochen und verhinderte dadurch jegliche Gegenwehr meinerseits. Ehe ich mich versah, stand ich auch schon vor seinem Rasenm├Ąher. Verzweifelt bem├╝hte ich mich die Reparatur so schnell als m├Âglich hinter mich zubringen, mir der argw├Âhnischen Blicke der vorbeigehenden Dorfbewohner voll bewusst.

An diesem Tag hatte mein Ansehen im Dorf stark gelitten. Die ├╝berschw├Ąngliche Dankbarkeit des Stadtmensches kam mir daher wie blanker Hohn vor, den er mir obendrein auch noch mit einem, wie er mir stolz erz├Ąhlte, selbst gemachten, Kirschkuchen garnierte.

Den ganzen Sommer ├╝ber und weit bis in den Herbst hinein kam der Stadtmensch nun regelm├Ą├čig bei mir vorbei, um mich um einen Gefallen zu bitten oder mich zum Essen einzuladen. Bei diesen Treffen dr├╝ckte er stets seine Begeisterung f├╝r das gemeinschaftliche Leben auf dem Dorf und die freundliche nachbarliche Atmosph├Ąre aus. Es kam mir so vor als lebte er in einer Art Traumwelt und selbst die rauesten Reaktionen der Dorfbewohner konnten seine Utopie offenbar nicht zum Einsturz bringen.

Als dann der Winter einsetzte, kam der Stadtmensch pl├Âtzlich gar nicht mehr bei mir vorbei. Ich hatte mich so sehr an seine Besuche und sein tr├Ąumerisches Geschw├Ątz gew├Âhnt, dass mir seine lange Abwesenheit doch etwas merkw├╝rdig vorkam. So ging ich an einem verschneiten Wintertag zum ersten Mal aus freien St├╝cken zu dem Haus des Stadtmenschen, um mich nach seinem Befinden zu erkundigen. Mit einem melancholischen Gesichtsausdruck ├Âffnete der Stadtmensch mir die T├╝r, er war nicht geringsten ├╝berrascht mich zu sehen, und lud mich fast widerwillig zu einer Tasse Tee ein. Sein Verhalten befremdete mich sehr und ich brannte darauf, die Ursache f├╝r seine Verstimmung zu erfahren.

Es stellte sich heraus, dass der Stadtmensch unter seiner Einsamkeit furchtbar litt. Er offenbarte mir, dass er der Anonymit├Ąt der Stadt hatte entfliehen wollen, dass es ihm aber offenbar nicht gelungen war, sich in die Dorfgemeinschaft zu integrieren. Er gab daf├╝r sich selbst die Schuld, den Dorfbewohnern wollte er nichts ├ťbles nachreden. Einigerma├čen verbl├╝fft ├╝ber die Naivit├Ąt dieses, doch im Grunde so modernen Menschen, wusste ich nicht, wie ich ihm Trost spenden k├Ânnte. Ich riet ihm zu einem langen Spaziergang im Schnee, auf welchem er sich von seinen tr├╝bsinnigen Gedanken freimachen k├Ânne. Seine dunklen Augen leuchteten auf, f├╝r einen kurzen Augenblick kehrte seine gewohnte ├ťberschw├Ąnglichkeit zu ihm zur├╝ck und er meinte, dass er sofort aufbrechen wolle.

Ich sagte ihm noch, er solle sich nicht zu weit vom Dorf entfernen, da es hier in den Bergen oft zu betr├Ąchtlichen Temperaturst├╝rzen und pl├Âtzlichen Schneest├╝rmen kommen konnte. Au├čerdem brach im Winter die Dunkelheit meist sehr rasch ein. Er lachte nur und bedankte sich f├╝r meine, wie er fand, ├╝bertriebene, F├╝rsorglichkeit.

An diesem Abend blieb das Haus des Stadtmenschen dunkel, er war von seinem Spaziergang nie zur├╝ckgekehrt. Wenig motiviert begannen die Dorfbewohner, mich eingeschlossen, mit der Suche nach dem verschollenen StadtmenschenÔÇŽ

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Gandl

Autorenanw├Ąrter

Registriert: Jul 2003

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Hi mikhan,
pfiffig.... (doofes Wort...oder?)
Gut erz├Ąhlt, fl├╝ssig mit dem richtigen Ma├č an Geheimniskr├Ąmerei.
Dass die Stadtmenschen ne Klatsche haben (warum auch immer...)
bringst du sehr sch├Ân r├╝ber. (na, und die Dorfmenschen nicht minder...)
Nein, sehr sch├Ân erz├Ąhlt, auch der Schluss: sanft ├╝bergeleitet in das,
was der Leser schon ahnt (aber auch das erst kurz vorher).
Vielen Dank
Liebe Gr├╝├če
Gandl

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Parsifal
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo mikhan,

ich habe lange genug uppÔÇÖn D├Ârpe gelebt und wei├č ein Lied davon zu singen. Da zieht ein Fremder ein, und alle glotzen. Du schreibst nichts davon, da├č sich der Fremde ├Âfter in den Dorfkneipen zeigt ÔÇô schon verd├Ąchtig. Vielleicht kauft er seine Garderobe auch in der Stadt, weil er nicht herumlaufen will wie die Jungbauern aufÔÇÖm Dorfbums beim Sch├╝tzenfest, und wieder zerrei├čen sich alle das Maul, vor allem die Gesch├Ąftsleute, die es ihren eingeborenen Kunden weitergeben. Und wenn er gar sein Konto weiterhin in der Stadt hat, ist das in h├Âchstem Ma├č verd├Ąchtig.

Was h├Ątte man daraus f├╝r eine Geschichte machen k├Ânnen: das Tuscheln und Hinter-dem-R├╝cken-reden, wie es D├Ârflerweise ist; die Unfreundlichkeiten, heimliche und offene AnfeindungenÔÇŽ Davon h├Ątte ich gern mehr erfahren. Nicht ein einziger Dialog, alles nur Vermutungen oder Behauptungen. Du hast ein gutes Thema verschenkt. ÔÇô Wenn Du Anregungen suchst, empfehle ich Dir Andreas V├Âst von Ludwig Thoma.

LG
Parsifal

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mikhan
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jul 2002

Werke: 21
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Hallo Parsival,
vielen Dank f├╝r die Kritik.
Allerdings ist Dorf nicht gleich Dorf, in dem Dorf, in welchem ich mehrere Jahre gelebt habe, gab es zum Beispiel ├╝berhaupt keine Kneipe oder etwas Vergleichbares. Ich wei├č aber nat├╝rlich, was du meinst, und klar, man kann auch mehr daraus machen. Werde mir daher den von dir empfohlenen Text bei Gelegenheit zu Gem├╝te f├╝hren.

Gru├č Mikhan

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