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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Stein
Eingestellt am 21. 09. 2011 08:53


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smallasZero
Hobbydichter
Registriert: Sep 2011

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„Verdammt, gibt endlich auf, es hat keinen Sinn mehr!“
Ich wehre mich nur noch, werde hochgehoben, greife nach seinen Armen, und er schleudert mich weg.
Aufprall, Staub in meinem Mund. Brennen in meinen Augen.
„Du hast nichts davon, wenn ich dich noch mehr besiege! Gib auf!“
Seine Stimme kommt durch einen Schleier, der sich ballte und sofort wieder verfliegt. Meine Sicht wird klar und ich rappele mich hoch. Ein stechender Schmerz zieht durch meine Seite, der ganze Körper ist mit Prellungen und Schürfwunden bedeckt, und meine Glieder brennen höllisch.
Er sieht zu mir herab, seine Miene eine Mischung aus Mitleid und Verärgerung. Befriedigt fällt mein Blick auf die Platzwunde über seiner rechten Braue. Musste wohl genäht werde. Ich stehe auf, und falle fast sofort wieder.
Stolpere ein paar Schritte auf ihn zu.
Bin doch ziemlich fertig. Aber stehe noch aufrecht, darauf kommt es ja an.
Er sieht dagegen noch ziemlich fit aus. Bis auf die Platzwunde und ein paar Kratzer habe ich doch das Meiste eingesteckt.
Nur nicht aufgeben, darf keine Schwäche zeigen.
Taumele weiter. Er fängt mich so einfach wie ein junges Kätzchen, und schleudert mich wieder zurück.
Er ist grösser als ich, kräftiger, doch ich glaube dass ich den Willen habe ihn zu besiegen
Wenn ich nur wieder aufstehen könnte.
Ich schaffe es. Blut tropft von meiner Nase. Bin wohl drauf gefallen. Ist alles ganz taub.
Noch zweimal stehe ich auf und er wirft mich in den Staub.
Auf seinem Gesicht ist jetzt nur noch Ärger.
„Du verdammter Narr, willst du, das ich dich umbringe?!“
Ich stöhne, sehe zu ihm auf, bleibe liegen, kurz ausruhen.
„Was glaubst du warum wir diesen Kampf ohne Waffen führen? Nur weil ich keine führen kann? Du wärest schon längst tot, mein Freund!“
Er schnaubt. Ich versuche wieder mich zu erheben.
„Verdammt bleib endlich liegen, ich will dir nicht noch mehr weh tun. Das ist der zweite Grund, warum wir hier sind, du Verblendeter! Wie viel Schmach kannst du wirklich ertragen. Am liebsten hättest du dich doch vor Publikum mit mir geschlagen. Dir hätte klar sein müssen, das du unterliegst.“
Sein Blick wanderte über die Weite der Sandgrube. Nichts ist hier außer Staub und steilen Hängen. Keine Zuschauer, keine Zeugen.
Er will mich nicht umbringen, das, weiß er, werde ich schon selber tun.
Ich stehe wieder auf, falle auf ihn zu, sehe ihn gar nicht mehr richtig.
Seine rechte Hand schlingt sich um meine Taille, hält mich fest, kaum noch Gegenwehr meinerseits. Seine Linke greift in meine Haare, reißt daran, dass ich sofort wach werde. Der Schmerz ist klar und eindeutig, er hat meine ganze Aufmerksamkeit.
„Ich habe keine Lust dich Krankenhausreif zu schlagen. Dann müsste ich dich nämlich dort abliefern, weil du hier sonst elendig verreckst!“ schnaubt er.
Er zieht mich weiter, such mit seinen Augen das Gelände ab, scheint gefunden, was er sucht, und behält die Richtung bei und schleift mich mit sich.
Ich kann mich nicht aus seinem Griff befreien, zapple nur schwach.
„OK, da wären wir, willst du auch noch den dritten Grund hören?“
Er lässt mich in den Dreck fallen. Ich schützte mein Gesicht.
„Verdammt sieh endlich hin!“
Er tritt mich in die Seite und ich öffnete die Augen.
Vor mir liegt ein Stein, etwa doppelt faustgroß, rundgeschliffen von der Zeit.
„Was soll das, was willst du mit dem Stein?“, krächzte ich.
Er lachte etwas seltsam. „Ich erzähl es dir, aber nur wenn wir uns aufhören zu schlagen.“
Ich grummle etwas unverständliches, kann mich aber nicht mehr rühren.
„Ich kann dich nicht verstehen, ich will ein klares ‚Ja‘ oder ‚Nein‘, diese Worte werde ich nicht verschwenden...“
Missmutig murmle ich ein ‚Ja‘, verloren hatte ich unzweifelhaft schon zu Beginn.
„Was glaubst du wie alt dieser Stein ist?“ fragt er, ohne eigentlich eine Antwort erwartet zu haben.
„Das Wasser braucht tausende von Jahren, bis es ihn so rund geschliffen hat. Und irgendwie ist er hier im Sand gelandet, vielleicht hat ihn jemand hierhergebracht, oder er wurde durch irgendeinen seltsamen Umstand mit dem Sand abgelagert. Sonst sehe ich hier keinen wie ihn, oder?“
Sein Geschwätz nervt, meine Sicht wird besser. Vielleicht sollte ich es noch mal versuchen, ihn überraschen?
„Wahrscheinlich hat ein Mensch ihn hierhergebracht, einer wie wir beiden. Vielleicht hat der eine den anderen damit erschlagen, und seitdem liegt er hier und wartet. Auf Uns?“
„Warum erzählst du mir das, was soll ich begreifen?“ frage ich ihn.
Mein Mund ist so trocken, das die Worte nur schleppend über die Lippen kommen.
„Lassen wir doch einmal den Grund unseres Hierseins außer Acht. All das Leid kanalisiert sich ab jetzt direkt auf dich zurück, da kann dir niemand helfen. Dieser Kampf, dein Kampf war alleine schon um die Sache aussichtslos. Du hast dich in eine Idee verrannt, die nicht funktioniert. Aber ich will, das du begreifst, das es so ist, das sich nichts ändern wird, und das es noch viel schlimmer kommen könnte, wenn du dich nicht zusammen reißt!“
Er seufzte „Dieser Stein hat für mich eine besondere Bedeutung. Vor Jahren war ich genau wie du, eigensinnig, engstirnig und glaubt mich unbesiegbar. Und irgendwann lag ich vor diesem Stein.“ Er machte eine Pause, scharrt mit dem Fuß.
„Ich hob ihn auf, und erschlug den anderen fast damit. Er hat zwei Jahre gebraucht, bis er wieder laufen lernte.“ Er schwieg.
Ich wartete, sah auf den Brocken vor mir. Er schien zu schrumpfen, in meine Hand zu passen. Ein schneller Griff, und...
Er beobachtet mich, scheint meine Blicke zu lesen.
„Genau das habe ich auch gedacht. Ich wünsche mir nichts so sehr, als das ich ihn damals liegen gelassen hätte. Alles, was ich erhoffte wurde damit endgültig zerstört. Die die ich begehrte wandte sich in Entsetzen von mir ab.“
Ich blinzle den Stein an. Alles fällt von mir ab. Ich sehe ein Frauengesicht, das weint, wegen mir, weiter weg als je zuvor, alle Türen zuschlagend und verschließend.
Ich schweige. Er schluckt, sieht weg.
„Ich werde jetzt nicht mehr kämpfen. Wenn du willst kannst du ihn aufheben und gegen mich verwenden. Mit dem ersten Schlag fällt alle Schuld von mir ab und geht auf dich über.“
Ich knie mich, Blicke auf den Brocken, betaste das kühle Gestein, sehe erschrocken zu ihm hinüber. Doch er sitzt nur da, den Kopf gesenkt, die Augen geschlossen. Das Gefühl der Befriedigung...
„Viel mehr, als das ich meine Tat ungeschehen machen möchte, wünsche ich mir allerdings, dass du den Stein nicht aufhebst.“
Ich stutze und begreife endlich.
„Dann sind wir beide ohne Schuld, ich, weil ich dir nichts tue, und du, weil du mich abbringen konntest dieselbe Tat erneut zu tun.“
Er nickt, freut sich ein bisschen.
„Für uns beide ein Neubeginn, ja, so wie es Menschen tun sollten.“
Ich denke nach und plötzlich verfliegen die Schleier vor meinen Augen. Ich blicke unter mich, sehe alles sehr klar und richte mich langsam auf. Er steht ebenfalls auf, reicht mir die Hand.
Ich ergreife sie, zögernd, und er stellt mich auf meine Beine.
„Gut,“ sage ich spöttisch, „für dieses Mal will ich es hierbei bewenden lassen.“
Ein Grinsen läuft über sein breites Gesicht.
„Dann gibst du auf?“
Ich nicke, sehe ihn an, bis er den Blick senkt.
„Danke.“ sagte ich nur, drehe mich langsam um und stolpere den Weg zur Straße zurück. Er kommt mir nach, stützt mich, dass ich nicht falle. Ich lasse ihn gewähren.
„Wenn es dir nicht zu unangenehm ist, fahre ich dich nach Hause. Du siehst im Moment etwas unpässlich aus.“
Ich muss unwillkürlich lächeln. „Nach allem was du angerichtet hast ist das wohl das Mindeste.“

Ein Fremder, der diese Begegnung aus der Ferne beobachtet haben mag, wird uns für verrückt halten. Aber manchmal verbindet Menschen gerade das, was sie trennt. Dem Stein mag das egal sein. Er hatte nicht viel damit zu tun.
Nicht dieses Mal. Seine Stellung bleibt unangefochten in der Sandgrube. Es war vor Jahren nicht das erste Blut das an ihm klebte, und wird nicht das letzte sein.
Er ist nicht stolz darauf, so wenig wie er sonst Gefühle hat.
Es sind die Menschen, die ihn zu dem machen was er ist.
Menschen, die nicht sind wie diese beiden.

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