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Leselupe.de > Krimis und Thriller
Der Stellvertreter
Eingestellt am 12. 05. 2001 14:23


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Suhei
Hobbydichter
Registriert: May 2001

Werke: 3
Kommentare: 2
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Es war die ├╝bliche Verabschiedungs-Stehparty. Die ganze Redaktion hatte sich im gro├čen Konferenzraum versammelt, den Prosecco in der einen, das Fingerfood in der anderen Hand. Verlagsleiter Cohn beendete gerade seine schwungvolle Lobeshymne auf den scheidenden Chefredakteur als Stefan Mahn, der Stellvertreter, etwas abgehetzt den Raum betrat.
"Tschuldigung, der Titel musste noch raus."
"Aber ich bitte Sie", sagte Cohn, "Ihr unerm├╝dlicher Einsatz und Ihr Engagement haben Ihren jeweiligen Chefredakteuren ja erst den n├Âtigen Freiraum verschafft. Und ich bin zuversichtlich, dass Sie auch den Nachfolger von Andreas Leichtenfeld mit der gleichen Effizienz unterst├╝tzen werden."
Nachfolger? Stefan Mahn wurde noch eine Nuance blasser als sonst. Er musste sich an dem Stehtisch festhalten, um nicht umzukippen. Die Reden waren beendet, das Stimmengewirr schwoll an. Den Nachfolger unterst├╝tzen. Cohn hatte ihm fest versprochen, dass er auf den Posten des Chefredakteurs nachr├╝cken w├╝rde. Leichtenfeld kam auf ihn zu und bedankte sich noch einmal artig und formvollendet f├╝r die gute Zusammenarbeit. Mahn h├Ârte kaum, was er sagte. Warum erfuhr er erst jetzt von diesem Nachfolger? Und noch dazu auf diese dem├╝tigende Art und Weise? Pl├Âtzlich stand Cohn neben ihm. An seiner Seite Gero Wilder, der Macher des erfolgreichen Konkurrenzblattes.
"Herr Wilder, darf ich Ihnen Stefan Mahn, Ihren zuk├╝nftigen Stellvertreter vorstellen. Herr Mahn, Gero Wilder wird ab sofort die Position von Herrn Leichtenfeld ├╝bernehmen. Ich bin sicher, dass Sie beide hervorragend zusammenarbeiten werden."

"Und das willst Du Dir gefallen lassen?", Annabelle knallte die K├╝hlschrankt├╝r zu und ging ohne ihn eines weiteren Blicks zu w├╝rdigen hinauf ins Schlafzimmer. Resigniert schenkte Mahn sich noch einen Whisky ein. Als er Annabelle kennen lernte, war sie die Freundin seines ├Ąlteren Bruders Alexander. Die beiden schienen wie f├╝reinander geschaffen: sch├Ân, intelligent, lebens- und abenteuerlustig. Doch eines Tages kostete Alexander die Abenteuerlust das Leben. Beim Versuch einer Einhand-Weltumsegelung kenterte sein Boot und er ertrank irgendwo vor dem Kap der Guten Hoffnung. Stefan Mahn ├╝bernahm die Rolle des ritterlichen Trostspenders, und nach zwei Jahren hatte Annabelle sich so seine f├╝rsorgliche und z├Ąrtliche Anwesenheit gew├Âhnt, dass sie einwilligte, seine Frau zu werden. Damals hatte er gerade bei dem Blatt angefangen und man sagte ihm eine gl├Ąnzende Karriere voraus. Ein Jahr sp├Ąter war er bereits stellvertretender Chefredakteur. Doch das war jetzt mehr als f├╝nf Jahre her. Mahn l├Âschte das Licht und ging die Treppe hinauf. Er ├Âffnete die Schlafzimmert├╝r ganz leise. Annabelle stellte sich schlafend. Das Mondlicht schien direkt auf ihr Kopfkissen, und er sah ihre Augenlider zucken. Als er sich neben sie legte und versuchte, sie zu ber├╝hren, r├╝ckte sie von ihm weg. Mahn drehte sich auf den R├╝cken und versuchte, sich zu konzentrieren. Als er um sechs Uhr aufstand hatte er zwar keine Sekunde geschlafen, aber er f├╝hlte sich ungew├Âhnlich frisch, denn sein Plan stand fest.

Zwei Monate sp├Ąter hatte Wilder l├Ąngst sein B├╝ro bezogen und mit der klassischen "Neue Besen kehren gut"-Mentalitit├Ąt die H├Ąlfte der Redaktion in Angst und Schrecken versetzt. Die andere H├Ąlfte lebte eher nach dem Motto "Ich habe schon sieben Chefredakteure ├╝berlebt - den hier schaffe ich auch noch." Langsam kehrte wieder Routine ein. Mahn hatte seinen Job mit gewohnter Perfektion erledigt und dabei die Zeit genutzt, um Wilders Lebensgewohnheiten zu studieren. Der Mann war erschreckend langweilig. War er nicht gerade auf einer Dienstreise, rollte seine Limousine jeden Morgen um Punkt neun Uhr in die Tiefgarage. Sein Mittagessen nahm er grunds├Ątzlich beim gleichen Italiener ein. Der Donnerstagabend geh├Ârte seiner Frau ÔÇô Theaterbesuch mit anschlie├čendem Essen beim Franzosen. Der Montag war f├╝r die Geliebte, eine junge Journalistin mit Ambitionen, reserviert. An den ├╝brigen Abenden drehte er nach vollbrachtem Tagewerk noch ein paar Runden im firmeneigenen Schwimmbad, Saunagang inklusive. Da die meisten Mitarbeiter lieber auf ihren Sport verzichteten, als ihrem Chef in Badehose gegen├╝berzutreten, hatte er das Bad f├╝r sich allein.
Heute war Dienstag. Um viertel vor sieben schaltete Mahn den Rechner aus, packte seine Sachen zusammen, verabschiedete sich von Wilder und rief der Sekret├Ąrin zu:
"Ich gehe jetzt zu dem Empfang im Grand Hotel. Wenn etwas ist, bin ich ├╝bers Handy zu erreichen."
Um sieben betrat Mahn den Blauen Salon des Grand Hotels, in dem 400 G├Ąste den 75. Geburtstag des Filmproduzenten Dieter Trollenkamp feierten. Er begr├╝├čte ein paar Kollegen, gratulierte Trollenkamp pers├Ânlich und verschwand um zwanzig Uhr unbemerkt durch einen Seiteneingang. Zu Fu├č ging er zur├╝ck zum Verlag, nahm den Eingang durch die Tiefgarage und erreichte um halb neun das Schwimmbad. Wie erwartet war Wilder da. Er sa├č auf der Saunabank, die Augen in kindlichem Erstaunen aufgerissen. Das Handtuch um seine H├╝fte war verrutscht, seine Stirn durch ein h├Ąssliches Loch verunstaltet. Wider besseres Wissen hob Mahn die Waffe, die neben Wilder auf der Bank lag, auf. W├Ąhrend er noch fieberhaft ├╝berlegte er, was er tun sollte, n├Ąherten sich Schritte. Als er sich umdrehte, stand er Cohn direkt gegen├╝ber. Der Anblick erschreckte ihn mehr als Wilders Leiche: F├╝r den Bruchteil einer Sekunde flackerten unverhohlener Triumph und Schadenfreude in Cohns Augen auf. Doch er hatte sich schnell wieder unter Kontrolle:
"Mahn, lassen Sie die Waffe fallen! Machen Sie es nicht noch schlimmer."
Zwanzig Minuten sp├Ąter erschienen zwei Beamte von der Mordkommission, lasen Mahn seine Rechte vor, legten ihm Handschellen an und f├╝hrten ihn ab.

Drei Monate sp├Ąter erging das Urteil gegen Mahn: lebensl├Ąnglich wegen vors├Ątzlichen Mordes an Gero Wilder. Nach der ├ťberf├╝hrung vom Untersuchungsgef├Ąngnis in die Vollzugsanstalt, ├╝berreichte ihm der diensthabende Beamte einen Brief von Cohn:
"Lieber Mahn, f├╝r mich bleiben Sie der beste Stellvertreter, den ich je hatte."

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flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

Werke: 278
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puh!

nach der lekt├╝re mu├č ich mich erstmal sch├╝tteln. das haste sauber hinbekommen, ganz gro├čes lob. aber mir fehlt der satz, der mir sagt, mit welchen absichten der akteur in die sauna gegangen ist. aber auch ohnedies - ganz gro├če klasse! lg
__________________
Old Icke

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Suhei
Hobbydichter
Registriert: May 2001

Werke: 3
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Hallo flammarion,
so ein dickes Lob geht ja runter wie ├ľl!!! Und danke f├╝r den Hinwei auf den fehlenden Saunasatz

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Bonnie
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Jan 2001

Werke: 5
Kommentare: 17
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Hi
Ich antworte auf diesem Weg,weil ich ├╝ber die andere Adresse nicht weiterkomme.
Der Ich-Erz├Ąhler ist in der Tat ein schon eingef├╝hrter,nicht aber Haudrauf-Detektiv,sondern eher eine
Detektivin.
Warum sie sofort losrennt,und Jutta mitkommen will.Sie kannten Leo beide.
Dann noch kurz,ich habe die Story nebenbei in knapp eine
halben Stunde in den PC geklappert,und mich dann nicht weiter damit besch├Ąftigt,weil mir einfach die Zeit gefehlt
hat.
Gr├╝sse
Bonnie
__________________
MB

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Zefira
???
Registriert: Jan 2001

Werke: 14
Kommentare: 1113
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Hallo suhei, hallo flamarion,

ich finde nicht, da├č der Saunasatz fehlt. Es ist doch klar, da├č Mahn sich Wilder irgendwie vom Hals schaffen will, wozu besorgt er sich sonst das Geburtstagsfeier-Alibi? Das Problem ist, scheint mir, da├č der Leser an der Stelle den Eindruck hat, als h├Ątte Mahn erwartet, Wilder erschossen vorzufinden.
Ich w├╝rde deshalb vorschlagen, zwischen den S├Ątzen "Wie erwartet war Wilder da" und "Er sa├č auf der Saunabank..." einen gr├Â├čeren Absatz einzuschalten. Das erh├Âht die Dramatik, und es ist gleich klar, da├č Mahn selbst auch erschrocken ist.
Sonst ein klasse Krimi, hat mir gefallen. Genial der Satz: "Da die meisten Mitarbeiter lieber auf ihren Sport verzichteten, als ihrem Chef in Badehose gegen├╝berzutreten, hatte er das Bad f├╝r sich allein."

Alles Liebe,
Zefira

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