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Leselupe.de > Fantasy und MĂ€rchen
Der Strauch der Erinnerung
Eingestellt am 25. 05. 2009 14:17


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OhrenschĂŒtzer
???
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Dieser Text ist (in seiner ersten Form) auch als Podcast zu hören auf:
http://ohrenschuetzer.podspot.de
Bzw. hier im Direkt-Link:
http://ohrenschuetzer.podspot.de/post/der-strauch-der-erinnerung/


Der Strauch der Erinnerung

Am Rande eines großen, dunklen Waldes lebte einmal ein Zwerg. Er arbeitete viel auf dem Feld und liebte die Natur. Nur den Menschen gegenĂŒber war er etwas mĂŒrrisch und verschlossen, obwohl nicht viele Wanderer an seiner einsamen HĂŒtte vorbei kamen.

Eines spĂ€ten Abends klopfte es an die TĂŒr und er schreckte von seinem Lehnstuhl hoch, auf dem er eingedĂ€mmert war. Er stand auf und öffnete. Ein wettergegerbter Mann mit einer groben, braunen Kutte und einem großen Rucksack bat um ein Nachtlager.

Was er ihm dafĂŒr bieten könne, fragte der Zwerg misstrauisch.

„Ich habe kein Geld“, sagte der Wanderer, „aber dafĂŒr eine richtige Antwort auf jede Frage der Welt."

„Davon kann ich mir nichts kaufen“, grummelte der Zwerg. „Aber ich kann dich wohl kaum in der KĂ€lte schlafen lassen. Ich will sehen, ob ich noch etwas Suppe ĂŒbrig habe.“

„Das ist sehr freundlich von dir“, sagte der Wanderer und trat ein. „Hast du denn keine Frage, die dich quĂ€lt? Mir ist nichts zu schwierig!“

„Du nimmst den Mund ganz schön voll!“ Der Zwerg kratzte sich den Bart, wĂ€hrend der Wanderer die GemĂŒsesuppe schlĂŒrfte. „Ich habe schon seit langem eine Frage, aber die wirst auch du mir nicht beantworten können. Vor langer Zeit habe ich etwas ganz Wichtiges vergessen. Etwas, das meinem Leben erst richtig Sinn gegeben hat. Aber so sehr ich mich bemĂŒhe, es will mir beim besten Willen nicht mehr einfallen. Was das wohl gewesen sein mag?“

Der Wanderer zog die Stirne kraus. „Das ist in der Tat eine schwierige Frage. Lass mich eine Nacht darĂŒber schlafen. Dann werde ich versuchen, dir eine Antwort zu geben. Ich will morgen frĂŒh aufstehen, damit ich den Wald in einem Tag durchqueren kann.“

Am nĂ€chsten Morgen weckte der Zwerg den Wanderer schon sehr frĂŒh und begehrte die Antwort auf seine Frage. Sein Gast gĂ€hnte verschlafen und sagte: „Ich habe darĂŒber nachgedacht und Gott gebeten, dass er die Antwort in dieses Samenkorn legt. Setz es ein und hege es gut. Übers Jahr wird ein Strauch daraus, und wenn er dann Frucht trĂ€gt, wirst du die Antwort wissen. Dann komme ich zurĂŒck und nehme mir ein Samenkorn des Strauchs wieder mit.“

Der Zwerg dachte zuerst, der Wanderer mache sich einen Spaß mit ihm. Doch als er sah, wie das Samenkorn in seiner Hand in allen Farben schillerte und glĂ€nzte, wusste er, dass es ein besonderer Strauch war. Er versprach dem Wanderer, das Samenkorn am besten PlĂ€tzchen in seinem Garten zu sĂ€en und es tĂ€glich zu gießen, damit es gute Frucht trage.

„Sehr gut!“, lobte der Wanderer, „Wenn es FrĂŒhjahr wird, besuche ich dich wieder, und du wirst die Antwort wissen. Darauf gebe ich dir mein Wort.“

„Und du wirst als Dank ein Samenkorn des Strauchs bekommen. Darauf gebe ich dir meins!“, erwiderte der Zwerg, und sie reichten sich die HĂ€nde.

Der Zwerg tat wie versprochen und grub den schillernden Samen in der schönsten Ecke des Gartens ein. Jeden Abend, wenn er von der Arbeit am Feld zurĂŒckkam, goss er fĂŒrsorglich die Erde in der Hoffnung, bald einen ersten Trieb zu Gesicht zu bekommen. Doch ĂŒber zwei Monate vergingen und nichts war zu sehen. Da streichelte der Zwerg den Boden, in dem das Samenkorn lag und sprach: „O besondere Pflanze! Magst du denn nicht wachsen? Es wird schon bald Sommer!“

Und plötzlich erinnerte er sich an ein altes Zwergenlied, das man fĂŒr Kinder sang, die wachsen sollten, und summte es dem Samenkorn vor.

Siehe da, am nĂ€chsten Tag drang ein winziges grĂŒnes BlĂ€ttchen an die OberflĂ€che. Der Zwerg freute sich sehr und beschloss, dem kleinen Strauch jeden Tag ein Lied vorzusingen, auf dass er gut wachse.

Und jeden Abend fiel ihm ein neues Lied ein, das er schon lange nicht mehr gehört oder selbst gesungen hatte. Mal war es eine traurige Melodie, mal eine lustige. Doch immer war der Zwerg glĂŒcklich, es singen zu können. Mit jedem Lied wuchs der Strauch ein StĂŒckchen mehr. Mal etwas gewunden, mal stracks geradeaus. Doch immer mit vollen, krĂ€ftigen BlĂ€ttern in Herzform. Die fand der Zwerg besonders hĂŒbsch, denn solche BlĂ€tter hatte er noch nie zuvor gesehen.

So zogen die Monate ins Land, bis es Herbst und der Strauch mannshoch wurde. Der Zwerg fuhr die Ernte ein und untersuchte den Strauch am Abend genau, ob er nicht schon Frucht trage. Aber nichts war zu finden. Da seufzte der Zwerg und sagte sich, dass es wohl daran liege, dass er erst so spĂ€t im FrĂŒhjahr gewachsen sei und noch Zeit brauche. So sang er weiter jeden Abend seine Lieder, oft bis tief in die Nacht.

Schließlich fiel der erste Schnee und es wurde bitterkalt. Der Strauch jedoch blieb weiter grĂŒn und trug noch keine Frucht. Der Zwerg zĂŒndete ein Lagerfeuer an, um den Strauch warm zu halten. Er selber fror im Bett, weil er das Feuer im Ofen wĂ€hrend des Singens hatte ausgehen lassen. Nach ein paar Wochen wurde er jedoch sehr krank und war zu schwach, um vor die TĂŒr zu gehen.

Als er endlich gesund wurde, war der Schnee schon fast wieder geschmolzen. Er eilte aus dem Haus, um zu sehen, wie es seinem geliebten Strauch ging. Doch o Schreck: Schnee und Frost hatten die Zweige geknickt und verdorren lassen. Die wunderschönen herzförmigen BlĂ€tter hatten Rehe gefressen. Nur noch ein trockener, kĂŒmmerlicher Rest stak tot in der Erde.

Da weinte der Zwerg bitterlich und sang mit lauter Stimme ein uraltes zwergisches Totenlied. Drei volle Stunden lang erklang seine tiefe Stimme bis weit in den Wald hinein, wĂ€hrend ihm dicke TrĂ€nen ĂŒber die Backen liefen. Als er geendet hatte, fiel ihm ein, wann er das Lied das letzte Mal gesungen hatte, und noch viel mehr. Das war es gewesen, woran er sich vor Schmerz so lange nicht mehr hatte erinnern können:

Er war ein berĂŒhmter SĂ€nger im Zwergenland gewesen und hatte das schönste ZwergenmĂ€dchen der Stadt geheiratet. Sie hatten sich sehr geliebt, doch sie starb ein Jahr spĂ€ter mit ihrem Erstgeborenen im Kindsbett. An ihrem Grab sang er das Totenlied und schwor sich, nie wieder vor anderen Leuten zu singen. Er verließ die Stadt, ging in den Wald und wollte dort sterben. Nachdem er sich ins Moos gelegt hatte, schlief er ein und wachte erst nach Tagen auf, als ihm Regen das Gesicht benetzte. Er setzte sich verwundert auf und wusste nicht, wer er war und wie er dorthin gekommen war. Am anderen Ende des Waldes baute er sich ein Haus und war darob zufrieden.

Als ihm das alles wieder eingefallen war, wurde der Zwerg ganz still. Er wusch sich sein Gesicht und suchte im Wald einen schönen, glatten Stein. Den schleppte er in den Garten, wo der tote Strauch lag und meißelte den Namen seiner Frau hinein. Als er die trockenen Zweige zum Kompost werfen wollte, fiel ihm auf, dass sich auf einem eine einzelne kleine Knospe befand, und in ihr ein schillerndes Samenkorn.

Es dauerte nicht lang und der Wanderer kehrte zurĂŒck. Der Zwerg begrĂŒĂŸte ihn traurig. „Hier hast du dein Samenkorn. Es ist das einzige, das mir vom Strauch geblieben ist.“ Und er erzĂ€hlte dem Wanderer, was passiert war.

„Alles, was ich geliebt habe, habe ich verloren. Nichts, was mir wichtig war, ist noch bei mir. HĂ€tte ich dich doch nie gefragt, was ich vergessen hatte!“, schluchzte der Zwerg und vergrub das Gesicht in seinen HĂ€nden.

„Du hast dein Wort gehalten, dafĂŒr danke ich dir. Aber hast du nicht gesehen“, fragte der Wanderer, „dass dein Apfelbaum heuer andere BlĂ€tter trĂ€gt als sonst? Und die Radieschen treiben diesmal auch anders aus.“

Der Zwerg sah sich verwundert um. In der Tat, an allen Pflanzen um ihn herum sah man hie und da herzförmige BlĂ€tter sprießen.

„Siehst du“, sprach der Wanderer, „es bleibt immer etwas von der Liebe. Sie ĂŒbertrĂ€gt sich auf alles herum. Wenn man dich genau ansieht, könnte man meinen, dass auch dein Bart herzförmig wĂ€chst. Doch jetzt, mein Guter, sing mir doch etwas Schönes vor, so wie du es mit dem Strauch gemacht hast.“
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OhrenschĂŒtzer
???
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Herzlichen Dank fĂŒr die freundlichen Kommentare, Ralf, Heidrun und Suzah!

Ein paar freie Bemerkungen dazu: Ich wollte ein MĂ€rchen schreiben, das ohne großen moralischen Zeigefinger auskommt - oder einen Bösen, der bestraft wird. Nichtsdestominder wollte ich große Emotionen hineinpacken, und das scheint (zumindest bei Euch als Leserschaft), gelungen, was mich sehr freut. Dass das Ende - entgegen dem klassichen MĂ€rchenstil - einiges offen lĂ€sst, finde ich passend und dem Trauerthema geschuldet. Wenn der gute Rafik Schami wĂŒsste, dass er mich mit zwei seiner weniger guten MĂ€rchen zu diesem Text inspiriert hat...

Liebe GrĂŒĂŸe,
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OhrenschĂŒtzer
???
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Vielen Dank, Mara und flammarion, fĂŒr die freundliche RĂŒckmeldung!

Vielen Dank auch fĂŒr die Bewertungen, die mich auf die Startseite des Forums katapultiert haben.

Ein richtiges MĂ€rchen muss eigentlich vorgelesen werden, daher habe ich das auf meiner Podcastseite auch gemacht:

http://ohrenschuetzer.podspot.de

Schöne GrĂŒĂŸe,
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OhrenschĂŒtzer
???
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Vielen Dank fĂŒr den freundlichen Kommentar, Ryousuke. Deinen Einwand hast du ja schon selbst beantwortet - im ĂŒbrigen ist diese Struktur gut geeignet, um schon frĂŒh darzustellen, dass der Zwerg in Wirklichkeit ein gutes Herz hat.

Schöne GrĂŒĂŸe,
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Mumpf Lunse
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hallo ohrenschĂŒtzer,
ich verirr mich sonst nie in die "MĂ€rchen" ...
um so mehr freu ich mich, gleich auf einen so gut geschriebenen und sĂŒffig zu lesenden text gestossen zu sein.

"Der Zwerg freute sich sehr und beschloss, dem kleinen Strauch jeden Tag ein Lied vorzusingen, auf dass es (ER ?)gut wachse."

da hattest du wohl noch das samenkorn im hirn.

viele grĂŒsse

mumpf


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OhrenschĂŒtzer
???
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Vielen Dank fĂŒr das detailliert ausgefĂŒhrte Lob, F. Alexander.

Zum Einwand mit dem Wanderer möchte ich noch erwĂ€hnen, dass es da grob zwei MĂ€rchen-Archetypen gibt: Den mystischen mit der Kutte und den ZauberkrĂ€ften und den fröhlichen Wandersmann mit einer kleinen Besonderheit. Hier wollte ich auf den zweiten zurĂŒckgreifen - vor allem auch aus dem Grund, dass der Leser nicht zu Beginn einen Konflikt zwischen den beiden Haupt-Figuren erwartet.

Übrigens habe ich mittlerweile mit UnterstĂŒtzung der hiesigen MĂ€rchenhexe ein paar Stellen mit Wortwiederholungen noch leicht geglĂ€ttet (Danke nochmals, Gaby).

Schöne GrĂŒĂŸe,
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