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Leselupe.de > Humor und Satire
Der Stubenwagen
Eingestellt am 16. 12. 2005 19:38


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Marius Speermann
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Registriert: Jul 2005

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Wir saßen niedergeschmettert da. Christoph hatte es uns gestanden. Als erster unserer Rasselbande, einer Ansammlung von glorreichen sechs Haudegen aus lĂ€ngst verblichenen Gymnasialzeiten, sollte er unter die Haube kommen. Wir brachen in Schweigen aus und versanken in Nachdenklichkeit. Wir konnten nicht mal mehr unsere BierglĂ€ser stemmen.

Sein armseliges und verlottertes Junggesellenleben fand endlich ein Ende. Er wĂŒrde nun beweibt sein GlĂŒck finden können, wĂ€hrend wir weiterhin sinnlos vor uns hinsaufen wĂŒrden. Die TrĂŒbsal blies wie ein Wirbelwind durch unsere Köpfe. Das entstehende hohle Summen klang bedrĂŒckend.

Aber GrĂŒbeln machte keinen Sinn, es wurde nun anderes von uns verlangt. Ein Geschenk mußte her. Eines, das reprĂ€sentativ fĂŒr den erlesenen Geschmack, das außerordentliche Niveau und den immensen Intellekt der Schenkenden stand. Kaum hatten wir Christoph aus der Bierstube bugsiert und nach Hause verabschiedet, begannen wir das heitere GehirnstĂŒrmen und warfen die Ideenbrocken genĂŒĂŸlich in die Runde.

...
„Playboy-Abo“ – „Hat er schon!“
„Heckspoiler fĂŒr seinen Golf“ – „Zu Prolo fĂŒr seine Angetraute“
„Meerschaumpfeife“ – „Selber!“
...

Mit grĂ¶ĂŸter Ernsthaftigkeit bemĂŒhten wir uns, allein, es wollte uns nichts Passendes einfallen. Es fiel uns nur auf, daß die geleerten Biermengen ihren Tribut forderten und wir fielen in geschlossener Formation ĂŒber die Herrentoilette her. Nach erfolgreichem Abschluß des GeschĂ€fts streute jemand den Satz „Sollen wir uns wieder in die Bierstube wagen?“ in das Gurgeln der AbflĂŒĂŸe ein.

Die Zeit blieb stehen, der Raum faltete sich, vor Schreck klemmte ich mir was Delikates im Hosenschlitz ein. Ich krĂ€chzte hochstimmig „Stube – wagen?“. „Stube wagen!“ echoete es aus den MĂŒndern meiner Freunde zurĂŒck. Das gleißende Licht der Erkenntnis brannte sich in unsere Hirne ein, der Gral war gefunden. Ein Stubenwagen mußte her, koste es, was es wolle.

Die lĂ€stige Aufgabe, den Stubenwagen zu besorgen, fiel undankbarerweise mir zu. Die BegrĂŒndung dafĂŒr war bemerkenswert deppert: Ich hatte bei der Matura am schlechtesten von uns abgeschnitten, ergo war ich am besten dafĂŒr geeignet. Diesen Schuften werde ich es schon noch heimzahlen.

Das bekannte MöbelgeschĂ€ft auf der Mariahilferstraße hatte ein Stubenwagensortiment, das selbst der hartgesottensten Hebamme die TrĂ€nen in die Augen trieb. Ich wĂ€hlte ein tiefergelegtes Modell mit 100 PS, Internetanschluß und eingebautem Plasmafernseher. TeddybĂ€ren waren was fĂŒr Lulus.

Ich schulterte den Stubenwagen und marschierte wackelig zum Ausgang. Die VerkĂ€uferin winkte mir fröhlich nach. Die KußhĂ€ndchen, die sie mir ebenfalls noch zuwarf, irritierten mich allerdings. Ich maß dem keine grĂ¶ĂŸere Bedeutung zu und betrat die Straße.
An der Kreuzung bremste sich quietschend ein knallgelber VolkswagenkĂ€fer ein und die zwei junge Damen darin ließen mich passieren. Sie lĂ€chelten unentwegt und warfen mir eine Sonnenblume aus der eingebauten VW-KĂ€fervase durch das Schiebedach zu. Diese Hippies!

Der Stubenwagen fĂŒhlte sich etwas schwerer an, aber ich hatte glĂŒcklicherweise nur 2 Straßen zu gehen. Dies allerdings entlang der samstags Ă€ußerst geschĂ€ftigen Einkaufstraße.

Eine mir entgegenkommende Ă€ltere Dame lĂ€chelte mich entzĂŒckt an. Ich lĂ€chelte höflich zurĂŒck. Hinter ihr schickte mir eine junge, kinderwagenschiebende Mutter sehnsĂŒchtige Blicke nach. Ich nickte freundlich. Zwei gutaussehende Frauen um die zwanzig schmolzen mit ihren Blicken vor mir dahin. Ich schlug verschĂ€mt die Augen nieder. Eine aufgetakelte GeschĂ€ftsfrau, sah mich durch vor Freude trĂ€nende Augen an.

Ich wurde nervös. Was ging da vor? Nicht daß ich all diese Blicke nicht genoß, aber normalerweise waren diese eher verhalten, um nicht zu sagen in die von mir abgewandte Richtung weisend.
Meine GrĂŒbelei wurde durch eine offensichtliche Hysterikerin unterbrochen, die vor meine FĂŒĂŸe fiel und mir schluchzend Gratulationen nachsandte. Zwei MĂ€dchen stĂŒrmten in meine Richtung und quietschten entzĂŒckt. Ich beschleunigte meine Schritte. Der Stubenwagen wurde immer schwerer in meinen Armen. Verzweifelt versuchte ich den mit tiefen Seufzern von vor mir regelrecht zerfließenden Frauen jeden Alters auszuweichen. Einige klammerten sich beglĂŒckt an meine Beine, andere legten sich mir in den Weg, etliche berĂŒhrten meine Arme und kĂŒĂŸten den Stubenwagen. Jemand riß die Bluse vor mir auf, ein Ohnmachtsanfall von fĂŒnf MĂ€dchen im Teenageralter lenkte mich davon ab. Alle zeigten Symptome von schweren EntzĂŒckungsentstellungen in ihren Gesichtern. Entweder war eine Seuche ausgebrochen oder die Drogenpreise rapide verfallen.

Ich lief nun den Stubenwagen im wilden Slalom vor mir herschiebend durch die Massen an entzĂŒckten Furien, stubste dabei jene um, zerriß dieser das Kleid, wirbelte eine andere zur Seite. Es ließ sich nicht vermeiden. Mit dem Stubenwagen formte ich einen Rammbock, um mich durch den Pöbel an freudig kreischenden Weibern in den Hauseingang zu retten. Gerade rechtzeitig stieß ich die HaustĂŒr zu, als auch schon die mir hinterherlaufenden Hexen dagegenknallten.

Ich verschnaufte. Der Schweiß rann mir zwischen den Kleidungsfetzen herunter. Der Stubenwagen war heil geblieben, abgesehen von den Lippenstiftresten am Stoff und dem SchoßhĂŒndchen einer Bankiersgattin, das sich zwischen den Speichen verkeilt hatte.

Am Nachmittag, auf der ganzen Fahrt zur Hochzeit, flirtete die Taxifahrerin durch den RĂŒckspiegel mit mir. Krampfhaft sah ich durch die Seitenscheibe auf die HĂ€usermauern. Kaum waren wir beim Restaurant mit der Hochzeitstafel angekommen, eilte ich in den bereits festlich geschmĂŒckten Veranstaltungsraum und schob unauffĂ€llig den Stubenwagen zur Hochzeitstorte. Aus den SeiteneingĂ€ngen kicherten mich schelmisch die jungen Kellnerinnen an. Die Wirtsfrau kniff mich verzĂŒckt in den Po, der rehĂ€ugige Kochlehrling bot mir lĂŒstern an, mich „einzukochen“. Errötend stolperte ich hastig hinaus und mich immerzu nervös umsehend machte ich mich auf den Weg zur Trauung in der Kirche.

Um es kurz zu machen: der weibliche Teil der Hochzeitsgesellschaft litt noch Tage nach dem Fest an Seufzeritis und vor GlĂŒck geweiteten Augen angesichts des Stubenwagens. Die frisch Angetraute ließ sich gleich vor Ort von ihrem jungen Gemahl scheiden und machte mir umgehend einen Heiratsantrag. Mit Bedauern lehnte ich ihr Ansinnen ab und ließ am nĂ€chsten Tag meine Telefonnummer Ă€ndern, um den Unmengen an wenig zweideutigen AntrĂ€gen zu entfleuchen: „Wollen wir den Stubenwagen fĂŒllen?“

Mein Leben hat sich unwiderruflich geĂ€ndert. Mit der Weitergabe meiner Telefonnummer bleibe ich nach wie vor vorsichtig, allerdings bin ich viel selbstsicherer geworden und nehme Probleme gelassener in Angriff. Vom schĂŒchternen Langweiler stieg ich zur begehrten Partykanone auf. Immerhin eilt mir bei der holden Weiblichkeit seit einiger Zeit der Ruf meiner umfangreichen Stubenwagenkollektion voraus.

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