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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Sturm
Eingestellt am 17. 02. 2004 14:05


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Warui
Festzeitungsschreiber
Registriert: Nov 2003

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Enno wusste nicht, wie lange er nun schon so ausharrte, die Knie an die Brust gezogen und die Arme um die Oberschenkel geschlungen. Er war irgendwann am fr├╝hen Abend losgegangen, mit nichts als seinen Handschellen und den Sachen, die er am Leib trug. Alles andere hatte er zur├╝ckgelassen, auch seine Uhr, doch da hatte der Sturm erst angefangen. Man konnte ihn immer schon riechen, bevor er da war, besonders, wenn er vom Meer kam. Enno hatte dann zus├Ątzlich immer noch so einen pelzigen Gaumen, als h├Ątte er beim Schlafen einen Filzstift im Mund gehabt. Der Himmel hatte auch seltsam zerzaust gewirkt nach dem Aufstehen, wie gegen den Strich gek├Ąmmt.
"Oder wie ein zerrissenes Frotteehandtuch," gr├╝belte er. Insgeheim mochte er so einen Himmel; er lag dann oft von nachmittags bis sp├Ąt in die Nacht auf dem Dach neben seinem Zimmerfenster. Selbst und vor allem im Winter. Aus dem angelehnten Fenster entschwand eine Wolke von Weihrauch oder Patchoulie, vermischt mit dem Gesang von Freddie Mercury oder Cat Stevens, manchmal auch The Cure. Klarte der Himmel auf und pr├Ąsentierte ein makelloses, aber nicht minder chaotisches Sternenbild, was hin und wieder vorkam, spielte Enno Deine Lakaien oder Nightwish. An solchen Abenden war er gl├╝cklich, erinnerte sich leicht schwerm├╝tig zur├╝ck an Zeiten, die es so nie gegeben hatte, und l├Ąchelte. Wenn noch dazu ein leichter Wind ihm die Haare aus der Stirn stich, f├╝hlte er sich wie in Watte eingepackt.
Heute war nichts davon der Fall gewesen, heute war er weg gegangen, ohne dass Alex oder Tuomas & Tarja oder Freddie ihm h├Ątten helfen k├Ânnen. Enno musste wider Willen l├Ącheln. Wie h├Ątte Gro├čmutter es ausgedr├╝ckt? "Freddie Mercury? Woher kennst du den denn? Ach, wat solls, der is ja auch schon lang nich mehr bei Tengelmann einkauf'n g'wes'n." Es war ein recht langer Marsch gewesen, jdenfalls f├╝r Ennos Verh├Ąltnisse. Vorbei am "Bunten Haus" und den Leuten, die schon fr├╝hs davor sa├čen und Bier tranken, vorbei an den Schreberg├Ąrten, die um die Uhrzeit f├╝r gew├Âhnlich leer waren, mittags spielten immer Kinder dort. Abends sah man, vor allem im Herbst, manchmal greise Ehepaare, Arm in Arm, in der Hollywoodschaukel sitzen und bei prasseln dem Kaminfeuer in den Himmel schauen. Ihre Kinder und Enkel lagen jetzt schon l├Ąngst im Bett oder auf der Familiencouch zuhause und lie├čen sich vom Abendfernsehen berieseln. Auch an denen war Enno bereits vorbeigegangen. Am Hundezwinger machte er einen kurzen Halt. Die meisten der Tiere waren inzwischen ohne Familie und w├╝rden wohl bald ihren Besitzern folgen, die gegen├╝ber auf dem Friedhof lagen. Enno gedachte kurz des Hundes seiner Ex-Freundin. Der hatte ihn gemocht, w├Ąre ihm ├╝berallhin gefolgt. Und mit dem Friedhof verband er auch gewisse Erinnerungen, er liebte die kleinen, versteckten Pl├Ątze auf dem weitl├Ąufigen Areal und besonders diesen Einen, der einem danach einen wunderbar romantischen Blick auf die Sterne und den Mond bot. Schon allein bei dem Gedanken daran machte sich bei Enno die Erinnerung konkret bemerkbar ...
Als er den Rei├čverschluss wieder zuzog und langsam wieder etwas von der Umwelt mitbekam, hatte der Sturm wieder aufgeh├Ârt. Enno stand behutsam auf, lie├č seine Gelenke der Reihe nach knacken und h├╝pfte etwas auf und ab. Die Handschellen an seinem G├╝rtel klapperten mit. Das erinnerte ihn an den Grund seines Herkommens und warmen Gedanken, die ihm eben noch den R├╝cken herunterliefen, erstarrten pl├Âtzlich zu Eis. Enno sch├╝ttelte sich unsicher und ging dann, die Tr├Ąnen wegzwinkernd, langsam auf den Bootssteg zu, sein Herz klopfte wie ein Auto mit angezogener Handbremse, wenn man Vollgas gab. Vor einigen Stunden hatte er schon einmal dort gestanden, doch da hatte der Sturm noch in blinder Raserei gew├╝tet und das Wasser aufgew├╝hlt. Enno war daraufhin zur├╝ckgewichen und hatte sich in der im Winter verlassenen Barracke des Angelaufsehers verschanzt, um abzuwarten. Jetzt stand er wieder am Rande des schmalen Stegs. Im Sommer waren hier Boote vert├Ąut, mit denen man sicher auf dem Wasser fahren konnte, doch die waren nun eingemottet und unerreichbar. Mit dem Bootfahren war es wohl nun vorbei, zumindest f├╝r Enno. "Ich bin jetzt schon eifers├╝chtig auf die Frauen, die du alle nach mir haben wirst," hatte seine Ex ihm gesagt. Er konnte die Tr├Ąnen nun kaum zur├╝ckhalten. W├╝rde nicht viel M├Âglichkeit dazu haben, eifers├╝chtig zu sein. Wahrscheinlich hatte sie ihn sowieso bald vergessen, was wohl sogar besser war. Schluchzend machte Enno die Handschellen von seinem G├╝rtel ab und schloss sie auf. Gute Handschellen waren das, hatten sie beide damals eine schicke Stange Geld gekostet, Polizeihandschellen. Vielleicht konnte ja die Polizei was damit anfangen, wenn sie ihn aus dem Wasser fischten. Er befestigte ein Paar an seinen Kn├Âcheln und schloss sie ab. Gingen auch nicht einfach wieder auf oder gar noch noch mehr zu, Qualit├Ątsarbeit eben. Als beide abgeschlossen waren, wischte Enno sich mit dem Handr├╝cken die Tr├Ąnen aus den Augen, in der Faust den Schl├╝ssel und sah kurz hoch.
Ihm fiel dieser eine Song von Rammstein ein, in dem es hie├č "Das Wasser soll dein Spiegel sein. Erst wenn es glatt ist, wirst du sehen, wieviel M├Ąrchen dir noch bleibt, und um Erl├Âsung wirst du flehen." Im Wasser des Sees spiegelte sich der Feuerball der aufgehenden Sonne, ein Schauspiel, das Enno schon lange nicht mehr hatte genie├čen k├Ânnen. Wie in Trance schloss er die Handschellen wieder auf und versenkte sie zusammen mit den Schl├╝sseln im See. Im Licht des werdenden Tages machte er sich auf den Heimweg, zuerst Schritt f├╝r Schritt, dann flotter, bis er in einen Laufschritt verfiel.

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Is mein zweiter Versuch einer Kurzgeschichte ... ich war mir ne ganze Zeit unsicher, wie ich es enden lassen soll ... Alternativ h├Ątte ich Enno aufblicken lassen und sehen lassen, dass der Morgen bald graut und ihn schnell auch die anderen Handschellen anlegen lassen. Die Schl├╝ssel in den See, kurz an besagtes Lied von Rammstein (hei├čt ├╝brigens "Alter Mann" und ist auf der Sehnsucht drauf) denken und dann fallen lassen.
Ich denke mal, die Unterschiede zu meiner ersten Kurzgeschichte sind recht deutlich und so. Im Gro├čen und Ganzen habe ich auch versucht, eine Geschichte zu erz├Ąhlen, die "mitnimmt auf die Reise", die den Leser fesselt und eine bestimmte Atmosph├Ąre und Gem├╝tslage hervorruft ... eine, die meiner eigenen ├Ąhnlich ist ....
Nuja, ich bitte um Kommentare, will ja schlie├člich "besser werden"

Mata ne
Warui
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Ever tried? Ever failed?Try again! Fail better!(Samuel Beckett)

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GabiSils
???
Registriert: Mar 2002

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Hallo Warui,

ja, es ist dir gegl├╝ckt, ich bin mit auf die Reise gegangen und habe die Geschichte gerne gelesen.
Die Sprache ist sch├Ân; nur an wenigen Stellen h├Ątte ich eine andere Formulierung vorgezogen.
Die Musik spielt f├╝r Enno eine wichtige Rolle; deshalb finde ich es schade, da├č ich mit Deine Lakaien und Nightwish nichts anfangen kann. Kannst du die Stimmung dieser Musik noch beschreiben?
Einige Fl├╝chtigkeitsfehler sind noch drin, vergessene Buchstaben oder W├Ârter, nichts Gravierendes; und den Ausdruck "fr├╝hs" kenne ich nicht, ist der gebr├Ąuchlich?

Insgesamt aber eine stimmige Erz├Ąhlung. Weiter so.

Gru├č,
Gabi

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Warui
Festzeitungsschreiber
Registriert: Nov 2003

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Hallo GabiSils,

Das is doch fein *ehrlichfreu*
Hmmja, DL und NW ...

Deine Lakaien sind eine Band, die nun schon zum Urgestein der "Gothicszene" z├Ąhlt, ihre geschickte Verbindung von Saiteninstrumenten mit dem Synthesizer und schaurig-sch├Ânen bis melancholischen Texten haben sie bis ganz nach oben gebracht. Man k├Ânnte sie wohl am ehesten als die "Dichter und Denker" unter den Musikern der Szene bezeichnen (oder jedenfalls tue ich das). Stimmungsm├Ą├čig ist es einfach Musik zum Drin-Versinken, so wie in der alten Lenor-Werbung ... einfach reinfallen lassen und genie├čen. Das gilt sowohl f├╝r CD als auch f├╝r Auftritte von ihnen.

Nightiwsh ist eine, seit 1997 aktive finnische Band, die von Anfang an atmosph├Ąrischen und bombastischen Power-Metal mit der klassisch ausgebildeten Stimme von Tarja Turunen kombiniert haben. Tuomas Holopainen ist der Keyboarder und Mastermind der Gruppe, die besonders in Mitteleuropa in den letzten Jahren Riesenerfolge feiert. Bands wie Within Temptation k├Ânnte man als geistig-musikalische Kinder bezeichnen, auch wenn deren Musik im Celtic Metal-Bereich anzusiedeln ist im Endeffekt. Die Stimmung von Nightwish reicht von einf├╝hlsam bis bombastisch, dass es einen, wenn man die Alben durcheinander h├Ârt, immer wieder von einer in die andere Ecke zieht. Aber insgesamt ist es auch was zum Tr├Ąumen und genie├čen. Dazu muss man sagen, dass Finnen (oder Tuomas nach seiner eigenen Aussage) ihre Gef├╝hle schlecht verbal ausdr├╝cken k├Ânnen, sie schreiben (oder er schreibt) dann lieber einen Song und l├Ąsst den f├╝r sich sprechen.

Beide Bands lohnen sich, Deine Lakaien muss man allerdings irgendwie auch so m├Âgen von der Art her.
Empfehlungen:
DL -> Follow Me, Kiss, Mindmachine, Love me to the End, ...
NW -> Dead Boys Poem, Slaying the Dreamer, Moondance, The Wayfarer, ...

Fr├╝hs? Hmm, ich kenn den so ... wei├č nicht mehr, von woher, entweder aussem Osten oder S├╝dwesten ... fr├╝h am Morgen halt ... nach dem Aufstehen ...

Mata ne
Warui
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L├Âwengeist
???
Registriert: Sep 2001

Werke: 66
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nun denn...

Hallo Warui,

Deine Geschichte gef├Ąllt mir inhaltlich gut. An einigen Stellen kommt sie mir etwas langatmig vor, manches h├Ątte man k├╝rzer fassen k├Ânnen.
Wobei mir das Ende ein wenig zu eilig erz├Ąhlt ist.
Gerade die Entscheidung von Enno, nicht ins Wasser zu gehen, h├Ąttest Du detailierter beschreiben k├Ânnen.
Und last but not least finde ich den Titel nicht so ganz passend.
Vielleicht ├╝berarbeitest Du Dein Werk ja noch etwas :-), deshalb bekommst Du von mir auch noch keine Bewertung.

Liebe Gr├╝├če
L├Âwin

__________________
Der Glaube in uns, geboren aus Hoffnung, weist einen Weg, der Zuversicht hei├čt.

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Warui
Festzeitungsschreiber
Registriert: Nov 2003

Werke: 38
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Hallo L├Âwengeist,

Kann sein, dass du recht hast

Ich hatte mir das so gedacht, dass der Sturm f├╝r Enno steht, bzw f├╝r sein Inneres. Dieser kennt sich normalerweise, was man daran sieht, dass er seine festen verhaltensweisen schon hat und so .... solange dieser Sturm tobt, sieht er gar nichts mehr, kommt ├╝berhaupt nicht mehr klar, und erst, als er vorbei ist, kann er sich wieder fangen, bzw l├Ąsst er sich fangen.

Mata ne
Warui
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