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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Sturz
Eingestellt am 02. 08. 2001 10:24


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Kyra
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Mar 2001

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Zuerst war er gesto├čen worden, dann lie├č er sich fallen und am Ende war es ein unaufhaltsamer Sturz, den er genoss ÔÇô und er sah noch immer keinen Boden unter sich, der Fall war ein Flug - sein Flug - geworden. Arnold sa├č auf einer alten Decke neben der Eingangst├╝r zu Aldi; fr├╝her hatte er Schilder vor sich aufgestellt, heute brauchte er das nicht mehr, alles was er h├Ątte schreiben k├Ânnen, konnte jeder vorbeieilende Passant bei einem fl├╝chtigen Blick auf seine gekr├╝mmte Gestalt erkennen. Je l├Ąnger er hinab segelte, desto s├╝chtiger wurde er nach diesem Gef├╝hl. Oft ├╝berkam ihn die Angst, nicht weiter sinken zu k├Ânnen, die Ahnung des Aufpralls und der nachfolgenden, bewegungslosen Stille.
An diesem eisigen Januartag f├╝hlte er seine F├╝├če in den alten Sportschuhen kaum noch, aber er wusste, der schlimmste Augenblick stand ihm noch bevor, wenn sie sich langsam wieder aufw├Ąrmten. Dieser Schmerz trieb ihm immer die Tr├Ąnen in die Augen. Er sah in seine kleine Schale, Dreimarkf├╝nfzig, daf├╝r bekam er noch keine Flasche Korn. Er w├╝rde noch weiter hier sitzen m├╝ssen, bis er die sechs Mark beisammen h├Ątte. Er war ein schlechter Bettler, bedankte sich, kaum wenn jemand ihm ein Almosen vor die F├╝├če warf, spuckte sogar manchmal abf├Ąllig zur Seite aus. Er hatte auch keinen niedlichen Hund und war so dreckig, dass er merkte wie die Menschen die sich zu ihm hinabbeugten pl├Âtzlich die Luft anhielten, wenn sie den Gestank wahrnahmen, der ihn gleich einer R├╝stung umgab. Er hatte sich seit ├╝ber einem Jahr nicht mehr gewaschen und genoss es, mit seinem Schmutz untrennbar zu verwachsen, seine Poren wurden schwarz, sein K├Ârperfett talgte eine Schicht Kleidung nach der anderen ein, um schlie├člich alles was er trug zu durchdringen und an der Oberfl├Ąche diese Patina der Verkommenheit entstehen zu lassen, die ihn selbst unter den Pennern heraushob. Arnold sah die vermummten Menschen kaum an, manchmal sprach er leise mit sich selbst, erinnerte sich an die lange Strecke die er schon zur├╝ckgelegt hatte oder versuchte sich vorzustellen, wie weit er noch kommen k├Ânnte in dieser stetigen Abw├Ąrtsbewegung. Den Sto├č hatte er vor f├╝nf Jahren bekommen, damals flog er der Sonne entgegen und nichts schien seinen Aufstieg aufhalten zu k├Ânnen, er kannte nur diese eine Richtung - empor. Arnold beobachtete eine kranke Taube im Hausflur gegen├╝ber, die mit aufgeplustertem, zerzaustem Gefieder versuchte der K├Ąlte zu trotzen und deren Kopf immer wieder ersch├Âpft nach unten nickte. Sollte er sie mit einem Tritt t├Âten, w├╝rde es sein Sinken beschleunigen oder w├Ąre es eher eine Geste des Mitleides die seinen Fall nur aufhielt?
Manchmal fiel es ihm inzwischen schwer die niedrigste Handlungsweise zu erkennen, alles schien immer doppeldeutiger, weniger klar als zu Beginn seines Abstieges. Damals hatte er sich zuerst gewehrt, hatte Kredite verl├Ąngert, Gl├Ąubiger hingehalten, gelogen und vertuscht. Schlie├člich war nichts mehr geheim zu halten, er versuchte f├╝r seine Familie ein kleines Leben einzurichten, bereit zu verzichten, gewillt zu k├Ąmpfen. Zu Beginn klammerte es sich verzweifelt am Rande des Abgrundes fest, dann begann er hart zu trinken, seine Familie verschwand aus seinem Leben ÔÇô er bemerkte es kaum. Mit dem Alkohol kam eine unerwartete Klarheit in seinen Kopf, er erkannte sich, er verstand, dass es die Lust an der Bewegung war, die fr├╝her seine Flugbahn bestimmt hatte. Arnold wusste pl├Âtzlich, auch ein Fall konnte ihn genauso berauschen wie der Erfolg. So plante er seinen Abstieg sorgf├Ąltig wie einst seine Karriere. Beim Weg aufw├Ąrts kam ihm nie der Gedanke, dass es einen obersten Punkt geben k├Ânne, unendlich schien der Weg nach oben zu sein. So stellte er sich die Frage, wie tief er sinken k├Ânne vor dem Aufprall und erkannte, dass auch diese Strecke sich lange hinziehen konnte, wenn er sie nur offenen Auges in Angriff nahm. So begann seine neue Karriere sachte, mit ungezahlten Telefon- und Mietrechnungen, Zwangsr├Ąumung und seit zwei Jahren das Leben auf der Strasse. Aber dies waren nicht die wichtigen Stationen, Arnold beobachtete sein moralisches Sinken wie ein Forscher, das L├╝gennest das unter ihm zusammenbrach, das Geld was er von seinen Freunden lieh, obwohl er wusste, dass er es nie zur├╝ckgeben k├Ânnte, die kleinen Diebst├Ąhle, die gemeinen Betr├╝gereien an den arglosesten und engsten seiner Freunde. Arnold konnte Dinge tun, derer er sich fr├╝her nie f├╝r f├Ąhig gehalten h├Ątte, vor einem halben Jahr entriss er einer alten Frau die Geldb├Ârse, als sie nach Kleingeld f├╝r einen Fahrschein suchte. Diese Alte war sicher fast so arm wie er, klammerte sich aber fest ├╝ber ihren Abgrund, um nicht weiter zu st├╝rzen ÔÇô kleinlich und sinnlos erschien Arnold dieses Festhalten an der letzten Stufe vor dem Untergang. Wie ein Albatros kam er sich vor wenn er in sanften Spiralen immer tiefer glitt, jede neue Niedrigkeit auskostete, zu Gemeinheiten f├Ąhig wurde, die ihm in den Zeiten seines Glanzes unm├Âglich erschienen w├Ąren. Er hatte einmal ein H├╝ndchen mit einem Tritt get├Âtet, nur weil er vorher gesehen hatte, wie ein alter Mann es liebevoll mit kleinen Bissen seines Fr├╝hst├╝cksbrotes f├╝tterte. Der Neid dieses Tier so umhegt zu sehen, w├Ąhrend niemand mit ihm das Brot brach versetzte ihn in solch neidvollen Zorn, dass er ohne zu z├Âgern so lange zutrat, bis der Hund sich nicht mehr r├╝hrte. Den herbeigelaufenen Menschen spuckte er fluchend vor die F├╝├če, keiner wagte sich an ihn heran. Unbehelligt verschwand er in den Gassen der Stadt. Manchmal stellte Arnold sich vor, ein Kind zu sch├Ąnden und zu ermorden, dies war das schmutzigste und gemeinste was er sich ausmalen konnte. Aber das w├Ąre ein Abschluss, diese Tat w├╝rde sp├Ąter einmal seinen Aufprall bestimmen. Hiervon f├╝hlte er sich aber noch weit entfernt, der Ehrgeiz der ihn fr├╝her ├╝ber die anderen gestellt hatte, der ihm einstmals Macht verliehen hatte, dieser Ehrgeiz trieb ihn heute dazu, der niedrigste aller Menschen zu werden, er wollte tiefer sinken als die Dealer, die Stricherinnen, die kleinen Diebe und Sittenstrolche, er wollte ohne Verharren bis in die H├Âlle hinab gleiten und von gl├╝hender Hitze verschlungen werden, so wie er einst versuchte, sich an der Sonne zu verbrennen.
Widerwillig stand er auf, als das Gesch├Ąft um acht Uhr schlie├čen wollte, dr├Ąngte sich an einer ├Ąngstlichen Kassiererin vorbei und griff eine kleine Flasche Schnaps aus dem Regal neben der Kasse. Daf├╝r reichte sein Geld, mehr w├╝rde er heute nicht bekommen. W├Ąhrend er Richtung Dom und Bahnhof ging, merkte er wie die K├Ąlte sich immer tiefer in seine fettigen Lumpen fra├č bis sie seine Haut erreichte und dort gnadenlos in sein Fleisch biss. Auf der Domplatte blieb er, an die Br├╝stung gelehnt stehen und sah auf den Bahnhof zu seinen F├╝ssen. Dies war den ganzen Winter ├╝ber sein Zuhause, Arnold musste l├Ącheln ÔÇô so lange er so etwas wie ein Zuhause besa├č, war das Ende seines Weges noch nicht in Sicht. Arnold versuchte, nach einem kr├Ąftigen Zug, die Flasche auf einen kleinen Absatz unter seinen F├╝ssen abzustellen. Als ihm der Flachmann aus den H├Ąnden glitt st├Âhnte er verdrossen auf, aber zum Gl├╝ck landete er wenige Zentimeter tiefer auf dem n├Ąchsten Vorsprung und ging dabei nicht zu Bruch. Er wollte diesen letzten Schluck nicht mit einem der anderen Stadtstreicher teilen m├╝ssen, die jetzt alle zum Bahnhof strebten. Dieser Geiz entlockte ihm ein kr├Ąchzendes Lachen - der Geiz der Besitzlosen war ohne Gnade, jeder war bereit seinen Bruder neben sich verhungern zu lassen, um selber noch ein wenig weiter zu leben. Leben war alles um was es immer ging, Arnold sch├╝ttelte sich angewidert. Jetzt wollte er nur noch schnell die Flasche leeren, dann w├╝rde er sich in die Bahnhofshalle schleichen, vorbei an den Polizisten und den jungen Strichern und seinen Platz hinter dem Klo an der Warmwasserleitung aufsuchen. Arnold konnte die kleine Flasche nicht mehr greifen, sie war zu tief. Unbeholfen ├╝berkletterte er das Gel├Ąnder und als er abrutschte und pl├Âtzlich in die Tiefe fiel ├╝berkam ihn ein lautes Lachen - bei diesem Sturz w├╝rde er sich selber ├╝berholen.

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gladiator
Manchmal gelesener Autor
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Wow...

Ich bin beeindruckt. Mehr kann ich eigentlich dazu gar nicht sagen. Ich merke, wir legen uns nahe in den Themen der Geschichten und der Protagonisten, die wir ausw├Ąhlen. Das kommt zwar aus meinen Texten, die ich hier bislang gepostet habe, nicht zwingend zum Vorschein. Aber ich finde auch die Schicksale der Gestrandeten und Ausgesto├čenen oftmals viel anziehender als vieles andere.

Wie Arnold seinen Sturz erkl├Ąrt und zelebriert, ist eindrucksvoll und verst├Ârend. Ich wei├č allerdings nicht, wie das die vielen Obdachlosen, die der ├ťberzeugung sind, da├č sie sich trotz allem immer noch am Abrgund fest klammern, sehen...

Gru├č
Gladiator
__________________
Die Raben fliegen in Scharen, der Adler fliegt allein.

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Kyra
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Registriert: Mar 2001

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Hi

Hallo Gladiator

Du schreibst:
Ich wei├č allerdings nicht, wie das die vielen Obdachlosen, die der ├ťberzeugung sind, da├č sie sich trotz allem immer noch am Abrgund fest klammern, sehen...

ich denke sie sehen es anders, aber ich wollte ja auch einen etwas anderen Obdachlosen darstellen. Ja, mich faszinieren die Kaputten, die Au├čenseiter, die Schlechten.
Wahrscheinlich bin ich so, lebe es aber gl├╝cklicherweise nicht aus

Danke f├╝r Deine Meinung

Kyra

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ElsaLaska
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Hallo kyra, altes haus,

hoffe, du hattest entspannte tage!
gut gef├Ąllt mir der anfang, achwas, die ganze geschichte gef├Ąllt mir gut. aber der anfang ist besonders sch├Ân. der sturz, und dann hockt er da auf seiner alten decke.
er ist ein rechtes arschloch, dein held. es mag kein wahres mitgef├╝hl mit ihm aufkommen.
trotzdem bleibt er nicht auf eine art eindimensional.
und nat├╝rlich soll auch niemand in einem text von dir eine tierqu├Ąlerische handlung missen
nein, ich weiss schon, die war gut, richtig. sehr plastisch und sehr charakterisierend. bin halt eine furchtbare mimose bei solchen sachen....dagegen k├Ânnen menschen (in texten!) ruhig gequ├Ąlt werden, da bin ich etwas h├Ąrter, schon bl├Âd... ich weiss.

habe dich schon vermisst.
liebe gr├╝sse
elsa
ps: nein, gladi, ich h├Ątte wirklich nicht auf besondere vorlieben in dieser richtung bei dir schliessen k├Ânnen

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Kyra
Fast-Bestseller-Autor
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Die Tierqu├Ąlerin

Hallo Elsa,

ja, wieder da und Ihr solltet Euch vielleicht auch mal wegen H├Ąusern in Portugal umsehen, es f├Ąngt da wohl grade an zu boomen..., aber sehr vieles ist noch sehr urspr├╝nglich.

und nat├╝rlich soll auch niemand in einem text von dir eine tierqu├Ąlerische handlung missen

Zu Deiner Beruhigung, ich bin in Portugal nie aus dem Haus gegangen, ohen die riesigen Oberschenkeltaschen meiner ├ťberlebenshosen randvoll mir Hundefutter zu f├╝llen, ich sah immer aus wie die Karrikatur von Cellulitis-Oberschenkel.
Ich verstehe Deine Abneigung gegen diese Tierszenen in meinen Texten sehr gut, bei einem Menschen hat man nie das Gef├╝hl, er k├Ânnte so unschuldig sein wie ein Tier. Darum ist das Mitleid auch gr├Âsser.

Viele Gr├╝├če

Kyra

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ElsaLaska
Guest
Registriert: Not Yet

portugal-hund?

hallo kyra,
ich weiss ja, du bist selbst tierfreundin... und genau aus dem grund setzt du diese tier-misshandlungen auch so gut ein: weil tiere immer unschuldiger sind.
im buddhismus ist es ├╝brigens ├Ąusserst ung├╝nstig, als tier wiedergeboren zu werden. man hat mehr zu leiden als ein mensch (!!!) und kann sich weder ├Ąussern noch irgendetwas tun, um f├╝r eine g├╝nstigere wiedergeburt zu sorgen. deshalb sollen wir auch mit den tieren besonders liebevoll umgehen, was wiederum helfen kann, f├╝r uns eine g├╝nstigere wiedergeburt zu erwirken. (nicht etwa aus dem grund, weil der hund unsere wiedergeborene mutter sein k├Ânnte, wie gern dahergeschw├Ątzt wird).

in portugal haben wir uns vor ein paar jahren tats├Ąchlich mal heftigst umgetan, denn es ist direkt nach italien mein lieblingsland. aber wir haben das problem mit der langen anfahrt nicht l├Âsen k├Ânnen, und fliegen wollten wir nicht mit Sharif. italien war da einfach das naheliegendste. aber ich tr├Ąume schon noch davon.... habt ihr euren hund in pension, oder wart ihr mit dem auto...?

schick mir doch ne mail, wo ihr wart, interessiert mich!

zum text nochmal (sozusagen aus buddhistischer perspektive, aber warum nicht :
Arnold beobachtete eine kranke Taube im Hausflur gegen├╝ber, die mit aufgeplustertem, zerzaustem Gefieder versuchte der K├Ąlte zu trotzen und deren Kopf immer wieder ersch├Âpft nach unten nickte. Sollte er sie mit einem Tritt t├Âten, w├╝rde es sein Sinken beschleunigen oder w├Ąre es eher eine Geste des Mitleides die seinen Fall nur aufhielt?

Hier w├╝rde ich aufgliedern, man erkennt die fragestellung n├Ąmlich erst, wenn man den langen satz zuendegelesen hat : Sollte er sie mit einem Tritt t├Âten? W├╝rde diese Tat/Handlung sein Sinken beschleunigen? Oder w├Ąre dies eine Geste des Mitleids, die seinen Fall aufhielte?

nach buddhistischer auffassung kommt es auf die motivation der tat an. es ist ihm bewusst, dass diese geste eine geste des erbarmens w├Ąre, sonst w├╝rde er sich nicht diese zwiesp├Ąltige frage stellen.
interessante stelle ├╝brigens!!!!

um sicher zu sein, dass er nicht versehentlich eine gute tat begeht, sollte er also dringend wut, zorn, hass und andere unheilsame gef├╝hle hegen. was er ja auch tut. allerdings ist er ein wenig kurzsichtig. wer so ein stinkstiefel ist, braucht sich nicht wundern, wenn er aufwacht und eine ung├╝nstige wiedergeburt erf├Ąhrt. tja, dann geht die ganze kacke von vorne los...

so, das war jetzt mal ein kommentar der etwas anderen art
liebe gr├╝sse

elsa

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