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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Tänzer
Eingestellt am 09. 04. 2014 16:33


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L. von P.
Hobbydichter
Registriert: Apr 2014

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Der Tänzer

Bevor ich die Treppen nach Hause nahm, aß und trank ich noch eine Kleinigkeit in einem Café, dessen Fenster und Türen weit offen standen, obwohl niemand zugegen war. Es war recht kühl, drum schloss ich sie, als ich ging. Danach nahm ich meinen Weg wieder auf. Die verwinkelten Gassen wirkten nun viel breiter und freundlicher als in der Nacht, gedämpfte Kinderstimmen drangen aus den Häusern. »Hey, Sie«, ein kleines Mädchen winkte mir vom Fenster aus zu, »haben Sie unsere Eltern gesehen?« »Leider nein«, antwortete ich mit aufdringlichem Grinsen, weil mir die Sonne seitlich ins Gesicht schien. Daraufhin zuckte das Mädchen stark übertrieben mit den Schultern und brüllte in den Innenraum, dass auf ihre Frage eine ergebnislose Antwort folgte. Ich wollte schon gehen, da hielt mich das Kind auf. »Sie sehen komisch aus«, sagte es mit gesenktem Kopf. Ich schaute selbst an mir runter. »Ich fühle mich auch so.« Das Mädchen lachte laut, auch hinter ihr kicherte es aus dem Zimmer. »Warten Sie«, sie verschwand kurz im Dunklen. Ich wollte einen Blick ins Haus riskieren, aber die Sonne stand zu tief, sodass ich nichts sah. »Hier«, sie hielt einen Hut aus dem Fenster, »Ihre Haare sind doch so furchtbar nass, Sie sollten ihn aufsetzen.« Wie immer, wenn man mir etwas schenkte, schaute ich skeptisch drein. »Dein Vater würde da sicher etwas dagegen haben.« Das Mädchen wedelte weiter mit dem Hut auf und ab, als wäre ich dazu verpflichtet gewesen, ihn an mich zu nehmen. »Meine Eltern sind tot, man hat mir den Hut hinterlassen«, sagte sie dann, ohne den Anschein einer Gefühlsregung zu erwecken. Verwirrt von der Situation, verschränkte ich die Arme. »Du hattest dich doch aber gerade nach deinen Eltern erkundigt!« Erneut drang ein Kichern von Innen nach Außen. »Nein«, sagte sie. »Doch«, erwiderte ich... und schnappte mir den Hut. Das Mädchen lachte lauter als je zuvor. Als ich mir die Kopfbedeckung aufsetzte, versicherte sie mir, dass sie mir gut stehe. Eine Lüge, wie sich herausstellte, als ich mich daheim im Spiegel betrachtete. Ich bedankte mich also schließlich bei dem Mädchen, indem ich ihr ein Handschlag anbot, sie aber ein Handkuss verlangte, welchen sie dann auch bekam, und mit einem leichten Knicks belohnte. Ich hatte mich schon mit dem Rücken zu ihr gewendet, da sagte sie mir, ich könne gut tanzen. »Ihre Beine sollten Sie allerdings noch etwas besser in den Griff bekommen.« Schnurstracks drehte ich mich um und riss die Augen auf, doch das Fenster war schon weg. Ich fand es auch nicht mehr, da waren nur noch Ziegelsteine.

Den ganzen Weg nach Hause dachte ich an die Begegnung zurück und an die Geradlinigkeit meiner Existenz, die mir meine Mutter legte, als ich noch ein kleiner Junge war.
Immer wieder banalisierte sie mein Dasein durch Zahlen, die sie erfand, und die sie mir in endlosen Nachtgedichten wiedergab. Dann nickte ich und meinte >nein<, doch bejahte den Kodex durch meine Taten. Manchmal schlief ich, ohne zu fühlen, und das auch am Tag, mir wurde dann immer ganz schwindelig, und ich rauchte heimlich am Schuppen. Seltsamerweise malte Mutter verworrener, als ich älter wurde. Das verstand ich nie. Sie schrieb dann Worte statt Zahlen und fing an zu stricken und zu häkeln: lustige Tiere auf bunten Pullovern. Aus dem Beton reifte plötzlich ein Zimmer, und Tischdeckchen bedeckten den Raum. Auf ihnen Bücher, die ich nie las.
Weit später war Heiligabend, drum saß die Familie um den Kamin – Mutter und ich. Sensibel schauten wir aus Fenstern, es donnerte, in den Fernen fiel Schnee. Wir hockten in Decken und tranken Wein auf die Schweigsamkeit. Danach las sie Familientragödien aus Büchern vor, und ich sagte ihr, sie müsse das nicht, wenn sie doch vor einer sitze. Dann schaute sie nur, doch nie richtig, später überreichten wir uns Geschenke. Ich bekam einen Pullover, sie meinte: »Bitteschön.« Ich heuchelte: »Danke.« Mir war es fremd, die gestrickte Ausflucht an mir zu sehen, aber Mutter wollte es dafür umso mehr, und drum tat ich es und warf sie drüber. Sie starb später in tiefer Nacht – mit Mutter. In der Kommode hinterließ mir die tote Frau ihre Weisheit in Holz geritzt: >Der Sinn liegt nicht darin, den Zweck zu verleumden.< Darunter in schweren Zahlen ein leichtes >Tut mir leid, lieber Sohn<. Ich verbrannte die Schublade im Kamin und streute sie mit der Morgensonne in den Wind.

Das Leben war auch künftig nicht auf meiner Seite, das wusste ich, als ich dich mitternachts sah und mit braunen Sandalen über den Innenhof rannte. Im trockengelegten Ballsaal kam ich an, es war duster, und die Geiger hielten noch immer mit den Tänzern schritt. In Tanzformationen voranschreitend, schlängelten sich die Frauen um die Glieder ihrer Männer, welche sie durch den Rhythmus der Musik zogen. Es war wie ein Meer aus tausend Beinen, das am Ende der Welt den Abgrund gemeinschaftlich hinunterlief. Ich aber war allein und saß rückwärts auf dem Geländer der Bühne. Leise wippte ich mit der Menge hin und her, verstehend, nicht zu ihr zu gehören. Ich glaubte zu wissen, dass du kommen wolltest, aber sicherlich nicht zu mir. Ich verließ den Saal durch die Hintertür. Draußen zündete ich mir eine Zigarette an und setzte mich auf die kalten Steine des Marktbrunnens, die mich kurzerhand mich selbst vergessen ließen. Dann sah ich dich aus dem Dunklen treten. Durch den Mondschein sah es aus, als habe man deinem Gesicht die Unschuld aufgezeichnet. Dein Antlitz war noch bezaubernder als sonst. Plötzlich blicktest du auch zu mir. Ich schaute eilig weg und tat so, als würde ich es genießen, wie die Zigarettenasche im lauen Wind von dannen zieht. Doch du kamst immer näher, und ich konnte es nun nicht mehr abwenden. »Schöne Nacht, nicht wahr?«, fragtest du mich lächelnd vor dem Brunnen stehend. »Ich weiß nicht«, wie sonst auch fehlte mir der Einfall, »ich denke schon.« Wie ein unreifes Kind zog ich mit meinen Füßen Kreise in den Sand und schien dir ferner, als die Sterne zu sein. Dir kam das bestimmt recht befremdlich vor, als sei ich woanders, weit weg, obwohl ich dir eigentlich nicht näher hätte sein können. Du sprachst weiter. »Hören Sie«, nervös senkte ich den Blick Richtung Boden, »ich sehe, Sie rauchen. Es ist vielleicht unüblich, wenn ich Sie das jetzt hier frage, aber hätten Sie noch eine übrig?« Deine Stimme klang etwas beschämt, aber auch erheitert über die Skurrilität der Situation. Denn wann fragt man einen völlig fremden Mann in finstrer Einsamkeit schon mal nach einer Zigarette? Ich kramte in der Jackentasche. »Meine letzte«, erwiderte ich. Du knicktest leicht aus Höflichkeit mit den Beinen und setztest dich zu mir. »Das weiß ich sehr zu schätzen, mein Herr.« Danach gab ich dir noch Feuer. »Also«, fragtest du nach dem ersten Zug, »was macht ein Mann hier draußen so alleine, wenn doch die ganze Stadt tanzt?« »Ich könnte Sie das Gleiche fragen«, antwortete ich stotternd in den Staub. »Halten Sie mich also für einen Mann?« Ich schämte mich für das Missverständnis. »Nein, nein«, angespannt klopfte ich die letzte graue Asche des Zigarettenstängels in den Wind, »ich meinte…« »Keine Sorge«, du lachtest, »ich habe Sie schon verstanden.« Lächelnd und erleichtert löschte ich die Zigarettenglut am Brunnenstein. »Um ehrlich zu sein«, du schautest etwas verträumt in die Wolken, »ich bin keine besonders gute Tänzerin, ich konnte das noch nie gut.« »Ich auch nicht.« Ein kleines Wolkenzelt schob sich vor den Mond.
»Wissen Sie was«, voller Eifer erhobst du dich vom kalten Stein und warfst deinen halb gerauchten Glimmstängel in den Brunnen, »lassen Sie uns beide tanzen!« Ich war überrascht. »Jetzt?«, fragte ich zweifelnd mit der Streichholzschachtel spielend. »Ja, jetzt und hier!« »Ich weiß nicht.« »Ach, kommen Sie schon!« Wie wild zerrtest du mich nach oben. »Ich kann nicht tanzen«, sagte ich wiederholend. »Ich doch auch nicht!« Dann legtest du dir meine Arme um Schulter und Rücken. Es sah kläglich aus, doch der Mond, der jetzt wieder aus den Wolken trat, wusch dir jegliche Unbeholfenheit aus dem Gesicht. Ich tanzte auf der Schattenseite. »Irgendwie so wird es schon gehen!«, riefst du in die Leere des Raumes und legtest deinen Kopf in meinen Brustbereich. Ich weiß noch, du warst mir so nah, doch die Gewissheit des Augenblicks stach mir Nägel in die Beine, und alles fing in Schwärze an zu wanken.
Ich konnte es nicht, drum stieß ich dich von mir ab und stolperte seitwärts in den Brunnen. Als mein Körper unter Wasser lag, schimmerten deine Konturen wie seidene Fäden durchs Wasserkleid, und ich war mir sicher, sie würden nun zerschnitten. Ich tauchte auf. Mit verschränkten Armen schriest du mir fragend entgegen, was mit mir bloß nicht stimme. Es schien so, als wäre dir kalt von all dem Irrsinn. Ich sagte nichts, klatschte mir nur mit den Händen gegen die nassen Kleider wie ein ratloses Kind. Irgendwann warst du es leid, drehtest dich um und gingst. Deine erloschene Zigarette schwamm verloren im Wasser.
Ich wartete, bis du um die Häuserecke mit den drei Laternen bogst, danach stieg meine Tristesse aus dem Brunnen und setzte sich erneut auf die Steine. Dort warteten noch die Zündhölzer. Ich legte meine Jacke neben mich und windete die anderen Kleidungsstücke notgedrungen an mir aus. Anschließend zündete ich das vorletzte Streichholz an. Zarte Wärme erklomm mein Wesen. Es zitterte in der Einsamkeit. Für einen vergänglichen Moment schloss ich die Augen und nahm nichts wahr, außer einen kleinen Nachtfalter, der mir bald sanft auf den Lippen einschlief, sodass ich mich kaum getraute zu atmen. Langsam wurde mein Herz. Dann dachte ich an Mutter und fühlte, ja, fühlte so vor mir her, ehe die Morgensonne allmählich über die Schwellen der Häuser trat und die Vögel aus den Nestern rief. Auf dem Markt läutete die Kirche zum letzten Tanz.

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