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Leselupe.de > Kurzprosa
Der Tag danach
Eingestellt am 05. 04. 2007 10:00


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philomena
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Mar 2007

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Wie jeden Morgen war er auch heute ins Cafe gegangen - FrĂŒhstĂŒck und Zeitung. NatĂŒrlich hĂ€tte er sich auch beides zuhause gönnen können, aber er liebte es nun einmal, an seinem Stammtisch in der hinteren rechten Ecke zu sitzen und hinter dem Schutz des Zeitungsblattes den GesprĂ€chen der anderen GĂ€ste zu lauschen.

Er kam schon seit Jahren hierher. Wenn er erschien, brauchte er seine Bestellung dem Kellner nicht mehr zu sagen. Jeder, der hier bediente, wußte, was er bekam. Das Brötchen mit Schinken und KĂ€se, aber bitte jede HĂ€lfte mit beidem belegt, die Spiegeleier so, dass auch das Gelbe fest war - er hasste diese gelbe Soße auf dem Teller, wenn das Ei nicht lange genug gebraten war - und der ersten Tasse Kaffee folgten zwei weitere nach. Auch ohne Aufforderung.

Gut, dass die Zeitung hier fĂŒr die GĂ€ste auslag. Sie interessierte ihn nĂ€mlich eigentlich ĂŒberhaupt nicht. Seine Bild hatte er bereits viel frĂŒher am KĂŒchentisch bei einer Tasse Instantkaffee gelesen. Damit begann er jeden seiner Tage. Bequem in Schlafanzughose und Unterhemd, die alten Schlappen an den FĂŒĂŸen, die eigentlich schon lange in den MĂŒll gehörten. Einen Becher Kaffee von diesem praktischen Pulver und eben die Zeitung, die ihm alle Informationen gab, die er brauchte. Dabei rauchte er dann auch die Selbstgedrehten, die fertigen Filterzigaretten in seiner Dose mussten immer ein paar Tage halten. Taten sie auch, weil sie ihm nĂ€mlich eigentlich nicht schmeckten.

Gegen halb neun allerdings begann sein zweites Leben. Dann wusch und rasierte er sich - eine Dusche oder Badewanne hatte im Bad der kleinen Einzimmerwohnung keinen Platz mehr gefunden - zog seinen guten Anzug an, den einzigen, den er noch hatte, schlĂŒpfte in die blank polierten Schuhe, nahm die leere Aktentasche und verließ durch den Hintereingang das Haus.
So konnte er sich dem Cafe von einer anderen Seite her nĂ€hern, und bis heute hatte keiner der GĂ€ste oder Kellner erfahren, dass er von seinem KĂŒchenfenster aus einen direkten Blick hinter die Scheiben des Cafes hatte.

Wie gesagt, die Zeitung interessierte ihn ĂŒberhaupt nicht, sie diente ihm lediglich als Alibi, um ungestört den GĂ€sten zu lauschen, ohne neugierig zu wirken.

Heute versprach es wieder, interessant zu werden. Denn es war der Freitag nach Altweiber. Bis in die frĂŒhen Morgenstunden hatten die GĂ€ste im Cafe gefeiert. Der Geruch nach schalem Bier, nach Schweiß, nach kaltem Zigarettenrauch und zuviel Schminke und ParfĂŒm lag immer noch in der Luft.

Die Bedienung sah ĂŒbernĂ€chtigt aus und stöhnte auch leise vor sich hin. Die Nacht war wohl sehr erfĂŒllend gewesen, vor allem mit viel harten Sachen.

Auch die StammgÀste, die bereits vor ihm da waren, sahen etwas mitgenommen und wesentlich Àlter aus als gestern abend, als sie aufgekratzt die Lieder mehr oder weniger laut mitgesungen haben.
Eine gedĂ€mpfte, leicht wehleidige Stimmung lag ĂŒber dem Raum. Die einzelnen Worte, die gesprochen wurden, suchten sich einen mĂŒhevollen Weg durch geschundene Kehlen.

Aber wie immer und wie er es nicht anders erwartet hatte, begannen nach einiger Zeit die Erinnerungen an den vergangenen Abend hervor zu brechen aus den umnebelten Köpfen.

Er bezeichnete es allerdings nicht als Erinnerung, was da an den Tischen preisgegeben wurde. FĂŒr ihn waren es die BemĂŒhungen von Menschen, die fĂŒr sich und ihr Wohlbefinden mit dem sprachlichen Zeigefinger auf andere zeigen mussten. Sie mussten das Verhalten anderer verurteilen, um vor sich selbst nicht gestehen zu mĂŒssen, dass auch sie, oder gerade sie, die Grenzen ihrer WohlanstĂ€ndigkeit bei weitem ĂŒberschritten hatten.

Er gönnte sich hinter der Zeitung ein LĂ€cheln, als er die befriedigende EntrĂŒstung und das tugendhafte UnverstĂ€ndnis in den Stimmen der GĂ€ste vernahm, die gestern als erste den Rahmen ihrer eigenen spießbĂŒrgerlichen Moral gesprengt hatten.
Sie wußten ja nicht, dass er sie alle kannte, sie alle gesehen hatte, als er hinter seinem dunklen KĂŒchenfenster saß und ungehindert die wilden Szenen im Cafe beobachten konnte.
Er hatte auch ihre schwankenden Schritte gesehen, als sie schließlich doch den Heimweg antraten. Er hatte auch noch den schrillen Klang des Lachens in seinen Ohren behalten, mit denen die Frauen auf die derben TĂ€tscheleien der MĂ€nner reagiert hatten.

O ja, er kannte sie alle so gut. Schließlich hatte er sie seit Jahren beobachtet, hatte ihren GesprĂ€chen gelauscht und gelernt, zwischen ihren gesprochenen Worten die Wahrheit zu erkennen. Schließlich lebte er sein Leben durch sie.

Was hatte er denn sonst auch noch? Er kehrte nach den zwei Stunden, die er sich jeden Morgen hier in dem Cafe gönnte, in seine kleine, unordentliche, schlampige Wohnung zurĂŒck. Die Aktentasche, die leer sein stĂ€ndiger Begleiter war, verschwand bis zum nĂ€chsten Morgen in dem alten miefigen Kleiderschrank zusammen mit dem guten Anzug und den frisch polierten Schuhen.

FĂŒr den Rest des Tages genĂŒgten ihm wieder Schlafanzughose, Unterhemd und Schlappen. Der Instantkaffee und die selbstgedrehten Zigaretten machten in dieser armseligen Behausung ebenso Sinn wie seine Einsamkeit.

Sein eigenes Leben hatte vor ein paar Jahren aufgehört, als seine Frau starb.
Jetzt lebte er nur durch das Leben der GĂ€ste im Cafe, wenn er sich mittags hinsetzte und die GesprĂ€che und seine EindrĂŒcke in das alte Schulheft schrieb. Wenn es voll war, wĂŒrde er es zu den anderen in die Ecke neben seinem Bett legen. Und sich ein neues holen. Um weiter aufzuschreiben. Solange die GĂ€ste ins Cafe kamen und ihm Leben gaben.

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HansSchnier
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Hallo Philomena,

obwohl der Text sich aufgrund seiner sprachlichen Umsetzung gut liest, und man am Ende nicht das GefĂŒhl hat, seine Zeit vertan zu haben, hat es bei mir lange gedauert, bis ich eine gewisse Bindung zum Charakter hatte. Zwischenzeitlich wollte ich sogar aufhören zu lesen. Grund ist, dass deiner Geschichte in meinen Augen ein wenig die Spannung oder eine Pointe fehlt - sie plĂ€tschert zu sehr.

GrĂŒĂŸe

Hans Schnier

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