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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Tag der Wunder
Eingestellt am 10. 04. 2003 16:45


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sohalt
Routinierter Autor
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„Und dann fang ich sie und sammle sie, bis ich ganz viele habe,“ erkl√§rt Biene. „So viele! Mindestens!“ Sie streckt die Arme aus, um zu zeigen, wie viele. „Wenn ich genug hab, dass sie mich tragen, dann geb ich sie in einen Sack. An dem halt ich mich fest und fliege zu den K√§ngurus. Oder zum Mond.“
Seifenblasen fliegen, ein Sack mit Seifenblasen erst recht und wenn Biene dran hängt, fliegt sie mit. Sehr logisch. Selbst Sybille muss das doch einsehn.
„Genialer Plan“ sagt die ohne aufzuschauen. Sie breitete gerade die karierte Decke unter dem Ahorn aus. „Viel Erfolg.“
Biene findet nicht, dass sie die K√ľhnheit des Unterfangen ausreichend w√ľrdigt. Sie ist schlau. Wenn jemand etwas nicht so meint, wie er es sagt, merkt sie das sofort.
„Du musst mir aber helfen, ja? Du musst den Sack halten, wenn er voll ist, damit er nicht davon fliegt, wenn ich ihn zubinden will.“
„Mach ich.“
„Gut. Ich fang dann mal an.“
„Tu das.“ Sybille hat sich auf der Decke niedergelassen und lehnt sich zur√ľck. „Lauf mir halt nicht davon!“
Jetzt ist Biene beleidigt. „Du bist aber bl√∂d“ Sie stemmt die Arme in die H√ľften und guckt vorwurfsvoll. „Ich muss gar nicht laufen, ich fliege. Das hab ich dir grade erkl√§rt.“
„Ist ja gut. Flieg mir halt nicht davon.“
Sybille √ľberl√§sst Biene ihrem ehrgeizigen Projekt, schlie√üt die Augen und atmet tief ein: das Geschrei und Gel√§chter der Kinder, das bed√§chtigen Brummen der schachspielenden Pensionisten, das betulich betriebsame Geschnatter der alten Damen auf den B√§nken, den Geruch von frischgem√§hten Gras und die Verhei√üung von tr√§gen Tagen und N√§chten im Freien. Dass man leben kann im Winter! Und dass jemand, dass etwas, sich jedes Jahr wieder die M√ľhe macht, es Sommer werden zu lassen, wie seltsam. All die Sch√∂nheit dieser Stunde – wozu? Wen soll das t√§uschen?

Niemand kann sich entziehn.

Die Sonne ist stark, sie dringt selbst durch die Lider. Bevor Sybille die Augen schloß, war alles voll Sonne. Sonnendurchflutet, hätte sie gesagt, aber es stimmt nicht. Durchfluten, das ist das Eindringen eines fremden Elements. Aber im Gegenteil! Alles wirkt heute, als wäre die Sonne schon immer dabei gewesen, bei Erschaffung eingearbeitet in die Substanz. Sie sucht ein anderes Wort. Vielleicht sonnendurchwoben?

Sie öffnet die Augen und sieht: Ihn. Und sie schließt sie sofort wieder, gar nicht absichtlich, aber es war zu plötzlich, sie ahnte nichts und plötzlich er im gleißenden Sonnenschein, direkt unwirklich!

Als sie noch einmal schaut, ist er immer noch da. Er rennt. Durch das T-Shirt sieht man die Andeutung von Muskeln. Seine Freunde sind auch da. Sie kicken.

Die Sonne liebt sein Haar. Sie nistet in seinem Blond. W√§re Sybille die Sonne, sie t√§te dasselbe. Am meisten mag sie aber sein Kinn und seinen Nacken. Kein Unterw√§sche-Model der Welt k√∂nnte ihr je gefallen, die haben K√∂pfe wie K√§sten, aber sein Kinn ist spitz und sein Nacken! Sein Nacken ist Architektur. Nicht plump-massiv, nicht zart. Perfekt. Aus der Entfernung kann sie das nat√ľrlich nicht sehen, aber sie sa√ü mal im Bus hinter ihm, seither ist sie verr√ľckt nach Nacken. Er war schon lang nicht mehr im Bus, wahrscheinlich f√§hrt er jetzt mit dem Moped. Ihn heute im Park zu sehn!

Was kann man anders als Versinken in der Schönheit?

Viel, wahrscheinlich, aber Biene hat es noch nicht gelernt. Dass etwas so bunt sein kann und gleichzeitig durchsichtig! Sie wollte ja zum Mond fliegen und zu den K√§ngurus, aber die hat sie ganz vergessen neben den Seifenblasen. Zum Gl√ľck wei√ü Biene, was sie will. Die Seifenblasen! Gar nicht mehr so sehr zum Fliegen, einfach so. Und sie wird sie auch kriegen. Mittlerweile hat sie n√§mlich herausgefunden, wie man m√∂glichst gro√üe bekommt, jetzt zahlt es sich erst aus, sie zu fangen. Aber das ist gar nicht so leicht. Die fliegen davon, hast-du-nicht-gesehn, und Biene muss ordentlich h√ľpfen, um sie noch zu erreichen, und wenn sie sie erreicht, dann zerplatzen sie. Sie ist jetzt ganz au√üer Atem, aber es wird schon.

Sitzenbleiben wäre zu bequem.

Heute ist der Tag der Wunder. Dr√ľben haben sie den Ball verschossen und er landete direkt vor Sybilles F√ľ√üen. Gut, direkt ist vielleicht √ľbertrieben, drei, vier Schritte m√ľsste sie schon gehen. Sie k√∂nnte ihn aufheben und zur√ľcktragen.
„Ist das eurer?“
„Ja, danke! Nett von dir.“ Nat√ľrlich w√§re er es, der das sagen w√ľrde. Die anderen w√ľrden einfach den Ball nehmen und sich nicht weiter um sie k√ľmmern, aber er w√§re ritterlich.
„Du hast doch eine kleinere Schwester, oder? Die Birgit? Ich bin n√§mlich die Sybille aus der Paralellklasse, die Birgit und ich, wir haben gemeinsam Turnen.“
Vielleicht w√ľrde er sagen, dass er ihren Namen sch√∂n f√§nde. Der Name ist n√§mlich das Sch√∂nste an ihr, glaubt sie. Sybille, wie die Sibyllen, die weissagenden Frauen in der Antike. Er w√ľ√üte das sicher.
Vielleicht sagt er sogar seinen eigenen Namen. Das wäre viel. Seinen Namen zu wissen! Seinen Namen, um ihn in Tischplatten zu ritzen, und in Herzchen zu malen und das Orakel zu befragen, bei dem man den Buchstaben Zahlen zuweist und die Liebe und die Treue und die Leidenschaft in Prozent berechnet. Seinen Namen, um ihn als Endlosschleife im Kopf laufen zu lassen. Seine Silben, um sie auf jede denkbare Melodie zu singen.
Birgit kann man unmöglich fragen.
Es ist egal. Sybille wird es nächstens aus seinem eigenen Mund hören. Sie wird ihm den Ball bringen.

Neben ihr springt Biene nach den Seifenblasen. Gleich hat sie sie. Muss sie auch, bald ist die Lauge verbraucht.

Jetzt oder nie.

Dr√ľben brauchen sie den Ball. Ausgerechnet er – heute ist der Tag der Wunder – trabt los um ihn zu holen. Sybille wird ihm entgegengehen. Sie wird nat√ľrlich stottern und rot werden. Er wird sie nicht auslachen. Er wird auch nicht sagen „Was grinst du so d√§mmlich?“ Denn das wird sie. Die Augen geweitet, den Mund leicht ge√∂ffnet, selig die Armen im Geiste.

Genau wie an dem Tag, als sie ihm beim Einkaufen √ľber den Weg lief. Vorher war alles mies gewesen, allein die Dem√ľtigung, immer noch mit der Mutter gehen zu m√ľssen, mit einer Mutter, die als Kind nicht genug mit Puppen gespielt hat und noch dazu diese Phantasiefiguren der Schaufensterpuppen und all die M√§dchen mit den Phantasiefiguren und sowieso ist Sybille nach dem Kleiderkauf immer in Weltzerst√∂rungslaune – aber dann pl√∂tzlich: er auf der anderen Stra√üenseite. Da konnte sie einfach nicht anders, sie musste ihn anl√§cheln. Ihr L√§cheln war g√§nzlich unangemessen. Von einem Ohr zum anderen w√§re untertrieben. Und das Schlimmste war: Sie brachte es den ganzen Tag nicht mehr weg.

Das ist es wieder, das L√§cheln. Sie sp√ľrt es schon. Es ist fast wie mit der Sonne, nur umgekehrt: vom L√§cheln durchflutet, nicht durchwoben. Wie lang wird es heute bleiben?

Es ist egal. Er wird zur√ľckl√§cheln. Sie wird ihm den Ball bringen. Drei Schritte. Da kommt er ja schon. Sie m√∂chte den Blick gar nicht abwenden, aber sie muss, um den Ball zu suchen. Es ist egal. Sie wird ihn nicht mehr finden, denn ihr Blick bleibt h√§ngen.

Biene sitzt da, ganz ruhig und schaut den Seifenblasen nach. Andächtig. Heiter. Wie ein kleiner Buddha.

„Du f√§ngst sie ja gar nicht mehr,“ stellt Sybille fest.
„Sie halten dann l√§nger,“ erkl√§rt Biene.

Auch wieder wahr.

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PeDSch
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Mutter-Tochter oder Schwestern oder was?

Hallo sohalt!

Nachdem ich dann gegen Ende f√ľr mich beschlossen habe, dass es sich um Geschwister handeln muss, habe ich die Geschichte noch einmal gelesen. Und, ehrlich gesagt, es ist eigentlich egal, in elcher Beziehung die beiden Protagonisten zueinander stehen. Du hast ganz einfach eine zauberhafte Geschichte erz√§hlt, in der ich mich wiedergefunden habe. Wenn man verliebt ist, ist man (frau) immer wieder 12 oder 13.
Aber am allermeisten hat mich der letzte Abschnitt bewegt, weil er so einfach und so wahr ist. >> Du fängst sie ja gar nicht mehr,“ stellt Sybille fest.
‚ÄěSie halten dann l√§nger,‚Äú erkl√§rt Biene.<<

Danke! Und mehr davon!
:-)






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PeDSch

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knychen
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sehr schön

sehr schön----idyllisch.
im positiven sinne.
eben fr√ľhlingshaft.
danke aus berlin sagt knychen
__________________
kny

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sohalt
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Registriert: Apr 2003

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Kommentare: 164
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Danke f√ľr die positiven R√ľckmeldungen!

Freut mich das es gefällt. Danke, dass ihr euch mit dem Text beschäftigt habt. Ist ja oft gar nicht so leicht in einem Forum Antworten zu bekommen, wenn man sich noch keinen Namen gemacht hat.

Ja, 13 war genau das Alter, das ich mir vorgestellt habe. Ich w√§re gar nicht auf die Idee gekommen, dass man Sybille f√ľr die Mutter halten k√∂nnte, aber eigentlich ist es ja wirklich egal.

Mög.

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