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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Tai Chi Meister
Eingestellt am 01. 07. 2013 08:42


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Der Tai Chi Meister


Fr├╝her einmal waren es Prachtstra├čen gewesen. Warum auch sonst hie├čen sie noch heute alle Boulevard? Aber im Laufe der Jahre ersetzten sie ihre Pracht durch ein lebendiges Lokalkolorit. Und wenn sich dann das Tageslicht so weit zur├╝ckzog, dass die Stra├čenlaternen die Herrschaft ├╝ber das Licht ├╝bernahmen, dann wurde es gem├╝tlich. Daf├╝r sorgten allein schon die bunt angezogenen Damen, die vor den Gesch├Ąften flanierten und die Gehsteige in viele kleine Reviere aufgeteilt hatten. Dort gingen sie nun auf Pirsch oder stellten ihre Fallen oder lagen einfach nur auf der Lauer, wo sie auf eine gute Gelegenheit warteten. F├╝r die Fremden, die sich gern hierhin verirrten, gab es Vieles zu bestaunen. Wie zum Beispiel einen alten Chinesen, der zweimal in der Woche den Boulevard entlangschlenderte.

Selbst f├╝r einen Chinesen war er recht klein geraten. Mag sein, dass es am Alter lag und er ├╝ber die Jahre geschrumpft war. Man sagte ihm nach, dass er einmal ein ber├╝hmter Statthalter in Shanghai gewesen sein soll, mit einem echten General als Leibw├Ąchter. Aber das waren wohl Ger├╝chte. Freunde aus der chinesischen Kolonie sprachen ├╝ber ihn nur als den Unsterblichen. Doch wohl mehr, um ihn zu ehren, als dass da au├čer seinem hohen Alter etwas dran gewesen w├Ąre.

Wenn er den Boulevard entlangging, reagierte er auf die Ann├Ąherungen der Damen immer mit einem freundlichen L├Ącheln und einem leichten Sch├╝tteln des Kopfes. Er musste oft mit dem Kopf sch├╝tteln, denn, was die Frauen an dem alten Mann so unwiderstehlich anzog, war die genarbte braune Brieftasche, die, zum Bersten gef├╝llt, aus der Ges├Ą├čtasche herausschaute. Ein Leckerbissen f├╝r jeden Taschendieb, der etwas auf sich hielt. Es dauerte daher auch gar nicht lange, bis die eine oder andere Dame ihn bis zur Grenze ihres Reviers ein paar Schrittchen begleitete. Sie streichelten ihm ├╝ber den Arm, nannten ihn Alterchen oder mein Lieber und, wenn sie sich dann an ihn schmiegte und s├╝├če Laute gurrte, kam es schon mal vor, dass sich eine Hand in unanst├Ąndig tiefe Regionen verirrte. Aber, als wenn der kleine Chinese Augen in seinem faltigen Hintern gehabt h├Ątte, schwang er jedes Mal seine H├╝ften rechtzeitig zur Seite, und die spitzen Finger griffen ins Leere und mussten auf die erhofften Nebeneink├╝nfte verzichten.

Selbst Gruppen von zwei oder gar drei Damen entkam er. Der Hintern ruckte und kreiste, zuckte und sch├╝ttelte sich, dass es eine Pracht war und mancher jungen T├Ąnzerin zur Ehre gereicht h├Ątte. Die Gesichter der Damen verfinsterten sich mehr und mehr zu n├Ąchtlicher D├╝sternis. ├ťbrig blieben Ver├Ąrgerung und am Ende sogar so etwas wie Feindseligkeit.

So war am Ende niemand wirklich ├╝berrascht, als sich irgendwann zwei wei├če und zwei schwarze M├Ądchen zusammenfanden. Die erste trat ihm von vorn entgegen und stoppte seinen Schritt, die zweite h├Ąngte sich ihm in den Arm, die dritte kam von der Seite und schlug ihm auf den Kopf und die vierte zog ihm die Brieftasche aus der Hose. Dann klapperten vier Paar Abs├Ątze eilig davon.

Dem kleinen Chinesen war nicht viel passiert. Den Schlag auf den Kopf hatte er leicht abwehren k├Ânnen und aus den Umarmungen hatte er sich herausgedreht. Aber es lie├č sich nicht ├Ąndern. Seine Brieftasche war weg.

Er drehte sich gelassen zu einer der Zuschauerinnen um, die, obwohl die ruchlose Tat in fremdem Revier begangen worden war, unbeteiligt in den Toreinfahrten standen. Und dann sagte er, als ginge es um keine gro├če Sache:
ÔÇ×Ich komme ├╝bermorgen Abend zur├╝ck. Das Geld k├Ânnen deine Schwestern behalten. Das meiste war ohnehin nur Papiergeschnipsel. Den Zettel, den sie in der Brieftasche finden werden, sollen sie wegwerfen, denn sie haben ihn nicht verdient. Die Brieftasche aber m├Âchte ich zur├╝ck. Zwar ist sie nicht viel wert, aber so viele habe ich nicht mehr davon.ÔÇť

Damit lie├č er die Dame zur├╝ck, die ihm teilnahmslos nachblickte. Noch nicht einmal ihre Kiefer hatten das unerm├╝dlich kreisende Mahlen auf dem Kaugummi unterbrochen.

Wie angek├╝ndigt ging der alte Chinese am ├╝bern├Ąchsten Abend die Stra├če entlang, so als ob nie etwas geschehen w├Ąre. Anstelle seiner Brieftasche verzierte das Ges├Ą├č nun ein m├Ąchtiges Portemonnaie, das nicht weniger prall gef├╝llt war als die Brieftasche vor zwei Tagen. Niemand folgte ihm. Alle lie├čen ihn passieren, bis er das Revier betrat, in dem zuvor der Angriff stattgefunden hatte.

ÔÇ×He Wackelarsch!ÔÇť

Aus dem Schatten einer T├╝r l├Âste sich ein roter Minirock, und eine Hand ├╝berreichte ihm seine Brieftasche. Den Glanz der prallen F├╝lle hatte sie verloren und sah nun schlank und elegant aus. Der alte Chinese streichelte sie wie eine verlorengegangene und wiedergefundene Freundin, ├Âffnete sie bed├Ąchtig und fand in ihr zehn Dollar und einen Zettel mit den in seiner eigenen Handschrift geschriebenen Worten ÔÇ×Ich gratuliere!ÔÇť

ÔÇ×Das Zeitungspapier haben wir weggeworfenÔÇť, fl├╝sterte eine heisere Stimme, der zu viel Alkohol und Drogen ihren urspr├╝nglichen Charme genommen hatten.

ÔÇ×Ab morgen Abend wird jede hier versuchen, dir die Brieftasche abzunehmen. Einzeln oder als P├Ąrchen. Da laufen jetzt hohe Wetten. Also pass gut auf. Ich habe auf dich gesetzt, Wackelarsch. Mach mir nur keine Schande, oder ich schlage dir den Sch├Ądel ein.ÔÇť

Der kleine Chinese l├Ąchelte chinesisch. Er w├╝rde es ihnen schon schwer machen.


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Danke f├╝r eure Kommentare,

Aktion oder Spannung war es in der Tat nicht, was diese Geschichte transportieren sollte, sondern dass Tai Chi eine st├Ąndige Herausforderung ist und eine bestimmte Lebenshaltung ben├Âtigt. Ungew├Âhnlich und damit erz├Ąhlenswert ist, dass diese nach innen gerichtete Kampftechnik nun Gegenstand einer Wette ist. Und der Meister spielt mit.

Liebe Gr├╝├če
vom
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