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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Tankstellenwärter
Eingestellt am 12. 02. 2015 15:58


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RicoCosta
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Feb 2015

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Jessica steckt die Zapfpistole in ihren mausgrauen Buick und versucht, mit der anderen Hand eine Straßenkarte zu entfalten. Als sie merkt, dass sie dazu beide Hände benötigt, klemmt sie sich die halb entfaltete Karte unter den Arm, doch beim Blick auf die Zapfsäule entgleitet ihr die Karte und fällt auf den staubigen Boden. Sie flucht und schaut sich mit hastigen Kopfbewegungen um. Ein vollbärtiger Mann mit schmutziger kurzer Hose und Gewichtsproblemen kommt auf sie zu.
„Kann ich helfen? Sie machen mir so den Eindruck, wie wenn Sie was suchen.“
„Entschuldigen Sie, wie heißt dieser Ort?“
„Dinosaur. Bin ich auch bald, hahaha. Ich arbeite hier seit siebendreißig Jahren. Lange Zeit. Ist nicht viel los hier, seit sie die Tankstelle am Highway gebaut haben. Seitdem kommen nur Touristen. Sie sehen mir gar nicht aus wie eine. Wie heißen Sie? Mein Name ist Alvin.“
„Was sagten Sie, Dinosaur? Seltsamer Name, den finde ich gar nicht auf meiner Karte. Sind Sie sicher?“
„Absolut. Sie befinden sich auf historischem Gelände, Mrs… Wie heißen Sie noch gleich?“
„Parker. Prof. Parker. Professorin für Literaturgeschichte. Yale . Ich wollte eigentlich nur…“
„Eine Professorin, sieh mal einer an. Sehr angenehm. Literatur. Ich hatte auch mal ein Buch, hahahaha. Hier finden Sie nur Erdgeschichte. Vor ein paar Millionen Jahren liefen hier `ne Menge Dinos rum. Die Touris kommen, um die Spuren in den Felsen zu sehen. Sehen Sie den Berg dort drüben? Dahinter ist der Eingang zum Nationalpark. Ganz ehrlich, ich versteh die Leute nicht. Bringen ihre neueste Sony mit, filmen die Gegend ab und haben am Ende alles nur durch die Kameralinse gesehen. Da können Sie sich ja eigentlich gleich `ne DVS anschauen, finden Sie nicht?
„Ja, sicher.“, sagt sie.
„Ich würd Sie ja glatt zum Nationalpark begleiten, damit Sie mal was anderes sehen als Ihre Bücher. Aber ich kann die Tankstelle nicht unbeaufsichtigt lassen. Ich treff mich immer nach Feierabend mit den Leuten vom Park, Bier trinken, bisschen plaudern, Football schauen, Spaß haben. Viel kann man ja hier nicht machen.“
Er blickt zur Zapfsäule. „Der Wagen ist voll, Sie können das Teil wieder rausnehmen.“
„Ach so, ja, danke, hatte ich nicht bemerkt.“ Sie kramt in ihrer Handtasche. „Hier, der Rest ist für Sie. Sagen Sie, gibt es ein Restaurant in der Nähe?“
„In diesem Kaff? Nichts für eine Professorin, nehme ich an. Hier wohnen nur 228 Menschen. Es gibt einen Supermarkt drüben am Brontosaurus Boulevard. Fahren Sie lieber nach Craig. Knappe Stunde von hier, da müsste sich was finden lassen für eine Professorin. Oder fahren Sie Richtung Salt Lake? Dann kommen Sie durch Vernal, da gibt’s nen verdammt guten Chinesen an der Main Street. Dahin lade ich meine Lucy manchmal ein. Immer an unserem Hochzeitstag. Sie liebt es. Wir essen sonst immer zuhause, dann ist die Vorfreude auf unseren jährlichen Tag in Vernal umso größer. Sagen Sie, was treibt jemanden wie Sie hierher? Haben Sie keine Angst, so ganz allein zu reisen?“
„Na ja, geht schon. Ich muss weiter. Haben Sie vielen Dank für Ihre Tipps.“
„Lassen Sie mich raten, Online-Date? So was wie Schlaflos in Seattle?“
Jessica quält sich zu einem Lachen. „Nein. Ich muss jetzt weiter.“
„Entschuldigen Sie, es geht mich ja nichts an.“, sagt er.
„So ist es. Ich habe es wirklich eilig. Auf Wiedersehen.“ Sie dreht sich weg und geht zum Wagen.
„Ist ja gut“, ruft er ihr nach und steckt sich eine Zigarette an. Direkt neben ihm hängt an der Zapfsäule ein leicht verblichener wespenfarbener Aufkleber, Rauchen verboten. „Ich würd aber noch Luft auf die Reifen machen.“
„Was?“
„Ganz schön platt die Reifen. Ich würd so nicht weiterfahren. Wenn Sie hier irgendwo liegen bleiben, haben Sie Pech gehabt. Große Entfernungen zwischen den Orten. An vielen Stellen ist kein Handyempfang, wegen der Berge nehme ich an.“
„Oh, wirklich? Wenn Sie so freundlich wären… Ich zahle natürlich.“
„Aber klar mach ich das für Sie, Frau Professorin. Es kostet auch nichts. Fahren Sie den Wagen bitte dort drüben hin.“
„Ich zahle das aber.“, bittet sie.
„Behalten Sie Ihr Geld. Sie können mir ein wenig von sich erzählen, wenn es Ihnen nichts ausmacht. Wohin fahren Sie?“
„Denver.“
Und was machen Sie in Denver, wenn die Frage gestattet sei?“
„Beruflich.“
„Und warum nehmen Sie nicht den Highway?“
„Ist gesperrt. Ein Unfall. Hören Sie, ich habe es wirklich eilig und außerdem bin ich hungrig.“
„Deswegen der Hubschrauber vorhin. Hätte ich mir denken können. Dann müssen Sie jetzt also diesen weiten Umweg nehmen. So ein Pech. Aber man kann es auch positiv sehen. Die schöne Landschaft hier hätten Sie sonst nie im Leben gesehen. Hier, ich hab was zur Überbrückung der Wartezeit.“ Er kramt eine angebrochene Tüte Erdnüsse aus seiner Hose und reicht sie ihr.
Während er die Reifen aufgepumpt, lässt Alvin nicht locker. Fragt und fragt und erzählt und erzählt, ohne dass ihn Jessicas einsilbige Antworten zu entmutigen scheinen. Sein Urgroßvater sei aus Irland eingewandert und habe in Colorado ein Lederwarengeschäft eröffnet. Sein Vater habe die Tankstelle in den 60er Jahren gegründet und sei vor einigen Jahren gestorben, seine alte Mutter lebe mit einer Horde Hunde im Nachbardorf und sei fast blind, er sehe zweimal am Tag nach dem Rechten, kaufe für sie ein. Er sei geschieden, seine Ex-Frau habe sich gelangweilt und sei ohne ihn, aber mit den beiden gemeinsamen Söhnen in die Stadt gezogen, doch er sei ein Mann der Wildnis, die Stadt würde ihn depressiv machen und aggressiv, er habe in seiner Jugend ein Jahr in Chicago in einer Bar gearbeitet, aber die Sehnsucht nach Colorado und die egoistischen Menschen und der Stress und der nahende Drogentod hätten ihn fortgetrieben, ein Wachmann habe ihn nach einer Überdosis auf der Toilette eines großen Warenkaufhauses gefunden und schon für tot gehalten, ehe Gott oder wer auch immer da oben verantwortlich sei ihn doch noch einmal auf die Erde geschickt habe, um in seine Heimat zu gehen, er sei seitdem clean und könne sich kein anderes Leben mehr vorstellen. Er stehe morgens mit den ersten durchs Fenster dringenden Sonnenstrahlen auf und freue sich auf den ewig gleichen Tag, die ewig gleiche Arbeit, die ewig gleichen Menschen, auf die sich im Laufe der Jahreszeiten wandelnde Landschaft, die plötzlichen Wetterumschwünge, die Sonnenuntergänge, das abendliche Bier mit seinen Kumpels, den nächtlichen, von Grillenkonzert und Sternenlicht begleiteten Nachhauseweg, ja und er liebe seine Lucy über alles, obwohl sie nicht viel redeten, aber sie sei einfach da und erwarte nichts von ihm und versuche nicht ihn zu ändern und mache ihm niemals ein schlechtes Gewissen und sei trotz seiner Mittelmäßigkeit und Macken und trotz ihrer Kinderlosigkeit auf ehrliche und gesunde Weise glücklich mit ihm und das mache ihn wiederum glücklicher als alles andere auf der Welt.
Am Schluss gibt Jessica dem Tankwart die Hand und bedankt sich. Während sie auf die Straße abbiegen will und den Tankwart zurück in seine Tankstelle trotten sieht, rinnen Tränen über ihre Wangenfalten. Klarer denn je sieht sie im Innenspiegel ihrer Seele ihr verkorkstes Leben.

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DocSchneider
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Hallo RicoCosta, herzlich Willkommen in der Leselupe!

Schön, dass Du den Weg zu uns gefunden hast. Wir sind gespannt auf Deine weiteren Werke und freuen uns auf einen konstruktiven Austausch mit Dir.

Um Dir den Einstieg zu erleichtern, haben wir im 'Forum Lupanum' (unsere Plauderecke) einen Beitrag eingestellt, der sich in besonderem Maße an neue Mitglieder richtet. Hier klicken

Ganz besonders wollen wir Dir auch die Seite mit den häufig gestellten Fragen ans Herz legen. Hier klicken

Das Ende Deiner Geschichte ist sehr überraschend, vielleicht noch etwas ausbaufähig. Vorher hast Du die latente Trostlosigkeit amerikanischer Weiten gut eingefangen.


Viele Grüße von DocSchneider

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Maribu
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Der Tankstellenwärter

Hallo Rico Costa,

eine interessante Geschichte mit einem überraschenden Schluss, der aber nicht wie bei einer Pointe zum Lachen reizt oder betroffen macht!

Eine Professorin für Literaturgeschichte das ist doch was!
(Insbesondere für uns als Autoren)

Alvin erzählt von seinem eintönigen und trotzdem offensichtlich glücklichen Leben. Seine Frau scheint ebenfalls zufrieden zu sein. Wenn sie am Hochzeitstag außerhalb "Essen gehen", ist das für sie ein Highlight.

Weshalb ihr beim Abschied die Tränen kommen, sollte man bei diesem Text nicht der Fantasie der Leser überlassen.
Hier müsste die Geschichte weitergehen und Jessicas verkorkstes Leben beschrieben werden!

L.G. Maribu

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RicoCosta
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Maribu und DocSchneider

Hallo Maribu, hallo DocSchneider,

ich möchte mich für das Feedback und die hilfreichen Analysen bedanken.

Das Ende könnte ich in der Tat noch ausbauen und die Hintergründe des Lebensfrustes der Protagonistin darstellen.


Beste Grüße

RicoCosta


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