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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Tanz
Eingestellt am 02. 05. 2002 10:12


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Freeda
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Der Tanz

Still ist es drau├čen. Ein Blick auf den Wecker zeigt mir, dass es kurz nach Mitternacht ist. So fr├╝h. Und so dunkel. Es ist soweit. Das merke ich deutlich, ein stetiges, sanftes Ziehen k├╝ndigt das Ende des Wartens an. Mir ist ein bisschen seltsam zumute, weil ich nicht wei├č, was mich erwartet. Obwohl ich mir dar├╝ber so viele Gedanken gemacht habe.
Langsam und behutsam stehe ich auf, als h├Ątte ich eine Kostbarkeit zu tragen, und schleiche vorsichtig ins Bad. Soll ich mich duschen? Macht man das in dieser Situation? Ich setze mich auf die Toilette und warte. Ziehen und ein sanfter Druck. Ruhe. Ziehen, Druck. Ich stehe wieder auf und merke, wie ich rastlos werde. Wie ein Tiger schleiche ich von T├╝r zu T├╝r, Wohnzimmer, K├╝che, Schlafzimmer, zur├╝ck zum Badezimmer. Mit der Hand bef├╝hle ich meinen Bauch, der mir nun so fremd ist, als h├Ątte er nie zu mir geh├Ârt.
Soll ich jetzt schon telefonieren und um Hilfe bitten?
Allein zu sein w├Ąre mir lieber, nicht sprechen m├╝ssen. Nicht das Gef├╝hl haben, R├╝cksicht nehmen zu m├╝ssen; nur nach innen horchen und atmen und die Gedanken schweifen lassen. Wenn das Ziehen kommt und der Druck, beginne ich zu atmen, langsam, stetig, als stehe ich in einem Wald, als w├Ąre es Fr├╝hling, als wollte ich den Geruch von Regen nach langer Trockenheit aufsaugen.
Es macht mir nichts aus, allein zu sein. Wie halten es die Urv├Âlker? Ich hatte gelesen, dass sich die Frauen mancher St├Ąmme zur├╝ckziehen, um dieses Ereignis ganz mit sich selbst auszumachen.
Aber Sorge l├Ąsst mich schlie├člich zum Telefon greifen, die Nummer w├Ąhlen, die ich in den letzten Wochen schon so oft gew├Ąhlt habe, als verberge sich dahinter eine Verb├╝ndete. Verschlafen meldet sich die wohlbekannte Stimme. Wie f├╝hlst Du Dich? Wie lange bist Du schon wach? Hast Du Angst? M├Âchtest Du, dass ich sofort bei Dir bin?
Ja – Nein – ich wei├č es nicht, ich wei├č nicht, was mit mir los ist.
Die Zeit wird nebens├Ąchlich, nur der Rhythmus in mir – Ziehen, Druck, jetzt schon Schmerz – ist noch von Bedeutung. Wie ein Indianer f├╝hre ich eine Art rituellen Tanz auf, wandere durch die Zimmer mit festen Schritten, bleibe stehen, suche Halt, atme ein, atme aus, entspanne wieder, wandere weiter. Zeit verschwimmt; wie viele Runden ich drehe, Wohnzimmer, K├╝che, Schlafzimmer, Bad, es m├╝ssen viele sein, ich z├Ąhle sie nicht.
Ein Klingeln an der Haust├╝r unterbricht meinen Tanz, ich schlage eine andere Richtung ein. Meine Verb├╝ndete steht vor der T├╝r, so lieb, so g├╝tig, so voller Wissen.
Gemeinsam beginnen wir zu tanzen, ein Tanz aus kurzen Schritten, langen Schritten, w├╝tenden Schritten, Halt suchen, einatmen, ausatmen.
Wie gut jetzt, dass sie da ist.
Ich bin w├╝tend, ich ├Ąrgere mich, dass ich den Qualen nicht ausweichen kann, ich mag nicht mehr. Ich will meinen Tanz beenden, aber ich kann nicht ruhen, wie ein Motor treibt der Schmerz mich an, schneller und schneller. Und endlich unterbreche ich meine Runden, falle in einer Woge, die mich mitrei├čt, auf die Knie; ich werde nie wieder aufstehen, so bleibe ich sitzen, bis an mein Ende. Vielleicht sterbe ich jetzt. Die Welt um mich herum ist versunken, f├╝r mich gibt es nur noch Schmerz, Konzentration und Angst.
Und meine Verb├╝ndete breitet ein Laken aus, wei├č wie Schnee, ich sitze nun auf diesem Schnee-Laken, den R├╝cken angelehnt an einen Berg aus Kissen; Du darfst, sagt sie, die Pforte ist offen, atme weiter, nicht die Luft anhalten, ich h├Âre mich st├Âhnen, ich schreie fast, und jetzt, genau hier, werde ich aufgeben.
Du kannst es f├╝hlen, sagt meine Verb├╝ndete, nimmt meine Hand und f├╝hrt sie nach unten in diese weiche, warme Mulde, die sich nun weit ge├Âffnet hat. Nass ist es und hei├č und haarig, und wieder ├╝berrollt mich eine Welle, die mich mitrei├čt, und ich hole Atem f├╝r das Finale; ich ├Âffne mich, und mit einem Schrei, der mehr ein Seufzen ist, gleitet es aus mir heraus, so leicht, so selbstverst├Ąndlich, als w├Ąre es keine M├╝he, als h├Ątte es keinen Schmerz gegeben.
Ich strecke meine Arme aus, gib es mir, ich will es sehen, und meine Verb├╝ndete reicht mir dieses glitschige, hei├če, duftende Wesen, das so viele Wochen so dicht bei mir war und doch so fern. Auf meinem Bauch liegt es und sammelt sich f├╝r seinen ersten Schrei. Ich weine. Mein Kind.

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Ralph Ronneberger
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Autor mit eigener TV-Show

Registriert: Oct 2000

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Hallo Freeda,

Nur ein Wort: "Gro├čartig!"

Unter die Kommentare auf deinen Text "Ein neuer Morgen" hast Du geschrieben:

"Eure Meinung macht ja Mut. Dann werde ich es mal weiter
versuchen!"

Und das hier? Nur ein Versuch? Tiefstaplerin!! Du verstehst sehr wohl dein Handwerk, und ich w├╝rde mich nicht wundern, wenn dieser Text lediglich eine Finger├╝bung f├╝r dich war. Oder?

Gru├č Ralph
__________________
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Freeda
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Freut mich!

Hallo Ralph!

Naja, Finger├╝bung... jedenfalls h├╝pft mein Herz, wenn ich Deine Beurteilung lese. Ich schreibe einfach gern, bisher allerdings ├╝berwiegend f├╝r meine Festplatte.
Und Briefe. Die haben dann auch Leser (von denen immer mal ein positives feedback kommt).
Es lassen sich aus Nebens├Ąchlichkeiten Geschichten konstruieren - so kann man an jeder Ecke eine Idee aufsammeln. Und das tat ich bislang, einfach aus Spa├č.
Liebe Gr├╝├če,

Freeda

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