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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Tempel der Drachenprinzessin
Eingestellt am 18. 05. 2001 16:51


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Omar Chajjam
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Der Tempel der Drachenprinzessin

Westlich von Gingdschou liegt ein See, der mit dem Namen seines Gottes der See Tschauna hei├čt. Hochragend auf einem Berg ├╝ber mit B├╝schen bewachsenen sanften Kuppen zeigen sich im Flammenrot der Sonnenunterg├Ąnge dieser Gegend die Ruinen eines Tempels. Die Fischer des Dorfes am Ufer des Sees erz├Ąhlen den Fremden, die in diese Gegend kommen, um zur Shan An Bucht weiterzureisen, dar├╝ber eine Geschichte. Allen zur Lehre, die ihr Leben neu beginnen wollen, sei diese kleine Erz├Ąhlung vom Tem-pel der Drachenprinzessin gewidmet.

In den Zeiten als die Han ├╝ber China herrschten, zog ein Bonze in die einst rauhe Berg-gegend, in die sich damals nicht einmal die zottigen schwarzen B├Ąren auf der Suche nach dem Honig der wilden Bienen verirrten. Zerlumpt, mit einem ausgewaschenen Filzhut, den Bettlerstab fest in der Hand, schritt er ohne nach Pfaden suchend ├╝ber die Ger├Âllfelder am Fu├če des Berges Shan Su, wie ihn die Geister der Gegend nannten. War er doch noch zu jung an Jahren, um in die Einsiedelei zu gehen und hatte gerade f├╝nfunddrei├čig Sommer gez├Ąhlt , so war er doch des Studierens im Kloster m├╝de geworden und ge-dachte durch die Einsamkeit nichts weniger als den Sinn des Lebens zu erfahren.

Diese menschenfernen Orte sind oft auch die Wohnung jener Geister, die unser Leben in der Gemeinschaft der D├Ârfer und St├Ądte meiden. Denn das solltest du wissen, auch bei den Dschins gibt es solche, die die N├Ąhe des Menschen suchen und solche, die noch nie ein Sterblicher zu Gesicht bekommen hat.

Ein Dschin dieser Art lebte in den H├Âhlen dieser Felsen- und Steinwelt, umgeben von sie-ben weisen Drachen, die die Farben der Welt beherrschten, das blendende Gelb der Sonne, das flammende Rot des Feuers, das lebendige Gr├╝n der Jade, das tr├Âstende Blau des Himmels, das ewige Schwarz der Nacht, das g├╝tige Wei├č des WInters und die Farbe des Gottes Brama, die den Menschen unsichtbar ist und nur selten in den Augen sch├Âner Frauen aufleuchtet, denen die M├Ąnner verfallen.

Mit den Farben seiner Drachen konnte der Dschin alle Gegenst├Ąnde dieser und aller fer-nen Welten nachbilden. Doch zu einem war er nicht in der Lage, er konnte den erschaffe-nen Dingen keine Seele geben. Daher, um den erhabenen G├Âttern gleich zu werden ,suchte er nach einem Weg, die Seele des Menschen f├╝r sich zu gewinnen, um damit die Dinge zu beseelen.

Von seinem Felsenturm beobachtete der Dschin den einsamen Reisenden am Fu├če sei-nes Berges und erkannte in ihm den Bonzen auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. Er erwog in seinen sieben Herzen einen Plan, wie er dessen Kraft f├╝r sich nutzen k├Ânnte. Er befahl den sieben Drachen, mit der Kraft ihres Atems ein Bild zu schaffen, das sch├Âner nie gemalt wurde von den K├╝nstlern des Westens und Ostens. Im Gold der Sonne gl├Ąnz-ten ihre Haare ├╝ber dem flammenden Rot ihres Mundes. Der Schnee ihrer Wangen be-s├Ąnftigte die Zornigen ├╝ber dem Blau ihres Gewandes, das den Himmel tr├╝be werden lie├č. Unter den nachtschwarz getuschten Wimpern blickte aus dem Jadegr├╝n der Augen die Kraft der Tigerin vor dem Sprung. Doch alles war nichts ohne die Farbe des siebten Dra-chen, die das Herz des Menschen ergreift und wegf├╝hrt in die Bl├╝te des Lotus, wenn er sich der Nacht ├Âffnet.

Dieses Bild stellte er an die Stra├če des einsam wandernden Bonzen, dort wo die silberne Scheibe des Mondes den Gipfel des Berges k├╝├čt in der lauen Fr├╝hlingsnacht. Der einsam wandernde Bonze setzte seinen Stab bed├Ąchtig und schritt sicher durch die Kl├╝fte, die sich um ihn auftaten, als er ├╝ber sich das Bild der Drachenprinzessin wahrnahm. Ihm war, als w├Ąre die G├Âttin des Mondes zu ihm, dem sterblichen Gl├Ąubigen herniedergestiegen, als ihn der wilde vernichtende Blick wie Tigertatzen traf.

Man baute in diesen Tagen der Han-Kaiser seinen G├Âttern Tempel, die den Menschen den geraden Weg in den Himmel zeigen sollten. Darum lagen sie oft einsam an den See-ufern, in den Palmenhainen und auf den Bergh├Âhen. Das war auch der Plan des Dschins der Berge, da├č der Bonze eine Pagode bauen m├Âge zur Ehre der Drachenprinzessin. Doch dunkler und tiefer waren seine Gedanken, denn nur durch die Kraft des Glaubens dieses Bonzen, das wu├čte er, konnte das Bild beseelt werden, und alle Macht des All-sch├Âpfers Brahma w├╝rde ihm geh├Âren.

Doch nichts bleibt den G├Âttern verborgen, was geschieht unter den Himmeln der Welten, so auch nicht die dunklen Wege der m├Ąchtigen Dschins.

Der kleine Bonze begann mit der Kraft seines Glaubens mit der Planung des Tempels der Drachenprinzessin. Die begleitete ihn inzwischen auf allen Wegen, die er ging, denn sie hatte sein Herz gefangen. Er ma├č die H├Âhe des Geb├Ąudes und berechnete die Menge der Steine. er bedachte die geschm├╝ckten Kammern und G├Ąnge, die St├Ąrke der S├Ąulen und die Unzen Gold, denn strahlen sollte sie wie der Glanz der Haare seiner Geliebten in den Strahlen der Sonne am Mittag. So gesch├╝tzt sollte sie stehen ├╝ber allen H├Âhen, da├č alle Bauern und B├╝rger der Gegend kommen und der Drachenprinzessin opfern sollten.

So begann der Bonze darauf zu bauen mit der Kraft seiner Arme und den Almosen der Bauern, denn das Gold wollte wohl bezahlt sein. Baute er doch an dem Tempel seiner Liebe zur Farbe in den Augen der Tigerin.

Es gibt an den H├Ąngen des Berges keine W├Ąlder mehr seit jenen Zeiten. Das Gesicht des Berges wurde sanft von der Menge der Steine, die der Bonze aus den Schr├╝nden grub. Das alles machte die Liebe aus ihm. Und so mit der Zeit flo├č ein wenig von dieser Liebe auch in das Bild der Drachenprinzessin und ihr leidenschaftlicher Blick wurde sanfter und z├Ąrtlicher. Der Dschin des Berges bemerkte diese Verwandlung wohl und dachte bei sich, da├č sich sein Plan erf├╝llte, wie er die Seele des Bonzen gewinnen k├Ânne durch die Zau-berkraft des Bildes.

Das Bauwerk wuchs zum Wunderwerk und der Glanz der vergoldeten Pagode strahlte ├╝ber die weiten Felder Chinas in die fernen gro├čen St├Ądte. Die Menschen kamen von weither, um die kunstvoll gestalteten T├╝rmchen und Erker zu bewundern, die aufragende Stupa und die mit Drachenk├Âpfen verkleideten Eingangstore. Doch da├č ein Tempel f├╝r ein Bild gebaut worden war, verdammte man. Daher blieb der kleine Bonze mit seinem Bild langsam und allm├Ąhlich allein. Nur von ferne sahen die Menschen am See die Pagode flammend funkeln im Licht der Abendsonne. Sie nannten das Bauwerk am Horizont den Tempel der Drachenprinzessin.

Dem Priester war das nur recht so, hatte er doch das sch├Âne Bild ganz f├╝r sich in den weiten Hallen des Tempels. Ganz widmete er sich der Aufgabe der Anbetung der Sch├Ân-heit unter dem Zauber der unsichtbaren Farbe und verga├č seine Pflichten und F├Ąhigkei-ten, die die G├Âtter ihm mitgegeben hatten, da├č sie in ihm wuchsen und Segen brachten f├╝r die Menschen.

So kam es, da├č er mit dem Bild zu sprechen begann und es unterrichtete in den K├╝nsten, die er von seinen Meistern im Kloster gelernt hatte. Er sprach zu ihm wie zu einem Men-schen und das Bild h├Ârte aufmerksam zu. Einsame Menschen sprechen oft mit ihren Tie-ren und ganz allm├Ąhlich werden die Tiere ihnen ├Ąhnlicher und ver├Ąndern ihr Verhalten.

Der Bonze ging auf die gleiche Weise mit seinem Bild um und das Bild der Drachenprin-zessin verfolgte ihn mit seinen leidenschaftlichen Augen in jeden Winkel des Tempels. Die Realit├Ąt begann sich zu mischen mit der Zauberwelt, das Bild fing an unter seinen F├Ąhig-keiten zur Frau zu werden. Obwohl es doch nur ein Bild war, schien es sich zu bewegen und zum Feuer der Abendsonne einen Tanz in den Flammen zu tanzen, wenn die Schat-ten ├╝ber es hinzuckten. Die Drachenprinzessin begann die Lippen zu bewegen und ein Lied der Liebe und Leidenschaften zu singen vom Prinzen Arjuna aus dem Mahabarratha, da├č der Bonze in grenzenloser Liebe zur Drachenprinzessin entflammte.

Ganz nach Art der Tiere, wenn diese mit Menschen zusammenleben, nahm das Zauber-wesen allm├Ąhlich die Eigenschaften des kleinen Bonzen an. Es wurde sanftm├╝tig und hin-gebungsvoll, g├╝tig zu den Wesen der Welt und vollkommen in den K├╝nsten im gleichen Ma├č wie der Priester alle diese Eigenschaften verlor. Zusammengekauert und unf├Ârmig geworden sa├č er in Lumpen in einem Winkel der Vorhalle und blickte sehns├╝chtig der ho-hen Gestalt der Drachenprinzessin nach, wenn diese in den Blumengarten schritt.

Der Dschin wu├čte von Ferne, da├č er sein Spiel fast gewonnen hatte, denn er mu├čte jetzt nur noch den Glauben des Priesters an sich selbst zerst├Âren. Alle F├Ąhigkeiten, die die Seele eines Menschen ausmachen, hatte er schon gewonnen.

Aber auch der Gott Brahma, der Allwissende, Allm├Ąchtige wu├čte um den kleinen Priester und die Drachenprinzessin. Da die G├Âtter aber in ihrer unbegreiflichen Weise vom Ende des Weges den Anfang begreifen, so lie├č er den Dingen seinen Lauf, um die Menschen zu belehren.

Die Macht des Gottes bewies er durch seine Erscheinung Er kleidete sich in die Gew├Ąn-der eines Schmiedes, der ├╝berall seine Dienste anbot, wo Pferde zu beschlagen waren und ├╝ber das Gebirge in die Ebenen Chinas wanderte. So zog er vor die goldene Pagode und pochte mit seinem Hammer an das hohe Tor, da├č der Hall wie Donnerschl├Ąge zum See hinunter dr├Âhnte. Drunten in den Fischerbooten blickten die Menschen ├Ąngstlich nach dem Berg und suchten nach den Wolkent├╝rmen des herannahenden Gewitters, um zur rechten Zeit noch ihre Netze einzuholen. Weit schwangen die Fl├╝gelt├╝ren auf und die Riegel zerbrachen unter der Kraft.

Da sah Gott Brahma mit eigenen Augen das Wunder und war verzaubert. Aus dem Glanz aller Farben des Regenbogens leuchtete ihm die eine Farbe entgegen und bet├Ârte sein Herz. Und im Augenblick war der Unsterbliche in Liebe entflammt. Vor ihm begann das Bild sich sanft zu bewegen, zuerst, dann sich zu wiegen in den leidenschaftlichen t├Ąnzeri-schen Schritten der Sitah vor Shivah, dem Herrn der Welt. Der Gott Brahma hatte ihr sei-nen g├Âttlichen Atem gegeben, da├č sie ihm auf seinen Himmelswegen folgte als der Mor-genstern dem tr├Âstenden Mond.

Nur der kleine Bonze blieb zur├╝ck in seinem leeren Tempel und suchte nach dem Duft der Drachenprinzessin und langsam, fl├╝chtig wie der Fr├╝hlingswind, entschwand ihm die Erin-nerung an seinen Glauben. Ganz anders als er es gelehrt worden war, hatte der Gott durch sein Leben gegriffen. Er konnte die fremde Kraft nicht verstehen, die ihm das Lieb-ste genommen hatte und nur eine H├╝lle zur├╝cklie├č, wie das Pfauenauge den leeren Ko-kon, wenn es die Blumenwiese f├╝hlt.

Der Dschin der sieben Drachen aber hatte den Glauben des kleinen Bonzen gewonnen, denn nur an die sieben Farben glaubte dieser fortan und diente dem Drachenthron viele Jahre. Durch ihn schuf der Dschin der sieben Drachen das Leben einmal neu und viele V├Âlker dienen ihm bis auf den heutigen Tag. Sein Tempel aber wurde zerst├Ârt, denn das hatte Brahma der Allwissende wohl bedacht, er zerfiel in den Zeiten und Eroberern, die das Land heimsuchten zur Ruine, ein Mahnmahl f├╝r die Menschen der Gegend, dem Dra-chenk├Ânig nicht zu folgen. Nichts besteht, das Menschen bauen und allen Dingen fehlt der Grundstein des G├Âttlichen. Darum bedenke, was du auch planen magst im Leben, alles, was die Zukunft bringt, bleibt dem Menschen ewig ein Geheimnis.

Allein die Drachenprinzessin blieb vom Reich des Dschins als Morgenstern, als Zeichen der unsterblichen Liebe des kleinen M├Ânchs am Sternenhimmel kurz bevor Brahma, die Sonne der Welt die Sterne der Nacht mit seinem Licht an jedem neuen Morgen neu ins Nichts geleitet.

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flammarion
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sch├Ânes m├Ąrchen f├╝r erwachsene. komme mir vor wie in tausendundeine nacht. danke! lg
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Old Icke

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