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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Termin
Eingestellt am 29. 10. 2014 16:45


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Ann-Britt
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Der Termin
von Ann-Brit Daan

Wie vereinbart bahnte sie sich ihren Weg zwischen den Müllcontainern hindurch zur spärlich beleuchteten Hintertür und betrat den Gasthof, wo eine junge Kellnerin sie zu einem schmalen Raum brachte, über der Tür stand „Privat“. Die Einrichtung war karg und bot einen erschreckenden Kontrast zu der glänzenden Fassade: ein Tisch mit einer Platte aus braunem Resopal, an den Seiten abgesplittert, alte Stühle, in einer Ecke ein Schränkchen mit einem Abwaschbecken, daneben Haken für Handtücher, an der Wand ein kleiner Spiegel. Eine Reihe grauer Metallspinde und über allem das erbarmungslose Licht der Neonröhren.
Die untere Hälfte des einzigen Fensters war mit einer gemusterten Folie verklebt. Aber ihr war es so recht und sie stellte ihren Korb auf den Tisch, legte Parka und Mütze auf einen Stuhl und stülpte sich hastig die Perücke über, ein teures Stück, schwarz und gelockt. Dann holte sie tief Luft, begann langsam, sich auszuziehen, nahm aus dem Korb die Sachen, die sie zu Beginn tragen würde. Ihr erster Auftritt zwischen Vorspeise und Hauptgang war immer ein langsames Stück, der Schleier gab ihr Sicherheit und den Zuschauern freundliche Neugier, sie wollten mehr, meistens mehr nackte Haut sehen. Diese Art Auftritte mochte sie lieber als andere,
sie war heute Abend der Star einer Geburtstagsfeier, Opa wurde 90, und sie war die Überraschung. So hatte man ihr den Anlass beschrieben, und der brachte ein festes Honorar für drei Tänze, aber kein Trinkgeld, das begeisterte und häufig betrunkene Männer ihr ins Kostüm stecken würden. Sei\'s drum, Geld war ihr nicht mehr wichtig. Sie kontrollierte im Spiegel ihr Make-up, zu Hause war es einfacher, die falschen Wimpern anzukleben. Da klopfte es an der Tür, die gleich darauf von einem sehr jungen Mann aufgerissen wurde: „Hi, können wir noch kurz paar Sachen besprechen?“
Sie nickte und stellte dann die beiden wichtigsten Fragen: „Wo sitzt der Jubilar? Wer bedient die Anlage?“
Der junge Mann grinste: „Opa sitzt gleich vorn an dem Tisch, wenn Sie reinkommen, ich habe einen Spot, den ich auf Sie richten werde, und vorher mach ich das Licht im Saal aus. Ich zeig es Ihnen.“ Mit diesen Worten ging er vor ihr her durch den dunklen Gang an den Toiletten vorbei bis zu einer schmalen Tür mit einem kleinen milchigen Glasfenster. Sie ignorierte die Enttäuschung, die sie in seinem Blick gesehen hatte, ihr ägyptisches Kostüm mit dem Netz zwischen Rock und Oberteil war ihm zu bieder, obwohl es von den Farben her an eine verführerische Nixe erinnerte. Aber die meisten Leute pflegten ihre Klischees und die lauteten: orientalische Tänzerin = Bauchtänzerin = Nackttänzerin = Stripperin. Sie
hatte es aufgegeben, daran etwas zu ändern.
Durch die einen Spalt breit geöffnete Tür blickte sie in den großen Saal, in dem gerade Jagdhornbläser loslegten, und ja, der Jubilar war gut auszumachen.
„Nach den Bläsern kommt die Suppe, und dann sind Sie dran“, informierte sie der junge Mann.
Sie nickte ihm zu: „Die CDs sind nummeriert, auf jeder ist immer ein Tanz, das erste Stück kann schon laufen, wenn das Licht noch aus ist. Aber warten Sie nicht zu lange. Und wenn die Teller abgeräumt werden, rufen Sie mich an, ich warte dann hinter der Tür, bis ich sehe, dass das Licht im Saal aus ist. Die Handy-Nummer steht auf der Hülle.“ Sie drückte ihm die kleine Mappe in die Hand und ging zurück.
Es lief gut, Opa freute sich, er war sichtlich gerührt, dass seine Enkel für seine Geburtstagsfeier eine Bauchtänzerin engagiert hatten. Sie tanzte gern für ihn, denn sie liebte diese Musik, und auch der zweite Tanz im traditionell hoch geschlossenen Kostüm eines Bauernmädchens, das Wasser holt, wurde ebenfalls freundlich beklatscht, mehr nicht. Aber sie wusste, dass sich das gleich ändern würde, ihr letzter Auftritt nach dem Dessert riss die Gäste von den Stühlen, sie trug eine fast durchsichtige Haremshose in Feuerfarben mit sehr knappem Oberteil, stampfte mit den bloßen Füßen, die Münzen und Perlen klirrten, sie wiegte sich vor dem Jubilar in den Hüften und setzte zu einem langen Shimmy an, in dem das Kostüm glitzerte und funkelte.
Schließlich endete sie in einer Sultansbrücke, ein bisschen atemlos, und Opa half ihr galant auf die Füße. Einige Verwegene brüllten „Zugabe“. Sie knickste, lachte und drückte Opa ein Küsschen auf die Wange, wartete auf das Trommelsolo nach der kurzen Pause, tanzte mit viel Hüftschwung, vielleicht zum letzten Mal. Damit brachte sie sich in die Nähe der Tür und verschwand.
Sie war umgezogen, hatte das Make-up bereits entfernt und die Perücke verstaut, als der junge Mann wieder hereinkam, diesmal ohne anzuklopfen. Das war oft so, manch einer dachte, mit dem Honorar habe er sie gleich mitbezahlt und könnte sich alles herausnehmen. Er hatte die Mappe mit den CDs in der Hand und ein Bündel Hunderteuroscheine, zunächst stutzte er, als er die kurzen grauen Haare sah und das nackte Gesicht.
„Das war ja super!“, seine Augen glänzten, „wo ist die Tänzerin?“
Sie lächelte, ihm war sie zu alt, nun ja, aus der Nähe und ungeschminkt zeichnete sich jede Falte ab und jetzt erkannte er sie und wand sich vor Verlegenheit.
„Was hatten Sie gedacht?“, sie musterte ihn ironisch, „Tanz ist harte Arbeit und entweder kann man was oder nicht, das Alter spielt dabei keine Rolle, aber Sie haben Ihre Sache mit der Beleuchtung gut gemacht.“
Er zählte das Geld auf den Tisch und während sie die Scheine
einsammelte und die Mappe mit den CDs in ihren Korb legte, meinte er: „Am nächsten Samstag feiert ein Freund seinen Junggesellenabschied, auch hier, und Sie wären der Knüller, so in Geschenkpapier.“
Sie schüttelte den Kopf: „Am Freitag habe ich einen Termin, das wird nichts.“
„Ist doch erst am Sonnabend, wir zahlen das Doppelte!“
„Glauben Sie mir, das wird nichts“, sie setzte ihre Mütze auf, zog den Parka an und nahm ihren Korb, ließ den jungen Mann stehen, ging hinaus und dachte an den nächsten Freitag. Sie hatte einen Termin, auf sie wartete die nächste Chemotherapie.


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Ann-Britt
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DocSchneider
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Hallo Ann-Britt, herzlich Willkommen in der Leselupe!

Schön, dass Du den Weg zu uns gefunden hast. Wir sind gespannt auf Deine weiteren Werke und freuen uns auf einen konstruktiven Austausch mit Dir.

Um Dir den Einstieg zu erleichtern, haben wir im 'Forum Lupanum' (unsere Plauderecke) einen Beitrag eingestellt, der sich in besonderem Maße an neue Mitglieder richtet. Hier klicken

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Deine Geschichte habe ich gerne gelesen, latenter Witz, Spannung, Personenzeichnung - überraschendes Ende.
Ich weiß zwar nicht genau, ob Make-up so viel leisten kann, aber soll ja möglich sein.




Viele Grüße von DocSchneider

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Rudolph
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Hallo Ann-Britt,

die Geschichte ist dir wirklich hervorragend gelungen. Du hast zügig erzählt, ohne abzuschweifen. Ich wartete die ganze Zeit gespannt auf einen Höhepunkt gegen Ende und wurde nicht enttäuscht. Bis zur letzten Zeile hatte ich keine Ahnung, was noch kommen wird.

Ein wenig Nörgeln muss auch sein:
Du beschreibst sehr lange und sehr genau, wie das Hinterzimmer des Lokals aussieht. Das ist für die Geschichte unerheblich und bringt das Geschehen nicht voran. Außerdem nimmst du dem Leser dadurch die Möglichkeit, den Raum nach seiner Phantasie zu gestalten. Nur ein kurzer Hinweis auf den Kontrast zur glänzenden Fassade ist meines Erachtens besser.

MfG Rudolph

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Ann-Britt
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Danke für die Kommentare!
Ganz kurz meine Meinung dazu:
1. die Beschreibung des hässlichen Hinterzimmers ist beabsichtigt. Natürlich hätte ich das kürzer formulieren können, aber anders geht immer. Ich wollte es so, um die Diskrepanz zwischen dem schönen Schein im Saal und der Wahrheit hinter den Kulissen zu zeigen. Das bringt das Geschehen nicht voran, das stimmt, aber es bewirkt im weitesten Sinne Emotionen und ausmalen kann sich jeder nach Gutdünken noch genug. Wobei ich zugebe, dass ich auch gern noch ausführlciher über die Tänze geschrieben hätte.
2. Orientalische Tänzerinnen werden für Feiern "gebucht", wobei der zahlende Kunde dann gern glaubt, sie seien Animierdamen. Das Problem liegt darin, dass der Tanz ( es handelt sich um Hochleistungssport!) aus einem anderen Kulturkreis kommt und hier nicht immer so verstanden wird, wie er gemeint ist.
3. Betroffenheit wollte ich hervorrufen, scheint mir gelungen zu sein. BTW: ich weiß, wovon ich schreibe.

Ann-Britt
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aligaga
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quote:
es handelt sich um Hochleistungssport
Da muss ich schmunzeln, Ann-Britt. Mag sein, dass sich die todkranke Frau in deiner Geschichte für eine Hochleistungssportlerin hält, insgesamt ist der Bauchtanz aber keiner. Dazu fehlen ihm ganz wesentliche Kriterien, "Sultansbrücke" her oder hin.

Dass die Tänzerin selbst ihren Klienten Klischees unterstellt (die de facto ja gar nicht so weit hergeholt sind), gibt der Geschichte leider etwas moralinsäuerlich-Überhebliches. Jede öffentlich auftretende "Tänzerin" zielt darauf ab, die Fantasie hauptsächlich der Männerwelt zu beflügeln. Tut sie's nicht, verdient sie nichts. Und zumindest die hier vorgestellte wird zu nichts gezwungen, sondern macht's aus freien Stücken. Tendeziell geht auch das "Brüllen" des Publikums in diese unangenehme Richtung; man hätte es besser rufen lassen.

Das mit dem "Bündel Hunderteuroscheine" ist ein bisschen arg dick. Wer je mit Auftritten dieser Art zu tun hatte, weiß, wie wenig Kohle da herüberwächst, vor allem dann, wenn die Interpretin nicht mehr taufrisch ist. Nicht alle sind so kurzsichtig wie der dumme Junge am Einlass. Von "Bündeln" kann da gar keine Rede sein.

Tipp: Erzählen, nicht werten. Und bei gewissen Fakten nicht zu sehr übertreiben. Dann wird's!

Gruß

aligaga

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aligaga
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quote:
hast du schon orientalischen Tanz betrieben? Das ist nicht nur Sultansbrücke und mit dem Hintern wackeln.

Nein. Aber ich weiß, was Hochleistungssport ist. Bauchtanz gehört nicht dazu - er ist im Vergleich zum dem im absoluten Grenzbereich der menschlichen Leistungsfähigkeit angesiedelten Hochleistungssport eher eine Lockerungsübung.

quote:
Geh mal davon aus, dass ich die Materie gut kenne.

Du solltest deine Leser - und schon gar keinen Kritiker! - dazu anhalten, hilfsweise von "etwas auszugehen", wenn der Plot unplausibel ist. In Deiner Geschichte ist eine todkranke, angejahrte Dame nicht in einem Nachtclub in Dubai oder Ägypten am Schaffen, sondern in einer Art Landgasthof vor teutonischem Publikum; der Türsteher zudem ein Dödel, der nicht mal erkennt, wie alt die von wem auch immer zur Opa-Bespaßung bestellte Perückenträgerin ist. Der Dorfgockel, der deiner Prota einen Hunni in den Bund des Höschens klemmt, wurde noch nicht geboren. Und wieviel Geld man mit dem Betrieb eines Tanzstudios verdienen oder verlieren kann, steht hier nicht zur Debatte.

Daher nochmal der Tipp: Plausibel bleiben und vor allem die Zeigefinger einfahren. Sonst törnen Geschichten nicht an, sondern ab, und die von dir gewählte Betroffenheitspointe zündet nicht so recht.

Gruß

aligaga

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