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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Termin
Eingestellt am 18. 08. 2009 19:15


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Thomas Koppe
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Aug 2008

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Der Termin

„Bringen sie bitte viel Zeit mit! Bei uns ist die Hölle los. Zwei, drei Stunden könne es schon dauern, vielleicht auch lĂ€nger. Am besten, sie nehmen sich an diesem Tag nichts weiter vor. Und kommen sie frĂŒh!“
Mit diesen Worten hatte die völlig lustlos und genervt wirkende Dame, die ich vor sechs Wochen anrief, nicht untertrieben.
Als ich die TĂŒr des Wartezimmers vor zwei Stunden in der Hoffnung öffnete, wenigstens einer der Ersten zu sein, schauten mir bereits vierzehn mĂŒde Gesichter entgegen. Vor lauter Schreck bekam ich kein grĂŒĂŸendes Wort heraus, setzte mich auf einen freien Plastikstuhl an der Wand und legte meine Jacke ab. Ziemlich deprimiert fragte ich mich, ob die anderen Leute hier wohl ĂŒbernachtet hatten. Es war doch erst kurz nach sieben Uhr.
Der Tag hatte gerade begonnen und war also schon verloren. Das stand nun mit Sicherheit fest. Nachdem ich mich mit dieser Tatsache einigermaßen abgefunden hatte, erspĂ€hte ich einen Tisch am anderen Ende des Zimmers. Hier lag ein großer Haufen mit Zeitschriften und so erhob ich mich mĂŒhsam, setzte ein leichtes LĂ€cheln auf und ging hinĂŒber um nach Lesenswertem zu suchen.
Mode, Garten, Kochen, Tratsch. Alles von vorgestern und eklig vergriffen! Nein, fĂŒr mich war hier nichts dabei und so schichtete ich die speckigen Zeitschriften wieder ĂŒbereinander, drehte mich um und hörte im nĂ€chsten Moment, wie der ganze Stapel mit flatterndem GerĂ€usch zu Boden glitt. „Scheiße!“, entfuhr es mir und ich spĂŒrte, wie meine Gesichtsfarbe von Kellerblass zu Tomatenrot wechselte. Es dauerte eine gefĂŒhlsmĂ€ĂŸige Unendlichkeit, bis ich alles Altpapier wieder an seinen Platz gelegt hatte. Verlegen und nun mit der Gewissheit, von allen Anwesenden als absoluter Vollidiot abgestempelt zu sein, nahm ich schnell noch ein kleines Alibi-FaltblĂ€ttchen aus einer Pappbox. Dann schlich ich zu meinem Stuhl zurĂŒck und sank erschöpft in mich zusammen. Mit letzter Kraft hob ich das Faltblatt vor meine Augen und las: Wenn’s im Bett einschlĂ€ft. Sprechen Sie mit uns! Toll! Ein Volltreffer, dachte ich und bemerkte, wie mir eine Ă€ltere Frau mitleidige Blicke zuwarf, wĂ€hrend ein Typ gegenĂŒber sein schiefes Grienen nicht verbergen konnte. Am liebsten hĂ€tte ich laut: Es lĂ€uft gut! geschrien, lies es natĂŒrlich und sah mir dafĂŒr hoch interessiert die vergilbten WĂ€nde des Zimmers an. Dabei fiel mein Blick auf ein Plakat, dass von dicken Klebestreifen an seinem Platz gehalten wurde. Darauf stand in roten Buchstaben: Werte Damen und Herren! Bitte haben Sie VerstĂ€ndnis, dass die Reihenfolge der Patienten alleine von medizinischen Aspekten bestimmt wird. Na also, dachte ich bei mir. Es geht doch! Vielleicht komme ich ja doch schon etwas eher dran. Schließlich ging es mir seit Wochen schlecht und meine Schmerzen waren oft nur in der Kneipe zu ertragen.
Im Wartezimmer wurde es wĂ€hrend dessen langsam ungemĂŒtlich. Jede Luftbewegung fĂ€cherte neue, unbeschreibbare Duftnoten durch den Raum und meine Augen fingen aus irgendeinem Grund an zu brennen. Zwar waren bereits acht Leute aufgerufen worden, da aber immer neue Patienten in die Praxis kamen, waren nun auch alle StĂŒhle besetzt. Einzig neben mir war noch ein freier Platz.
Gelangweilt machte ich es mir auf meinem Stuhl, der mir nun seit ĂŒber zwei Stunden Stiche im Nierenbereich zufĂŒgte, so gut wie es ging bequem und schloss meine, nun auch trĂ€nenden, Augen. Noch sechs Leute, dann war ich an der Reihe. Es blieb mir also nichts weiter ĂŒbrig, als so wie alle Anwesenden darauf zu warten, dass die Schwester wie die Male zuvor den Kopf zur TĂŒr herein steckte und einen Namen aufrief.
Schon öffnete sich die TĂŒr und ich bemerkte plötzlich, wie meine Haltung eines Neandertalers relativ schnell in eine aufrecht sitzende Position wechselte. Alleine wohl durch genetische Veranlagung richtete ich meine Frisur und als mich dein suchender Blick streifte, fĂŒhlte ich mich plötzlich unbeschreiblich gut und vollkommen gesund.
Mit stetem Schritt kamst du auf mich zu und schon vernahm ich deine honigsamte Stimme: „Ist der Platz noch frei?“ „Ja! Ja, natĂŒrlich!“, antwortete ich rasch und bemerkte erst jetzt, dass auf dem Stuhl neben mir noch meine Jacke lag. Schnell zog ich sie auf meinen Schoß und du sahst mich mit deinen tiefblauen Meerwasseraugen an. „Dein Faltblatt liegt noch da.“
Nach kurzem Hirntod hörte ich mich flĂŒstern: „Nein, nein, das ist nicht meins.“, nahm es dann aber doch und schob es schnell unter meinen Hintern.
War das toll! Wer hĂ€tte gedacht, dass dieser Tag noch so viel Gutes bringen wĂŒrde. Ich hier. Meine Traumfrau nur zwanzig Zentimeter daneben sitzend und das Beste: Ich hatte alle Zeit der Welt die Sache ins Rollen zu bringen. Noch sechs Leute vor mir. Was, nur noch sechs Leute? Vielleicht anderthalb Stunden. So viel Zeit war ja nun doch nicht mehr. Ich musste Dich unbedingt ansprechen und nachdem ich mir einen klangvollen Satz zurechtgelegt hatte, tat ich dies auch. „Voll hier, hm?“
Na wunderbar, das war ja ein toller Auftritt, zischte es mir durch den Kopf und ohne Hoffnung darauf, eine Antwort zu bekommen, legte mein Mund nach. „Seit drei Stunden hier, heiße Jacob.“ Nein, auch das war wohl kein Satz fĂŒrs Poesiealbum. WĂ€hrend ich mich ĂŒber meine sprachlichen UnfĂ€higkeiten Ă€rgerte, erklang plötzlich deine Stimme: „Freut mich, ich bin Katrin.“
Das war’s. Ich hatte es geschafft! Das Eis war gebrochen. Nun lag mir die Welt zu FĂŒĂŸen. Ich wĂŒrde dich einladen. Vielleicht zum Kaffee, besser zum Abendessen. Ich musste mich beeilen. Die Patienten sieben, acht und neun wurden nun recht zĂŒgig aufgerufen. Vielleicht noch dreißig bis vierzig Minuten, dann wĂ€re meine Zeit abgelaufen und so nahm ich allen Mut zusammen, holte Luft und sagte: „Katrin.“
Weiter kam ich nicht, denn im selben Moment steckte die Schwester ihren Kopf in den Raum und rief: „Frau Schneider bitte. Mit einem „Ja.“ standst du auf und gingst zur TĂŒr. Dann warst du fort.
FĂŒnf Minuten spĂ€ter fand sich in meinem Hirn wohl so viel Sauerstoff, dass ich die RĂ€umlichkeit in der ich mich befand erkannte. „Katrin!“, entglitt es mir und eine Ă€ltere Frau, die sich in der Zwischenzeit auf den freien Stuhl neben mir gesetzt hatte sagte: „Nein, ich heiße Ursula.“
Ursula erzĂ€hlte mir in den nĂ€chsten fĂŒnfzig Minuten aus ihrem ganzen Leben. Zwischendurch schimpfte sie ĂŒber die lange Wartezeit und beklagte, dass sie nicht privat versichert sei. Dann wĂ€re sie schon lĂ€ngst wieder zu hause. So ungerecht wĂ€re das. Was ich dazu sagen wĂŒrde, fragte sie. „Ja, ungerecht.“
Ich saß nun schon vier Stunden auf einem Plastikstuhl. Der letzte der vierzehn Leute, die vor mir an der Reihe waren, war vor dreißig Minuten aufgerufen worden. Inzwischen waren auch schon drei Patienten, die an diesem Morgen nach mir das Wartezimmer betreten hatten, an die Reihe gekommen. Nein, es reichte. Ganz langsam erhob ich mich von meinem Platz und humpelte mit eingeschlafenem Fuß zur TĂŒr. Als ich die Klinke in die Hand nahm, rief Ursula: „Junger Mann. Ihr Faltblatt! Junger Mann!“
WĂ€hrend ich die TĂŒr der Arztpraxis schloss und auf der Straße tief Luft holte, sah ich dein Gesicht hinter der Scheibe eines Linienbusses.
„Ja!“, sagte ich leise. „Ungerecht!“



© Thomas Koppe, 2009

Version vom 18. 08. 2009 19:15
Version vom 25. 08. 2009 12:33

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